ICH,
HEDI MASSAOUDI

Fotos: Privatarchiv H. Massaoudi

Ich heisse Hedi Massaoudi, bin 30-jährig und stamme aus Tunis, der Hauptstadt von Tunesien. Bis ich 16 Jahre alt war, lebte meine Familie in «Malassine», einem Vorort von Tunis. Dann zogen wir nach «Sidi Hassine Sijoumi», eine andere Banlieue, wo meine Eltern heute noch leben. Beides sind einfache Quartiere, in denen einfache Leute leben, Handwerker, Fabrikarbeiter, kleine Händler, Büroangestellte, Staatsbeamte wie Polizisten und Soldaten. In beiden herrscht jedoch eine hohe Arbeitslosigkeit, viele Jugendliche sitzen den ganzen Tag im Café. Die meisten von ihnen haben keine Jobperspektive. Auch ich komme aus einer einfachen Familie, ich bin der älteste von fünf Geschwistern, ich habe zwei Brüder und drei Schwestern.

Meine Eltern

Meine Mutter ist jetzt 53-jährig, sie hat 21 Jahre lang als Putzfrau bei der Société Nationale de Transport (SNT) in Tunis gearbeitet. Sie hat die Autobusse geputzt, bis ihr letztes Jahr der Arzt gesagt hat, wie schädlich diese Arbeit für sie mit ihrer Diabetes und ihren Gelenkproblemen sei. Seither ist sie wieder Hausfrau. Von der Firma erhielt sie weder eine Abgangsentschädigung noch eine Rente. Meine Mutter war nicht direkt bei der SNT angestellt, sondern von einer privaten Reinigungsfirma –auch in Tunesien wurde privatisiert, wovon in erster Linie Ben Ali und seine Familie profitiert haben.

Die Stunde von
Al Jazeera

 

Moncef Marzouki, Menschenrechtsaktivist, kehrt am 17. Januar 2011 nach Tunesien zurück. (Quelle: Facebook)

Die ersten Proteste in Tunesien und Ägypten wurden über die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter organisiert. Mit Mobiltelefonen gemachte Videos fanden im Handumdrehen Verbreitung, der Begriff «Facebook-Revolution» machte die Runde. Die – trotz Tunesien – offenbar überraschte ägyptische Regierung reagierte mit der Störung oder Blockierung der Mobilfunknetze. Das spricht für die eminente Bedeutung des «Mahmouls». Denn ein sogenannt «Tragbares» hat fast jeder in der arabischen Welt, SMS hat dieselbe Bedeutung wie bei uns. Teure Smartphones mit Web-Zugang und Facebook-App oder gar einen Internet-Anschluss zuhause, das haben in der arabischen Welt die wenigsten.

Den Boden für die Mobilisierung bereitet haben weder Facebook noch Twitter, sondern der katarische Fernseh-Sender Al Jazeera. Seit 1996 versorgt Al Jazeera die arabischsprachigen Haushalte von Agadir bis Zerka mit Information, die sich qualitativ an den Standards der BBC orientiert. Seither versuchen arabische Regimes, den über Satellit verbreiteten Kanal zu verbieten, zu stören, Jazeera-Korrespondenten zu gängeln oder deren Büros zu schliessen. Wie jetzt in Kairo. Eine erfolglose und kontraproduktive Reaktion. Bei aller Ungewissheit über den Fortgang der Ereignisse: Die Informationsfreiheit ist 2011 endgültig in der arabischen Welt angekommen.

dh.
 

Al Jazeera auf Englisch

Der Arbeitgeber meiner Mutter war zwar kein Verwandter des Präsidenten. Aber er war wie fast alle Firmen-, Fabrik- und Hotelinhaber in Tunesien ein korrupter Räuber. Leute wie er werden jeden Tag noch reicher. Pro Arbeiter verrechnete er der SNT 300 bis 400 Franken monatlich, meine Mutter erhielt davon gerade mal 120 Franken, ohne Unfallversicherung oder Sozialleistungen. Doch da sie keinen Beruf gelernt hatte, hatte sie keine andere Wahl.

