Ewig & Eins

Ewig: Walter Benjamin – «Berliner Kindheit um neunzehnhundert»
Eins: Doris Runge – «was da auftaucht»

 

 

Ewig:
Walter Benjamin
«Berliner Kindheit um neunzehnhundert»

Die Kindheit war einmal vollkommen, von unteilbar-ewiger Qualität, und dann – scheinbar plötzlich und etwas hinterlistig – machte sie sich aus dem Staub, ging sie für immer verloren. Doch aus dem verlassenen Raum rettet sich etwas ins Hier und Jetzt, eine Art Paradieswind trägt manchmal noch die Stimmen, Bilder und Farben hinüber: Eine Narbe am Knie, die davon zeugt, wie unmöglich schwierig das Radfahren einmal war. Ein Gutenachtkuss der Mutter, das sanfteste Medikament der Welt gegen böse Träume. Der See im Sommer, in dessen gruselig-schlammigen Grund man beim Entern des Kanus eingesunken war. Oder die Schneeflocke, von der man, am Dorfbahnhof unter dem Winterhimmel tänzelnd, verlangte, dass sie einem auf der Zungenspitze zerginge.

Mit solchen Bildern ist man – Ähnlichkeit aller Paradiese? – bei Walter Benjamin, dem Philosophen und Dichter, der Magie und Sprache der Kindheit in seiner Berliner Kindheit um neunzehnhundert gleichsam wie ein Zauberkünstler vorführt.

Die Prosaminiaturen Berliner Kindheit um neunzehnhundert (in der umfangreichsten Fassung von 1938) sind Erinnerungsbuch, Bilderalbum, Autobiografie, Sprachstudie und poetologische Schrift in einem. In der Zeit, in der der «Reichskanzler» schon seinen monströsen Völkerwahn ausbrütete, wird nicht nur die Kindheit eines einflussreichen und tragischen Denkers noch einmal wach, sondern scheint das Ende eines ganzen Jahrhunderts noch einmal auf, eine von düsteren Wolken überschattete Welt von gestern.

Da sind sie noch einmal, die Orientierungspunkte aus dem mythischen Wald der Berliner Kindheit: Die Siegessäule, der Tiergarten, das Karussell, die Knabenbücher, der Wintermorgen und die Speisekammer, all die Verstecke der Kindheit und die verborgensten Winkel der Berliner Wohnung.

Kindheit ist immer «als» etwas Erinnertes erschliessbar. Von Interesse sind bei Benjamin zum einen die Inhalte dieser Vorzeit, im Besonderen aber die verschlungenen Pfade dorthin. Benjamin hat Inhalt und Form von Erinnerung raffiniert miteinander verbunden und damit eine weit reichende Theorie entworfen. Kindheit ist der Ort der Sprachbildung selbst. Sprachbildung aber gleicht den Vorgängen des Dämmerns, des sich Verirrens und sich Verstrickens, der Verwandlung, des Ähnlichwerdens.

Die Sprache der Kindheit liegt exakt in der Fuge zwischen Eindruck und erstem Ausdruck, zwischen magischem Staunen und der emanzipierenden Begriffsbildung. Die Dinge sind zwar noch übermächtig und unnennbar, doch schon bedeutungsschwer. Sie sprechen noch nicht, doch sind sie bereits «versprechend» – im doppelten Wortsinn.

Das Kind verbindet sich mit der Stoffwelt, geht in sie ein, wird so den Dingen ähnlich. Besonders deutlich wird das im berühmten Mummerehlen-Kapitel, wo es heisst:

In einem alten Kinderverse kommt die Muhme Rehlen vor. Weil mir nun «Muhme» nichts sagte, wurde dieses Geschöpf für mich zu einem Geist: der Mummerehlen. – Beizeiten lernte ich es, in die Worte, die eigentlich Wolken waren, mich zu mummen. Die Gabe, Ähnlichkeiten zu erkennen, ist ja nichts als ein schwaches Überbleibsel des alten Zwanges, ähnlich zu werden und sich zu verhalten. Den übten Worte auf mich aus. Nicht solche, die mich musterhaften Kindern sondern Wohnungen, Möbeln, Kleidern ähnlich machten. Ich war entstellt von Ähnlichkeit mit allem, was um mich war. Ich hauste wie ein Weichtier in der Muschel im neunzehnten Jahrhundert, das nun hohl wie eine leere Muschel vor mir liegt.

