Im Dienste des Regimes

Das Fernsehen ist für die Mehrheit der 74 Millionen Iranerinnen und Iraner das wichtigste und oft auch einzige Informationsmedium. Allerdings wird es vom islamischen Regime massiv zu Propaganda-Zwecken genutzt. Neuerdings auch mittels TV-Serien.

Nach einer politisch bewegten Zeit, die zahlreiche und vielfältige politische Reformgruppierungen hervorbrachte, übernahmen 1979 die islamischen Kräfte die Macht im Iran. Das Fernsehen war im neuen Staat von Anfang an das wichtigste Massenmedium und wurde auf allerhöchster Ebene mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht. Ayatollah Khomeini, erstes geistliches und politisches Staatsoberhaupt, nannte das neue staatliche Radio- und Fernsehen «die Universität». In der Verfassung der neuen «islamischen Republik» wird das Fernsehen unter jenen Institutionen aufgezählt, die direkt der Kontrolle Staatsoberhaupts unterstellt sind.

Zwei Drittel sind jünger als 30 Jahre

Radio und Fernsehen befinden sich in direkter Verantwortung des religiösen und politischen Staatsoberhaupts. Nach Khomeinis Tod ist dies seit 1989 Ali Khamenei. Der Direktor des staatlichen Fernsehens wird von ihm auf jeweils 5 Jahre gewählt. Privates Fernsehen und Empfang von Satellitenprogrammen sind verboten.

Das TV-Publikum: Mehr als zwei Drittel der rund 74 Millionen Iranerinnen und Iraner sind unter 30 Jahre alt. Das Fernsehen ist das wichtigste Massen- und Informationsmedium für die Mehrheit der Iraner.

Die grüne Bewegung: Bei den letzten Präsidentschaftswahlen im Sommer 2009 wehrte sich die Bevölkerung wochenlang gegen die Wahlfälschung durch das islamische Regime, das Mahmud Ahmadinejad als Wahlsieger bestätigte. Mehr als 3 Millionen Iranerinnen und Iraner protestierten unter Lebensgefahr auf den Strassen der Hauptstadt Teheran. Viele Hunderte, insbesondere Studentinnen und Studenten und Exponenten des Unterstützungskomitees des reformorientierten Präsidentschaftskandidaten Moussavi wurden festgenommen und in völlig überbelegten Gefängnissen gefoltert und ermordet.

Persische Kultur: Iran hat eine über 2'500 Jahre alte Geschichte. Im 7. Jahrhundert westlicher Zeitrechnung wurde der heutige Iran islamisiert, die frühere zoroastrische Religion blieb eine der Minderheitenreligionen. Seit 150 Jahren ist der Iran für die westlichen Mächte, allen voran England und USA, von grossem geopolitischem Interesse, was durch die reichen Erdöl- und Gasvorkommen noch verstärkt wurde. Auch die Schweizerische Regierung hat mit dem Iran einen Gas-Importvertrag. Dieser beläuft sich auf mehr als 10 Mil­liarden Dollar.

Anita Hugi

Von Anfang an war das Fernsehen für die Islamische Republik nichts mehr als ein Propaganda-Tool. Diese Propaganda beschränkte sich in den ersten 20 Jahren jedoch auf Nachrichtenprogramme, spezielle Reportagen, TV-Ansprachen des obersten Rechtsgelehrten Khomeini und seines seit mehr als 20 Jahren, seit Juni 1989, amtierenden Nachfolgers Ali Khamenei.

Ab Mitte der Amstzeit des reformorientierten Präsidenten Mohammad Khatami rückten auch die TV-Serien ins Visier des Regimes. Dies, weil die staatliche Vormachtstellung in der Information wegen der zunehmenden Anzahl von Internet-Usern und Nutzern der (verbotenen) Satellitenprogramme zu erodieren begann. Zudem hatte in der reformorientierten Präsidentschaftszeit Khatamis (1997–2004) die Qualität und Quantität der Print-Presse zugenommen.

Um die öffentliche Meinung zu bespielen, wandten sich die TV-Direktoren darum dem populären Genre TV-Serie zu. Die neuen Fernsehserien wurden fortan in Abstimmung mit dem Regime entwickelt und widerspiegeln seither die staatspolitische Agenda des Regimes.

