EINE GUTE GESCHICHTE

Häme ergoss sich über den stern, als die Illustrierte 1983 gefälschte Hitler-Tagebücher publiziert hatte. Im Fall von Tom Kummer, der Ende der 1990er Jahre für seine gefälschten Star-Interviews in Deutschland und der Schweiz prominente Abnehmer fand, ist Häme fehl am Platz. Zu viel erzählt uns Kummers Geschichte über unsere Medien.

Alle wollen heute eine gute Geschichte erzählen. Von den Parteien («Die Sozialdemokratie muss wieder die grosse Geschichte erzählen», SP-Politiker Jon Pult in der Wochenzeitung) bis zu Werbespots eines Grossverteilers mit rennenden Hühnern und Roger Federer, der für eine Versicherung über einem Abgrund balanciert. Egal ob in den Medien oder in der Kultur: Die gute Geschichte gehört heute einfach dazu. Wogegen nichts einzuwenden ist. Im Gegenteil. Aber was, bitte schön, hat das mit Tom Kummer zu tun?

Kummers Wirken im deutschsprachigen Journalismus ist eine gute Geschichte, eine richtig gute sogar. Ein mit allerhand Talenten gesegneter Bub aus dem Berner Länggasse-Quartier schwadroniert sich in bester Hochstapler-Manier durchs Leben. Von Bern nach Berlin, von New York nach Los Angeles. Als Punk, Bohémien, Künstler und als «Journalist».

Quelle: www.youtube.com/watch?v=AfnwgFQO3kU

Diese Geschichte erzählt Miklós Gimes in seinem Film «Bad Boy Kummer». Gimes war stellvertretender Chefredaktor des Tages-Anzeiger-Magazins, als dieses gefälschte Kummer-Interviews von Sharon Stone, Sean Penn und anderen Hollywood-Celebrities publizierte. Gimes hat einen spannenden Film gemacht. Er verlässt sich richtigerweise auf den Hauptdarsteller dieser Geschichte, den «sich eitel in Szene setzenden» (Bettina Spoerri, NZZ) Tom Kummer, er zeigt den «verhinderten Künstler, der sich in den Journalismus verirrt hat» (Peter Hossli, SonntagsBlick), «stilisiert ihn zum Popstar» (Christian Jungen in der NZZ am Sonntag). Weil Kummer zweifellos weiss, wie man sich inszeniert, strickt «Gimes weiter an der Kummer-Legende» (Nick Lüthi, Wochenzeitung). Ja, das hat alles etwas für sich.

Aber, um welche Legende geht es denn? Die von den Medien, die uns die Wahrheit und nichts als die Wahrheit erzählen? Rainer Stadler in der NZZ: «Viel Geld floss damals (in den 90er Jahren, Red.) in die Lifestyle-verliebten Redaktionen, was die Experimentierlust steigerte und den kritischen Blick trübte. (...) Das Geschäft lief eben zu rund, förderte die Naivität. Kummer kann nun ätzend fragen, warum ‹keiner meiner Chefs jemals nach Tonbandmitschnitten gefragt hat – selbst nach Dutzenden von Interviews und Reportagen› (zitiert aus dem Interview mit Sandro Brotz im Sonntag, Red.). Die Antwort ist ganz einfach: Im Medienbetrieb machen schöne Worte Leute. Der Kreative überholt den gewissenhaften Faktenrapporteur auf der Karriereleiter.»

Ähnlich argumentiert Constantin Seibt im Tages-Anzeiger. «Der Grund für Kummers jahrelange Nicht-Entlarvung war, dass in den Neunzigerjahren der Magazinjournalismus neu erfunden wurde. Pop hatte mit einer jungen Generation auch den Journalismus erreicht. Sie versuchte ein einfaches, aber wirkungsvolles Rezept: Das Gegenteil. (...) Die Bahn, nicht das Auto ist der wahre Umweltsünder. Böser Greenpeace-Konzern jagt unschuldigen Gentech-Professor! Werbung ist die echte zeitgenössische Kunst! Das Schillern des Tages-Anzeiger-Magazins unter Roger Köppel kam nicht zuletzt durch sein politisches Schillern.»

Womit wir bei einer der Schlüsselfiguren der Kummer-Saga angelangt sind: Roger Köppel, Chefredaktor des Magazins (1997–2001) hat diese Methode seit 2006 als Verleger und Chefredaktor der Weltwoche perfektioniert. Alle argumentieren vernünftig, wir behaupten das Gegenteil. Regisseur Gimes wollte neben Köppel auch die beiden anderen Schlüsselfiguren der Kummer-Affäre befragen: Die ex-Chefredaktoren des Magazins der Süddeutschen Zeitung, Christian Kämmerling und Ulf Poschardt, die – im Gegensatz zu Köppel – ihre Posten nach Kummers Auffliegen räumen mussten. Kämmerling und Poschardt verweigerten Gimes ein Interview, Köppel dagegen gab ausführlich Auskunft, zog seine Aussagen jedoch wieder zurück.