Erst mit der Deutung der Welt verliert sich der Zauber und löst sich das Wort arbiträr vom Ding ab. Das bedeutet aber, aus der Muschel herausgelöst zu werden oder das Ende der Kindheit.

Walter Benjamin, geboren 1892, verbrachte seine Kindheit überwiegend in Berlin. Der deutsch-jüdische Philosoph, Literaturkritiker, Übersetzer der Werke von Baudelaire, Balzac und Proust – nahm sich 1940 im spanischen Grenzort Portbou auf der Flucht vor den Nazis das Leben. Die Pariser Exiljahre (1933–1939) waren von vielseitigen Kontakten geprägt, insbesondere von der Freundschaft zu Hannah Arendt.

Walter Benjamin: Berliner Kindheit um neunzehnhundert, Suhrkamp

 

 

Eins:
Doris Runge
«was da auftaucht»

Viele LyrikerInnen sind enttäuschend, weil sie ihre Gegenstände ganz eindimensional überdichten. So gemachte Gedichte leiden also sozusagen an Überlyrifizierung, sie schöpfen zu sehr aus der schulischen Trickkiste, der Zauber wird schal und wirkt wie der Clown an einem Firmenanlass, der zuvor als «heiter» angekündigt wurde. Man möchte dann noch rasch etwas trinken, höflich einen Schenkel tätscheln und gehen.

Das ist bei Doris Runges Gedichten anders. Runge-Gedichte, so vielfältig sie sind, haben ein Gefühl für das Janusgesicht der Lyrik. Das eine Gesicht blickt ins Reich der Träume, des Märchens, des Irrationalen und Wunderbaren, des Inkommensurablen. Das andere aber bleibt in seinem Blick haften auf dem festen Grund, auf dem wir alle leben, gehen, sprechen und sterben: Konvention ist, wenn wir nicht dichterisch sind. Die Welt muss zwar (frei nach Novalis) poetifiziert werden, aber bitte nur so weit, dass man den festen Tritt nicht verlernt und abhebt.

Beten und Jahrhunderte warten: ja. – Aber bitte nur unter der Bedingung, dass der Flugverkehr bald wieder aufgenommen wird. Die Zeit darf einmal verschwendet werden in märchenhaftem Mass und poetischer Potenz, sie muss dann aber auch wieder in ihren fahrplanmässigen Dienst eintreten. (Ich möchte zum Beispiel den Anschlussflug nach Rostock noch erreichen.) Die Aschewolke verbindet dabei die beiden Dimensionen beziehungsweise Gesichter – Zauber und Konvention – zu einer Einheit.

Weiter: Was ist eine Fussnote? Bei Runge ist sie zugleich musikalisch-flüchtig, schwebend im Wind. Sie hat den Charakter der Ergänzung. Zugleich wird sie in einen Stiefel gesteckt, dort auch noch abgeschirmt – durch eine wärmende Thermosschicht – vor den vielleicht zu luftigen Geschäften der Poesie? Die Fussnote wird also auch geschützt, konserviert und in einem Stiefel am Boden befestigt.

Doppelwesen Fussnote. Doppelwesen Stiefel. Das Abheben in Siebenmeilenschritten wird vervollständigt durch den festen Stand auf der Erde. Schweben und Schwerkraft. (Oft habe ich mir im Zusammenhang mit Fussnoten und Klammerbemerkungen überlegt, ob man hier dem Gebot der Effizienz oder der Lust am Überschwänglichen folgt?). Was da auftaucht, so lautet der Titel von Doris Runges neuem Gedichtband, ist eben beiläufig-flüchtig und ganz klar gesetzt – zugleich.

Doris Runge, 1943 in Carlow geboren, lebt in Cismar, nahe der Ostsee. Kern des Ortes ist das ehemalige Benediktinerkloster, zu dessen Anlage auch das «Weisse Haus» – Runges Wohnhaus und Ort der Literatur – gehört. Doris Runge erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. 1997 den Friedrich-Hölderlin-Preis. Im gleichen Jahr übernahm sie die Liliencron-Dozentur an der Universität Kiel. 1999 erfolgte die Poetikprofessur an der Universität Bamberg.

Doris Runge: was da auftaucht, Gedichte. Deutsche Verlagsanstalt, München 2010