Ewig & Eins

Ewig: Walt Whitman – «Grashalme»
Eins: Janne Teller – «Nichts was im Leben wichtig ist»

 

 

Ewig:
Walt Whitman
«Grashalme»

Ich stelle mir manchmal vor, dass die Ur-Idee der Poesie vor Walt Whitman irgendwo im Verborgenen lag. Vermutlich in grossen Wäldern, in Steinplatten, in Vogelstimmen und Gewittern, in Tierdärmen, unter Eisschollen und in ruhenden Vulkanen. – Und dann wird im Jahr 1819 auf Long Island (New York) der Sohn eines Zimmermanns geboren. Der bildet sich autodidaktisch, verrichtet mittelmässige körperliche Arbeit und spaziert viel in der Gegend herum. Er wird zunächst Drucker und dann, mit der Zeit, Schreiber und Dichter, ein monumentaler Dichter. Walt Whitman eben.

Whitman hat den Schlüssel zur humanen Poesie gefunden. Es war ihm möglich, all die Naturstimmen einzusammeln, um sie dann im Gewand der menschlichen Stimme neu zu entfesseln. Das Werk, das daraus entstand, heisst Leaves of Grass (Grashalme). Die Grashalme, deren Erstausgabe 1855 im Selbstverlag, Brooklyn, erschien, sind eine Gedichtsammlung, die von wenigen Gedichten zu einem Oeuvre von etwa 400 Gedichten anwuchs. Ralph Waldo Emerson persönlich, der Philosoph und Hauptvertreter der Transzendentalisten, hatte Whitman wesentlich inspiriert dazu und war selbst so begeistert von der ersten Ausgabe, dass Whitman das Werk weiter verfolgte. Es wurde breiter, bekannter, auch kontroverser. Heute gäbe es keine vollständige Amerikanische Literatur ohne die Grashalme. Sie stehen neben den Romanen Melvilles und Twains.

Ich hatte das Buch oft bei mir, statt einer Bibel vielleicht, als ein Lebensbuch. Das war in der späteren Jugend, etwa ab 19 Jahren, besonders in den Ferien; auf Campingplätzen, abends am Feuer neben dem Zelt, lag der Gedichtband im Gras; ich las darin in Zügen, auf Schiffdecks und in Flugzeugen. In Marokko, Schweden, Italien, den USA. Ich habe das dicke Taschenbuch, damals noch mit dem warmen Umschlagbild «Valley of the Yosemite», immer wieder spontan verschenkt und sofort wieder gekauft.

Das grosse Rauschen dieser Dichtung hält mich bis heute gefangen. Es sind weniger die politischen Inhalte, die Erfahrungen aus dem Bürgerkrieg, den Whitman als Helfer in Lazaretten erlebte und nachdichtete, die mich so beeindrucken; vielmehr war und ist es noch heute diese von einem unendlich grossen, humanistischen Geist befeuerte Sprache: Freiheitsgeist, Toleranz, Liebe und Natur – das ist seine Idee.

Dies also ist Leben / Hier ist, was an die Oberfläche gekommen ist nach so vielen Wehen und Krämpfen. / Wie seltsam! Wie wirklich! / Zu Füssen der göttliche Boden, zu Häuptern die Sonne.

Vielleicht verweist die Zeit, die mit Obama angebrochen ist, wieder etwas auf diese Whitmansche Grösse zurück, auf die Ideale einer Nation von Menschen:

Verlangte jemand, die Seele zu sehen? / So sieh deine eigne Gestalt und dein Antlitz, Menschen, Stoffe, Tiere, die Bäume, die fliessenden Ströme, die Felsen, den Sand am Meer.

Empfohlene Ausgabe: In der älteren Übersetzung von Hans Reisiger, mit einem Essay von Gustav Landauer.
Walt Whitman. Grashalme. Zürich 1985 (Diogenes Verlag).

 

 

Eins:
Janne Teller
«Nichts was im Leben wichtig ist»

Vorüberlegung zu einem umstrittenen Roman, in dem es um «das Nichts» und den Sinn des Lebens geht:

Die Suche nach Sinn ist dem Menschen angeboren. Sinn äussert sich zum Beispiel in dem gefühlten Heimischsein in der Welt, der Verbundenheit mit Menschen und Tätigkeiten, im Gefühl von Zugehörigkeit, Nähe, Liebe. Sinn bedeutet die Gestaltung von Biografie und das Bewusstsein für Zeit, Wandel und Endlichkeit.

