Rot-weiss-rot bis in den Tod

                     
Transnistrien 2007, Hauptstrasse in Tiraspol (Fotos: Robert Huber)
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as Land, von dem ich erzähle, kommt in den Medien nicht vor. Wenn es doch einmal vorkommt, wird es das «schwarze Loch Europas» oder eine «klaffende Wunde» genannt. Man nennt es ein «Freilichtmuseum des Kommunismus», eine Mafia-Diktatur oder eine gesetzlose Zone, in der sinistre russischsprachige Gestalten mit Drogen, Waffen, weissem Fleisch und schmutzigen Atombomben dealen.

Phantastische Geschichten kursieren über das Land: eine geheime Kalaschnikow-Fabrik in den Untergewölben des Stahlwerks von Rybniza. Oder ein gigantischer Militärkomplex aus sowjetischen Zeiten, vor der Hauptstadt, unter der Erde. Oben unscheinbarer Acker, unten ein Verkehrsleitsystem und eine Unterwasser-Schleuse zum Dnjestr-Fluss.

Ich habe ein solches Land nicht gefunden. Was ich auf fünf Reisen fand, war ein kleiner Industriestaat mit einigen grossen Unternehmen – jenes Stahlwerk, die Cognac-Destillerie Kvint, der Textilkonzern Teratex, die Schuhfabriken von Bendery sowie vor allem und über allem der Mischkonzern «Sheriff». Ein fruchtbares Agrarland mit landwirtschaftlichen Grossbetrieben. Ein politisches System, das immer weniger zu begreifen ist. Und nebenbei ein hübsches Stückchen Erde.

Das Land ist gewiss nicht reich, verglichen mit der unmittelbaren Nachbarschaft, mit Moldawien und der Ukraine, wirkt es aber keineswegs arm. Die öffentliche Sphäre ist auffallend ordentlich. Von Kommunismus keine Rede: Auch wenn wie anderswo noch Lenin-Monumente stehen, ist die industrielle Substanz wie anderswo privatisiert und oligarchisch strukturiert.

Das Land hat einen Namen: Pridnestrowie. Im Deutschen wird es üblicherweise «Transnistrien» genannt, was die transnistrischen Autoritäten nicht gerne hören, da diese Bezeichnung aus dem Rumänischen abgeleitet ist und die rumänische Besetzung während des Zweiten Weltkriegs heraufbeschwört. «Transnistria», das waren die Killing Fields der rumänischen Faschisten, eine chaotische Zone, in der Hunderttausende Deportierte, Juden und Roma, dem Tod überlassen wurden.

Das Land, von dem ich erzähle, heisst offiziell «Pridnestrovskaia Moldavskaia Respublika» (PMR). Sie hat sich am 2. September 1990 von der Moldawischen Sowjetrepublik losgesagt, in der damals rumänischsprachige Nationalisten den Anschluss an Rumänien propagierten. Die PMR, zu zwei Dritteln von Slawen bewohnt, hat die Abspaltung bitter gebüsst. 1992, im vierzigtägigen moldawisch-transnistrischen Krieg, starben beinahe tausend Transnistrier, bei einer Gesamtbevölkerung von 550'000.

ittlerweile ist Transnistrien zwanzig Jahre alt. Seit zwanzig Jahren hat das Land am linken Ufer des Dnjestr alles, was ein Staat braucht. Nur die internationale Anerkennung ist ausgeblieben. Nicht einmal die Schutzmacht Russland, welche nach dem Georgienkrieg von 2008 die Bruder-Republiken Süd-Ossetien und Abchasien anerkannte, hat den überwiegend russischsprachigen Landstreifen anerkannt. Es gibt einen wesentlichen Unterschied: Transnistrien hat keine Grenze mit Russland.

Anerkennung, das ist der Begriff, um den sich alles dreht. Die Transnistrier haben ihr eigenes Mobilfunknetz. Der Empfang ist gut, aber mangels Anerkennung gibt es keine internationalen Roaming-Partner. Die Transnistrier haben ihre eigenen Bankomatkarten, von ausländischen Kreditkarten kann man jedoch kein Geld ziehen. Die Transnistrier haben ihre eigenen Pässe. Im Inland werden sie gebraucht, aber um reisen zu können, haben sich die meisten – je nach ethnischer Zuordnung – moldawische, russische, ukrainische oder bulgarische Zweitpässe geholt.