Mein Vater ist 62-jährig und pensioniert, nachdem er 29 Jahre lang am Empfang einer Zeitung in Tunis gearbeitet hatte. Wie üblich in Tunesien hat mein Vater über all die Jahre den gleichen Lohn verdient, umgerechnet 300 Franken monatlich. Im Gegensatz zu meiner Mutter erhält er eine Pension.

Begonnen hatte mein Vater als kleiner Händler, bis er als junger Mann in Libyen eine Arbeit fand. Damals verdiente man dort das Drei- bis Vierfache als in Tunesien. Acht Jahre arbeitete er dort in einer Fabrik, die Wasser- und Kanalisationsröhren herstellte. Während dieser Zeit heiratete er meine Mutter. Sie war 19 und er 30 Jahre alt. Sie kannten sich schon vorher, weil sie in demselben Ort wohnten. Ein Jugendfreund, der als Goldschmied arbeitete, hatte ihm vorgeschlagen, zusammen ein Juweliergeschäft zu eröffnen. Weil Gold eine sichere Sache ist, fand mein Vater die Idee gut und vertraute seinem Kollegen, der in diesem Metier bereits Erfahrung hatte. Mein Vater investierte seine gesamten Ersparnisse, es wurden Verträge geschlossen. Er ahnte nicht, dass alles nur im Namen seines Geschäftspartners registriert wurde, weil der schon im Voraus den Notar bestochen. Dies hat mein Vater erst Monate später anlässlich eines Streits erfahren. Der Partner sagte ihm: «Hier läuft es, wie ich will. Wenn es dir nicht passt, kannst du gehen, du hast sowieso nichts zu entscheiden hier.» Fast zwei Jahre versuchte mein Vater vergeblich, zu seinem Recht zu kommen. In kürzester Zeit hatte er alles verloren. Bis heute möchte mein Vater nicht darüber sprechen, die Details dieser Geschichte kenne ich nur dank meiner Mutter. Nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit fand mein Vater schliesslich jenen Job bei der Zeitung, wo er 29 Jahre lang blieb.

Meine Jugend

Ich ging sechs Jahre in die Primarschule und war dort immer einer der Besten, obwohl ich in der Freizeit mehr auf der Strasse war als zu Hause. In der Schule dagegen war ich immer bei der Sache, hielt mit meinen Scherzen aber auch die Lehrer und Lehrerinnen gehörig auf Trab.

Bis ich zehn war, konnten mir meine Eltern schöne Kleider und Geschenke kaufen. Später als Teenager, nachdem mein Vater sein Geld verloren hatte, gab es jeweils nur einmal im Jahr zum Fest am Ende des Ramadan etwas Neues. «Second-Hand-Kleider sehen auch gut aus», sagte mein Vater. Ich aber wollte so aussehen wie die meisten Jungs in der Schule. Cool, so wie es den Mädchen gefällt.

Mit 14 Jahren kam ich in die Sekundarschule. Die war viel grösser, die Studenten kamen aus den verschiedensten Quartieren und aus allen Schichten. Rasch war klar, ob ein Student aus armen oder wohlhabenden Verhältnissen stammt. Dementsprechend bildeten sich die Gruppen. Ich habe schnell verstanden, zu welcher Gruppe ich gehöre. Die Coolen und Schicken essen unter sich, sprechen nur untereinander und planen ihre gemeinsamen Wochenenden. Wenn du zu ihnen gehören willst, musst du unbedingt cool aussehen und genug Taschengeld haben. Sie brachten ihre Sandwichs nicht wie ich von zuhause mit, sie hatten genug Geld, um in den Pausen etwas Frisches zu kaufen. Um cool auszusehen musst du Markenkleider tragen, die für mich zu teuer waren: Ein paar Schuhe und ein Hose kosteten mehr als das, was mein Vater im Monat verdiente.

