Die Rückseite des Mondes

Über die ökumenische Bewegung von Taizé wurde Vera Rüttimann aus Wettingen (AG) auf die Bürgerrechtsbewegung in der ehemaligen DDR (Deutsche Demokratische Republik) aufmerksam. Der Druck der Strasse führte im November 1989 zum Fall der Mauer. Nach dem Mauerfall zog Rüttimann nach Berlin. Für neuland hält sie in einem persönlichen Rückblick die bewegten Jahre fest.
Von Vera Rüttimann (Text und Fotos)

Im Mai 1990 bekam ich mein erstes DDR-Visum. Was ich sah, elektrisierte mich: Brachen von riesigem Ausmass, Löcher in Mauerteilen, nachkriegsgeschädigte Häuser und wilde Hasen vor einem einsam dastehenden Reichstag. Ich blieb. Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 war ein denkwürdiger Vorgang gewesen. Das Tor zu einer Stadt, ja zu einem Land stand nun weit offen.

Von Taizé in den Osten

Wie bleibt man in Berlin hängen? Eine kurze Rückblende in die 1980er Jahre: Schon früh spürte ich eine aufziehende Zeitenwende. Es war vor allem die ökumenische christliche Gemeinschaft Taizé, die mir half, den Blick auf die Vorgänge in Osteuropa zu öffnen. Die ökumenische Bewegung fiel auf östlicher Seite mit der Perestroika und mit Michail Gorba­tschow zusammen.

«Schwerter zu Pflugscharen»

Bei der friedlichen Revolution, die am 9. November 1989 zum Mauerfall führte, spielten Kirchen und kirchliche Gemeinschaften eine wichtige Rolle. Seit den 1970-er Jahren entstanden unter dem schützenden Dach der Kirchen zahlreiche Friedensgruppen, die sich unter dem biblischen Motto «Schwerter zu Pflugscharen» statt «Hammer und Zirkel» (Symbole auf der Flagge der ehemaligen DDR) für die Straffreiheit von Dienstverweigerern einsetzten. Aus diesen Gruppen heraus entwickelte sich eine breite Bürgerrechtsbewegung, in deren Zentrum der Kampf um das Grundrecht der Meinungs- und Versammlungsfreiheit stand. Die Bürgerrechtsaktivistinnen und -aktivisten trafen sich oft in kirchlichen Zentren und Kirchen. Im Rahmen der «Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung», der vom Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) ausgerufen worden war, arbeiteten in den Jahren 1988 und 1989 Kirchen und kirchliche Gemeinschaften der DDR an einem Katalog mit notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen. In der Folge entstanden die sogenannten Montagsdemonstrationen. Seit 4. September 1989 fanden in Leipzig jeweils nach dem Friedensgebet am Montagabend Demonstrationen statt, an denen die Menschen «Wir sind das Volk» skandierten.

Am 7. November 1989 traten Regierung und Politbüro der DDR geschlossen zurück. Zwei Tage später verkündete Günter Schabowski im Fernsehen, dass ab sofort Reisen ins Ausland erlaubt seien. Zu den regimekritischen Kreisen gehörte Joachim Gauck, der am 30. Juni 2010 als deutscher Bundespräsident kandidierte. Der ehemalige evangelische Pfarrer war führendes Mitglied der Bürgerrechtsbewegung «Neues Forum» in Rostock. Ab 1990 war er Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes. In dieser Funktion machte er den Stasi-Nachlass zugänglich. Die aktuelle Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, Angela Merkel, ist als Pfarrerstochter in der DDR aufgewachsen. Sie und ihre Familie waren aber nicht Teil der regimekritischen kirchlichen Bewegung.

(jst)

Ostkirche, dieses Wort hatte etwas Mythisches und als ich auf dem Hügel im französischen Burgund Frauen und Männer aus Polen, Tschechien und Ungarn kennen lernte, wurde es real. Europa hiess für mich plötzlich nicht mehr nur Paris, London und Rom, sondern Budapest, Prag und Berlin. Zunehmend begann ich mich für die DDR zu interessieren. Als Frère Roger, Gründer der Taizé-Bewegung, 1988 in die DDR einreisen durfte, um den ökumenischen Prozess «Frieden in Gerechtigkeit» voranzubringen, beantragte auch ich ein Visum. Ein solches wurde mir allerdings verweigert. Erst nach dem Mauerfall erfuhr ich weshalb: Meine Briefe an Freunde im Prenzlauer Berg in Berlin waren von der Stasi gelesen worden, ich war eine Persona non grata.

