Kino zwischen den Ohren

Fotos: Ruben Wyttenbach

Es gibt Radiobeiträge, die ihr Publikum bei den Ohren nehmen, in denen der Regen riecht und die Stimmung Gänsehaut provoziert: Radio-Features. Einst eine Spezialität des elitären Kulturradios, feiert das Kino im Kopf eine Renaissance. Eine Auslegeordnung. Und drei Abschluss­arbeiten, die im Rahmen des Fachkurses Radiojournalismus der Radioschule klipp+klang produziert worden sind.

Radio-Feature. Ein Zauberwort, für das sich auch nach mehr als sechzig Jahren Tradition am deutschsprachigen Radio keine Übersetzung anbietet – eine Benennung, deren Definition im Vagen liegt. Erzählt es in jedem Fall eine wahre Geschichte oder ist auch Fiktion erlaubt? Bei jeder Festlegung scheiden sich die Geister.

Als journalistische Beitragsform muss das Feature immer eine wahre Geschichte erzählen. Sie muss nicht immer «wirklich» sein – aber «wahr» muss sie schon sein. Es ist der schmale Grat zwischen Wirklichkeit, Fiktion und Wahrheit (die man oft in der Fiktion findet und nicht in der Wirklichkeit). Hier wird die Grenze zwischen Feature und Hörspiel manchmal fliessend.

Unter den radio-journalistischen Beitragsformen gilt das Feature als die hohe Kunst, als eine Form von Journalismus, die dem Reporter, der RadiomacherIn maximale gestalterische Möglichkeiten und Freiheiten gewährt. Dabei gelten alle journalistischen und ethischen Regeln bezüglich Recherche, Umgang mit Quellen, O-Tönen und Zitaten. Es vermittelt die gesammelten Fakten und Meinungen jedoch nicht über aneinandergereihte Recherche-Ergebnisse und Aussagen von Betroffenen, Verursachern oder Expertinnen. Vielmehr werden Wahrnehmung und die Meinungsbildung der HörerInnen über die Stimmung gesteuert, die das Feature erzeugt. Über die Dramaturgie, über die Auswahl und das ausgeklügelte Zusammenhängen von Tönen, über die Verstrickung von Stimmen, Geräuschen und Musik. Je nach dem, auf wessen Ohr ein Feature trifft, wird es verschieden gehört.

Anlagen des 2008 eingestellten Mittelwellen-Senders «Beromünster». Einst stolzer Landessender, heute Zeichen einer vergangenen Radio­epoche.
Fotos Ruben Wyttenbach 2007.

Die Mittel und Sendezeiten für Features werden beim gebührenfinanzierten öffentlichen Radio seit mehr als zwanzig Jahren immer wieder gekürzt. Der Produktionsdruck im radiojournalistischen Alltag hat sich verschärft, die Zeit fürs Zuhören beim Publikum verkürzt. In die Programme der kommerziellen privaten Radiostationen hat die Gestaltungsform ihrer Aufwändigkeit wegen kaum je Einzug gehalten. Doch obwohl schon öfters totgesagt, findet das Radio-Feature in jeder Generation wieder neue MacherInnen. In den 1980er- und 1990er-Jahren waren es vorwiegend die jüngeren Radioschaffenden, die mit kurzen Formen und wenig Respekt vor den hergebrachten Technik-Normen neue Möglichkeiten ausprobierten und so das Feature aus den Kultur-Sendern in den flüchtigeren Begleitprogrammen neu belebten.

Was in der freien Szene mit aufwändigen radiofonischen Mitteln umgesetzt wird, ist am ersten sonOhr-Festival zu hören. Vom 25. bis 26. Februar 2011 im Rahmen des RaBe-Festes in der Reitschule Bern im Tojo Theater.

Am sonOhr-Festival feiert das 55'-Feature «Verschobene Leben in Bosnien – eine Reise von Sarajevo nach Zvornik und zurück» von Lucia Vasella und Marina Bolzli Premiere. Die Autorinnen reisen mit der Bosnierin Zilha quer durchs Land in ihr Heimatdorf. Unterwegs begegnen sie Dado, Boris und Amela, weitere Menschen mit zerrissenen Biografien.

Samstag, 26. Februar 2011, 16 Uhr
Tojo Theater, Reitschule, Bern

Für die am Markt orientierten Radiostationen sind Feature-Produktionen heute nicht attraktiv, weil zu teuer und nicht lukrativ. Auch die Mittel der Kulturprogramme werden wohl tendenziell noch weiter eingeschränkt. In den nicht kommerziell orientierten, den sogenannt freien Radios ist parallel dazu ein neuer Raum für Features gewachsen. Denn die Möglichkeiten, überhaupt ein Feature produzieren und präsentieren zu können, sind heute viel offener. Was dem Radio-Feature auch seinen ehemals elitären Anstrich genommen hat. Die technische Ausrüstung ist billiger und zugänglicher geworden: Wer über einen Computer und Internet verfügt, hat heute freien Zugang zu einst unerschwinglichen Produktionsmöglichkeiten. Kin­der lernen den Umgang mit Aufnahmegeräten und Editierprogrammen oft schon in der Primarschule und werkeln dann mit grosser Lust an ihren ersten Ton-Collagen. Dank Web-Seiten, Internet-Foren und Podcasts finden die aufwändig gestalteten Produktionen auch zum interessierten Publikum. So bleibt der Nachwuchs an Hörern und an Macherinnen allen Unkenrufen zum Trotz und zum Glück für interessierte Ohren noch eine ganze Weile gesichert.

Links zum Thema:

Hören:

Drei Arbeiten aus dem Fachkurs der klipp+klang-Radioschule:

«Der Klang der Religionen» von Pascal Güntensperger (2009)
«Der Traum vom Weg zurück» von Anne-Careen Stoltze (2010)
«Endstation DISPRAS – Bahnhofsdurchsagen im Wandel der Zeit»
von Lucia Vasella. Nominiert für den alternativen Medienpreis 2009