Teenagerzeit

Im Gymnasium habe ich mit dem Tanz Bekanntschaft gemacht: Mit vier Kollegen begann ich, in einem Jugendzentrum HipHop zu tanzen – ohne Tanzlehrer, einfach nur wir mit unseren Videobändern. Meine grossen Vorbilder waren Michael Jackson und die deutsche Breakdance-Crew «The Flying Steps». Für Tanz und Schule brauchte ich coole Kleider und Taschengeld, doch dafür konnten meine Eltern mir nicht helfen. Bis heute bleibt mir dieser Lebensabschnitt als einer der härtesten in Erinnerung. Viele Jungs aus meiner Umgebung gerieten auf die schiefe Bahn, sie verkauften Drogen oder begannen zu stehlen. Ich konnte und ich wollte das nicht, Aber es war eine sehr schwierige Zeit, schliesslich wollte ich auch dazugehören. Ich glaube, meine Erziehung und meine Persönlichkeit halfen mir, «Nein» zu sagen.

Ich suchte daher einen Nebenjob am Abend. Lange ohne Erfolg, bis der Chef meiner Mutter neue Mitarbeiter für die Abendschicht bei der Busreinigung suchte. So arbeitete ich sechsmal die Woche von 20 Uhr bis Mitternacht mit Besen und Eimer, ohne Schutz im ganzen Staub und Dreck. Die Arbeitsbedingungen waren miserabel, bis heute leide ich an Stauballergie. Für die vier Stunden Arbeit jeden Abend erhielt ich einen Lohn von umgerechnet 100 Franken im Monat. Wenig, aber es half mir, meine Schule und das Tanzen zu finanzieren. Oft war ich erst um ein oder zwei Uhr nachts zuhause, am nächsten Morgen ging ich wieder zur Schule. Ich wurde immer müder und dünner, hatte wenig Zeit für die Hausaufgaben. Meine Noten wurden schlechter, aber irgendwie konnte ich mich bis zur Matura in der Schule halten. Fünf Jahre hielt ich durch, irgendwann konnte ich einfach nicht mehr. Es gibt vielleicht Tunesier, die mit diesem Job zufrieden gewesen wären, aber ich hatte andere Ambitionen, andere Ziele und andere Träume.

Als Animateur in Hammamet

Mit 21 erhielt ich die Chance, endlich etwas Besseres zu tun: Ein interessanter Job im Kontakt mit Touristen aus Europa, wo ich meine Tanz- und Sprachfähigkeiten praktizieren und einen besserer Lohn verdienen konnte. 300 Franken betrug mein Monatslohn, gleich viel wie mein Vater und doppelt so viel wie meine Mutter verdiente. Das war das verlockende Angebot, das ich vom Hotel «Le Sultan» in Hammamet erhielt. Es steht übrigens unmittelbar neben der Sommerresidenz von Ben Ali.

Am Anfang hatte ich gemischte Gefühle und wusste nicht, wie lange ich dort bleiben würde. Es war das erste Mal, dass ich nicht mehr zuhause wohnte. Aber um meinen Traum von einem besseren Leben zu realisieren, brauchte ich diesen Job. Im Sommer 2001 begann ich als Animateur. Von meinem Freundeskreis war ich glücklicherweise nicht komplett getrennt, meine beiden besten Kumpel Issam Saidani und Ahmed Fatnassi arbeiteten auch dort. Issam war es eigentlich, der den Job gefunden hatte. Schon zwei Jahre zuvor hatten wir eine Rap-Band gegründet, wir nannten uns TDA, was für Troisième Dimension Arabique steht. Unser Ziel war, ein Album zu produzieren. Und der Job in Hammamet ermöglichte uns, unsere Musik und Aufnahmen zu finanzieren.

