Wenn Kasse
die Klasse bestimmt

Filmstill aus «An Education», Regie: Lone Scherfig, 2009

Die SVP sagt Volksschule und meint einmal mehr «Die Ausländer sind schuld». Kein Zweifel, die Integration zugewanderter Kinder stellt die Volksschule vor grosse Herausforderungen. Hier und anderswo. Zeit also, sich im Ausland umzusehen, wie die Volksschule dort organisiert ist. Hanspeter Künzler, seit den 80er Jahren im kulturellen Schmelztiegel London ansässiger Schweizer Journalist, schildert seine Erfahrungen mit dem britischen Schulsystem. Und mit Reformen, die gründlich daneben gegangen sind.

Es gehört zum festen Repertoire der immergrünen Geschichten, die man sich über Grossbritannien erzählt, dass die hiesige Gesellschaft weiterhin ganz nach den Mustern der traditionellen Klassengesellschaft gestrickt sei. Wie tief diese Wurzeln tatsächlich reichen, das ging mir erst auf, als meine beiden Kinder schulpflichtig wurden. Der Theorie nach beginnt die Schulpflicht mit dem fünften Geburtstag. In der Praxis werden die Weichen für das künftige Schulleben eines Kindes und damit sein ganzes Leben schon viel früher gestellt, ambitionierte und vor allem wohlbetuchte Eltern stellen diese Weichen unmittelbar nach der Geburt. Wer seinen Sprössling dereinst nach Eton oder in ein anderes der drei, vier Elite-Internate schicken will, die traditionellerweise die Bankreihen des Parlamentes speisen, muss dessen Name gleich beim Bekanntwerden seines Geschlechtes auf die Warteliste setzen. Das garantiert allerdings noch keinen Platz auf den edlen Pritschen dieser Etablissements. Dazu muss der Spross mit ungefähr zehn Jahren auch noch eine heftige Aufnahmeprüfung bestehen. Denn das Image der Internate und überhaupt der Privatschulen – ironischerweise «public schools» genannt, derweil die wahrhaft öffentlichen Schulen «state schools» sind – hängt von den Resultaten ab, welche die Zöglinge in ihren Abschlussprüfungen erzielen. Da will man natürlich keine müden Würste mitschleppen, egal wieviel diese nun zu blechen gewillt sind.

Sehnsucht nach Niederglatt

Die Künzlers verschwendeten nicht den Hauch eines Gedankens auf die Möglichkeit, den Nachwuchs in eines dieser Internate zu schicken. Zum ersten sträubten wir uns schon aus weltanschaulichen Gründen gegen jegliche Form institutionalisierter Bevorzugung bzw. Benachteiligung. Zum anderen war meine Angetraute mit sieben Jahren selber ins Internat gesteckt worden und wünschte sich ein trauteres Familienleben als das, was mit Kindern möglich ist, mit denen man eine Fern- und Ferienbeziehung pflegt. Ganz zu schweigen von den Finanzen: Eton kostet knapp £ 10'000 pro Trimester, also £ 30'000 im Jahr. Als die Tochter dann so um die zwei Jahre alt war, gab es jedoch kein Entrinnen mehr. «Die Schuldiskussion» verfolgte einen durch den Tag wie eine aufsässige Wespenkolonie. Auf der Bank im Park, auf dem Spielplatz, im Supermarkt und erst recht bei den häufigen Zusammenkünften der ebenfalls alle in der Middle Class angesiedelten Elternpaare, mit denen man im Vorbereitungskurs das zweckdienliche Atmen für eine effiziente Geburt gelernt und gleich wieder vergessen hatte – bei jeder Gelegenheit kam als erstes die Frage: «In welche Schule soll's denn gehen mit der kleinen Struwelpetra?». Momente, in denen ich mir ernsthaft überlegte, in die Schweiz zurück zu wandern. Wehmütig erinnerte ich mich an meine Jugend, wo jedermann schlicht die nächstgelegene, staatliche Primarschule, in meinem Fall in Niederglatt, besuchte und fest damit rechnete, von dieser aus in die nächstgelegene Sekundarschule oder ins Gymnasium weitergereicht zu werden. Denn in England, so stellte ich bald fest, ist das alles nicht so simpel. Alles auch nicht so gerecht.