Gegen Ende der 1980er Jahre hörte ich erstmals den Namen Hans Modrow, damals 1. SED-Bezirkssekretär in Dresden und Hoffnungsträger seiner Partei. Ein Typ mit Ausstrahlung, kein Betonklotz. Aus dem wird mal was, dachte ich. Im Herbst 1989 begann der Osten aufzubrechen, die ökumenische Bewegung begann Früchte zu tragen. Doch erst einmal ging ich nach Prag, wo mit der «Samtenen Revolution» die zweite Zeitenwende in einem sozialistischen Staat anstand. Mit anderen ausländischen JournalistInnen war ich Vaclav Hasel auf den Fersen, und erlebte mit, wie im Theater Laterna Magica der grosse Umsturz vorbereitet wurde. Statt mich in der Tschechoslowakei aufzuhalten hätte ich eigentlich zuhause für meinen Lehrabschluss büffeln müssen. Doch ich war 21 und der aufbrechende Osten hatte Spannenderes zu bieten, denn nun bebte auch die DDR angesichts der immer grösser werdenden Montagsdemos.

Auf der anderen Seite des Mondes

Den Mauerfall vom 9. November 1989, diesen glücklichen «Betriebsunfall» der deutschen Geschichte, erlebte ich vor dem Fernsehgerät. Es war nicht auszuhalten! Nicht überrascht war ich, als Hans Modrow am 13. November zum neuen DDR-Ministerpräsidenten gewählt wurde. In der Rolle des schmächtigen Konkursverwalters hatte Modrow neben einem gewichtigen Helmut Kohl meine Sympathie. Ich ahnte, dass ich mich beeilen musste, um die DDR noch hautnah miterleben zu können.

Mauerspecht Vera, Ostberlin, Dezember 1989.

Im Mai 1990 setzte ich meinen Fuss erstmals auf Berliner Boden. Ich stand vor dem Brandenburger Tor und staunte. Der Grund meines Besuchs: Ich war zum ersten gesamtdeutschen Katholikentag angereist. Dieser war zwar war aufregend, doch die Neugier trieb mich auf die andere Seite – die Rückseite des Mondes. Die Stimmung in diesen Tagen war erfüllt von einem aus heutiger Sicht fast irrealen «alles ist möglich!». Man tat aus überbordender Neugier und auch jugendlicher Naivität Dinge, von denen man heute wahrscheinlich die Hände lassen würde. So lief ich schnurstracks zum Zentralkomitee der SED, ein Trutzburg-ähnliches Gebäude unweit des «Palastes der Republik» in Berlin-Mitte, wo die spätere PDS (und heutige Die Linke) ihren Sitz hatte. Ich wollte unbedingt ein Interview mit Hans Modrow machen. Doch leider war der Genosse auf Auslandreise. Im September 1990 war es dann aber soweit. Der erste gesamtdeutsche Bundestagswahlkampf stand vor der Tür. Für das «Aargauer Volksblatt» sollte ich eine Reportage verfassen. Mittlerweile in Ost-Berlin lebend, erhielt ich die Zusage für ein Interview mit Hans Modrow. Ich verstand mich auf Anhieb mit ihm. Er hatte nichts Distanziertes oder Arrogantes. Immerhin war dieser Mann Staatschef und doch chauffierte er mich während mehrerer Tage durch mecklenburgische Dörfer. Auf diese Weise lernte ich ein mir bis anhin völlig unbekanntes Land kennen, denn Modrow, der merkte, dass ich von der DDR nicht sehr viel wusste, füllte die Lücken geduldig.

Rasch wurde mir seine Partei, die PDS, eine Art Heimat. Das hing nicht nur mit Hans Modrow zusammen. Die Debatten zum aktuellen Zeitgeschehen an Parteitagen und Versammlungen, in Parteilokalen und in Privatwohnungen, empfand ich als erstklassige Geschichtsstunden. Ich erlebte Gregor Gysi, der damals intellektuell in Hochform war. Ich genoss meinen Exoten-Status als Schweizerin. Ich war nicht aus der Bundesrepublik und war auch keine Kommunistin. Es kam zusammen, was sonst undenkbar schien. Das war typisch für eine Zeit, in der das Leben in dieser Stadt atomisiert und neu sortiert wurde. Mit Modrow begannen Jahre mit komplizierten Diskussionen: Der Wahlfälscher-Prozess in Dresden 1993, in dem er rechtskräftig verurteilt wurde, wurde zu einem Prüfstein für unsere Freundschaft. Bei Fragen zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit biss ich meist auf Granit. Rückblickend ging es mir wahrscheinlich ähnlich wie jenen Jugendlichen, die ihre Eltern nach ihrem Verhalten im Nationalsozialismus befragten.

