Speakers' Corner:

Der Verlust der öffentlichen Verantwortung – und wie wir sie zurückgewinnen müssen

Illustration: Lena Eriksson

Von Richard David Precht

Am nordöstlichen Ende des Hyde Park, in der Nähe des Marble Arch, liegt Speakers' Corner, die «Ecke der Redner». Für London-Touristen ist der Wettstreit skurriler und geltungssüchtiger Selbstdarsteller eine Attraktion. Jedes Wochenende sieht man Männer auf Bierkisten unter Platanen stehen, viele aus dem islamischen Kulturkreis. Umringt von einer Traube von Menschen machen sie sich in alle Winde geltend. Und wer den grösstmöglichen Unsinn am lautesten und unterhaltsamsten vorträgt, lenkt den Schwarm zu sich und dominiert das Spektakel.

Was heute mit Worten wie «peinlich» und «albern» nett umschrieben ist, war einst eine gute Idee. Der Legende nach hielten hier die Verurteilten unter dem Galgen von Tyburn ihre letzten Reden; eine Geschichte, etwas zu heroisch, um wahr zu sein. Den Galgen gab es, von der Tradition der letzten freien Rede weiss nur die farbige Erzählung. Im Jahr 1855 versammelten sich aufgebrachte Arbeiter im Hyde Park. Sie empörten sich gegen das Verbot, am Sonntag kaufen und verkaufen zu dürfen, dem einzigen Tag, an dem sie überhaupt Gelegenheit dazu hatten. Von nun an rissen die Versammlungen von Arbeitern im Park nicht mehr ab. Ihre Forderung auf das «Recht der freien Rede» verhallte nicht ungehört. Nach ungezählten Scharmützeln überliess das Parlament 1872 der Parkverwaltung, darüber zu entscheiden, wer im Hyde Park reden durfte und über was.

Seitdem galt Speakers' Corner als der Platz der freien Rede. Persönlichkeiten wie Karl Marx, Lenin und George Orwell schärften hier ihre rhetorischen Klingen. Und zahlreiche lokale Redner wurden innerhalb Londons weltberühmt. Heute hingegen ist Speakers' Corner schlechte Folklore. Kein Pathos der freien Rede, kein Hauch einer gelebten Meinungsvielfalt, kein Geist einer lebendigen Demokratie strahlt unter den Bäumen hervor. Was heute mit der Glut des Apostels vorgetragen wird, bringt die steinernen Verhältnisse schon lange nicht mehr zum Tanzen. Konserviert ist vor allem eines: das Recht auf die ungestrafte Verbreitung von Blödsinn.

Richard David Precht

Richard David Precht, Philosoph, Publizist und Autor, wurde 1964 in Solingen geboren. Er promovierte 1994 an der Universität Köln und arbeitet seitdem für nahezu alle großen deutschen Zeitungen und Sendeanstalten. Precht war Fellow bei der «Chicago Tribune». Im Jahr 2000 wurde er mit dem Publizistikpreis für Biomedizin ausgezeichnet. Er schrieb Romane und Sachbücher. Mit seinem Philosophiebuch «Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?», das monatelang an der Spitze der Bestsellerliste stand und bereits in 25 Sprachen übersetzt wurde, begeisterte er Leser wie Kritiker. Auch sein letztes Buch «Liebe. Ein unordentliches Gefühl» war ein großer Bestsellererfolg. Richard David Precht lebt in Köln und Luxemburg.

Das vorliegende Kapitel «Speakers' Corner» ist aus dem neuesten Buch von Richard David Precht:

«Die Kunst, kein Egoist zu sein. Warum wir gerne gut sein wollen und was uns davon abhält»
Goldmann, München 2010
544 Seiten, 33.90 Franken
ISBN: 978–3–442–31218–4.
http://www.randomhouse.de

Der Text wurde uns vom Autor freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Richard David Prechts Vortrag an den Medientagen in München zu Medien und Öffentlichkeit:
www.youtube.com/watch?v=3RP2zQBBRy0
www.youtube.com/watch?v=dNYI5R9n6DQ

Reden an einer Strassenecke zu halten ist heute ein Anachronismus. Die wahren Redner von heute finden sich längst in den Nachmittagstalkshows des Fernsehens und vor allem: in den Meinungsforen des Internets. Hier darf jeder (fast) alles sagen, was er will. Er kann sich austauschen, sich belustigen und bekriegen, er darf Meinungen verbreiten, bewerten und loben, bekämpfen, pöbeln und verreissen. In diesem Sinne ist das Internet gelebte Demokratie – wenn auch vielleicht nur in diesem Sinne.