Mehr Markt in der Volksschule

Es war während der Regierungszeit von Margaret Thatcher in den 80er Jahren, als über allem das Credo der freien Marktwirtschaft stand. Marode Eisenbahnen, kaputte U-Bahnen, defizitäre staatliche Berg- und Gaswerke – alles, so die Philosophie, würde perfekt laufen, wenn es nach den Prinzipien der freien Marktwirtschaft geführt würde und ohne falsches Sicherheitsnetz dem Konkurrenzkampf ausgesetzt wäre. Schulen auch. Nur konnten diese natürlich nicht privatisiert werden. Ein wichtiger, ideologischer Stützpfeiler des neuen Systems war das Recht der Eltern, sich innerhalb eines bestimmten geographischen Umkreises von ihrem Wohnort die Primarschule selber auszusuchen. Um ihnen die Wahl zu erleichtern, musste jede Schule fortan die Resultate publizieren, die ihre Schüler bei gewissen Examen erzielten. Am Ende des elften und letzten obligatorischen Schuljahres absolviert jeder Schüler in möglichst vielen Fächern ein sogenanntes GCSE-Examen; danach tritt er eine Lehre an, ist arbeitslos oder er bleibt zwei weitere Jahre an der Schule, um in seinen besten drei Fächern die A-Level-Prüfungen abzulegen, die es für den Besuch der Universität braucht. Rechtzeitig auf die jährliche Anmeldefrist fürs erste Schuljahr publiziert die Presse seither landesweite nach Regionen geordnete Schul-Hitparaden, in denen jede einzelne relevante Lehr- und Lerninstitution aufgeführt ist. Dabei wurde die Berechnung der staatlichen Beiträge an eine Schule teils von der Zahl der Schüler und Schülerinnen abhängig gemacht, die sich dort anmeldeten, teils auch von den Resultaten. Mit anderen Worten: Jeder «Kunde» konnte nun sofort erkennen, welche Schule «gut» und welche «schlecht» war. Die Gesetzmacher gingen von der Vorstellung aus, dass schlechte Schulen alles unternehmen würden, besser zu werden, um im Wettbewerb um Schüler und Ruf wieder mithalten zu können. Der Haupteffekt war der, dass Eltern ihre Kinder nur noch bei den besten Schulen anmeldeten und diese bald viel mehr Anmeldungen erhielten als es Plätze zu vergeben gab. Fortan konnten sich die Schulen ihre Schüler und Schülerinnen also aussuchen. Andererseits wurden die Eltern dazu angehalten, sich von der Qualität der in Frage kommenden Schulen bei einem Schulbesuch selber zu überzeugen. Es gehört unterdessen zum Job jedes Rektors, Eltern durch sein Revier zu führen, um diesen seine «Vision» als Schulleiter schmackhaft zu machen. Gerüchtemässig soll dieser Ausleseprozess des öfteren auch umgekehrt verlaufen...

Glauben oder etwas lernen

Saint Augustine Church, Kilburn, London
(Quelle: Wikipedia)

Kilburn ist schon immer mein Quartier in London gewesen. Kilburn liegt im Nordwesten, ein paar Kilometer westlich vom Post-Hippie-Quartier Camden. Die Gegend ist extrem durchmischt: im Süden Sozialbauten und Crack-Höhlen, im Norden die Villen, wo unter anderen Peter O'Toole haust, in der Mitte die klassischen zweistöckigen Reihenhäuschen mit Garten hinten hinaus und genug Platz vorn für einen Abfallkübel und einen Töff. Die Strassen um mein Haus herum stehen sogar unter Schutz, denn solche architektonisch unbefleckte Siedlungen im viktorianischen Stil sind selten geworden. Gleich um die Ecke, keine fünfzig Meter entfernt, liegt die lokale Christchurch-Primarschule. Wir statteten ihr einen Besuch ab. Dass in diversen Ecken im Korridor regelrechte Altare aufgebaut waren, irritierte uns ein bisschen. Das hatten wir in einer staatlichen Schule nicht erwartet. Es stellte sich heraus, dass die Schule mit der anglikanischen Kirche – also der Nationalreligion – verbunden war. Die Rektorin machte denn auch von ihrem Recht Gebrauch, RE (religious studies) und Gebet prioritär zu behandeln. Wir fragten, wie der eklatante Absturz der Resultate aus dem Mittelmass in den Keller möglich sei, den eine bestimmte Klasse gemäss Statistik ereilt hatte: «Ach», sagte die Dame mit einer wegwerfenden Handbewegung. «So etwas passiert halt. Da sassen zwei, drei Troublemakers drin, da kann man nichts machen.» Wir bekamen die Aufnahmebedingungen zu sehen: Bei der Aufnahme absolute Priorität hatten Kinder, deren Eltern mit einer Unterschrift des Pfarrers belegen konnten, dass sie seit zwei Jahren regelmässig eine von fünf lokalen Kirchen besucht hatten. Zehntwichtigste Priorität waren Sprösslinge aus nicht-christlichen Familien, bei denen man das Gefühl hatte, sie könnten von einer christlichen Erziehung profitieren. Wir als konsequente Nicht-Kirchengänger fielen eindeutig durch die Maschen – zumal wir uns im Gegensatz zu etlichen Familien aus unserer Umgebung weigerten, in die Kirche zu gehen, damit unsere Kinder den bequemsten Schulplatz bekämen.