Die Transnistrier haben ihr eigenes Geld. Am Hauptboulevard der Hauptstadt Tiraspol steht die Zentrale der transnistrischen Nationalbank. Auch die Währungsreserven werden dort gelagert. Ich liess mir einen Termin in der Nationalbank geben. Durch eine gläserne Sicherheitsschleuse geleitete man mich in den bronzeglitzernden Repräsentativbau, ausgestattet mit kühlem Marmor und edlen Hölzern.

Wieviel Geld im Keller liegt, sagten mir die freundlichen Beamten nicht. Die Währung ist halbwegs stabil, im Alltag wird damit bezahlt. Ausserhalb der schmalen Republik, die sich 200 Kilometer von Süd nach Nord erstreckt, ist der transnistrische Rubel nirgends konvertibel. Nur die Sammler haben ihn liebgewonnen. Abteilungsleiter Dmitrij Tkatschenko brachte amerikanische und deutsche Münzsammler-Kataloge, in denen seine Währung gleichberechtigt neben anderen steht. Irgendwann sass der Mann, dessen Haus jährlich 350 Millionen Banknoten ausgibt, wie ein in sein Hobby versunkener Junge da, Münz- und Briefmarkenbände auf den Knien.

ine übermenschliche Aufgabe war Aleksandr Kowadschi aufgegeben. Ich traf den Direktor des «Republikanischen Zentrums für Tourismus» an seinem Arbeitsplatz, in einem Kulturpalast aus sowjetischer Zeit. Unten schwebten junge Ballet-Elevinnen über die Gänge, oben sass Kowadschi. Ein mittelgrosser Raum für zwei Mitarbeiterinnen und ein kleines Büro für den Chef, das war das transnistrische Fremdenverkehrsamt.

Der miserable Ruf macht es nicht leicht, Touristen anzulocken. Die wenigen Reisenden halten kurz in Tiraspol und ziehen ins nahe Odessa weiter. Kowadschi nannte das einen Anfang: «Auch die, die nur für ein paar Stunden kommen, wundern sich, dass sie keine Terroristen und keine Maschinengewehre auf der Strasse sehen.»

Als bedeutendste Sehenswürdigkeiten seines Landes zählte Kowadschi auf: eine Festung, ein Kloster und ein «Flaschenmuseum». Auch die Nationalitätenvielfalt Transnistriens hob der Historiker hervor. Hier moldawische Dörfer, dort ukrainische, ein bulgarisches, ein halbgagausisches, russische Siedlungen städtischen Typs, ein irgendwo noch polnisches, ein ehemals deutsches Dorf. Und weil das Land langgestreckt ist, «können Sie im Lauf eines einzigen Tages drei unterschiedliche Klimazonen durchreisen.»

Kowadschi gab mir mit, dass der Landesfluss Dnjestr «wirklich ein schöner Fluss» sei. Der Mann sollte Recht behalten. Er gab sein Amt jedoch bald danach auf, die Leitung des transnistrischen Fremdenverkehrsamtes wechselt im Jahrestakt, Kowadschi ging zur örtlichen «Gasprombank». Das geht mir mit transnistrischen Gesprächspartnern immer so. Wenn ich wiederkomme, sind sie dem Staatsdienst entflohen, im Sheriff-Imperium untergekommen oder ins Ausland gegangen.

Bei meinen letzten Besuchen, 2009 und 2010, hatte sich die Atmosphäre verdüstert. Seit die Nachbarstaaten Moldawien und Ukraine sowie die EU gegen das zusammenarbeiten, was für die transnistrische Wirtschaft «Export» bedeutet und für den Rest der Welt «Schmuggel», müssen exportierende transnistrische Unternehmen zweifach Steuern und Zölle zahlen, zunächst an den transnistrischen und dann noch an den moldawischen Staat. Dazu die Finanzkrise, welche diese Weltgegend ungebremst traf; die Ukraine schrammte am Staatsbankrott entlang.

m Sommer 2008 kam ich zu einem hundertjährigen Hochwasser zurecht, ein Hauch von Endzeit lag über Tiraspol. Im Dnjestr ist das ganze Schicksal Transnistriens verborgen. Durch den Dnjestr verläuft bis auf wenige Ausnahmen die Grenze zu Moldawien, die für Moldawien und die internationale Gemeinschaft inexistente Grenze, umso feindseliger bewacht.

