Ewig & Eins

Ewig: Christoph Meckel – «Licht». Erzählung
Eins: Michael Köhlmeier – «Idylle mit ertrinkendem Hund»

 

 

Ewig:
Christoph Meckel
«Licht»
Erzählung

Der Brief existiert und ist eine Nachricht von so niederschmetternder Fülle, dass ich mir auch nicht einreden kann, es handle sich um einen vorübergehenden Fall. Es gibt hier kein Irgendwie oder Irgendwann. Diese Lebendigkeit ist ein ganzes Leben.

Das Finden eines Liebesbriefs an einen anderen Mann versetzt den betrogenen Erzähler zurück: Er verfällt nicht etwa der Wut, dem Hass, der Eifersucht und der Verzweiflung – sondern er ruft die Jahre des Lichts seiner eigenen, jetzt brüchigen Liebe, noch einmal auf. Auch «ein ganzes Leben». Dies geschieht in Bildern von unbeschreiblicher (deshalb zu lesender) Poesie.

Poesie bedeutet wörtlich «Erschaffung». Und das trifft auch auf die Liebe zu. Die Liebe ist zugleich ein hochgradiges Gespinst, eine eigene Schöpfung, Projektion, Beschwörung, Blendung und so weiter – wie sie auch real gefühlt, genossen, verflucht und erlitten wird. Christoph Meckel lässt die Jahre der Liebe seines Erzählers und der Frau mit Namen Dole in einer grossen Analepse zurückfluten ins Hier und Jetzt des Bewusstseins. Die Gleichzeitigkeit von Schönheit und Schmerz, das ist das Geheimnis dieser Erzählung aus dem Jahr 1978. Hierzu die Frage: Wie beseitigt man ein Geheimnis, das man selber nicht verursacht hat. Ich weiss nicht, wie man Geheimnisse loswird. Geheimnisse will ich nicht erfahren, weder ihren Inhalt noch dass es sie gibt.

Es gibt keine gradlinige Handlung, denn was war, kümmert sich nicht um Chronologie. Bilder (– sind es geteilte oder schon entfremdete?) tauchen unvermittelt auf, sie wirken, um zu verschwinden, um neuen (alten) Bildern Platz zu lassen. Sie zeigen Fahrten übers Land, Spaziergänge im Schnee, Gesichter in Restaurants, Szenen auf Boulevards, Rotweinnächte, Arbeit, Schlaf, Erschöpfung und erstauntes Erwachen, Aschenbecher und Zeitungen auf dem Fussboden, Verdüsterungen und helles Glück, ganze Tage in den Bäumen (wenn man an Marguerite Duras denkt). – Aber gibt es das noch, nach einem Liebesverrat: die Wahrnehmung ohne Verdacht?

Drei Bilder aus der Erzählung, die ich zu den schönsten Liebesgeschichten überhaupt zähle.

It is a dognight dognight dognight. Ich sah ihr heute beim Ankleiden zu. Es gefällt ihr, wenn ich dazukomme und von der Türe aus Komplimente mache (Komplimente sagt sie, sind nur erträglich, wenn sie frivol und ziemlich fragwürdig sind). Ich sah ihre Nacktheit im Profil, die Brüste unter den Armen, als sie sich kämmte. Ich ging nicht zu ihr.

Unser Nachtessen hielt einen Kellner wach, der sich so unaufdringlich wie möglich am Durchgang der Küche aufhielt. Dole sagte: wir können den Kellner nicht die halbe Nacht hier herumlungern lassen. Wir beschlossen, noch eine Zigarette zu rauchen und dann zu gehen. Aber wir vergassen den Kellner und brachen erst auf, wenn in einer Ecke das Licht ausging und die Stühle zusammengeschoben wurden.

Gar nichts kannst du dir vorstellen, sagte Dole. Dann waren auf einmal ihre Kopfschmerzen da. Sie behauptete, entsetzlich müde zu sein und wollte so schnell wie möglich zum Wagen zurück. Wir liefen durch die hellen Hügel zum Wagen, ich versuchte noch zu sprechen, sie sagte nichts. Das Picknick am Mittag fiel aus. Wir fuhren auf der Autobahn nach Norden, sie trug ihre Sonnenbrille bis in die Nacht.

Christoph Meckel. Licht. Erzählung. Fischer Taschenbuch Verlag (in aktuellster Auflage).

 

 

Eins:
Michael Köhlmeier
«Idylle mit
ertrinkendem Hund»

Literatur, die auf irgendetwas oder auf irgendjemand Rücksicht nimmt, ist nichts wert. Dies sind die klaren Worte des Lektors und Freundes, Dr. Beer, der den Ich-Erzähler am Alten Rhein im Vorarlbergischen Hohenems besucht. Es ist Winter, doch das Wetter ist frühlingshaft, föhnig. Tauwetterlage.