Im Hotel erhielten wir Kost und Logis, so dass ich oft den ganzen Monatslohn sparen konnte. Manchmal gaben uns zufriedene Touristen am Ende ihrer Ferien Trinkgelder oder sogar Geschenke wie z.B. Schuhe oder die Badehose, die sie nur für die Ferien gekauft hatten. Manchmal bekamen wir auch kostbare Sachen wie eine Uhr oder ein Handy, aber das war selten. Für uns war jeder Gegenstand wertvoll: Jedes Geschenk, jede Hose oder T-Shirt bedeutete weniger Ausgaben und mehr Geld, das ich zur Seite legen konnte.

Die Monate Juli, August sind die touristische Hochsaison in Tunesien. Die Hotels aller Kategorien sind gut belegt. Tausende von Touristen und viele Tunesier, die im Ausland wohnen, strömen ins Land. Überall wird Französisch, Englisch, Deutsch, Italienisch und Spanisch gesprochen. Autos mit Kennzeichen aus den unterschiedlichsten Ländern geben einen Eindruck davon, wo überall auf der Welt Tunesier leben. Nicht nur in Europa, ich habe Autos aus Australien, den USA, Kanada und Japan gesehen. So findet jedes Jahr während der Sommermonate in Tunesien ein enormer sozialer und kultureller Austausch zwischen den Einheimischen und den Touristen statt. Die Strände sind voll, in den Souks und den Medinas wird gehandelt und gefeilscht. Bis in die frühen Morgenstunden haben Discos, Clubs, Bars und Restaurants geöffnet, sieben Tage die Woche. Es ist eine ganz besondere und friedliche Stimmung, von der man nie genug kriegt. Wer jedoch nicht im Tourismus arbeitet, bekommt davon nicht viel mit. Einfache Tunesier kennen diese Welt, diese wunderbare Stimmung in der Regel nicht. Denn Geld für Ferien haben die wenigsten.

Eine Karriere als Rapper

Mit meiner Arbeit als Animateur konnte ich meine Musik finanzieren und mit Issam Lieder aufnehmen. Nach zwei Jahren hatten wir ein gutes musikalisches Repertoire beieinander. Unser nächstes grosses Ziel war, ein Album zu veröffentlichen. Die Aussichten dafür standen jedoch schlecht. Wir waren zwei junge Rapper, die zwar viel in ihre Musik und Texte investierten, aber ausser unserem Freundeskreis kannte uns niemand. Internet war damals noch nicht verbreitet, im Fernsehen erfuhr man nichts über das wirkliche Leben und das Staatsradio spielte nur orientalische Musik. Wir fragten alle möglichen Plattenfirmen, doch alle meinten, das Risiko sei zu gross. Sie hatten Angst, Angst vor Ben Ali. Wir haben trotzdem nie aufgegeben, wir waren infiziert von der Musik. Denn sie gab uns die Möglichkeit, uns auszudrücken.

Hören:
«Tunisie – Couvre Feu»
Lyrics

 

Eines Tages erzählte uns ein DJ, dass er bei einem Privatradio angestellt würde. Die Station war noch nicht auf Sendung, in ein paar Wochen erst sollte es soweit sein. Er schlug vor, dass wir einen Jingle für dieses Radio namens «Mosaïque FM» produzieren sollten. Wir packten unsere Chance und machten innerhalb von zwei Stunden einen Jingle. Beim Radio waren alle Moderatoren und Redaktoren begeistert. Wir wurden eingeladen, weitere Jingles für fast alle Sendungen zu produzieren. Es gab immer neue Aufträge, bloss Geld sahen wir keines. Für uns war das nur halb so schlimm, denn dafür spielten sie ab und zu unsere Lieder am Radio und so öffnete sich eine kleine Tür für uns und unsere Musik.