«New Berlin»

Mitte der 1990er Jahre trat die DDR-Vergangenheitsbewältigung für mich in den Hintergrund, denn es gab etwas Anderes, ebenso Aufregendes: Das «New Berlin». Noch immer war viel Nachwende-Charme da; die Trabi-Leichen, der bröckelnde Putz, die illegalen Clubs. Doch die erneute Zeitenwende bestimmte die nächsten Jahre: Der Totalumbau Berlins zur Hauptstadt. Auftakt dazu war die «Reichstagsverhüllung» von Christo & Jeanne-Claude. Es folgten verrückte und geniale Jahre. Rastlos rannte ich durch diese Stadt und hielt in Bildern fest, wie Berlin zunehmend von Kranen, Baggern, Rohren und Baustellen überzogen wurde. In jenen Tagen begann ich ein Langzeitprojekt: Die fotografische Dokumentation dieser Stadt. Die Touren startete ich meist von meinem Büro aus im «Haus Schwarzenberg» aus. In den 1920er Jahren war hier die Kommunistische Partei Deutschlands untergebracht, zu DDR-Zeiten die deutsche Film AG DEFA. Es steht unweit der Hackeschen Höfe und ist noch heute das zerfledderste Haus weit und breit.

Die baulichen Entwicklungen sind in meinem Foto-Archiv dokumentiert: Der werdende Potsdamer Platz, der Abriss des Lehrter Bahnhofs und der Neubau des Hauptbahnhofes; die Neuüberbauungen riesiger Brachflächen und die Umgestaltung des politischen Zentrums rund um den Reichstag. Damals wie heute treffen hier an dieser Schnittstelle unterschiedliche Welten aufeinander. Performance-Künstler, die mit visuellen Eingriffen ins Stadtbild eingriffen – oft in einer Guerilla-Aktion, bevor Wände und Plätze einer Sanierung weichen mussten oder vor der Einweihung eines Neubaus. Wie 1996 an jenem Tag, als bei der Einweihung des Philipp Johnson-Hauses am Checkpoint Charlie wie von Geisterhand eine Nachbildung der New Yorker Freiheitsstatue aufgetaucht war.

Tacheles Berlin (Lomografie), 2009.

Das Tacheles

Ein Lieblingsort dieser Stadt war lange Zeit auch das «Tacheles». Als ich es Anfang 1990 erstmals sah, ragte es zerklüftet und schwarz in den Berliner Himmel auf. Die DDR-Machthaber hatten die Zündkabel zur Sprengung des einstigen jüdischen Kaufhauses schon gelegt, als die Berliner Mauer fiel. Das war die Rettung. Künstler aus aller Welt besetzten das Gebäude und verwandelten es in ein skurriles Gesamtkunstwerk. Die Kunst, die hier entstand, war, wie die Zeit damals auch, archaisch, direkt, hintersinnig. Im Skulpturenpark schoss bald ein Reisebus schräg aus dem Erdreich, im Hofdurchgang stand eine ausgeweidete MiG-21. Ein Ort wie aus einem David Lynch-Film. Im Winter wärmte man sich die Hände an offenen Feuern, weil das Haus bereits kein Haus mehr war, sondern eine Ruine, dem die Rückwände fehlten.

Am Tacheles halten heute täglich die Touristenbusse, nebenan speist man jetzt Seelachs-Filets in Edel-Restaurants wie Lutter & Wegener. Das Tacheles ist saniert und sieht aus wie ein komischer Zwitter. Der 9. November 2009 war in Berlin ein bewegender Tag. Es gab neben all dem Brimborium um Polit-Grössen wie Michail Gorbatschow und Lech Walesa – sie schritten bei mir quasi um die Ecke über die Bornholmer-Brücke – auch stille Momente. Deutsche, Ausländer und Ausländerinnen hielten für einen kurzen Moment inne, um sich an jene Zeit vor 20 Jahren um 19 Uhr zu erinnern, als die Nachricht des Jahrhundert-Ereignisses über den Bildschirm flimmerte.

Morgens um 9 Uhr traf ich mich in der «Kapelle der Versöhnung» auf dem ehemaligen Todestreifen an der Bernauer-Strasse mit der Freundin eines verstorbenen DDR-Bürgerrechtlers zum Gottesdienst. Danach schickte ich Post für Hans Modrow ab: Eine Postkarte mit ein paar persönlichen Worten, einem aufgeklebten Stückchen Mauer, abgestempelt am 9. November.