Seit Mahmud Ahmadinejad den reformorientierten Khatami im Präsidentenamt 2005 abgelöst hat, verstärkte sich die staatliche Einflussnahme auf die Fernseh-Serien zunehmend. Es geht nicht mehr nur um einzelne Einflussnahmen auf die Story, vielmehr gibt das Regime seither selber die Themen vor. Erstmals geschah dies bei der 40-stündigen Sitcom «Vier Häuser»: Mit dieser Serie wird die Nuklear-Politik des iranischen Regimes auf bildlich eingängige Art gegenüber der eigenen Bevölkerung gerechtfertigt.

All diesen Auftragsproduktionen gemeinsam ist ein schwaches Storytelling und Fehler in der erzählerischen Logik. Da die indirekte Vermittlung der «Botschaften» des Regimes im Vordergrund steht und diese zudem massiv überstrapaziert wird, mangelt es den Geschichten oft an Glaubwürdigkeit und erzählerischer Dichte. Es wird thematisch hervorgehoben, was auf Befehl von oben hervorgehoben werden muss, anstatt dass sich ein Thema aus der Geschichte selber ergibt.

Iran, Teheran (Foto: Marc Latzel)

Die Einflussnahme des Regimes auf die öffentliche Meinung durch TV-Serien kann in sieben Hauptbereiche unterteilt werden:

Rechtfertigung der Nuklear-Aktivitäten
durch Schüren von Nationalstolz

«Unzerstörbare Spiegel» ist die erste TV-Serie, in der die staatliche iranische Atomenergieorganisation, die für alle atomtechnischen Anlagen im Iran verantwortlich ist, die Hauptrolle spielt. Die Serie, die einer Spionage-Geschichte aus der Zeit des Kalten Kriegs nachempfunden ist, fokussiert auf einen imaginären Feind, der den Iran angreifen will. Es war das erste Mal, dass die zentralen Verwaltungsgebäude der Atomenergieorganisation und auch der Prozess der Uran-Anreicherung in einer TV-Serie gezeigt wurden.

Die Sitcom hat zum Ziel, durch die in der TV-Serie gezeigte Bedrohung ein Nationalgefühl bei den ZuschauerInnen zu wecken und Nationalstolz zu schüren. Das iranische Informationsministerium unterstützte die Sitcom massgeblich.

Image der Poliziei aufpolieren und
brutale Übergriffe legitimieren

Seit der Gründung des neuen iranischen Polizeicorps 1979 sind Kritik an der Polizei und negative Darstellungen von Polizisten am Fernsehen tabu. Seit kurzem allerdings steht die Polizei im Zentrum von Serien. Sie zeigen Polizisten bei Razzien, die gegen Dealer und Kleinkriminelle offen brutal vorgehen. In den Serien wird einerseits in überhöhter Form die Schlechtigkeit des bei den Razzien festgenommenen «Gesindels» vorgeführt. Andererseits werden Übergriffe gerechtfertigt. Die TV-Serien machen damit allen ZuschauerInnen deutlich, dass die Polizei hart und ohne offizielle Haftbefehle gegen jene vorgeht, die es «verdient» haben. Ein Schritt in diese neue Richtung war die Serie «Schreie aus der Stille». Lanciert wurde die Serie 2008, zu einer Zeit also, als die Polizei vordergründig gleichzeitig auch im reellen Leben Kleinkriminelle zur Herstellung von Ruhe und Ordnung publikumswirksam festnahm und im Schatten dieser Aktivitäten und der TV-Serien zahlreiche Übergriffe auf die Privatsphäre vieler IranerInnen verübte, auf unbescholtene Bürger ebenso wie auf zahlreiche Journalisten, Intellektuelle und Bürgerrechtsaktivistinnen.

In jeder Serie traten die Polizeikräfte – wie es das Klischee solcher Serien will – immer im entscheidenden Moment, in letzter Minute auf, um als Ritter und Diener des Guten für Gerechtigkeit zu sorgen. Dieses Leitmotiv der Polizei als zwar brutale, aber dienstfertige Hüter der Gerechtigkeit verfolgt das iranische Staatsfernsehen seit zwei Jahren konsequent.

Überhöhen von Frauenfiguren
im Fernsehen

Es lässt sich nicht leugnen, dass die Beschneidung der Rechte von Frauen eine Realität islamischer Gesellschaften ist. Viele Serien des iranischen Fernsehens wie beispielsweise «Unzerbrechliche Spiegel» propagieren Frauenbilder, die mit der Realität im Iran nichts zutun haben. Das Hauptinteresse des Regimes liegt darin, Frauenbiographien zu zeigen, die nur im Fernsehen möglich sind, um damit «normale» Zuschauerinnen zu frustrieren. Die «guten» Frauen in den Serien üben ihre beruflichen und gesellschaftlichen Aktivitäten ohne jegliche Einschränkung aus, Seite an Seite mit ihren männlichen Kollegen. In verschiedenen Serien wie «Detektive», «Schreie aus der Stille» oder «Unzerbrechliche Spiegel» sind sie erfolgreich als Polizeichefinnen oder hochrangige Angestellte der Atomenergiebehörde.

