Der Kaugummi:

Potentielles Rohmaterial für die Kreation unseres Doppelgängers?

Liebe neuländerinnen und neuländer

In London ist Pünktlichkeit ein ebenso dehnbarer Begriff wie ein Kaugummi. Entweder man ist zu früh oder zu spät. Entweder man wartet oder sucht krampfhaft nach einer plausiblen Entschuldigung, warum man etwas verspätet ist. Beides kann stressig sein. In dieser Situation greift man zum Kaugummi, den man jederzeit griffbereit hat, wenn es brenzlig wird und der Speichel etwas metallig schmeckt, oder weil das Kauen beim konzentrierten Nachdenken hilft.

Am Donnerstag, 4. November 2010, um 17.45h war ich zu früh. Ich musste fast eine halbe Stunde vor der «Liverpool Station» warten. Das Treffen war ein Plus-Minus-Arrangement und war somit stress- und kaugummifrei. Die Wartezeit erlaubte mir, meine im ständigen Grossstadtgehetze deformierte Wahrnehmung neu zu eichen und wieder ins Lot zu bringen. Man denkt und fühlt anders, wenn man ohne Zeitdruck wartet. Alles ist gelassener, entspannter und nicht mit dem Stress verbunden, irgendwelche einfallsreichen Ausreden und Entschuldigungen zu finden. Man kann seine Gedanken und den Blick ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen und ohne Leistungsdruck herumschweifen lassen und die Welt rundherum fast gedankenlos in sich aufnehmen.

Bei diesem gedankenlos-seinen-Blick-herumschweifen-lassen fiel mir auf, dass der Strassenboden ausserhalb der Tube-Station mit Tausenden von pockenartigen schwarzen Flecken verklebt war – schwarze Flecken soweit das Auge reichte!

Ich stand mitten auf einem Kaugummipockenmeer! Woher kamen all diese gekauten, so leichtfertig weggeworfenen und nun auf dem Boden klebenden Gummistücke? Wer waren die Kauer und Kauerinnen? Warum kauen Menschen Kaugummis? Wie lange schon?

 

Das Kauen von knetbaren Substanzen ist eine sehr alte Geschichte. 1993 fanden Archäologen auf der schwedischen Insel «Orust» in einer prähistorischen Jagdhütte zwischen den Ritzen des Baumrindenbodens drei 9000 Jahre alte mit Honig angereicherte Birkenpechstücke. Diese Birkenpechstücke gelten als früheste Indizien dafür, dass das Kauen von knetbaren Substanzen ein wichtiger Bestandteil des Menschseins ist.

Die Griechen kauten eine Harzmasse namens Mastiche in Form von harzgetränkten, mit Pfefferminze angereicherte Fasern. In Südamerika kaute man «chiclet» und die Indianer Nordamerikas kauten den gummiartigen Saft von Fichten. Warum kauten sie? Man vermutet, aus denselben Gründen wie heute: Erfrischenden Mundgruch, Entstressung, erhöhte Konzentration, Zahnhygiene und das Aktivieren von Magensäuren für die Verdauung.

Heute ist der Kaugummi ein so selbsverständlicher Begleiter des zeitgenössischen Lebens. Viele können sich ein Leben ohne diesen synthetischen Gummi zum Kauen fast nicht mehr vorstellen. Der Kaugummi hat sich nicht nur zu einer alltäglichen Gewohnheit, sondern zu einer intuitiven und automatischen Parallelaktivität unserer Existenz entwickelt.

In London kauft man im Cornershop eine U-Bahnkarte und ein Päcklein Kaugummi, Zigaretten und ein Päcklein Kaugummi, die Tageszeitung und ein Päcklein Kaugummi, ein Sandwich und ein Päcklein Kaugummi. Statistiken zeigen, dass weltweit jährlich 560'000 Tonnen oder 374 Milliarden Stück Kaugummi konsumiert werden.

Wenn man bedenkt, dass der heutige Kaugummi aus synthetischem, biologisch nicht abbaubarem Gummi hergestellt wird, als ein nur kurz einsetzbares Wegwerfprodukt, muss man sich fragen, wie lange man noch so weiterkauen kann angesichts der Unmengen an bereits gekauten Gummis! Natürlich sind biologisch abbaubare Kaugummis auf dem Markt. Doch sie sind teurer, schmecken vielleicht nicht so angenehm und der Kauwert ist limitierter als der seines synthetischen Kollegen.

Auf meiner kleinen Exkursion und Recherche in die Kaugummiwelt stolperte ich über einen Artikel im Internet, der unserem Kaugummiexzess eine interessante und potentiell dramatische Perspektive verleiht. Steven LeBlanc, Archäologe und Sammlungsmanager beim Peabody Museum der Harvard University in Cambridge, Massachusetts, träumte seit Jahren davon, die DNA von Museumsgegenständen bestimmen zu können. Beim Betrachten von «quids-wads», einem natürlichen Ur-Kaugummi aus Pflanzenmaterial, den die Ureinwohner Nordamerikas regelmässig kauten, hatte Steven LeBlanc einen Gedankenblitz; «Quid ... Speichel ... DNA ... DINGDONG!»

Zusammen mit Kollegen nahm er die Forschungsarbeit auf. Und sie wurden fündig: Laut einem Bericht, den sie im Journal of Field Archaeology publizierten, fanden sie im Kaugummi die DNA eines 2000 Jahre alten, heute ausgestorbenen und ursprünglich in Arizona ansässsigen Indianerstamms.

Liebe neuländerinnen und neuländer: Stellen Sie sich vor, dass jeder banale Kaugummi nicht nur ein De-Stresser oder Mundgeruchkiller, sondern auch ein DNA-Speicher ist, der ein anonymes Abbild des Kaugummikauers ist.

In vielen Ländern nutzt man DNA-Datenbanken zur Verbrechensbekämpfung. Einige Länder kämpfen dafür, dass man diese DNA-Datenbanken zur Registrierung und zur fehlerlosen Identifikation von Staatsangehörigen weiter ausbaut. Somit wäre es möglich, dass dem gedankenlos ausgespuckten Kaugummi und DNA-Speicher in 9000 Jahren ein Gesicht gegeben werden könnte. Könnte man dem Gesicht auch einen Körper geben?

Ist das Kaugummimeer, in dem ich stehe, ein potentieller DNA-Garten, der künftigen Forschenden die Keimzellen zum Klonen von Menschen liefert? Das Klonen von Menschen ist heute zwar noch nicht möglich. Doch ist es wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit, bis die Forschung soweit ist!

Stellen Sie sich vor, der Kaugummi, den Sie so gedankenlos in den Eimer spucken, liefert das Rohmaterial für die Auferstehung Ihrer Kopie in einigen hundert Jahren! Und dieser Jemand würde gleich aussehen wie Sie und er würde wiederum einen Kaugummi kauen und gedankenlos in den Eimer spucken ... und das Spiel beginnt wieder von vorne.

Zum Glück sind wir mehr als nur die Summe unserer Gene. Auch wenn die wiederauferstandene Kopie aussieht wie mein Doppelgänger: So ist die Kopie doch ein eigenes, ein anderes Individuum, das natürlich weiterhin das Bedürfnis hat einen Kaugummi zu kauen. Sonst wäre es ja kein richtiger Mensch!