Wenn der Dnjestr anschwillt, kann er alle nennenswerten transnistrischen Städte ersäufen. An jenem hochsommerlichen Tag stand Tiraspols Uferpromenade bereits unter Wasser, vor dem Uferhotel «Ajst» soffen einige Autos ab. In der Nacht, vermutete man, würde der Wasserspiegel noch weiter steigen. Ein schweigsamer Taxifahrer brachte mich in dieser Nacht ins Hotel «Ajst» zurück. Er schwieg die ganze Fahrt über. Als wir in die Nähe des Flusses kamen, sagte er mit dünner Stimme: «Der Dnjestr ertränkt uns kleinleisilein.»

Im Sommer davor fuhr ich nach Norden, über langgezogene Nussbaum-Allen, aus der südlichen Agglomeration Tiraspol-Bendery, wo die Hälfte der Bevölkerung lebt, in die nördlichste Provinz hinauf. Durch die «transnistrischen Alpen», den «kleinen Kaukasus», einen kleinen Gebirgsstock, der das ansonsten flache bis sanfthügelige Land unterbricht, wenige hundert Meter hoch, mit einigen pittoresk schroffen Felsen.

Der Norden ist kühl, es gibt keine Industrie, im nördlichsten Bezirkshauptort Kamenka gab es kein Hotel. Übernachten konnte man nur im «Sanatorium Dnjestr». Die diensthabende Krankenschwester war zunächst unwillig und genoss ihr Monopol. Ich hatte die telefonische Fürsprache des diensthabenden Arztes, musste aber noch im Streit mit der diensthabenden Schwester bestehen. Als ich am nächsten Morgen zum Speisesaal ging, wurden die langen Flure mit einem Instrumentalstück aus einem Spaghetti-Western beschallt.

Es war Sonntag, in Kamenka war Markttag. Vor der Markthalle standen Bäuerinnen Spalier, ethnische Ukrainerinnen in Trachten, jede eine Plastitüte mit Brindsa-Käse in der Hand. Im Norden ist Transnistrien sichtbar arm.

as lässt sich von «Sheriff» nicht sagen. Zum allgegenwärtigen Mischkonzern gehören neben Firmenbeteiligungen ein Mercedes-Handel, ein Verlagshaus, eine Baufirma, der Fernsehsender Sheriff, die Tankstellenkette Sheriff, die Supermarktkette Sheriff und einer der modernsten Sportkomplexe Europas.

«Wir sind finanziell nicht begrenzt», sagte mir Elena Schpinjowa, die Direktorin des Sportkomplexes in der Hauptstadt Tiraspol: «Was wir brauchen, das wird bezahlt.» Die laufend in Ausbau befindliche Anlage umfasst bislang ein Stadion mit 13'000 Sitzplätzen, ein Übungsstadion mit 8'000 Sitzen, ein überdachtes Stadion mit 3'500 Sitzen, acht Trainingsfelder, eine Akademie für Nachwuchs-Fussballer, eine olympische Schwimmhalle. Ein Luxushotel ist gebaut, eine Eishockeyhalle geplant. Besonders stolz war Schpinjowa auf den einzigartigen Rasen. Er wird von einem unterirdischen Bewässerungssystem aus kilometerlang gewundenen Rohren bewässert.

Transnistrien 2007 (Foto: Robert Huber)

Wenn ich wüsste, wer eigentlich hinter Sheriff steht, verstünde ich Transnistrien. Das politische System war lange eine Autokratie des Präsidenten Igor Smirnow, doch seit einigen Jahren sind Parteien erlaubt. Die letzte Parlamentswahl gewann nicht die Smirnow-Partei, sondern «Erneuerung» – die Sheriff-Partei. Die junge transnistrische Demokratie entwickelt sich stürmisch und unübersichtlich. Sollte Smirnow selbst hinter Sheriff stehen, hiesse das, dass Grossväterchen Staatsgründer Opposition gegen sich selbst macht. Sheriff könnte auch Smirnows Sohn Oleg gehören. Oder dem scheuen Vorstandsvorsitzenden. Oder russischen Oligarchen.