Ist unsere Demokratie durch die neuen Medien demokratischer geworden? Gibt sie uns die Möglichkeit zu mehr Mitbestimmung? Erhöht das Internet den sozialen Zusammenhalt und das gesellschaftliche Verantwortungsbewusstsein? Oder sorgen die neuen Medien ganz im Gegenteil für mehr Egomanie und Narzissmus? Verstärkt sich das Gemeinsame oder das Trennende? Helfen sie uns, mit einem Wort, weniger egoistisch zu sein, oder kultivieren sie den Egoismus?

Um diese Fragen zu beantworten, muss man zunächst schauen, wozu unsere Massenmedien allgemein gut sind. Ihre wichtigste soziale Funktion ist es, Öffentlichkeit herzustellen. Wo sich ehedem im alten Athen auf der Agora, im Forum Roms oder auf den Piazzen der Renaissance die Menschen zum Austausch über ihr Leben und ihre Gesellschaft zusammenfanden, informieren in unserer komplexen Welt vor allem die Massenmedien darüber, was «wichtig» ist. Öffentlichkeit in diesem Sinn meint eigentlich nichts anderes, als dass viele über das Gleiche reden. Um zu wissen, in welcher Gesellschaft und in was für einer Welt ich lebe, reicht mein Umgang mit anderen Menschen kaum aus. Und was auch immer mein Bild der Welt bestimmt, ohne Massenmedien wie Bücher, Zeitungen, Radio, Fernsehen oder Internet wüsste ich darüber so gut wie nichts.

Ein «Thema» aber wird eine Sache noch nicht allein dadurch, dass ich davon lese oder höre. Ein Thema entsteht, indem mehrere Menschen über das Gleiche reden. Ohne Massenmedien gäbe es in unserer komplexen Welt keine Öffentlichkeit. Und ohne Öffentlichkeit kein von vielen mehr oder weniger ähnlich gesehenes Bild von unserem Leben und vom Leben der anderen. Massenmedien sichern, mit Niklas Luhmann formuliert, die «Anschlussfähigkeit von Kommunikation».

Demokratie ist nicht nur der Austausch verschiedener Interessen und Ansichten, als die sie oft missverstanden wird.1 Denn um diese Meinungen überhaupt austauschen zu können, muss man zunächst einmal im gleichen Film mitspielen. Mit dem US-amerikanischen Philosophen Donald Davidson (1917–2003) gesagt: Um in einer Sache unterschiedlicher Ansicht zu sein, muss man in sehr vielen anderen Dingen übereinstimmen. Ansonsten nämlich würde man sich gar nicht erst verstehen! Man muss die gleiche Sprache sprechen, einen gemeinsamen Ort für den Austausch finden, gewisse Spielregeln teilen, die gleichen Werte zumindest kennen, die Rhetorik des anderen begreifen und seine Haltungen auch dann nachvollziehen können, wenn man sie nicht teilt. Gerade in diesem Sinne sind Massenmedien ein wichtiger Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält.

1 So etwa Stefan Münker in seiner Replik auf meine Rede bei den Münchner Medientagen 2009: «Dabei gestaltet sich die Öffentlichkeit vor allem auch als eine Sphäre zur Artikulation abweichender Meinungen und partikularer Interessen. Eben damit wird sie zum Lebenselixier demokratischer Gesellschaften, die nicht zufällig der Freiheit, gegen politische oder ökonomische Widerstände Kritik öffentlich und medial äussern zu dürfen, eine so wichtige Stellung einräumt.» Für die gleiche Augenhöhe, unter www.perlentaucher.de.

Inwiefern sie, allen voran das noch immer wichtigste Leitmedium Fernsehen, diese soziale Funktion zufriedenstellend erfüllen, darüber gibt es höchst kontroverse Ansichten. Der durchschnittliche Deutsche sieht heute 103 Stunden im Monat fern, das sind mehr als drei Stunden am Tag. Doch hinsichtlich Nutzen und Nachteil dieses Treibens für die Herstellung von Öffentlichkeit und Gesellschaft scheiden sich seit jeher die Geister. Seit Einführung des Fernsehens wird über dessen Bildungs- oder Verblödungskraft gestritten. Zuletzt im grossen Stil, als Mitte der 1980er Jahre das Privatfernsehen auf den Markt drängte und Inhalte verbreiten durfte, die zwar «durchaus nicht im Neandertal entstanden», ihm aber «stark verpflichtet geblieben» sind.2 Das Ende der Monopolstellung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gewann Züge einer Apokalypse, «grösser als Gorleben», wie Niedersachsens Ministerpräsident ernst Albrecht meinte, und in den Augen Helmut Schmidts «gefährlicher als Kernenergie».3 Einen ernsthaften Versuch, die Entwicklung aufzuhalten, gab es gleichwohl nicht. Alle anderen westeuropäischen Länder machten es auch. Und Schwarmverhalten, Pfadabhängigkeit und Lobbyismus liessen zwingend erscheinen, was nicht zwingend war.