Tatsächlich ist es ein Manko von «Bad Boy Kummer», dass sich diese Protagonisten nicht an der Aufarbeitung des Skandals beteiligten und diese damit auch verhindert haben. Doch mit Markus Peichl, einst Chefredaktor und Kummers Auftraggeber bei der Zeitgeist-Postille TEMPO, hat Gimes einen würdigen Ersatz gefunden. Im Gegensatz zu Gimes gelingt es Peichl, den windigen Selbstdarsteller Kummer bei einer Konfrontation zu demontieren. Ein Gegenschnitt auf Kummer zeigt in Grossaufnahme, wie dieser die Fassung verliert. Für Sekundenbruchteile blickt das Publikum in die seelischen Abgründe des getriebenen Hochstaplers Tom Kummer. Grosses Kino ist das. Oder eben: eine gute Geschichte. Und eine wahre dazu.

«Gimes versucht, Kummer mit Kummer zu erklären. Das muss misslingen» (Nick Lüthi, Wochenzeitung). Stimmt insofern nicht, als es neben Kummers amüsanten Verrenkungen genügend Aussagen im Film gibt, die klar machen, dass Kummer tatsächlich ein (Medien-)System entlarvt hat. Ob willentlich oder nicht, soll hier offen bleiben. Ein System, dem letztlich die gute Geschichte, die Quote wichtiger ist als der Erkenntnisgewinn. Recht hat Lüthi dagegen, wenn er schreibt: «Dem Film fehlt eine neue Reflexionsebene, die man nach all den Jahren und den immer wiederkehrenden Kummer-Diskussionen gerne einmal betreten hätte.» Wobei weniger Kummers Psychogramm interessiert hätte, das Gimes so gerne entschlüsselt hätte («Meine Frage aber war: Warum hat er es gemacht? Ich denke, sein Fake-Journalismus verdeckt eine innere Schwäche, ein seelisches Geheimnis.» Miklós Gimes zu Bettina Spoerri, NZZ). Denn, wen interessieren schon die psychischen Probleme eines Einzelnen, wenn ein ganzer Zeitgeist zur Debatte steht?

Wer sich die Mühe nimmt, die Kritiken zu Gimes' Film zu lesen, stellt fest: Die Narben, die Kummer mit seinem Betrug in der Journalisten-Zunft hinterlassen hat, sind noch nicht verheilt. Peer Teuwsen findet in der ZEIT: «‹Bad Boy Kummer› ist ein Film, der aggressiv macht». Warum eigentlich? Sass Teuwsen damals etwa selbst auf der Redaktion des Tages-Anzeiger-Magazins und bewilligte 4.90$ Spesen für die Batterien, die Kummer für das fiktive Interview mit Bruce Willis verrechnete (zitiert nach der ZEIT)?

Miklós Gimes
Foto: zVg

Bleibt nachzutragen, dass «Bad Boy Kummer» die Erwartungen an der Schweizer Kinokasse bei weitem nicht erfüllt hat. Miklós Gimes zu neuland: «Bekannte von mir sagen, dass die vielen negativen Kritiken der Journalisten eine unsichtbare Mauer um den Film gezogen haben. Dabei wollten wir mit dem Film nie primär ein Fachpublikum ansprechen. Ich selbst suche den Fehler zuerst bei mir. Vielleicht ist der Film einfach nicht gut genug.» Ehrlich ist er, dieser Miklós Gimes. Ach ja, auch das werfen ihm seine Kollegen aus der Presse vor: Denn Gimes gesteht im off-Text seines Films seine Faszination für die zwischen Genie und Gangster schillernde Figur Kummers. «Gimes traut sich nicht, diesen Ritter der traurigen Gestalt mal zu fragen: ‹Warum bist du ein Krimineller?› Stattdessen beichtet er am Schluss des Films: «Warum schonte ich ihn? Ich weiss es nicht.» (Peer Teuwsen, ZEIT).

Kann man sich eine schönere Pointe wünschen? Tom Kummer und Miklós Gimes. Zwei Männer in den Medien. Der eine scheitert, weil er ein Hochstapler ist. Der andere, weil er zu ehrlich ist.

Interview mit Tom Kummer auf Persönlich.com (20.10.10)