Der Schatten
von Ben Ali

«Über Politik zu reden war das grosse Tabu in Tunesien. Die Regel war allen bekannt: Behalte deine unnötigen Kommentare für dich, und du behältst dein Leben. Ben Ali wollte nicht hören, seine Politik sei diktatorisch, und seine Familie wollte nicht hören, dass sie Gangster seien. Politik in Tunesien, das war ein Alleinherrscher und dessen Regierungspartei RCD (Rassemblement Constitutionnel Democratique), die überall im Land ihre Büros hatte. Kein Geschäft, kein Institut, keine Firma wurde toleriert, ohne dass die Verantwortlichen RCD-Mitglied waren. Sogar wer bei der Bank einen Kredit beantragte, wurde nach der Mitgliedschaftskarte gefragt.

Aus Angst zeigten die meisten Menschen kein Interesse an Politik, sie vermieden jede Diskussion darüber, zumindest in der Öffentlichkeit. Wir jungen Tunesier lebten mit dem Schatten Ben Alis, in jeder Ecke des Landes. Insbesondere in Gegenwart von Fremden wusste man nie, wer noch mithört. Die Angst lebte in jedem von uns, denn entweder warst du Mitglied des RCD oder du lebtest dein miserables Leben und hieltst die Klappe. Ich habe einige Präsidentschaftswahlen erlebt, aber ich habe nie gewählt. Mir war immer klar, wer gewinnen würde, als einziger Kandidat konnte ja nur Ben Ali gewinnen. Es gab keine wirkliche Opposition: Die Figuren, die uns als Oppositionelle verkauft wurden, waren immer Ben Alis Wahl.»

hm.

Schliesslich unterschrieben wir einen Vertrag, wonach «Mosaïque FM» unsere Musik produzieren würde. Auch einen Vertrieb gab es. Doch wir wurden über den Tisch gezogen, die wahren Verkaufszahlen haben wir nie erfahren. Die Stimmung kippte und nach viel Arbeit und Euphorie standen wir mit ein paar wenigen Dinars in der Hand da. Als wir ein Honorar für unsere Jingles verlangten, war es das Ende einer Beziehung, die nur auf Träumen und Profit aufgebaut war. Der Vertrag wurde aufgelöst, der Traum vom Rap-Star war geplatzt, die Arbeit als Animateur im «Le Sultan» schien mein Schicksal zu sein. Wir haben zwar ein Jahr später in Eigenregie noch ein weiteres Album rausgebracht, aber ohne Airplay wurde nichts daraus. Wir mussten die gesamte Promotion selbst organisieren, was nicht nur schwierig, sondern auch sehr teuer war.

Ben Ali am Telefon

Eines Tages erhielt ich einen Anruf von einer Event-Firma namens «AD Production». Sie würden einen grossen HipHop-Abend mit Stars aus Frankreich und bekannten Namen aus Tunesien organisieren. Wir haben sofort zugesagt, diesmal sollte uns das Glück nicht im Stich lassen. TDA auf der gleichen Bühne wie Stars wie Rohff, Nadiya und Willy Denzey! Und das in «La Coupole d'El Menzeh» in Tunis, das ist vergleichbar mit einem Auftritt im Zürcher Hallenstadion. Ausserdem sollte das Konzert am 19. März stattfinden, meinem Geburtstag – was für ein Zufall. Nach einer kurzen Verhandlung über die Gage schlossen wir einen Vertrag ab, danach gingen wir proben und schliesslich feiern. Ich erfuhr, dass «AD Production» einem Mitglied des Ben-Ali-Clans gehört, Kaïs Ben Ali, einem Neffen des Präsidenten. Diese Information störte uns kaum, da uns die Firma einen guten Eindruck gemacht hatte. Wenn der wollte, hätte er uns gleich gezwungen gratis aufzutreten. Jedenfalls kein Grund auf diese Chance zu verzichten, die Euphorie war zu gross. Am Tag vor dem Konzert klingelte mein Telefon, eine Stimme sagte: «Kaïs Ben Ali am Telefon.» Er rufe mich an, um mir zu sagen, dass das Konzert für einen guten Zweck und die vereinbarte Gage damit hinfällig sei. Und er drohte mit harten Konsequenzen, falls wir nicht aufträten. Nach dem Konzert erhielten wir einen Umschlag mit 30 tunesischen Dinars, rund 20 Franken - fürs Taxi, hiess es. Ein wahrlich besonderer Geburtstag war das.