2 So der Schriftsteller Hans Wollschläger in seinem Essay Tiere – Rechte – Ethik. Kleines Parlando über die grossen Dinge, in: ders.: Tiere sehen dich an. Essays, Reden, Wallstein 2002, S. 253.

3 Zitiert nach Mathias Greffrath: Hamlet zur Primetime, in: Ausverkauft. Wie das Gemeinwohl zur Privatsache wird. Edition Le Monde diplomatique, Nr. 6, 2009, S. 65.

Die Folgen sind bekannt. Das deutsche Fernsehen ist heute in der Spitze so gut wie noch nie und in der Breite unvorstellbar schlecht. Während Spielfilmproduktionen im Konkurrenzdruck immer perfekter wurden, passten sich die Öffentlich-Rechtlichen in vielen anderen Segmenten den Privaten an: von den Nachrichtensendungen bis zum Nachmittagsprogramm. Politiksendungen wandelten sich in Tratsch und Glamour, Geschichtsdokumentationen zu Sensationsgetrommel, Sportsendungen zu Füllseln für Werbeblöcke. In dieser Hinsicht war die Einführung des «Dualensystems» der Beginn einer Abwärtsspirale, eines Unterbietungswettbewerbs durch Trivialisierung und Beschleunigung. Die Werbeästhetik trat ihren Siegeszug in alle Programmsparten an, der Trailer-Rhythmus unterband das Nachdenken, die Quote wurde zum einzigen ernsthaften Erfolgsmesser. Und da alles nach dem Prinzip von shifting baselines funktionierte, geschah es weitgehend ohne gefährlichen Protest. Kein Fernsehzuschauer aus den 1980er Jahren kam in die Verlegenheit, sich am nächsten Tag das Programm von 2010 anzusehen – zum Glück für die Macher.

Um zu verstehen, wie dieser Prozess möglich war, muss man sich vor Augen führen, was die Vision der 1980er und 1990er Jahre war: die Idee, den Wohlstand und das Wachstum unserer Gesellschaft weniger auf der Produktion von Kohle und Stahl aufzubauen als auf der Produktion von Sinn und Unsinn.4 Weiter hinaus träumte man zudem vom Verschmelzen von Unterhaltungs- und Informationstechnologie in einer schönen bunten Welt aus Fernsehen und Internet mit ungezählten neuen Arbeitsplätzen. Gegen diese Vision erschienen alle Bedenken klein und rückwärtsgewandt. Die Frage, ob diese Utopie dem sozialen Zusammenleben förderlich sei, wurde zwar gestellt, aber kaum von Wirtschaft und Politik.5

4 Vgl. dazu meine beiden Essays in DIE ZEIT Nr. 33, 1997: Die Invasion der Bilder. Niemand stellt Fragen, das Digitalfernsehen antwortet und Nr. 27, 1998: Die Ware Vision.

5 Zur Medienkritik der 1980er Jahre vgl. Neil Postman: Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, Fischer 1985; Klaus von Bismarck, Alexander Kluge, Ferdinand Sieger: Industrialisierung des Bewusstseins. Eine kritische Auseinandersetzung mit den «neuen» Medien, Piper 1985; Hans Magnus Enzensberger: Mittelmass und Wahn, Suhrkamp 1988.

Aus heutiger Sicht wissen wir, wie masslos überzogen die Erwartungen an Gewinne und Arbeitsplätze waren. Volkswirtschaftlich handelte es sich um Antworten auf nicht gestellte Fragen. Was an Werbekunden ins Privatfernsehen wechselte, fehlte Zeitungen und Zeitschriften. Gleichwohl machten bis heute nur zwei der grösseren Privatsender mit ihren Programmen Gewinne. Für das Abwechslungsbedürfnis des durchschnittlichen Fernsehkonsumenten braucht es ohnehin nur eine überschaubare Zahl an Kanälen, der Rest ist der Rest. Wenn sich dieser Markt jetzt und in Zukunft wieder gesundschrumpft, geht nichts verloren, dem sich nachzutrauern lohnt.