Frauen werden in der iranischen Gesellschaft nach sogenannt islamischen Kriterien beurteilt – auch in den Serien. Die «gute» Frau wird immer als konventionell dargestellt, welche die Kleiderregeln (Hejab) mehr als befolgt. Je mehr eine Frau als «schlechter» Charakter sichtbar werden soll, desto weniger beachtet sie die Kleider- und Verhaltensvorschriften. In anderen Worten: Die gute und überlegene Frau ist immer jene, die nicht nur das Kopftuch, sondern die Ganzkörperverhüllung Tschador trägt.

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Propaganda bis ins Detail: Starke Frauen tragen den vollen Tschador, zwielichtige weibliche Gestalten nur das Kopftuch.

Heilige Geschäftsleute und
rechtschaffene Bazar-Händler

Der Einfluss der Geschäftswelt und der Vertreter des zentralen Bazars in Teheran auf die iranische Politik und wichtige Bereiche der Geschäftswelt ist gewichtig. Dieser Umstand hat dazu geführt, dass die Darstellung von Geschäftsleuten und Bazarhändlern in TV-Produktionen mit Bedacht umgesetzt wird.

Seit 2008 wird das gute Image der Geschäftsleute in den Serien immens aufgeblasen. Im Vergleich zu früher umrankt sie eine Aura der Heiligkeit und Rechtschaffenheit. Im Moment ist es noch schwierig abzuschätzen, warum der iranische Staat ein Interesse hat, sie in zahlreichen TV-Serien wie «Der Tag der Reue», «Die Zeit der Busse» oder «Wie kein anderer» als Heilige und Rechtschaffene zu präsentieren.

Übertünchen der schwierigen
wirtschaftlichen Lage

Die Armut im Iran hat sich mit der verfehlten Wirtschaftspolitik der Präsidentschaft Ahmadinejads und der Sanktionen gegen den Iran aufgrund der Nuklearpolitik des Landes massiv vergrössert. In den TV-Serien ist jedoch die wirtschaftlich angespannte Lage kein Thema. Die Figuren in den Geschichten, auch wenn sie normale Angestellte oder Durchschnittsbürger sind, leben grundsätzlich in grossen und teuren Wohnungen und Häusern. Finanziell sind sie gut gestellt. Wenn finanzielle Probleme zum Thema von Serien werden, dann nur in Verbindung mit unerwartet eintreffendem Unglück. Keine einzige TV-Serie hat bisher Armut als eines der grossen Gesellschaftsprobleme thematisiert, obwohl laut internationalen Schätzungen ein Fünftel der iranischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt.

Angriff auf Intellektuelle
und Künstler

Bis anhin wurden Intellektuelle vor allem in den Nachrichten oder in gefälschten Fernsehdokumentarfilmen herabgewürdigt. Das hat sich mit der Fernsehserie «Der langsame Tod eines Traums» geändert. Erstmals wurden in dieser Serie Intellektuelle als grundsätzlich mit der Religion und den Idealen der islamischen Gesellschaft in Konflikt lebend dargestellt. Die böse intrigierende Hauptfigur der TV-Serie ist ein bekannter Schriftsteller und Kritiker, der in London lebt. Dass mit der TV-Figur direkt und unverblümt der tatsächlich in London lebende Schrifsteller und Kultur­kritiker Ibrahim Golestan angegriffen wird, ist offensichtlich.

Kampf der Kulturen: Persische versus
arabische Namen

Seit Anfang der 1980er Jahre, mit der Zunahme des Islamismus und der zunehmenden Verleugnung der vor-islamischen iranischen Kultur und Tradition, etablierte sich in der Welt der Fernsehserienschreiber die ungeschriebene Regel, dass schlechte Charaktere mit als klassisch persisch wahrgenommenen Namen und gute Figuren mit arabischen Namen versehen werden. In den vergangenen 30 Jahren sind Schmuggler, Diebe, Mörder und Spioninnen mit persischen Namen wie Koorosh, Fariborz, Khosrow Khan aufgetreten. Die Guten hiessen Mohsen, Majid, Hossein oder Hak Ghasem. Böse weibliche Figuren heissen Tahmineh, Mitra oder Mina, während die Heldinnen Fatemeh, Zahra oder Narjes heissen. In diesem Zusammenhang steht auch das bewusste Verrottenlassen der alten persischen Kulturstätten durch das islamische Regime, wie etwa die Stätten der 2'500 Jahre alten altpersischen Residenzstadt Pasargadae, der Vorgängerin der späteren Residenzstadt Persepolis.