In die Schweiz

Im April 2002 lernte ich Sarah kennen, sie war mit ihren Eltern aus der Schweiz in die Ferien ins Hotel nach Hammamet gekommen. Auf einer Pedalo-Fahrt haben wir uns kennen gelernt. Nach zwei Wochen fuhr sie wieder nachhause und es begann eine leidenschaftliche aber schwierige Fernbeziehung über fast fünf Jahre. Dank der Unterstützung von Sarahs Eltern, insbesondere ihrer Mutter, konnten wir uns drei- bis viermal jährlich treffen. Und unsere Liebe wuchs immer mehr.

Ich fuhr auch zweimal in die Schweiz und habe das Land und das tägliche Leben meiner Freundin kennen gelernt. Meinen ersten Deutsch-Kurs habe ich während einem dieser Besuche gemacht. Am Anfang hatten Sarah und ich nur Englisch gesprochen, nach diesem Kurs haben wir bald auf Deutsch gewechselt.

Weil Sarah oft in Tunesien war, lernte sie das Land gut kennen. Sie sah, wie die Politik von Ben Ali und seiner Familie das Land kontrolliert und wie schwierig es für mich würde, dort eine sichere Zukunft aufzubauen. Während einem von Sarahs Aufenthalten in Tunesien erhielt ich einen Anruf vom Chef der Kriminalpolizei, ich solle ins Hauptkommissariat nach Tunis kommen. Es ginge um einen Rap-Song, Genaueres wollte er am Telefon nicht sagen. Schliesslich handelte es sich um ein Lied, in dem die Polizei und Ben Alis Politik beschimpft werden. Die Experten hatten meine Stimme erkannt. Dabei hatten wir mit TDA immer darauf geachtet, mit unseren Texten nicht zu weit zu gehen, wir wollten unseren Ruf als tunesische Rap-Gruppe, die gelegentlich auch im Radio- und Fernsehen gespielt wurde, nicht gefährden. Die Reaktion war typisch: «Ok, wenn du es nicht bist, dann kannst du uns sicher sagen, wer es ist.» Ich wurde von vier Polizisten unter Druck gesetzt, ehe ich nach vier Stunden ein Protokoll unterschreiben musste und gehen konnte. Sarah hatte auf mich gewartet.

Nach fünf Jahren Fernbeziehung kam der Moment, wo wir entscheiden mussten, wie es mit uns weiter gehen sollte. Sarah wollte nicht in Tunesien leben, ich sah keine Zukunft als Rapper und Animateur. Wir entschieden, dass ich in die Schweiz kommen und dort eine Ausbildung machen sollte. Voraussetzung dafür war unsere Heirat. Mit Unterstützung meiner Schwiegereltern habe ich Ende 2006 mit der Ausbildung als Audio-Ingenieur begonnen und sie nach zwei Jahren abgeschlossen. Danach habe ich während sechs Monaten in Deutschland ein Praktikum im Broadcast-Bereich absolviert. Auch das wäre ohne die Unterstützung meiner Schwiegereltern und ihrer Freunde in Deutschland nicht möglich gewesen. Seither arbeite ich in der Schweiz bei verschiedenen Unternehmen als Tontechniker.

Nach vier Jahren in der Schweiz fühle ich mich auch hier zu Hause. Doch die Sehnsucht nach Tunesien, meiner Familie und meinen Freunden begleitet mich ständig.