Auf der schwer einschätzbaren Seite der Rechnung steht die Frage nach dem sozialen Nutzen. Ohne Zweifel haben die privaten Sender in den vergangenen 25 Jahren viel geleistet für die örtliche Betäubung von Gehirnen. Arbeitslose sitzen heute kaum noch auf der Strasse, sondern vielmehr vor dem Fernseher und dem Computer, dazu Rentner, Kinder und Einsame. Und ebenso zweifellos hinterlässt diese Befriedung durch Befriedigung Spuren: zwar keine Erfüllung, aber zumindest weitgehende Ruhe. Wie hoch das Empörungspotential der Zu-kurz-Gekommenen in unserer Gesellschaft wäre, gäbe es dafür keine Ablenkungsindustrie, will man lieber gar nicht wissen.

Die wohl wichtigste Folge aber ist eine andere: dass das gesamte Fernsehen, einschliesslich der Öffentlich-Rechtlichen, einen enormen Verlust an Verantwortungsgefühl erlitten hat. Auf dem Markt der Medien wird, wie auf allen übrigen Märkten, alles nach Geld und Quote berechnet. Die Marktnormen haben die Sozialnormen hier definitiv verzehrt. Als Wächter über ihre Quoten sehen sich auch die öffentlich-rechtlichen Intendanten als Unternehmer und nicht wie noch in den 1980er Jahren als Pädagogen. Ein paar Feigenblätter für den Bildungsauftrag einmal ausgenommen, halten sie in erster Linie für werthaltig, was viel nachgefragt wird. Nicht-ökonomische Werte haben massiv an Bedeutung verloren. Daran ändert auch nichts, dass die Einflussnahme der Politik auf Personal und Programminhalte im Gegenzug stark angestiegen ist.

Wenn die Vermittlung demokratischer, gesellschaftlicher, kultureller und ökologischer Werte nicht mehr Grundlage des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ist – bei den Privaten war sie es ja ohnehin nie –, so darf man sich eigentlich über das Internet freuen. Für den Medienromantiker verbindet es sich mit der Vision eines enormen Zuwachses an Demokratie. Menschen aller Herren und Damen Länder vernetzen sich als Nutzer in sozialen Netzwerken, Blogs oder anderen Plattformen des Web 2.0., tauschen sich aus und informieren sich frei und fernab der gelenkten Kanäle anderer Massenmedien. Eigentlich eine grossartige Sache. Wo früher Programmmacher und Chefredakteure die Welt filterten und hierarchisch vorstrukturiert präsentierten, herrschen heute Freiheit, Demokratie und der Austausch auf Augenhöhe. Das Internet als Ort wohltuender Anarchie – das ist die eine Seite der Medaille.

Betrachtet man die andere Seite, so fragt sich, ob Anarchie eigentlich gleich Demokratie ist. Heisst «mehr Demokratie wagen» tatsächlich nur, die Meinungs- und Informationsvielfalt zu erhöhen? Wer für ein Mehr an Demokratie, etwa durch Volksentscheide, wirbt, weiss gleichwohl, dass Demokratie abhängig bleibt von Hierarchien. Über die Verfassungsmässigkeit unserer Gesetze stimmen aus gutem Grund nicht Millionen User ab, sondern ein «elitäres» Bundesverfassungsgericht. Und demokratisch legitimierte Hierarchie ist nichts per se Schlechtes. Eine Gesellschaft ganz ohne Hierarchien wäre vermutlich viel undemokratischer als eine mit Hierarchien. Anarchie ist die Herrschaft der Lautesten, der Rücksichtslosesten und vermutlich auch der Kriminellsten. Eine solche Anarchie wünschte sich nicht einmal der Anarchist Pjotr Kropotkin.

Dass Menschen sich über Plattformen und Blogs weltweit miteinander frei austauschen können, ist etwas Gutes und Schönes. Aber aus Sicht der Demokratie handelt es sich dabei sowohl um einen Zugewinn wie um einen Verlust. Nicht anders sieht dies der Philosoph Jürgen Habermas (*1929), wenn er feststellt, das Internet fragmentarisiere das «gleichzeitig auf gleiche Fragestellung zentrierte Massenpublikum».6 Denn vorerst «fehlen im virtuellen Raum die funktionierenden Äquivalente für die Öffentlichkeitsstrukturen, die die dezentralisierten Botschaften wieder auffangen, selegieren und in redigierter Form synthetisieren».7

6 Jürgen Habermas: Ach, Europa, Suhrkamp 2008, S. 162.

7 ebd. S. 162.

