Mit voller Kraft zurück

Gösgen (Foto: Pirmin Rösli)

Braucht das Land neue Atomkraftwerke in Gösgen, Mühleberg oder Beznau? Um zwei Neubauprojekte kümmern sich vier beteiligte Strom­unternehmen, zwei eigens gegründete Aktiengesellschaften und nun noch eine gemeinsame Projektgesellschaft. Das sieht weder schlank noch billig aus. Ist unter diesen Vorzeichen Atomstrom in 20 Jahren noch konkurrenzfähig mit erneuerbaren Energiequellen? Die Schweizer Stimm­bürgerInnen und die Öffentlichkeit stehen vor einer wichtigen Weichen­stellung, welche vor allem die folgenden Generationen betreffen wird.

Aus dem Kosmos betrachtet erscheint das Problem wie ein Klacks: Auf dem kleinen Planeten Erde müht sich die Menschheit mit der Lösung ab, wie die Energiebedürfnisse kommender Generationen gedeckt werden können. Dabei hat sie doch die Auswahl zwischen herkömmlichen, aber knapp werdenden fossilen Energieträgern wie Öl und Gas, zwischen der Kernenergie und erneuerbaren Energieträgern wie Sonnen- oder Windenergie. Die Weichen werden jetzt gestellt. Ob in der Schweiz zwei neue Atomreaktoren gebaut werden oder nicht, wird die Gemüter erhitzen. Zu Recht!

Von Menschen und Mäusen

Die Kernenergie hat militärische Ursprünge. 1945 wurde erstmals eine Atombombe gezündet, erst zehn Jahre später, Mitte der Fünfziger Jahre, wurden die ersten Kernreaktoren für die Stromerzeugung in Betrieb genommen. Die verheerenden Folgen der Massenvernichtungswaffe «Atombombe» wurden sichtbar durch die verstrahlten Menschen nach den Bombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki. An ihnen studierten Ärzte die Folgen von hoher radioaktiver Strahlung.

Die Wirkung geringerer radioaktiver Strahlung auf den menschlichen Körper ist bis heute unzureichend geklärt und bleibt Gegenstand von Abklärungen und Experimenten: Erst vor wenigen Wochen, am 17. November 2010, entschuldigte sich die britische Regierung dafür, dass den Leichen von Arbeitern der Atomanlage in Sellafield ohne Wissen der Angehörigen Organe und Knochen zu medizinischen Untersuchungszwecken entnommen worden waren. Sorgen bereiten der Anlage Sellafield, wo auch abgebranntes Uran Schweizer Ursprungs aufbereitet wird, neuerdings ungebetene Tiere, welche auf dem kontaminierten Gelände leben. Mäuse, Kaninchen, Vögel müssen getötet und als radioaktiver Abfall gelagert werden, um nicht ausserhalb des Geländes die Nahrungskette anderer Wesen zu belasten.

Sünden der Vergangenheit

Heute, behaupten die Stromkonzerne, sei die Kernenergie sauber. Verstrahlte Menschen, verseuchte Böden: Dies sei Vergangenheit. In der Tat hinterlassen 60 Jahre Nutzung der Kernenergie fatale Zustände. Beim Uran­abbau leiden die Arbeiter in den Uranminen unter den gesundheitlichen Konsequenzen radioaktiver Strahlung, sie sind bei ihrer Arbeit Stoffen ausgesetzt, die über Jahrtausende gefährlich für Mensch und Umwelt bleiben. So hinterliess die sächsische Mine in Wismut mindestens 7000 Lungenkrebs-Opfer und eine verseuchte Landschaft, deren Sanierung über 5 Milliarden Franken verschlang. In den USA sind mehr als 400 Uran­minen nie saniert worden. Dies bedeutet, dass die strahlenden Uranerz-Reste weiterhin eine lebensbedrohende Gefahr für die Umgebung bilden und Trinkwasser und Fliessgewässer weiterhin belasten.