Wer aus dem Sinn heraus ist – ist (unter Umständen für eine «lange Weile») aus diesen Bezügen gefallen oder herausgetreten. Hier nun (...): Leere, Angst im Sinne der Heideggerschen «Unheimlichkeit» und das existenzielle Nichts. Wobei auch die Beschreibung des Nichts noch eine Restverbindung mit (dem) Sinn voraussetzt.

Um das «Nichts» geht es also im eindrücklichen Roman der 1964 in Kopenhagen geborenen Juristin und Schriftstellerin Janne Teller. Ein Jugendroman, genauso aber (oder doch sogar eher) ein Buch für Erwachsene. Es ist bemerkenswert, dass Nichts zunächst an dänischen Schulen verboten wurde – als wäre «das Nichts» eine schlimme Krankheit. Das ist aus philosophischer Sicht keinesfalls so, denn um die Beschäftigung mit dem Nichts dürfte man als denkender und fühlender Mensch kaum herumkommen. Warum also nicht in der Schule und mit Mitschüler/-innen darüber sprechen?

Der Junge Pierre Anthon stellt eines Tages nach den Sommerferien entschlossen fest: «Nichts bedeutet irgendetwas, das weiss ich seit Langem. Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun. Das habe ich gerade herausgefunden.»

Pierre Anthon ist kein Spinner, sondern ein aussergewöhnlich scharf und philosophisch denkender Jugendlicher an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Er zieht die Konsequenz aus seiner Erkenntnis und steigt auf einen Pflaumenbaum, von dem er nicht mehr herunterzusteigen gedenkt. Dort oben zwischen den Verzweigungen, die auch das Leben bereit gehabt hätte, übt sich Pierre Anthon in der Meditation über das Nichts. Seine Argumente sind gut. Er spricht überzeugend und entlarvend wie ein kleiner, hämmernder Nietzsche, mit einer befeuerten Sprache, die eigentlich schon nicht mehr dem Nichts gleicht: «Warum tun alle so, als sei alles, was nicht wichtig ist, sehr wichtig, während sie gleichzeitig unheimlich damit beschäftigt sind, so zu tun, als wenn das wirklich Wichtige überhaupt nicht wichtig ist?». – Pierre Anthon ist der unbedingte Wille anzumerken, das «wirklich Wichtige» zu finden.

Die Klassenkamerad/-innen lassen sich von dem Pflaumensteine auf sie herabspuckenden Ketzer herausfordern. Sie schmieden den Plan, den Nihilismus durch einen «Berg der Bedeutung» zu entkräften. In einem alten Sägewerk beginnen sie unter strengster Geheimhaltung alles das aufzutürmen, was offensichtlich Bedeutung hat. Dabei fordern sich die Schüler/-innen gegenseitig heraus und verlangen schmerzhafte Opfer voneinander. Jeder muss etwas Bestimmtes, sehr Bedeutungsvolles auf den Berg der Bedeutung werfen: was recht harmlos beginnt – zunächst geht es um einfache Gegenstände, die man zur Not entbehren kann – wird bald zu einem radikalen Spiel ums Ganze. Die Klasse merkt nicht, wie sie sich im Namen der Bedeutung selbst aufzuopfern beginnt ...

Der Bedeutungsbeweis muss fehlschlagen, das erkennt man als Leser schnell. Die Herausforderung durch Pierre Anthon wird zu materiell und zu intellektuell aufgefasst. Die Bedeutung – das ist aber die Kernsache – ist, und das merkt niemand, gar nicht für den anderen zu erbringen.

Es gibt ein schönes Rilke-Gedicht, welches die Bedeutungsfrage (hier mit dem Symbol «Gott» versehen) ähnlich wie Goethe in seiner berühmten Gretchen-Faust-Passage beantwortet: Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht / und sagt: Ich bin. / Ein Gott, der seine Stärke eingesteht, / hat keinen Sinn. // Da musst du wissen, dass dich Gott durchweht / seit Anbeginn, / und wenn dein Herz dir glüht und nichts verrät, / dann schafft er drin.

Janne Tellers Roman erkennt solches, nimmt aber einen sehr dramatischen Weg. Zu empfehlen ist das Buch, das philosophisch hohe, sprachlich eher geringe Ansprüche stellt, für Jugendliche ab 15 Jahren und für Erwachsene.

Janne Teller. Nichts was im Leben wichtig ist. Aus dem Dänischen von Sigrid C. Engeler. München 2010, bei Carl Hanser Verlag.