Die Schelte, die Habermas für seine Kritik der neuen Medien hat einstecken müssen, ist immens. Einem Generationenkonflikt gleich attestieren ihm die Verteidiger des Netzes, hoffnungslos veraltet zu sein. Solche Thesen, so der Tenor, könne nur schreiben, wer die neuen Regeln und Gesetze, die Gewohnheiten und Gebräuche des Internets nicht verstanden habe. Was Habermas früher über die alte Öffentlichkeit klug geschrieben habe, leiste nun der israelisch-US-amerikanische Jurist Yochai Benkler (*1964) von der Harvard Law School für das Internetzeitalter. Er gebe die Regeln vor, nach denen das Internet heute sehr wohl eine gemeinsame Öffentlichkeit herstelle.8 Für Benkler wird das Netz dann zu einem Segen, wenn alle Zugang zu ihm haben, verdächtige Akteure herausgefischt werden, gute Vernetzungsmöglichkeiten eine «öffentliche Meinung» befördern und sichergestellt wird, dass Regierungen dabei nicht manipulieren können.

8 Yochai Benkler: The Wealth of Networks. How Social Production Transforms Markets and Freedom, Yale University Press 2007.

Hat Benkler Recht, so besteht zwischen der hochpersönlichen Form, in der wir uns im Internet informieren, und dem Herausbilden einer öffentlichen Meinung kein Widerspruch. Denn die Summe aller hochpersönlichen Sortimente ergebe am Ende durchaus ein funktionierendes Warenhaus. Die alten Medien mit ihrer altmodischen Rhetorik, ihren inszenierten Ritualen, ihrer staatstragenden Bedächtigkeit und ihren eitlen Meinungsmachern wirkten dagegen schal und überholt. Kein Wunder, dass vor allem die jüngere Generation diesem Meinungstheater nicht mehr viel abgewinne. Sie lebe nicht mehr in dieser alten Schwarz-Weiss-Welt, sondern auf den vielen neuen bunten Spielplätzen einer neuen mehrdimensionalen Welt der Noosphäre (von alt-griechisch nous = Geist), dem Raum aller denkbaren Gedanken.

So weit, so richtig. Und so romantisch. Doch wie jede grosse gesellschaftliche Vision, so überschätzt auch diese den Menschen ganz gewaltig. Die erste Fehleinschätzung betrifft unser psychologisches Aufnahmevermögen. Während die alten Massenmedien Informationen bündelten, wie Eisenspäne in einem Magnetfeld, müssen und dürfen wir dies im Netz selber tun. Die Auswahl ist zwar freier und grösser, aber unsere Aufmerksamkeitskapazität bleibt die gleiche. Auch die neuen Medien bringen keinen neuen Homo sapiens hervor und kein neues Gehirn; sie beanspruchen es nur etwas anders. Die Komplexität der Welt, die wir nicht nur wahrnehmen, sondern begreifen können, wandelt sich überhaupt nicht. Und je mehr wir im Netz sehen, umso stärker müssen wir es zugleich filtern.

Nach Ansicht von David Gelernter (*1955), Professor für Informatik an der Yale University und einer der führenden Köpfe der Medien-Revolution, ändert sich unser Informations-Zustand bei der Internet-Nutzung nicht im Umfang. Der «Rockstar» des Computerzeitalters, der die Entstehung des Internets bereits 1991, fünf Jahre vor seiner Einführung, prophezeit hatte, sieht nur einen wirklich wesentlichen Unterschied zwischen alten und neuen Medien. Die Nutzer des Internets «wissen ums Jetzt. Die Netzkultur ist eine Kultur der Jetztigkeit. Das Internet lässt uns wissen, was unsere Freunde und die Welt jetzt gerade treiben, wie Geschäfte und Märkte und das Wetter jetzt gerade sind, wie die öffentliche Meinung, die Trends und Moden jetzt aussehen.»9 Keine Generation war so sehr auf die Gegenwart konzentriert wie die heutige der jungen Menschen. Und sie interessieren sich für Dinge in aller Welt, weil sie sich nur noch mit dem beschäftigen, was heute geschieht und nicht gestern geschehen ist. Das Ergebnis aber, so Gelernter, sei nicht Vielfalt, sondern paradoxerweise Gleichheit: «Nach und nach hat sich die Aufmerksamkeit der westlichen Welt von dem engen Raum einer Familie oder Ortschaft und ihrer Geschichte auf eine grössere Gemeinschaft, eine ganze Nation, die ganze Welt gerichtet. Der Starkult, der Einfluss von Meinungsumfragen, die schwindende Bedeutung geschichtlichen Wissens, die Uniformität der Meinungen und Einstellungen unter Akademikern und anderen gebildeten Eliten – all dies ist Teil desselben Phänomens.»10

9 David Gelernter: Wie wir mit unserem Leben in Verbindung bleiben, in: FAS vom 28. Februar 2010.

10 ebd.