Sicherheitsübung mit Gasmasken in einer Schule. Rudnija, 2006
(Foto: Oded Balilty/AP)

Sei es durch Strahlenunfälle wie in Tschernobyl, sei es durch militärische Atombombentests: Zurück bleiben enorm hohe Opferzahlen und verseuchte Gebiete. Müsste die Atomindustrie für die verursachten Schäden aufkommen, wäre sie längst bankrott. Sie geniesst im Gegenteil dazu einen staatlich verordneten Schutz – vorab in den Atommächten USA, China, Russland, Frankreich und Grossbritannien. Weil die Kernenergienutzung technologisch ähnliche Abläufe kennt wie die militärische Anwendung, stellt sie weltweit ein Gefahrenpotential dar, das es zu kontrollieren gilt. Weil Uran und andere spaltbare Stoffe im internationalen Umlauf sind, versucht man, die friedliche Nutzung der Kernenergie gegen das Versprechen zu verkaufen, auf die militärische Anwendung zu verzichten. Alle wichtigen Schlüsselanlagen der Uranverarbeitung wie die Uran­anreicherung oder die Wiederaufarbeitung befinden sich fast ausschliesslich in den Händen oben genannter Atommächte.

Uranbrennstoff aus zweifelhafter Herkunft

Die Schweizer Kernkraftwerkbetreiber beziehen relativ wenig Uran auf dem Weltmarkt. Dessen Herkunft ist undurchsichtig. Als einzig identifizierbare Mine wurde «Ranger Mine» in Australien benannt. An prominenter Stelle als Handelspartner stehen jedoch – direkt oder als Unterlieferanten – russische Staatsfirmen. Diese operieren in unsicheren Anlagen wie Majak im Südural oder Seversk in Sibirien. Die Umgebung dieser Werke ist durch Unfälle verstrahlt und auch heute stehen die Betreiber im Verdacht, weiterhin die Umgebung zu verstrahlen. Das Alturan stammt aus russischen Anlagen oder Antriebs­reaktoren der U-Bootflotte und muss in einem umweltbelastenden Verfahren wieder von hochradioaktiven Spaltstoffen getrennt werden. Dabei entstehen grosse Mengen radioaktiver Abwässer, die in die nahegelegenen Gewässer geleitet werden. Verschiedene Schweizer Medien wie der «Beobachter» oder die «Sonntagszeitung» berichteten anlässlich einer von Greenpeace organisierten Medienreise über die Zustände in Majak.

Bildreportage «Leben in der Todeszone» (auf www.beobachter.ch, Fotos von Tomas Wüthrich)

Abfallproblem ungelöst

Bis heute blieb die Suche nach einem Endlager für die langlebigen radioaktiven Stoffe weltweit ohne Erfolg. Das Endlager in Asse in Deutschland ist in diesen Monaten durch Wassereinbrüche überschwemmt worden. «Abgesoffen» wird der Lagerstandort in den Medien genannt. Abgesoffen sind damit auch die Pläne für ein Endlager dort.

Die offizielle Schweiz rühmt sich eines Entsorgungsnachweises für radioaktive Abfälle. Wird die Sache aber konkret und werden mögliche Standorte benannt, dann stossen die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) und der Bund auf geeinten Widerstand in den Kantonen. Selbst der sonst atomfreundlich gesinnte Aargau will nicht mehr mitmachen. Allein für die Entsorgungs- und Stilllegungskosten der bestehenden Reaktoren in der Schweiz rechnet die Atomwirtschaft mit 15 Milliarden Franken. Das ist wenig im Vergleich zu andern europäischen Ländern. In Frankreich oder Grossbritannien übersteigen die noch zu erwartenden Kosten jeweils weit über 100 Milliarden Franken.

