Ein Gewerbe wie jedes andere auch

Zürich, Sihlquai, September 2010 (Fotos: Mathias Marx / Agentur Ex-Press)

Mehr als 4000 Prostituierte arbeiten in der Stadt Zürich, ein grosser Teil davon im Strassenstrich. Dieser gehört nicht nur zu den gefährlichsten Arten der Prostitution, er hat auch negative Auswirkungen auf ganze Stadtquartiere. Immer wieder hat der Strassenstrich am Sihlquai für Schlagzeilen gesorgt. Die Stadt Zürich will nun mit einer neuen Ver­ord­nung die Prostitution regulieren. Diese geht voraussichtlich Ende Jahr in die Vernehmlassung. Für die ehemalige Sozialamtsvorsteherin der Stadt Zürich, Monika Stocker, sind auch staatliche Bordelle kein Tabu. Ein Diskussionsbeitrag.

In unserer liberalisierten Welt gilt die These: das Sexgewerbe ist ein Gewerbe wie jedes andere auch. Ich bin mir da nicht sicher. Die Art und Weise, wie wir damit umgehen, deutet eigentlich darauf hin, dass wir das ganz anders sehen. Die Situation in der Grossstadt Zürich, und speziell am Sihlquai, hat denn auch zu heftigen Debatten geführt. Ob die vordergründige Empörung auch wirklich jene Zustände meint, die es zu verändern gilt, oder ob da in der Empörung auch eine Sehnsucht mitschwingt, dass doch «alles ganz anders sein müsste»?

Es ist aber so wie es ist

Wir haben einen Markt, Sex ist eine Dienstleistung, die angeboten wird, freiwillig, unfreiwillig, mangels anderer Möglichkeiten. Man kann das Angebot regulieren, mindestens teilweise, also für die Dienstleisterinnen Rahmenbedingungen schaffen, die erträglich sind. Es gibt aber auch eine Nachfrage, und die ist enorm. Diese Seite wird meistens kaum in die Empörung eingeschlossen. Hier lässt Mann sich in der Regel keine Regeln vorschreiben. Und der Markt ist eben – wenn er nicht organisiert wird – sichtbar. Von diesen Fakten ist auszugehen.

Strassenprostitution am Sihlquai

Das Sihlquai liegt am Rande des Wohn- und Ausgehquartiers Kreis 5 (Industriequartier) mit unzähligen Kinos, Bars, Theatern, Museen, Clubs und Musiklokalen. Das Sihlquai ist eine Ausfallsstrasse und beginnt direkt hinter dem Hauptbahnhof Zürich und führt stadtauswärts der Sihl entlang, die beim Unteren Letten in die Limmat mündet. 1992 hat der Stadtrat von Zürich einen überarbeiteten Strichplan in Kraft gesetzt. Das Sihlquai ist Teil des über 10 Kilometer langen Strassennetzes, wo der Strassenstrich erlaubt ist.

In einer Interpellation an den Stadtrat vom 2. September 2009 stellten die beiden SP-Gemeindräte Kathrin Wüthrich und André Odermatt (Odermatt ist heute Stadtrat in Zürich) eine Reihe von Fragen zur problematischen Situation der Prostitution am Sihlquai. Hier finden Sie die Antwort des Stadtrates vom 10. März 2010 (PDF).

In Basel erhalten drogensüchtige Frauen, die auf den Strich gehen, seit mehr als 15 Jahren Unterstützung und Beratung durch die Mitarbeiterinnen der Frauen-Oase. Die Frauen-Oase ist eine Anlauf- und Beratungsstelle für süchtige Frauen. In der Frauen-Oase können sich die Frauen in einem geschützten Raum von der Gasse erholen und direkte Hilfe und kostenlose Beratung in Anspruch nehmen.
www.frauen-oase.ch

Dass ein internationaler Markt – mit der Einführung der Personenfreizügigkeit seit 2006 noch dramatisiert – sich dorthin ausbreitet, wo viel Geld ist, ist eben markt-logisch. Und dass er benutzt wird, um Geld zu waschen, um sich allenfalls mit andern weltweiten, nicht gern gesehenen, aber tatsächlich in Hülle und Fülle vorhandenen «Waren» zu verbinden, ist die Logik des weltweiten Kapitalismus und Neoliberalismus. Nur wenn wir sehen, wie es eben ist, können ehrliche Lösungen gesucht werden.