Das Internet macht uns also nicht durchgängig schlauer als andere Medien, sondern es fördert eine bestimmte Form der Schlauheit mit all ihren Risiken und Nebenwirkungen. Es verzerrt unsere Wahrnehmung der Welt zugunsten des Jetzt. Viel differenzierter sind wir dadurch vermutlich nicht geworden. Das Bedürfnis durchschnittlicher Menschen danach, sich mit fremden und abweichenden Meinungen zu beschäftigen, liegt vermutlich seit längerer Zeit auf einem konstant gleichen Niveau. Und «das Internet, wie es heute ist, ist im Grunde eine Maschine zur Stärkung unserer Vorurteile. Je grösser das Angebot an Informationen ist, desto pingeliger entscheiden wir uns mitunter für genau das, was uns zusagt, und ignorieren alles andere. Das Netz gewährt uns die Befriedigung, nur Meinungen zur Kenntnis zu nehmen, mit denen wir bereits konform gehen, nur Fakten (oder angebliche Fakten), die wir schon kennen.»11

11 ebd.

Der zweite Fehler der neuen Medienromantik ist, dass sie die wirtschaftliche Dynamik des Internets offensichtlich fehl einschätzt. Enthusiastische Schwärmer der neuen Medienwelt im Netz sehen dort schon deshalb mehr Demokratie, weil auch all die Menschen zu Wort kommen können, die keine kommerziellen Absichten haben. Ging es Medienunternehmern in der Vergangenheit (mit Ausnahme des öffentlich-rechtlichen Fernsehens) auch oder vor allem um Gewinne, so tummeln sich im Netz heute die reinen und netten Idealisten. Einem weiteren Internet-Pionier, dem US-Amerikaner Jaron Lanier, einem der Väter des Web 2.0., entlocken solche Thesen nur ein trauriges Lächeln. Mit Sehnsucht blickt der Schöpfer des Begriffs «virtuelle Realität» in die Zeit, als er selbst in Silicon Valley von solchen Phantasien träumte. Heute dagegen sieht er seine Visionen verraten und verkauft: «Bedauerlicherweise wird nur ein einziges Produkt seinen Wert behalten können ... Am ende des Regenbogens der offenen Kultur wartet der ewige Frühling der Werbung. Die offene Kultur erhöht die Werbung ... und stellt sie in den Mittelpunkt unseres Universums.»12

12 Jeron Lanier: Warum die Zukunft uns noch braucht, in FAS vom 17. Januar 2010.

Lanier und seine Gefährten zerstörten nicht die Werbung, den «schlimmsten aller Teufel des kommerziellen Fernsehens». Stattdessen glichen sie dem unseligen Professor Abronsius aus Roman Polanskis Film «Tanz der Vampire», der das Böse, das er so sehr bekämpfte, mit sich hinaus in die Welt trug. Das Internet, so Lanier, ist eine gewaltige kommerzielle Maschine, die letztlich nichts anderes tut als das: Kultur in Werbung zu verwandeln. «Es ist absurd, wie entscheidend Werbung für die neue digitale Schwarm- oder Bienenstockökonomie ist, und noch absurder, dass von diesem umstand nicht mehr Aufhebens gemacht wird.»13

13 ebd.

Nach Lanier lässt sich der schaden durch das Absterben der alten Medien für unsere Demokratie nur schwerlich übertreiben. Zur psychischen Unterwanderung unseres Bewusstseins durch Reklame kommen Missbrauchsmöglichkeiten, die subtiler und perfider kaum sein können. Portale und Blogs sind längst von Firmen unterwandert, die dort Meinungen bilden und Produkte anpreisen. Interessen und Kaufgewohnheiten sind und werden in bisher ungekanntem Mass ausspioniert.

Wenn man vergisst, neue Menschen zu erfinden, warum sollen die Gefahren des Internets dann geringer sein als bei den anderen Massenmedien? Hat das Privatfernsehen tatsächlich zu einem Mehr an Freiheit und Vielfalt geführt, wie ursprünglich beschworen? Oder hat es ein Mehr an Unfreiheit verursacht, durch Werbemanipulation und gern angenommene Verblödung? Und auch in der schönen neuen Welt des Netzes werden Pornoseiten noch immer weit mehr gesichtet als Wikipedia.