Keine Besserung mit New Labour

Was nun? Wir inspizierten die zweitnächstgelegene Primarschule – sie war uns nur schon wegen der desolaten Bibliothek und der unsympathischen Rektorin suspekt. Die drittnächste war keiner Religion verbunden und hatte einen in der Tat ausgezeichneten Ruf. Aber sie hatte gerade von ihrem Recht Gebrauch gemacht, dann und wann das Einzugsgebiet zu verändern: Meine zwei stillen Nebenstrassen sowie die zwei diskreten Häuserblöcke auf der anderen Seite der Hauptrasse waren ausgezont worden. Kinder von hier hatten jetzt keine Chance mehr, aufgenommen zu werden. Dafür war das Einzugsgebiet so erweitert worden, dass darin nun auch ein paar schöne, nördlicher gelegene Villen Platz hatten sowie eine neue «gated community» für wohlbetuchte Medienschaffende, Werbefachleute und ein Mitglied der famosen Band Gorillaz. Dann waren da noch zwei katholische, eine muslimische und eine jüdische Schule – allesamt unmöglich, da wir weder katholisch noch muslimisch noch jüdisch sind. Allerdings gibt es Ausnahmen. Um sich nicht dem Vorwurf der Diskriminierung auszusetzen, der zu rechtlichen Sanktionen führen könnte, sind auch religionsbezogene Schulen dazu angehalten, einer gewissen Anzahl von Schülern aus andersdenkenden Familien Unterschlupf zu bieten. Eben: Punkt zehn in der Prioritätenliste von Christchurch. In der Praxis nehmen nur wenige Eltern das «verlockende» Angebot wahr, ihr Kind auf diese Weise automatisch zum Aussenseiter zu machen. So blieben noch zwei Primarschulen, in die aufgenommen zu werden kein Problem gewesen wäre. Aber die Resultate dieser Schulen sahen schlimm aus. Kein Wunder: Hier landeten all jene Schüler und Schülerinnen, die andernorts nicht aufgenommen beziehungsweise wegen disziplinärer und anderer Probleme hinausgeflogen waren.

Warum ist das britische Volksschulwesen dermassen aus dem Ruder gelaufen? Nach Thatcher und den Tories hatten Tony Blair und seine Labour-Partei nicht etwa versucht, das durch Hitparaden und leistungsbedingte Geldverteilung gestörte qualitative Gleichgewicht der Staatsschulen auszugleichen. Im Gegenteil: Indem er eine verstärkte Förderung von religionsverbundenen Staatsschulen durchsetzte, hatte der fromme Blair noch eins draufgesetzt . Dies in der Vorstellung, gerade in der heutigen chaotischen Zeit brauchten die Menschen klare moralische Wegweiser fürs Leben – ein nicht ganz absurder Gedanke, insbesondere wenn man liest, wie sich in gewissen Gegenden von London die 15jährigen mit gnadenloser Lebensverachtung reihenweise niederstechen. Andererseits auch eine kontraproduktive Strategie, wenn man bedenkt, dass die gleiche Regierung von Randgruppen eifrig die Integration forderte.