Irgendjemand in diesem Reich liebt jedenfalls keimfreies Gras: Selbst um die Sheriff-Tankstellen erstrecken sich gepflegte Rasenflächen, von schwarzen schmiedeeisernen Zäunen beschützt. Kunst liebt dieser Jemand nicht: Ein paar Türen vom Fremdenverkehrsamt sitzt Transnistriens Hauptabteilung Kultur. Staatssekretärin Irina Gilja – elegant, rothaarig, sympathisch – erblasste angesichts meiner Frage, wieviele Millionen das transnistrische Kulturbudget beträgt. Gehaltszahlungen nicht eingerechnet, stehen ihr im Jahr 20'000 Dollar zur Verfügung. Als ich die Kultur-Staatssekretärin später wiedersehen wollte, war sie zur Sheriff-Partei gewechselt.

ür die Jungen hat Transnistrien eine «Partei postmodernen Typs». «Proryv!» bedeutet «Durchbruch!» und vereinigt unter einem Dach Jugendklub, Partei und die «Che Guevara High School of Political Leadership». Man kann einen Yoga-Kurs belegen und gesunde Tees trinken. Wofür immer diese Vereinigung politisch stehen mag, ihr vergnügtes Entertainment zieht die hübschesten Mädels von Tiraspol an.

Die Führungsfigur war einmal eine attraktive Blondine von 23 Jahren, doch als ich mit ihr zum Interview verabredet war, stellte man mir zunächst Dmitrij Soin vor, den Erfinder der Bewegung, «Doktor der Soziologie» und Ex-Offizier des transnistrischen Geheimdienstes. Soin kontrolliert die bestgemachten Internet-Medien der Republik und kooperiert mit Putins und Schirinowskijs russischen Parteien. Im August 2008 rief er Freiwillige zur Unterstützung Süd-Ossetiens zusammen.

Die Begegnung erwischte mich kalt. Von asiatischen Nippes umgeben, das lange Haupthaar im Nacken zu einem kleinen Knoten vertäut, wirkte der Charismatiker äusserst entspannt. Er erzählte von sich aus, dass er von Interpol gesucht werde, wegen mehrfachen Mordes.

Soin kostete meinen Schrecken aus. Dann fügte er hinzu, dass er unschuldig sei, die moldawische Regierung führe einen politischen Feldzug gegen ihn. «Man wirft mir auch vor, ich hätte eine schmutzige Atombombe zum Kauf angeboten.» Wieder genoss er mein Erschrecken. «Und, haben Sie das getan?», fragte ich ihn. «Nein.»

Was an den Vorwürfen dran ist, weiss ich nicht zu sagen. Einige in Transnistrien schimpfen freimütig auf Smirnow, andere auf Sheriff. In vertrauter Runde gesteht manch eingefleischter Patriot, dass er zu einem rumänischen Pass – welcher freies Reisen durch Europa bedeutet – «nicht nein sagen» würde. Nur wenige äussern sich hasserfüllt über die Moldawier vom rechten Ufer des Dnjestr. Aber auf fünf Reisen habe ich nur einen Transnistrier getroffen, der mit einem Anschluss an das ärmste Land Europas einverstanden wäre. Der Rest der Welt sieht Transnistrien seit jeher als Teil Moldawiens an.

n Rybniza ging ich an den Fluss, zum transnistrisch-moldawischen Grenzübergang. Plötzlich erstarrte mein Blick: Auf dem transnistrischen Grenzposten wehte die rot-weiss-rote Fahne. Die Fahne des Staates, der seine Bürger warnt: «Von Reisen in das Gebiet jenseits des Dnjestr wird seitens des Bundesministeriums für europäische und internationale Angelegenheiten ausdrücklich abgeraten.»

«Entschuldigen Sie», fragte ich den transnistrischen Grenzer, der meinen Pass kontrollierte: «Wie Sie sehen, bin ich Österreicher. Ich hätte gerne gewusst, warum bei Ihnen meine Fahne hängt.»
«Soll das ein Witz sein? Das ist die transnistrische Fahne!»
«Aber sie ist rot-weiss-rot.»
«Wo sehen Sie hier weiss?»
«In der Mitte, sie ist in der Mitte weiss.»
«Sie ist in der Mitte grün.»
Der Grenzer ermahnte mich, ich dürfe nicht gegen das Sonnenlicht in die transnistrische Fahne schauen. Vielleicht, räumte er ein, sei sie schon ein wenig ausgebleicht. In jenem Augenblick begriff ich, wie alt dieser Staat bereits ist. Schaut schon aus wie Österreich.