Schon als in den 1990er Jahren Bill Clinton und sein Vizepräsident Al Gore die Entwicklung des Internets vorantrieben, war zumindest Gore nicht frei von persönlichen kommerziellen Interessen. Schon vor seinem Amtsantritt mit der Hightech-Informationsindustrie verbandelt, verdient der Prophet einer neuen und demokratischeren Internet-Demokratie nach Angaben des US-Senders ABC heute mehr als 100 Millionen Dollar im Jahr mit einer Computerfirma.14

14 www.abcnews.go.com/GMA/story?id=3281925

Doch die Vision krankt schon ohne falsches Pathos: Besteht eine demokratischere Demokratie tatsächlich darin, dass alle mit allen über alles chatten können und sich die Informationen und Bilder herbeiholen, wie sie möchten? In einem Land wie China oder dem Iran mag dies so sein. In den westlichen Ländern hingegen fügt das Prinzip des Internets der Demokratie noch lange nicht grundsätzlich etwas hinzu. Es verhindert keinen postdemokratischen Regenten wie Silvio Berlusconi, es solidarisiert nicht die unzufriedenen, es unterbindet nicht den Lobbyismus oder führt zu echter Mitbestimmung.

Was also tun, um den alten Geist von Speakers' Corner wiederzubeleben für die heutige Zeit? Wie macht man die Massenmedien zum Ort von konstruktiven Ideen, die tatsächlich auf die Gemeinschaft einwirken? Wie etabliert man die Kunst, kein Egoist zu sein, medial?

Die Antwort fällt im gleichen Spannungsfeld wie jene in Wirtschaft und Politik. Die Wirtschaftsdynamik auf der einen Seite braucht als Widerpart eine am Gemeinwohl orientierte Gegenmacht – halb Staat und halb Engagement von unten. Es bedarf einer doppelten Anstrengung. Übernimmt diese Aufgabe der Staat allein, mündet die gute Absicht in einer fragwürdigen «Erziehungdiktatur»; wird sie nur von unten angegangen, bleibt das Engagement fragmentarisch.

Was die alten Medien anbelangt, so ist ihre Krise unübersehbar. Nicht nur schwimmen ihnen an vielen Orten die wirtschaftlichen Grundlagen weg – Zeitungen gehen nach und nach in Konkurs und ebenso private Sender.15 Auch ihre weltanschaulichen Fundamente, auf denen Zeitungen ihre Leser, öffentlich-rechtliche Sender ihre Zuschauer versammelten, sind einer neuen Beliebigkeit gewichen. Die meisten Chefredakteure in Print wie Fernsehen verfechten heute ein entschiedenes «Sowohl-als-auch». Opportunismus scheint heute erste Redakteurspflicht, und wirklich mutiger Journalismus ist selten. Die klassischen Leitmedien dienen, wie der Publizist Mathias Greffrath (*1945) schreibt, «kaum noch als ›vierte Gewalt‹. Mit der wachsenden Gestaltungsschwäche des Staates bündeln sie nicht länger politische Energien, sondern folgen dem Zug zur Personalisierung alternativloser Politikmatadore, zur beliebigen Darstellung von Symptomen, zur Informationsdienstleistung. Hinzu kommt, was von Jahr zu Jahr immer ärgerlicher wird: Die Journalisten als intellektuelle Träger der ›vierten Gewalt‹ sind von der Unentschlossenheit einer – ihrer – Mittelschicht angesteckt, die den anstehenden radikalen Reformen bestenfalls ambivalent gegenübersteht, weil sie ihre Lebenslagen und Privilegien ankratzen.»16

15 In Bezug auf die ökonomische Bedrohung von Qualitätszeitungen scheint es durchaus sinnvoll, darüber nachzudenken, sie durch öffentlich-rechtliche Fonds vor dem Konkurs zu bewahren, wie unter anderem auch Habermas vorschlägt.

16 Mathias Greffrath: Hamlet zur Primetime, S. 66.

Wie öffentlich-rechtliches Fernsehen «Öffentlichkeit» zusammenschweisst, das zeigt sich erfolgreich bei dem mit einem dreistelligen Millionenbetrag bezahlten Gemeinschaftserlebnis «Fussballweltmeisterschaft». Dagegen bringt es kaum etwas hervor, das über den Eventcharakter hinaus langfristige Perspektiven fördert für unser Zusammenleben. Und statt des dringend geforderten gemeinsamen Nachdenkens mit der und für die Bevölkerung etabliert das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer mehr Talkshows mit der Parole: «Tagesaktualität». Der anstehende Strukturwandel unserer Demokratie wird dadurch nicht unterstützt, sondern blockiert.