Der Besuch des Lektors ist in einiger Hinsicht aussergewöhnlich, bestimmt von einer plötzlich grösseren Nähe. Aus der freundschaftlich-professionellen Beziehung ist mehr geworden. Das von Dr. Beer angebotene Du-Wort wird mit Skepsis angenommen, gerade die neue Intimität macht beiden zu schaffen, erfüllt sie mit dem Gefühl von Fremdheit, Preisgabe und Scham. Der Erzähler bemerkt jetzt, dass ihm die alte Ordnung behaglicher gewesen war, dass er den verlässlichen Abstand, den Unberührtheit und Ungerührtheit ihm gewährt hatten, vermisst. Bisher war Dr. Beer einfach ein nettes Rätsel gewesen, eines, dem man in seinem Urteil trauen durfte und von dem der Schriftsteller stets gefordert hatte: Mach mich besser!

Das prästabilisierte frühere Idyll bekommt einen Riss. Dr. Beer, jetzt Johannes, lernt die Frau des Erzählers, Monika, kennen. Hier entsteht rasch leichte Unverkrampftheit, sogar Humor. Dem Besucher wird das Haus gezeigt, dabei auch Monikas «Dschungel», der als Verlängerung des Raumes unter einer Dachverglasung wuchert. Der gewaltige Wintergarten aus echten und teilweise künstlichen Pflanzen, angelegt in sorgfältiger Arbeit, zieht Dr. Beer in den Bann. Ist dies der Rest des Garten Edens auf Erden? Oder ist dies – die Gespräche drehen sich um Fragen des Schreibens und der Literatur – vielleicht Joseph Conrads «Herz der Finsternis»? Monika zu Johannes: Manchmal setze ich mich in den Wald, und dann sitze ich dort und tue gar nichts. Kommen Sie, ich zeig Ihnen den Weg.

Michael Köhlmeier versteht es, hinter dem vordergründigen Idyll das Unheimliche, Bedrohliche, Beklemmende immer wieder aufblitzen zu lassen. Bis hierher ist ja noch nichts «passiert» – man liest die Novelle aber gebannt weiter, gezogen von einer dunklen Schwere.

Dann ist das Trauma da. Der Kern der Handlung liegt plötzlich freigeschält auf dem Tisch. Es ist der tragische Tod der Tochter des Erzählers und Monikas. Paula kam bei einem Unfall ums Leben. Auch sie hatte, wie der Vater, geschrieben. – Der Besucher kennt die Geschichte und teilt den Schmerz, wortlos, mit dem Paar. Die Handlung drängt zu einer Lösung: Dr. Beer wird auf einem seiner Spaziergänge von einer schwarzen Hündin überrascht. Das herrenlose Tier nimmt Beer sofort als Herrn an und folgt ihm auf Schritt und Tritt, weicht nicht von ihm, lässt sich füttern, will Begleitung sein, treu und als wäre das immer so gewesen. Erst bei einer Unterführung bleibt die Hündin sitzen, ebenso bestimmt wie das Folgen bestimmt schien. Beer ist von diesem Erlebnis erheitert und aufgewühlt. Er erzählt immer wieder und allen davon und das in so offener und entblössender Weise, dass die Geschichte vom Erzähler-Schriftsteller als ein Verrat der Nähe empfunden wird.

Ein weiterer Spaziergang am Flussufer. Jetzt sind Beer und der Erzähler gemeinsam unterwegs. Und sie treffen wieder auf die Hündin. Als sie auf die Männer zustürmt, bricht sie in das Eis ein. Der Knacks des Todes wird hier symbolisch überdeutlich. Die Geschichte von Paulas Tod und Leben, die der Erzähler in einem – imaginierten – Gespräch mit Beer vollzieht, wiederholt sich in dem Einbrechen ins Eis. Der Versuch der Rettung des Tiers überlagert die noch nicht abgeschlossene Geschichte des Verlustes. Die Wahrheit erscheint in Gestalt eines Hundes, einer einfachen Kreatur, und im Todeskampf auf dem Eis scheint eine andere Geschichte auf. Es ist die von Shakespeares König Lear und seinen Töchtern. Der Durchbruch der Trauer bedeutet sowohl für Lear wie auch für den Schriftsteller Abschied vom überholten Selbstbild und Rückbesinnung auf das elementare Leben, den nackten Grund. Lear ist es trotz Wahnsinn und Verblendung noch gegönnt, Wahrheit zu erkennen. Als der König seine tote jüngste Tochter Cordelia in den Armen hält, erkennt er die ganze Tragik, eleos und phobos, des verkannten Lebens: «Ein Hund, ein Ross, eine Maus soll Leben haben, und du nicht einen Hauch? O du kehrst nimmer wieder, niemals, niemals, niemals, niemals, niemals!». – Der Narr, Dr. Beer, hat seine Arbeit verrichtet und kann von der Bühne abtreten. Die Zusammenarbeit der beiden Männer ist beendet. Das Eis wird tauen.

Michael Köhlmeier ist mit «Idylle mit ertrinkendem Hund» eine gut 100-seitige tief berührende Novelle gelungen, ein lebensbejahendes Memento Mori, bei dem kein Wort falsch gesetzt worden ist.

Michael Köhlmeier. Idylle mit ertrinkendem Hund. Deutscher Taschenbuch Verlag, 2010.

Aktuelle Lesung in Zürich:

Im Literaturhaus Zürich am 26. Januar 2011, 20 Uhr zu seinem Buch «Madalyn».