Aktuell & Ewig

Aktuell: Timber Timbre – «Timber Timbre» (2010)
Ewig: Siouxsie – «Mantaray» (2007)

 

 

Aktuell:
Timber Timbre – «Timber Timbre»
(2010)

Ein phänomenales Album, ein Hauptereignis der Saison, welches zu unzähligen Assoziationen Anlass gibt und in der Melancholie angenehm kühlend wirkt. Es gibt Legionen von Singer/Songwritern seit dem Wiederaufkommen der Welle um 1995, aber Timber Timbre aus Toronto sticht eindeutig als Meilenstein heraus. Bereits wurden Vergleiche gezogen zu Stephen Yerkey, Lambchop, 16 Horsepower, Scott Walker, Julian Cope, Tim Buckley, Antony oder Joe Henry. Christian Gallusser-Kesseli, Gitarrist bei Stahlberger, meint dazu: «Mich erinnert die Platte an «Ciao Amore» von Nadja Zela. Die Songs verströmen dieselbe herzzerreissende, erdige, nach Fernweh riechende und Heimat suchende Sehnsucht».

Sieben Stücke umfasst das Album, inklusive Intro und Abspann. Die mittleren fünf Stücke sind ein Ereignis.

Das zweite: «Lay Down In The Tall Grass» ist ein wunderbar wippender Slow-Motion-Twist, die Worte klar intoniert mit überraschenden Schlenkern in der Stimme, wie sie bereits Elvis Presley draufhatte – überhaupt besitzt die Stimme des 28jährigen Kanadiers Taylor Kirk eine eindeutig erotische Komponente – begleitet von einer herzhaft antiquiert klingenden Orgel.

Das dritte: «Until The Night Is Over», langsam heranschleichend, orientalisch klingend, unglaublich melodiös. Die erste Zeile von «House Of The Rising Sun» der Animals mit Eric Burdon wird zitiert. Das ist hymnische Schönheit und trotzdem down to earth.

Das vierte: «Magic Arrow», klingt der abstrakte Bass zu Beginn nicht haargenau nach den Young Marble Giants? Dieses einzigartige Album «Collosal Youth» von 1980, welches bis heute in keine Schublade versorgt werden konnte. Dasselbe Stück hat den Zürcher Musiker & Soundmixer Stephen Thomas gar an Alan Vega erinnert, als dies ein DJ abspielte und er sofort aufhorchte.

Das fünfte: «We'll Find Out» ist einfach ein köstliches Stück Schmalz, mit Geigen, Sprechgesang und Chörli. Dies ist das Video dazu:

Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=cBU8reYYE10

Das sechste: «I Get Low», wieder diese exotisch klingende Orgel, E-Piano, Stehbass – ein ruhiger Puls geht durch das ganze Stück, und zum Schluss gibt's vom Keyboard Flötentöne.

Das siebte, der Abspann: «Trouble Comes Knocking». Achtung, Kriminaltango! Zelebriert wird eine bedrohliche Unwetter-Stimmung, das klingt wie ein unheilvoll anschwirrender Bienenschwarm und erinnert an das halb vergessene Intro von «Magicke Noci» von der tschechischen Undergroundband Plastic People of the Universe von 1976. Die Stimmung kippt dann aber wunderschön wieder in hellere Gefilde und verwöhnt uns nochmals mit dieser unnachahmlich wippenden Animals-Orgel inkl. sirrendem Geigensolo, das einen bizarren Gypsy-Swing erahnen lässt. Das letzte Stück könnte für praktisch jeden Film als Abspann verwendet werden, Chill-Out mit Banjo und Geige, Balsam für die aufgewühlten Emotionen nach dieser einzigartigen Achterbahnfahrt.

Die ersten Schweizer Auftritte von Timber Timbre finden am 13. November am Heartland Festival in Vevey und am 10. Februar 2011 im Palace in St. Gallen statt.

 

 

Ewig:
Siouxsie – «Mantaray»
(2007)

Gewisse Musik auf neuen Alben entwickelt sich manchmal erst nach Wochen und Monaten. Auch wenn ein Opus vielleicht nur einmal im Monat gehört wird, die Zeit arbeitet mit. Beim nächsten Hördurchgang lassen sich die bereits wahrgenommenen Reize ausblenden und wir können uns auf weniger Vordergründiges konzentrieren. Manchmal funktioniert dieser «Sesam öffne dich»-Effekt nicht, andere Male auf wundersame Weise.

Auch wenn mir zuweilen das allzu perfekte Styling von Siouxsie auf den Geist ging – die Faszination war da seit dem Debut «The Scream» zusammen mit ihrer Band The Banshees von 1978. Siouxsie ist die ungekrönte Queen des «Gothic Punk» (neben ihrer dunklen Schwester Lydia Lunch), lange bevor das 4AD-Label die Cocteau Twins, Dead Can Dance, This Mortal Coil etc. bekannt gemacht hat. «Mantaray» verblüfft mit einem urgewaltigen, metallenen und dennoch differenzierten Sound – sowie drei eindrücklich tiefgründigen Balladen: Track 5 «If it doesn't kill you», Track 7 «Sea of tranquility» und Track 10 «Heaven & alchemy», die Siouxsie mit ihrer unnachahmlichen Stimme richtiggehend zelebriert. Patti Smith, Lene Lovich, Danielle Dax & Kate Bush waren ihre Zeitgenossinnen, später beeinflusste sie Björk, Madonna, Portishead sowie schlichtweg alle heutigen «Gothik-Gruftie-Dark Wave-Zombie»-Bands mit Frauengesang.

hören: «If it doesn't kill you»