ROTGESCHMORTE KICHERERBSEN

 

Wer in den Morgen hinein reist, also zum Beispiel von Europa nach China, nimmt sich immer nur teilweise mit. Man ist da (beziehungsweise dort), man ist sich selbst, und doch ist man ein anderer – man ist gewissermassen sich selbst in der Zukunft. Während ein Teil von einem im Fernen Osten wach ist und die aufmerksamsten Gespräche führt, liegt ein anderer schlafend zu Hause im Pariser Bett – und umgekehrt. Tagsüber fällt es nur wenig auf, dass man sich selbst ein paar Schritte voraus ist. In der Nacht aber wird man von Träumen heimgesucht, die Träume eines anderen sind – dasselbe Personal zwar, aber ganz andere Konstellationen, ein anderes Timbre, als wäre man im Körper eines Zwillingsbruders gelandet. Man ist fremd in sich selber, ein Tourist im eigenen Leib. Mit jedem Tag allerdings, den man am fernen Ort verbringt, nimmt dieses Gefühl ein wenig ab. Wahrscheinlich holt die Vergangenheit die Zukunft ein – oder aber man gewöhnt sich daran, ein anderer zu sein.

Dann wird es Zeit für eine ehrwürdige Weisheit aus der Feder von Lucien Blagbelle: «Weiss dein Kopf nicht mehr weiter – dann denk an deinen Bauch»*. Und also lässt man sich von der Chinesischen Mauer, wo man sich heftige Gefechte in irgendeiner seltsamen Realität geliefert hat, am besten direkt in das Restaurant von Ren Zilin fahren und stellt sich wieder einmal als kulinarischer Inspektor aus Santa Lemusa vor, wenigstens vor sich selbst. Denn ist es nicht sinnvoller, einer Poularde aus Bresse die Temperatur zu nehmen statt einem Verbrecher aus São Paolo auf die Finger zu sehen? Also bestellt man marinierte Erdnüsse, den Gurkensalat mit Schweinsohren, kalten Braten mit Spezialsauce und natürlich auch Kichererbsen, rot geschmort.

* Anmerkung des Herausgebers: Tatsächlich lautet der Spruch des Arztes Lucien Blagbelle etwas anders, nämlich: «Weiss dein Kopf keinen Rat, dann lenke dein Bauch».

REZEPT
KICHERERBSEN, ROT GESCHMORT

(Mit Soyasauce, Weisswein, Sternanis und Zimt)

Zutaten (Beilage oder Teil-Hauptspeise für 2 bis 4 Personen)

300 g Kichererbsen
2 EL Rapsöl
1 Stück Ingwer von etwa 60 bis 70 g, geputzt aber nicht geschält, in feine Rädchen geschnitten
6 ganze Anissterne
1 Stange Zimt, in zwei oder drei Teile zerbrochen (ca. 5 g)
10 schwarze Pfefferkörner
1 TL Sichuan-Pfeffer, geröstet und fein gemahlen
2 scharfe rote Chilis, der Länge nach halbiert und entkernt
1 dl Sojasauce
1 dl Reiswein Shào Xïng
2 dl Wasser
2 EL Zucker
Ev. (siehe Tipp) 4 El Chingkiang-Reisessig

Zubereitung

1. Man kann die Kichererbsen schon am Tag zuvor in Wasser einweichen und dann rund 1 1/2 Stunden kochen. Oder aber man kocht die Erbsen am Tag selbst etwa zwei Stunden lang in leicht sprudelndem Wasser. Auf jeden Fall sollten die Erbsen, bevor sie weiter verwendet werden, zwar ansatzweise weich sein, jedoch noch sehr deutlich Biss haben, etwas zu viel Biss vielleicht sogar. So wie so gibt man sie zum Ende der Kochzeit in ein Sieb und lässt sie gut abtropfen.

2. Das Öl in einem möglichst schweren und vor allem möglichst gut schliessenden Topf erwärmen. Die abgetropften Kichererbsen darin anziehen lassen.

3. Die Gewürze (Ingwer, Anissterne, Zimt, Pfeffer, Sichuan-Pfeffer und Chili) unterheben und ganz kurz mitziehen lassen. Ablöschen mit Sojasauce, Reiswein und Wasser. Zucker beigeben. Alles gut vermischen, aufkochen lassen, Hitze stark reduzieren, Deckel aufsetzen und alles rund eine gute Stunde lang schmoren lassen. Etwa alle 15 Minuten kurz umrühren. Wenn der Topf schlecht schliesst, kann es sein, dass man während der Garzeit zusätzlich etwas Wasser beigeben muss.

4. Zum Schluss sollten die Kichererbsen die meiste Sauce aufgesogen haben. Dazu passt am besten weisser Reis.

Tipp

Man kann dem Erbsengericht eine zusätzliche Note geben, indem man zum Schluss etwa 4 EL Chingkiang-Reisessig untermischt.