Medien mit schlechtem Gedächtnis

Illustration: Andrea Caprez

Paradoxerweise wurden in den letzten Jahren angesichts der steigenden Informationsflut in verschiedenen Bereichen, und vor allem im Presse­wesen, die InformationsspezialistInnen, in diesem Fall Medien­doku­men­ta­listInnen, massiv abgebaut. Was hat diese «Rationalisierung», die (fast überall) mit wenig Gegenwehr über die Bühne ging, für einen Einfluss auf die Qualität der Endprodukte?

Man kann Qualität im Medienbereich weder messen noch kann man ihre Auswirkung auf den Firmenprofit genau beziffern. Wenn Sparen angesagt ist, wird häufig versucht, dort Speck abzubauen, wo es scheinbar am wenigsten wehtut. Dass unbedarfte Manager bei solchen «Abmagerungskuren» oft auch ins eigene Fleisch schneiden, wird nicht unbedingt sofort, wenn überhaupt, bemerkt. Denn häufig verstehen die Entscheidungsträger viel zu wenig vom Fach und stellen dazu noch falsche Erwartungen an die Computertechnologie, die Menschen angeblich in allen Bereichen gänzlich ersetzen können. Diese Fehlentscheidungen im Medienbereich führten zum Ergebnis, dass anstatt eines Quantensprungs durch die neuen technischen Möglichkeiten, das Gegenteil zu beobachten ist.

Vollautomatisierung der Archivierung

Paradebeispiel ist die eingeschlagene Strategie der Schweizer Medien-Datenbank (SMD). Das grösste Schweizer Medienarchiv wurde 1996 von den führenden Medienhäusern Ringier und TA-Media und dem Schweizer Fernsehen gegründet. Trotz wiederkehrender fachlicher Bedenken wurde die automatische digitale Archivierung, gekoppelt mit einer so genannten «Endbenutzer-Recherche», radikal umgesetzt.

Zwar war die Digitalisierung der Bestände an Zeitungsartikeln spätestens Anfang der 1990er Jahre ein zwingender und längst fälliger Schritt, nur war deren Ausführung sehr mangelhaft (s. dazu meinen Artikel von 1999 in Persönlich). Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass praktisch jede Erneuerungswelle bei der SMD mehr Nach- als Vorteile mit sich brachte. Die inzwischen erfolgte Vollautomatisierung des Archivsystems bildet die Krönung einer Reihe von Fehlern.

Denn obwohl Computer in verschiedenen Belangen besser und schneller als die meisten Menschen funktionieren, können sie in bestimmten Gebieten die Menschen nie ganz ersetzen. Vor lauter Wunschdenken werden die Grenzen der Informations- und Datenverarbeitungstechnologie nicht immer erkannt. Ein einfaches Beispiel: Während ein Durchschnittsleser in der Lage ist, ein Zeitungsinterview als solches sofort zu erkennen, kann ein Computer dieses in der Regel nur schwer identifizieren. Und auch wenn das Wort Interview darin vorkommt, besteht ein Fehlerrisiko. Denn nicht jeder Beitrag, in welchem dieses Wort vorkommt, ist tatsächlich ein Interview.

Früher wurde deshalb ein solches Schlagwort, also «Interview», bei der Texterschliessung von einem Dokumentalisten oder einer Dokumentalistin in einem eigens für Schlagwörter vorgesehenen Feld vergeben. Heute fehlt dieses Schlagwort gänzlich, und sogar ein geübter Rechercheur findet ein vor längerer Zeit veröffentlichtes Gespräch mit einer bekannten, viel zitierten Persönlichkeit nur mit viel Aufwand in der SMD oder in weiteren Recherchiersystemen wie Google oder kostenpflichtigen anderen Quellen wie Factiva oder LexisNexis. Ein gestresster Journalist, der noch nicht über viel Erfahrung verfügt, muss viel mehr Zeit investieren und verliert sich vor lauter Fundstellen («Hits») im riesigen Infowald.

Tickende Bomben

Die kurzsichtige Sparmassnahme der Medienhäuser – der Abbau beziehungsweise die Abschaffung von MediendokumentalistInnen – verursacht Kosten beziehungsweise Qualitätsverluste, die sich nicht unmittelbar auswirken, jedoch trotzdem von betriebswirtschaftlicher und journalistischer Bedeutung sind.

Wenn wir bei der SMD bleiben, die eine der zentralen Quellen für Schweizer Journalistinnen und Journalisten ist, können wir von diesem einfachen Beispiel ausgehend erahnen, dass sich noch andere, gravierendere Probleme in dieser Datenbank verstecken.

Anstatt das Angebot mittels Technologie wesentlich auszubauen, sind in der SMD nun zwar mehr Presseprodukte im Volltext verfügbar, zahlreiche weitere andere, für die journalistische Arbeit notwendige spezialisierte in- und ausländische Quellen (zum Beispiel sogenannte «Graue» Literatur, das heisst Originaldokumente und Hintergrundliteratur) werden jedoch nicht mehr erfasst.