Um aus dieser Schieflage herauszukommen, bedarf es einer Loslösung der – in Zukunft selbstverständlich werbefreien! – Sender aus dem immer festeren Würgegriff der Politik. Eine solche Rebellion müsste von den Intendanten und Chefredakteuren selbst angeführt werden, den «unkündbaren Lokomotivführern der Anstalten. Mit paritätischer Mitbestimmung der Journalisten in den parteifreien Rundfunkräten, renommierten und ausstrahlenden Journalistenschulen der ARD, wirksamen Redaktionsstatuten, anständigen Frequenzen für den nationalen Hörfunk.»17 Ob die unter den gegebenen umständen in ihr Amt gekommenen Chefredakteure dieses leisten werden, bleibt zwar fragwürdig – aber wo wäre die Alternative? Ein öffentlich-rechtliches Fernsehen, das weiter hinter den Privaten herläuft, verwirkt über kurz oder lang seine verfassungsrechtliche Garantie.

17 ebd. S. 67.

Auch für die neuen Medien wird es in Zukunft um einen ganz bewusst ausbalancierten Spagat gehen zwischen ökonomischer und gesellschaftlicher Vernunft. Wer diese Aufgabe nicht über- nimmt, der sieht zu, wie das Internet in vielen Teilen verkommt wie Speakers' Corner: zu einer Bühne zunehmend lauterer und schrillerer Selbstdarsteller ohne Relevanz, unterstützt von Firmen, die das Spektakel durch Reklame finanzieren.

Wenn es richtig ist, dass ein Mehr an wirtschaftlicher Freiheit zwangsläufig zu einem Mehr an neuen Unfreiheiten führt, so lassen sich Eingriffe in das Marktgeschehen durchaus als freiheitswirksame Leistungen betrachten. Öffentlichkeit und Gemeinsinn stellen sich im Internet nicht, wie oft herbeigewünscht, von alleine ein. Aber man kann sie natürlich fördern. Zwar wird das «Internet nie eine neue Ökonomie hervorbringen, die auf freiwilliger statt auf bezahlter Arbeit beruht; aber es kann dazu beitragen, die beste Wirtschaft aller Zeiten entstehen zu lassen, in der neue Märkte, zum Beispiel ein freier Bildungsmarkt, die Welt verändern».18

18 David Gelernter: Wie wir mit unserem Leben in Verbindung bleiben.

Schon jetzt ist das Internet hilfreich dabei, Kampagnen, wie etwa unlängst jene für den Bundespräsidentschaftskandidaten Joachim Gauck, zu verstärken. Zur Verbreitung von Ideen ist es dabei in der Tat oft hilfreicher als die übervorsichtigen Leitmedien. Plattformen wie utopia.de informieren über strategischen Konsum und die Zusammenhänge von Ökologie und Weltwirtschaft. Das Portal campact.deDemokratie in Aktion organisiert Online-Kampagnen zu den wichtigsten Gegenwarts- und Zukunftsfragen. Und mit glocalist.com gibt es eine mehrfach preisgekrönte Tageszeitung für Wirtschaftsethik, Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung, die neben düsteren auch gute Nachrichten verbreitet. Mit solchen Mitteln können die neuen Medien den bevorstehenden Wandel zu einer aktiveren und demokratischen Bürgergesellschaft zwar begleiten und mit organisieren, aber sie sind deshalb noch nicht diese Bürgergesellschaft selbst.

In der Geschichte der Menschheit diente die Technik dem Menschen zum Überleben, die Kultur dem Zusammenleben. Heute dagegen dient die Technik mehr und mehr dem Zusammenleben. Und man hat gute Gründe zu fragen: Sichert die Kultur das Überleben? Das Überleben unserer Werte, unserer Öffentlichkeit, unserer Gesellschaft? Die Technik wird diese Fragen nicht von alleine lösen durch ein stetiges Anwachsen von Information. Nur wenn wir die Leitwerte unserer Kultur in der Welt des technischen Zusammenlebens dauerhaft und immer wieder neu verankern, wird ihre Rolle eine heilsame sein und nicht eine, die unsere Gesellschaft zersplittert und unseren Gemeinsinn zerstört.