 
m Sommer 2009 stoppte das iranische Fernsehen die Produktion einer sehr populären TV-Serie. «Der Koch» wurde offiziell wegen Finanzierungsproblemen sistiert. Der tatsächliche Grund hingegen war ein Auftrittsstopp für eine grosse Anzahl von Schauspielerinnen und Schauspielern, die schon im Vorfeld zu den Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 die reformorientierten Kräfte unterstützt hatten.

Der Schauspieler Parvis Parastoui und die TV- und Filmschauspielerin Motamed-Aria, die Stars der Serie «Der Koch», waren nur zwei von 800 sehr bekannten und angesehenen KünstlerInnen, die mit ihrer Präsenz an Wahlveranstaltungen und (logischerweise nur im Internet publizierten) Videos die Kandidatur des reformorientierten Präsidentschaftskandidaten Mir Hossein Moussavi unterstützten, den Herausforderer Ahmadinejads.

Diese geeinte und breite Unterstützung bekannter KünstlerInnen war eine deutliche Absage an Ahmadinejad und seine Politik. Die breite Unterstützung von Top-KünstlerInnen des Landes für die Reformbewegung machte klar: Wer denken kann, kann nicht für eine zweite Amtszeit Ahmadinejad einstehen.

Die Wut des Regimes darüber und die potentielle Gefahr, welche die kontinuierliche und direkte Präsenz der SchauspielerInnen und KünstlerInnen in der Bevölkerung für das Regime darstellte, veranlasste das Regime zu gezielten Störmassnahmen. Dies erstens mit dem Ziel, die KünstlerInnen von der Bevölkerung fern zu halten und um zweitens ihre Glaubwürdigkeit bei der Bevölkerung zu schmälern. Dies versuchte das Regime unter anderem mit auf die Person zielenden kleineren und grösseren Rufschädigungen zu bewirken, unter anderem auch gegen die Filmregisseure Abbas Kiarostami, Bahman Ghobadi («No One Knows About Persian Cats») und Dariush Mehrjui.

Neue Serie gegen die grüne Bewegung

Es war nur logisch, dass nach den Wahlen und dem Wahlbetrug das Regime – es bestätigte Ahmedinejad als Wahlsieger und erneuten Präsidenten – auch den Weg über die TV-Serien nutzen würde. Noch während der Bevölkerungsproteste startete die neue Serie «Die Befreiten». Diese Serie schlug, entsprechend der Umstände, noch einmal stärkere Töne an:

Sie wurde allabendlich gesendet. Normalerweise laufen Serien ein- bis maximal dreimal pro Woche. Allabendliche Serien gab es bis anhin nur während des Fastenmonats Ramadan. In dieser Zeit bleibt ein grosser Teil der Bevölkerung zu Hause und verfolgt die TV-Serien, die auch spe­ziell für diese Zeit produziert werden.

Nebst der allabendlichen Programmierung war auch der Aufbau der Serie neu: Anstatt in sich abgeschlossener Episoden, von der die ZuschauerInnen auch mal eine verpassen können, war «Die Befreiten» nicht nur gut gemacht, sondern vor allem auch als spannende Fortsetzungsgeschichte aufgebaut. Wer den roten Faden nicht verlieren wollte, konnte keine Episode auslassen. Drittens war die Serie doppelt so lang wie die normalen Serien, die meist zwischen 26 bis 30 Episoden haben, wie auch die Serien für die 30-tägige Fastenzeit Ramadan.

Die neue, allabendlich gesendete Serie im Sommer 2009 hatte ihrerseits rund 50 Episoden und dauerte fast zwei Monate. Nebst inhaltlicher Propaganda wie etwa dem Zeigen vorbildlicher Haftbedingungen und Befragungsmethoden, während gleichzeitig in völlig überfüllten Gefängnissen wie etwa im Gefängnis Kahrisak Hunderte von Menschen gefoltert und ermordert wurden, ging es darum, den Grossanteil der Bevölkerung zu Hause bei Laune zu halten, die unentschieden waren, ob sie sich dem andauernden Protest ihrer drei bis vier Millionen Landsleute gegen den Wahlbetrug anschliessen sollten.

Übersetzung ins Deutsche:
Anita Hugi, Mehdi Abdollahzadeh