Was nicht stört – was stört

Natürlich gibt es das Sexgewerbe seit Jahrhunderten in verschiedenen Varianten. Die Gewerbe, die in etablierten Häusern und Massagesalons die Dienstleistungen erbringen, und die Home- und Begleitservices stehen denn auch kaum zur Diskussion. Blanke Nerven gibt es meistens wegen des Strassenstrichs, weil er mit enormen Immissionen verbunden ist. Autos, lauten Verhandlungen, Abfall. Ein erster gangbarer Weg wäre es, Orte zu schaffen, nah am Strassenstrich, wo die Dienstleistung erbracht werden kann: Boxen, Laufhäuser, Bordelle. Damit sich die Immissionen in Grenzen halten, müssten es Orte sein mit guter Zufahrt, die nicht unmittelbar in Wohngegenden liegen. Aber das beisst sich bereits mit der Philosophie, dass man dieses Gewerbe eben gerne anonym abwickelt, nicht identifiziert werden will.

Ein Widerspruch, der nicht zu lösen ist

Nicht «gesehen werden und doch mitten in der Stadt» – das ist ein Widerspruch, der nicht zu lösen ist. Es geht eben nicht: Alles, subito, billig, anonym und niemand merkt es. Dieses Gewerbe braucht Einschränkungen, Regulierungen. Die Herren werden sich dem Markt anpassen müssen und sie werden es auch tun.

Es geht um Gesundheit und Sicherheit

Es geht ja vor allem um Geld, das ist klar. Doch eine Gesellschaft hat nicht den Auftrag, einem Markt zum uneingeschränkten Durchbruch zu verhelfen, sondern auch die Gesundheit und die Sicherheit aller Beteiligter und der Gemeinschaft zu garantieren. Hier hört eben die Gewerbefreiheit auf, es treten andere Massstäbe in den Vordergrund:

Markenzeichen – Markt-Zeichen

Ich kann mir vorstellen, dass es heute nun in der Stadt Zürich – wie damals bei der offenen Drogenszene – um markante Zeichen geht, robuste, die den Gestaltungswillen zeigen und nicht ein «laisser faire». Ich kann mir eine Strassenstrich-Zone mit Verrichtungsboxen in nicht allzu weiter Entfernung von einem Laufhaus vorstellen. Wo immer zukünftig der Strassenstrich geduldet werden wird, wichtig ist, dass er ergänzt wird mit Verrichtungsboxen und allenfalls in Gehdistanz zu einem Laufhaus. Alles andere ist für die arbeitenden Frauen gefährlich und ermüdend. Dabei sollen soziale Auffangnetze und Hygieneorte durchaus sichtbar bereitgestellt werden.

Zudem ist meines Erachtens vorstellbar, dass in Zürich ein bis zwei Bordelle eingerichtet werden, in denen sich Frauen fest einmieten können und den Beruf «freier» ausüben können als auf dem Strassenstrich und unter der Fuchtel von Zuhältern. Warum ein solches Haus nicht auch staatlich führen? Ich erinnere an die staatlich kontrollierte Heroin-Abgabe, ein unerlässlich wichtiger Schritt, der nach innen und nach aussen, im In- und im Ausland aufzeigte: Wir machen eine klare Sache, wir haben es im Griff und wir dulden kein «anything goes». Wer dann selbst so nah am Markt ist, kann auch Standards setzen bezüglich Sicherheit, Gesundheit und Hygiene und auch des Preises. Das gilt auch, wenn die Stadt einer Stiftung oder einem Verein einen solchen Leistungsauftrag überträgt. Eine solche Vision wird unweigerlich zu Debatten führen, die, so meine ich, nötig sind und geführt werden müssen.

Flankierende Massnahmen

Selbstverständlich braucht es flankierende Massnahmen. Es braucht Beratung für Ausstiegswillige, es braucht eine klare Zusammenarbeit mit den Migrationsbehörden, und es braucht ein «Commitment» zwischen Gesundheits-, Sozial- und Polizeidiensten. Ebenso braucht es – wie in der Drogenfrage auch – eine kontinuierliche Konsultation zwischen staatlichen, privaten und kirchlichen Instanzen, also einen Runden Tisch des Austauschs und der fachlichen Weiterentwicklung bezüglich Prostitution der Stadt Zürich. Erst wenn alle glaubhaft und gezielt am selben Thema arbeiten, zeigt es auch Wirkung. Selbstverständlich sind in dieser Frage auch die frauenzentrierten Büros und Dienstleistungen besonders kompetent. Sie sollen mitberaten und mitentscheiden können und auch mittragen.

Und es könnte tatsächlich eines Tages sein, dass das Sexgewerbe ein Gewerbe ist wie jedes andere auch. Allerdings – da bleibe ich altmodisch und bieder – halte ich es noch immer für ein ungemütliches für die Dienstleisterinnen und wünsche jeder Frau eine andere Option.

Wir danken der Agentur Ex-Press. Sie hat uns die Bilder von Mathias Marx kostenlos zur Verfügung gestellt. Mathias Marx ist Teilnehmer des Studiengangs Redaktionelle Fotografie 2010–2011 am MAZ in Luzern.