Volltext-Datenbanken beinhalten, wenn sie nicht richtig manuell erschlossen sind, tickende Bomben, die mit zunehmender Anzahl Daten zu explodieren drohen. Dabei wäre es mit einem vertretbaren Mehraufwand möglich, ein überzeugendes Arbeitsinstrument für JournalistInnen zur Verfügung zu stellen. Denkbar wäre dessen Vermarktung und Zugänglichmachung zu einem vernünftigen Preis auch für nicht angeschlossene VerlagsjournalistInnen.

Die gravierenden Mängel bei der Archivproduktion werden durch die weitgehende Verlagerung der Recherche auf die sogenannten EndbenutzerInnen, in diesem Fall auf die JournalistInnen, unheilvoll ergänzt und verschärft. Und freie JournalistInnen, die ohnehin einen schweren Stand haben, kommen schon aus rein finanziellen Gründen nur selten in den Genuss der SMD, und wenn doch, haben sie per Swissdox lediglich auf einen Teil des SMD-Archivbestands Zugriff.

Früher besassen alle grossen Medienhäuser mit Ausnahme der NZZ¹ eine ausgebaute und gut funktionierende Dokumentationsstelle. Schreibende wurden entlastet, indem sie (zumindest einen Teil) der Recherchierarbeit an SpezialistInnen delegieren durften – und dies mit Qualitätsgewinn! Beim deutschen Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL kontrollierten solche Info-SpezialistInnen die geschriebenen Artikel vor der Veröffentlichung zudem auf inhaltliche Fehler.

¹ Im NZZ-Archiv wurden früher lediglich die eigenen Zeitungsartikel archiviert. Für andere Quellen waren die NZZ-Journalisten mehrheitlich auf selber angelegte Privatarchive angewiesen. So war, dokumentalistisch gesehen, von den 1980er bis weit in die späten 1990er Jahre der Blick besser als die NZZ.

Schnell und husch husch

Heute müssen die meisten JournalistInnen selber in der SMD und anderen, ebenfalls nicht oder miserabel erschlossenen, elektronischen Quellen recherchieren. Die grossen Medienhäuser beschäftigen keine DokumentalistInnen mehr. Im Hause Ringier beispielsweise können sich praktisch nur etablierte Journalisten wie Frank A. Meyer erlauben, bei der Datenbankrecherche Unterstützung von einem Profi zu holen.

Viele JournalistInnen begrüssten die Enduser-Recherche in der SMD sogar. Für sie war der Abbau der Dokumentationsstellen kein Verlust. Doch ist der Abbau von Profi-RechercheurInnen tatsächlich ein Gewinn? Die Beherrschung der Enduser-Recherche, dieses zentralen Arbeitsinstruments der DokumentalistInnen, ist nicht einfach – es braucht sehr viel Übung und Erfahrung, um eine fundierte Datenbankrecherche durchführen zu können. Es kann zwar zeitsparend sein, beispielsweise wegen der gängigen Schreibweise eines ausländischen Namens keinen Dokumentalisten zu konsultieren. Bei aufwändigeren Beiträgen jedoch geben sich zu viele JournalistInnen – sicherlich oft aus Zeitdruck, aber auch aus Mangel an Kenntnissen, und dies nicht nur bei Gratiszeitungen – zu schnell zufrieden und realisieren nicht, was ihnen bei der Suche entgeht. Es gibt nicht wenige, die wunderbar schreiben können, ihr Umgang mit Archivsystemen lässt indes sehr zu wünschen übrig, was sich manchmal auch in ihren Werken widerspiegelt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich auf diesem Weg mehr und mehr Fehler einschleichen und erheblich zum wachsenden Misstrauen gegenüber den Mainstream-Medien beitragen.

Angesichts der steigenden Informationsflut tut deshalb eine Wiederbelebung des Berufs des Informationsspezialisten dringend not. Diese würden die von den angeschlossenen Redaktionen gelieferten Artikel mit vernünftigem Aufwand erschliessen und dadurch die späteren Recherchen erheblich erleichtern. Zusätzlich könnten sie eine Auswahl von zusätzlichen Informationen entweder vollständig oder per Link zur Verfügung stellen. Dabei geht es auch um Originaldokumente, die heute vermehrt im Internet zugänglich sind.

Geübte Profi-RechercheurInnen, die sehr viele Informationsquellen kennen und sich mit Abfragesprachen auskennen, können dem gestressten Schreibervolk viel Zeit sparen und damit zur Hebung der Qualität beitragen. Diese Arbeitsteilung ist sehr sinnvoll und hat sich auch in der Vergangenheit bewährt.

Eine Renaissance der MediendokumentalistInnen könnte nicht nur in den Medienhäusern grosses Sparpotenzial mit Qualitätszuwachs bieten. Diese SpezialistInnen könnten auch für auswärtige KundInnen als InfobrokerInnen funktionieren und Medienhäusern damit eine zusätzliche Einnahmequelle eröffnen.

Links zu verwandten Artikeln:

«Mediendokumentationen – Medienhauser bauen ab»
Persönlich 1.6.1999

«Gratisblatt mit Niveau»
Berner Zeitung, 13.2.2010