Eins & Ewig

Eins: Georges-Arthur Goldschmidt – «Meistens wohnt der, den man sucht, nebenan. Kafka lesen.»
Ewig: Philip Roth – «Der Menschliche Makel»

 

 

Eins:
Georges-Arthur Goldschmidt
«Meistens wohnt der, den man sucht, nebenan. Kafka lesen.»

Wer, wenn nicht Georges-Arthur Goldschmidt, hätte noch etwas zum unendlich-undeutbaren Werk Franz Kafkas zu sagen? Jetzt liegt sein «Celui qu'on cherche habite juste à côté. Lecture de Kafka» (2007) in der deutschen Übersetzung von Brigitte Grosse vor. Kafka lesen, also, immer wieder. Man wird nicht fertig damit. – Hier aber ist ein neuer Anfang.

Goldschmidt, selbst Kafkaübersetzer ins Französische (Le Procès, Le Château), schweift scheinbar locker-essayistisch aber keineswegs leichtfertig über Kafkas bekanntes bis weniger bekanntes Gesamtwerk. Es geht ihm nicht um Einzeldeutungen, sondern um Leseparadigmen, genauer: um das Lesen selbst. Der Hauptschlüssel dabei aber ist der Körper oder die Körperhaftigkeit von Kafkas Schreiben. Hier wird die Verwandtschaft zwischen Goldschmidt und Kafka auch evident. Der junge Georges-Arthur, geboren 1928 in Reinbek bei Hamburg, muss als Elfjähriger wegen seiner jüdischen Herkunft in die Emigration. Die Flucht führt über Florenz ins französische Savoyen, wo er in einem Internat unterkommt. Von den dortigen traumatischen Erlebnissen handelt unter anderem die eindrückliche Erzählung «Die Absonderung» (1991). Dieser Status des radikal Abgesondertseins, auch später, in der Zeit der deutschen Besatzung, während der Goldschmidt von Bauern versteckt und vor der Deportation gerettet wird, bleibt der rote Faden seiner Bücher. Die Gewissheit, noch «etwas» oder überhaupt noch zu sein, kann Goldschmidt in dieser grausamen Zeit über die Empfindung des Schmerzes aufrechterhalten. Der Schmerz wird somit zur letzten Bastion der existenziellen Selbstvergewisserung, somit auch zu einer Art Geborgenheit und Lust, so paradox dies zunächst erscheinen mag.

Und hier ist die Brücke zum ebenfalls mehrfach abgesonderten Franz Kafka zu schlagen. Kafka, zur deutschsprachigen Minderheit in Prag gehörend, zur Minderheit als Jude unter Deutschen und Tschechen, in gewisser Weise sich auch vermindert erfahrend als Sohn neben dem wiederum sehr körperlichen Vater, – Kafka also schreibt wie Goldschmidt eine Körper-und Schmerzsprache. Hier treffen sich die beiden Existenzen. Bei beiden ist es so, als würde der Körper erfasst im Augenblick des Leidens. Die Züchtigung spielt bei beiden, Kafka und Goldschmidt, eine grosse Rolle.

Kafkas Hauptfiguren unterliegen einem Initialereignis, das immer unumkehrbar radikale Gewissheiten setzt, am deutlichsten in der berühmten Verwandlung: Hier und jetzt bist du Ungeziefer. Punkt. Dieses So-Sein ist manifest, körperlich und niemals umkehrbar. Die Tatsachen bei Kafka sind also Unumkehrbarkeiten. Es gibt kein Davor mehr und kein Warum. Der Körper kennt auch keine Zukunft. Es gibt nur das Hier und Jetzt. «In der absoluten Unerbittlichkeit des Zufälligen gibt es nur das, was es gibt.» Nun, Ungeziefer, was tust du?

Diese Selbsterfahrung von Kafkas Hauptfiguren ist stets unteilbar. Es gibt keinen Kreis mehr ausserhalb des Selbst. Goldschmidt dazu: «Einmal angesprochen, befindet sich das äusserste Element im Kreis des Selbst. Wenn ich weiss – und das ist das empfindende Wissen bei der Kafkalektüre –, dass eine Sache von aussen kommt, wird sie allein durch das Wissen darum in den Kreis des Selbst integriert. Im Prozess und im Schloss entdecken der Prokurist K. und der Landvermesser K. nichts, was nicht schon ist. Das Mögliche wird immer durch das Wirkliche annulliert. Existenz kann nur verkörpert sein als Drang nach ihr selbst.» Deshalb erreicht Kafka auch die «vollkommene Gleichung zwischen dem Sagen und dem Gesagten», zeigt Goldschmidt weiter mit dem Philosophen Emmanuel Lévinas. Für die Dinge heisst das nun, dass es sie «An-sich» nie gibt. «Nie wird K. das Schloss oder das Dorf so sehen, wie sie sind, wenn er nicht da ist, nie wird Josef K. das Gericht sehen, ohne dass er da wäre (...)». In Abwesenheit der Selbsterfahrung ist nichts. Alles ist pure Präsenz.

