Aktuell & Ewig

Aktuell: Lula Pena - «Troubadour» (2010)
Ewig: Captain Beefheart alias Don Van Vliet (1941-2010)

 

 

Aktuell:
LULA PENA - «Troubadour»
(2010)

«My favourite ‹new› singer of these past weeks is Lula Pena. A Portuguese singer with a deep voice and an amplified guitar thats sings just like a poet.» (Caetano Veloso, am 12. Februar 2009 in seinem leider schon länger nicht mehr gepflegten «Obra Em Progresso»-Blog)

Sanft wie ein Schlaflied beginnt die Gitarre, dann durchdringt eine kräftige, dunkle südländische Stimme den Raum und fesselt auf einzigartige Weise. Die Grundstimmung ist relativ nüchtern, von karger Schönheit, wird aber zunehmend warm und raumfüllend. Das Jubilieren überlässt die aus Lissabon stammende Lula Pena den gebannten ZuhörerInnen. Ihr erstes Album «Phados», 1998 auf dem belgischen Label «Carbon» erschienen, verbreitete sich dank Mundpropaganda auch in der Schweiz, hier aufgetreten ist die Fado-Sängerin leider noch nie. Nachdem die damals 24-jährige auf dem Debut auch Stücke von Caetano Veloso, Chico Buarque und Maria Teresa Carvalho coverte, sind die 7 neuen Stücke auf «Troubadour» alles Eigenkompositionen, schlicht «Acto I» bis «Acto VII» betitelt. Wer aufmerksam zuhört, wird beim dritten Stück kurz eine vorbeihuschende Melodie aus «Things we said today» (1964) der Beatles wahrnehmen. Fado aus dem Wohnzimmer, von aussergewöhnlicher Intensität. Kein Zweifel, die Portugiesin hat auch in unseren Breitengraden ein grösseres Publikum verdient.

Live-Auftritt von Lula Pena im Music Box (Lissabon):

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Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=pw97DZF7KrM

Vier Lieder von Lula Pena zum Anhören gibt es hier:
www.myspace.com/lulapena

 

 

Ewig:
CAPTAIN BEEFHEART
alias DON VAN VLIET
(15.1.1941–17.12.2010)

Erste Szene: Im Januar 1975 begleite ich meinen Vater zu einem Atelierbesuch beim Zürcher Künstler Anton Bruhin, der als grosser Beefheart-Fan gilt. Er ist vom aktuellen Album «Unconditionally Guaranteed» (1974) dermassen enttäuscht, dass er es uns gleich zum Geschenk gibt. Innerhalb von neun Monaten sammle ich die früheren Alben von Beef­heart, deren ich habhaft werden kann. Eine Enttäuschung wird hingegen das gross angekündigte Zappa/Beefheart-Album «Bongo Fury» (1975), weil es nur zwei Beefheart-Tracks enthält. Und warum blickt der Captain im Coverfoto zu Boden?

Zweite Szene: März 1977, zu dritt fahren wir im Auto durchs Berner Oberland zu den «Spiez-Bürgern», bei denen mein Vater einen Kunstvortrag hält. Mein Schwager spielt eine Kassette. Minutenlang lausche ich faszinierenden Instrumental-Tracks im Westcoast-Sound. Während ich darüber brüte, ob es nun Jefferson Airplane, Grateful Dead oder Quick­silver Messenger Service sind, setzt plötzlich die charismatische Stimme von Beefheart ein. Es war das fantastische «Kandy Korn» aus dem zweiten Beefheart-Album «Mirror Man» von 1967.

Dritte Szene: Der grandiose Alt-Hippie-Streifen «The Big Lebowski» (1999) der Coen-Brüder brilliert auch mit einem genialen Soundtrack. Mit dem Track «Her Eyes Are A Blue Million Miles» von 1972 («Clear Spot») wird Beefheart auch einem jüngeren Publikum bekannt und die gemässigte, zuweilen fast schmalzige Phase seiner mittleren Karriere rehabilitiert.

Hören: «Her Eyes Are A Blue Million Miles»  

Zahlreiche Nachrufe erwähnen das visionäre Schlüsselalbum «Trout Mask Replica» von 1969. Mit Recht, denn die vierte Szene geht folgendermassen: Am 25. Juni 1977 schenke ich meinem Freund Daniel Waldner (1959–1995, Mitbegründer von Rec Rec Zürich) zu seinem 18. Geburtstag eine Kassette mit dem völlig überdrehten, dadaistischen Track «The Blimp» aus eben diesem Album: 22x hintereinander, 45 Minuten lang. Als Einstieg in das Werk des Captains empfehle ich jedoch das Album davor, «Strictly Personal» (1968), sowie das Album danach, «Lick My Decals Off, Baby» (1970). Aber auch mit dem bluesigen Debut «Safe As Milk» (1967, feat. Ry Cooder) lässt sich bestens einsteigen, wie auch mit dem vitalen letzten Werk «Ice Cream For Crow», das erstmals den jungen Gitarristen Gary Lucas ins Rampenlicht stellte, für diesen war die Begegnung mit Don Van Vliet ein bleibender Input.

Beefheart war mit seinem trashigen Blues-Approach für die Punk- und New Wave-Szene ab 1977 fast so wichtig wie The Stooges oder MC5. Diese Bands trugen das Beefheart-Virus in die weite Welt hinaus: Pere Ubu, Half Japanese, Residents, The Fall, Swell Maps, Birthday Party feat. Nick Cave, Scritti Politti, Palais Schaumburg, Etron Fou Leloublan, Red Krayola, XTC, Cramps, The Ex – sowie 15 Jahre später auch P.J. Harvey, White Stripes, Kills und Beck.

Don Van Vliet hat sich nach 1982 radikal aus der Musikszene zurückgezogen, widmete sich mit markanten Resultaten der Malerei. Am 17. Dezember 2010 ist er nach langem Leiden an Multipler Sklerose gestorben.

Eine Fussnote: Die schönste Umschreibung der fragilen Erdkugel entdeckte ich auf einer Warner Brothers-Compilation von 1972. Auf der Rückseite ist eine Farbfoto der Erde abgedruckt, mit folgender Legende: «Captain Beefheart calls it God's Golfball».

Video: «Ice Cream For Crow» von Captain Beefheart & the Magic Band:

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Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=iqRHr5pEIFU