Umziehen für die Schule

Filmstill aus «An Education», Regie: Lone Scherfig, 2009

So trat denn meine Älteste zum ersten Schultag nicht in einer anglikanischen, katholischen, jüdischen, muslimischen oder unabhängigen Staatsschule an, sondern in einer privaten Montessori-Schule. Hier war es ihr bald nicht mehr wohl. Doch wer zahlt, der wählt, also kein Problem. Sie zog um in die private Heathside-Primarschule in Hampstead, wo man ihren legasthenischen Tendenzen sachgerecht Rechnung trug und sie unterstützte, wo es nur ging. Ihre Fortschritte waren frappant, der Erfolg brachte Freude am Lernen, sie genoss es, sich mit den Mitschülern in Wettbewerben zu messen, das gänzlich un-montessorihafte Lernen. Hätte sie sich auch so entwickelt in einer staatlichen Primarschule mit dreissig bis vierzig Schülern pro Klasse, wogegen es in der privaten bloss um die fünfzehn waren? Unterdessen ist ihr auch die kleine Schwester nach Heathside gefolgt – und dort kaum weniger happy. Immer wieder stelle ich mir die Frage, was aus meinen Töchtern geworden wäre, wenn wir Eltern nicht in der Lage gewesen wären, sich die Schulen auszusuchen. Ob wir dann auch jeden Sonntag schön verlogen durchs nächstgelegene Kirchenportal geschlichen wären? Ach, es hätte noch eine andere Möglichkeit gegeben – auch sie sehr populär unter Londoner Eltern mit einem gewissen Finanzvorrat: Sie kaufen ein Haus gleich neben der Wunschschule, die gute Resultate garantiert und keinen Kirchenbesuch verlangt. Dieses wird zwar £ 50'000 bis £ 75'000 teurer sein als das gleiche Haus zwei Kilometer weiter vorn im Einzugsgebiet der Chaos-Schule, aber was ist das schon, wenn man dafür keine Schulgebühren zahlen muss? Und es eröffnen sich attraktive Möglichkeiten zu mogeln. Denn die extra gekaufte Wohnung im Einzugsgebiet der Wunschschule lässt sich gut vermieten. Selbst bleibt man im grossen aber billigeren Haus ausserhalb des Schul-Einzugsgebietes wohnen, kündigt etwa ein Jahr vor Schulbeginn seinen Mietern und erklärt die Wohnung zum Hauptsitz der Familie. Ist das Kind erst in der Wunschschule aufgenommen worden, wird die Wohnung wieder vermietet oder verkauft. Apropos Mogeln: Vor wenigen Wochen kam ein Fall ans Licht, wo eine Mutter sich in den Computer der Schule eingehackt hatte, um auf der Warteliste bei einigen Namen den Vermerk anzubringen, dieses Kind hätte sich für eine andere Schule entschieden und würde seinen Platz nicht mehr beanspruchen – dadurch rutschte das Kind der Hackerin in den Kreis der Auserwählten vor.

Der Weg nach Oxbridge

Highgate Schule, Hampstead, Lodon (Quelle: Website Highgate)

Mit der Primarschule ist der Leidensweg durch die britische Klassengesellschaft noch keineswegs abgeschlossen, auch wenn ab der Sekundarstufe die religiösen Verbindungen stark gelockert werden. Sekundarschulen gibt es weniger als Primarschulen, dafür sind diese zumeist wesentlich grösser. Die Aufnahmebedingungen sind brutal erschwert, Disziplin wird gross geschrieben, das garantiert bessere Resultate. Ich erkundigte mich beim Besitzer unseres Ladens um die Ecke, wie es seinen beiden Kindern in der nächstgelegenen staatlichen Sekundarschule ergehe. «Ganz gut», entgegnete dieser. Wenn man sich damit abgefunden hätte, dass das erste Jahr für die Katz sei, laufe alles rund. «Warum denn für die Katz?», fragte ich. Er: Im ersten Jahr gebe es drei Gruppierungen von Schülern. Die Cleveren, die lernen wollen, die Coolen, die nicht lernen wollen, aber still sind, und die Blöden, die krakeelen und alle anderen vom Stillsein und Lernen abhalten. «Aber im zweiten Jahr wird alles gut», sagte der Mann und tippte mit flinker Hand die Preise in die Kasse: «Die Blöden sind alle rausgeworfen worden, die Coolen sind immer noch still, die Cleveren können endlich lernen.» Daraufhin meldeten wir unsere Tochter zu den Aufnahmeprüfungen von vier privaten Sekundarschulen an. Sie schlug sich gut und erkämpfte sich zur grossen Erleichterung der Eltern ein grosszügiges Stipendium von der Highgate School an der Hampstead Heath, einer der besten Schulen in der ganzen Stadt. Wie auch die offizielle Schulhitparade belegt. Die nächste Hürde wird nun die Universitätsbewerbung sein. Auch hier wird gesiebt. Noch vor den A-Level-Prüfungen müssen sich die Teenager entscheiden, für welchen Kurs an welcher Uni sie sich anmelden wollen. Sodann werden die interessierten Kandidaten und Kandidatinnen zum Interview vorgeladen. Danach macht die Uni ein Angebot (oder nicht): Der Schüler, die Schülerin muss bei den Prüfungen drei bestimmte Noten erreichen, um den erhofften Studienplatz zu erhalten; wer es nicht schafft, muss sich anderswo umsehen. Selbstverständlich, dass für Oxford und Cambridge nur die allerbesten Noten reichen.

Links

Das britische Schulsystem:
en.wikipedia.org/wiki/Education_in_England

Blog über das britische Erziehungswesen:
www.huffenglish.com

Offizieller Leitfaden zum Aussuchen einer Schule:
www.direct.gov.uk/en/Parents/Schoolslearninganddevelopment/ChoosingASchool/DG_10038420

Weiterer Leitfäden zum Aussuchen einer Schule:
www.goodschoolsguide.co.uk

Informationen über die lokalen Schulen im Bezirk Brent, London:
www.schoolsnet.com/uk-schools/best-state-primary-school/top-brent-schools/16180339/0/0/5/22.html

Die Highgate-Sekundarschule in Hampstead, London:
www.highgateschool.org.uk