Lösung und Komplikation, Ziel und Hindernis, Rettung und Untergang sind bei Kafka ineinander verbissen. Rettung heisst unterzugehen heisst gerettet zu sein usw. Ein Hungerkünstler (in der gleichnamigen Erzählung) stirbt an dem Hunger, der ihn am Leben hält. In der Erzählung Kaiserliche Botschaft wird dieses Paradoxon sehr schön deutlich: «Nichts in der Erzählung weist die Entfernung von Anfang an als unüberwindlich aus, doch der Leser weiss, dass sie es ist, und sie ist der eigentliche Inhalt der Erzählung. Das Nichthingelangen ist im Vorankommen enthalten – es ist dessen Wesen.» Diese sich ewig aufspannende Entfernung wird vom Leser wiederum fast körperlich erfahrbar.

Die Gelegenheit gibt es also nur als verpasste Gelegenheit, die Wahl nur als Nichterfüllung. Hier sieht Goldschmidt auch das spezifisch Jüdische an Kafka: niemals anzukommen, nie fertig, sicher nie erfüllt zu sein. Leben heisst immer, sich exponiert zu finden. Leben ist immer eine Aufforderung zur Bewährung. So auch bei Kafkas Hauptfiguren. Ausgesetzt, abgesondert, verurteilt. Das sind die Tatsachen, so unzweifelhaft und direkt es hier und so (und nicht anderswo und anderswie) geschrieben steht – eines Morgens wird man (weshalb auch immer, aber ganz sicher) als Ungeziefer erwachen oder verhaftet werden.

Wenn man Kafka mit Goldschmidt liest, also eigentlich das Wort beim Wort nehmend (oder den Körper als Körper wahrnehmend), so ergibt sich die Möglichkeit, einen als sehr schwierig geltenden Autor neu kennenzulernen, ohne die Sache mit der vertrackten «kafkaesken Lektion» erst begriffen zu haben. Bei Goldschmidts Kafka-Lektüre geht es eben nicht um die Bedeutung des Rätsels, nicht um die kognitive Leistung der Auslegung, sondern um die pure Selbstevidenz des Textes. «So wie sich das Blaue nicht vom Blauen und das Grüne nicht vom Grünen ablösen lässt», sagt Goldschmidt, «kann man Kafkas Text nicht von Kafkas Text trennen.»

Georges-Arthur Goldschmidt. Meistens wohnt der, den man sucht, nebenan. Kafka lesen. Frankfurt am Main, 2010. (S. Fischer Verlag)

 

 

Ewig:
Philip Roth
«Der Menschliche Makel»

Im Sommer 1998 wird die Welt Zeuge einer beispiellosen Hexenjagd, als der US-Präsident und eine Praktikantin im Oval Office des Weissen Hauses etwas zu menschlich werden, aber nicht sollen. In dieses Jahr der kollektiven Verlogenheit platziert Philip Roth auch seinen tragischen Helden Coleman Silk. Der ist Professor für klassische Literatur und Dekan an einem College in Neuengland. Mit skrupellosem Idealismus befreit er die Universität von Staub und Filz. Doch der Karrieremann hat ein stur gehütetes Geheimnis, einen menschlichen Makel. Als er Opfer eines absurden Rufmords wird, verliert er zuerst sein Amt, dann bricht sein Leben entzwei.

Farben und ihre Zuschreibungen sind in dem Roman sehr wichtig. Wer sieht schwarz, wer weiss, wer ist farbenblind? Coleman Silk ist wie die Krähe, sie ist ein wichtiges Leitmotiv des Romans, die aus dem Nest fällt und auf dem harten Boden der Menschheit aufprallt. Und da warten schon andere gefallene Vögel. Philip Roth zeigt mit quälender Präzision die traurig-tragische Verstrickung all jener Leben auf.

Der Menschliche Makel ist eine moderne Ödipus-Geschichte. «The Human Stain» (im Original) bezeichnet den Fleck, mit dem wir, conditio humana, geboren werden. Und der Fleck geht nie weg. Wir haben ihn, er wird sich zu entdecken geben, wenn es bei Sophokles heisst: «Jetzt oder nie ergründ' ich, wer ich bin.» Masken sind in der Literatur da, um dahinter zu sehen. Schleier müssen gelüftet werden. Lack platzt immer ab.

Das Bestechende an diesem Roman ist seine perfekte Konstruktion, dies ist Schreibhandwerkskunst per excellence. Der Roman eignet sich zudem als Einstieg in das Werk eines Autors, der schon längst den Nobelpreis dafür verdient hätte. Freilich bleibt Roth auch ohne diese Auszeichnung der vielleicht beste lebende Autor Amerikas.

Der Menschliche Makel passt heute auch immer noch als Statement zur Lage einer – durchaus auch schweizerischen – Gesellschaft, die auf Ihre Symptome achten sollte: Wie verhält sich Moral zu Pseudomoralität?

Empfohlene deutsche Ausgabe in der Übersetzung von Dirk van Gunsteren:
Philip Roth. Der Menschliche Makel. München 2002. (Hanser Verlag)