Spiel mit Wohlfahrtspsychosen

Der Entscheid über den Bau weiterer Atomreaktoren in der Schweiz ist aufgrund seiner langfristigen Folgen ein Jahrhundertentscheid, der in erster Linie die kommenden Generationen betrifft und belastet. Das wird mit Vorliebe ausgeblendet und stattdessen auf kurzfristige Wohlstandsinteressen verwiesen. Die Parole der Schweizer Stromwirtschaft heisst «Stromlücke» – sie spielt mit der Angst vor dem Verlust von wirtschaftlicher Potenz und (Versorgungs-) Sicherheit. Die erneuerbaren Energieträger seien noch nicht so weit und sowieso zu teuer, behaupten die Vertreter der Stromwirtschaft. Billiger ist ein Atomreaktor allerdings nicht: Die Rahmenbedingungen sind unterschiedlich. Ein neuer Atomreaktor kostet in den USA etwa vier- bis fünfmal mehr als in China. So verwundert es kaum, wenn in China neue Reaktoren aus dem Boden schiessen und in den USA trotz Kreditgarantien kaum mehr ein Unternehmen auf die Kernenergie setzt. In einigen US-Staaten haben erneuerbare Energieträger den Stromgestehungspreis der Kernenergie bereits unterboten.

Energiewende möglich

Die Schweiz liegt irgendwo dazwischen. Technisch sind die Probleme einer Energiewende mit erneuerbaren Energieträgern und flexibleren Netzen zu lösen. Die Frage ist, zu welchem Preis bzw. zu wessen finanziellem Nutzen. Die Schweizer Stromwirtschaft liefert dazu düstere Prognosen. Ihre Voraussagen zu Kosten und Verbrauch haben aber erfahrungsgemäss kurze Beine. Ein Beispiel:

Vor wenigen Jahren sprach man von Investitionen von 4 bis 6 Milliarden Schweizer Franken für den Neubau eines Reaktors, heute sind es bereits 6 bis 9 Milliarden. Die Kosten der beiden einzigen in Europa im Bau befindlichen Anlagen in Finnland und Frankreich sind in einer unberechenbaren Aufwärtsspirale. Der finnische Reaktor Olkiluoto wird vermutlich erst 2013 statt 2009 den Betrieb aufnehmen können. Er wird statt der veranschlagten 3 Milliarden Euro gegen 6 Milliarden kosten. In Frankreich zeichnet sich ein vergleichbares Debakel ab.

Zweifellos, die Annahme ist verführerisch: Mit zwei Anlagen wären, so die Industrie, die Stromprobleme der Schweiz gelöst. Aber dafür würde eine riskante und umweltschädigende Technologie um 80–100 Jahre länger am Leben erhalten. Die Schweiz wäre abhängig von wenigen internationalen Konzernen, die sich den Uranmarkt weltweit aufgeteilt haben. Und die Weichen würden definitiv gestellt – gegen eine Zukunft mit erneuerbaren Energien. Denn in beide Energieoptionen – erneuerbar oder atomar – könnte nicht gleichzeitig investiert werden. Die Schweiz steht vor einem Entweder-Oder.

Weiterführende Links

Mayak – das dreckige Geschäft mit russischem Uran
www.greenpeace.org/switzerland/de/Kampagnen/Atom/Mayak

Die Brennstoffkette in einem Atomkraftwerk (Videos und Slideshows)
www.uranstory.ch

Dorfbesuch in Niedergösgen
www.swissinfo.ch/ger/specials/klimawandel/energie(...)

Schweizerisches Bundesamt für Energie zu erneuerbaren Energien
www.bfe.admin.ch/themen/00490/index.html?lang=de
und zur Atomenergie
www.bfe.admin.ch/themen/00511/index.html?lang=de

Uranabbau im Land der Navajo-Indiandergebiete (Slideshow)
www.latimes.com/extras/navajo/Day1

Botschaft von Yvonne Margarula (Ranger Mine Australien)
www.youtube.com/watch?v=ODgJQKt8G4M

Artikel zur Schweizer Kinderkrebsstudie
www.swissinfo.ch/ger/Wer_eine_Studie_finanziert(...)

Bildreportage «Nuclear Nightmares: 20 Years Since Chernobyl»
www.pixelpress.org/chernobyl/index.html