Erinnerungen an die
Rote Armee

Fotos: André Widmer

Im Hinterland von Aserbeidschan lagerte die ruhmreiche Rote Armee einst Waffen und Munition. Beim überstürzten Abzug 1991 der Sowjets aus dem Südkaukasus wurde die Munitionsbasis kurzerhand in die Luft gesprengt. Zurückgeblieben sind Tausende von Blindgängern. Und eine Einnahmequelle mit tödlichen Gefahren für die lokale Bevölkerung.

Die Gefahr lauert draussen auf den Feldern, etwas abseits des Dorfes Saloglu, einer kleinen Ortschaft im aserbeidschanischen Hinterland. Dort, wo die Landschaft immer karger wird und kaum ein Baum steht, warnen Schilder mit Totenkopfsymbolen die Menschen vor im Boden drohenden Unheil. Schafe sind auf der Suche nach ein paar kümmerlichen Grashalmen. Ein paar Meter neben den gutmütig dreinschauenden Tieren stecken verrostete Raketen kopfüber in der Erde. Über 100 Menschen sind hier in den letzten Jahren durch Blindgänger verletzt worden – viele davon starben. Schuld daran sind die Überbleibsel einer ehemaligen sowjetischen Munitionsbasis.

Saloglu liegt in einer Tiefebene im zentralen Kaukasus, im Dreiländereck nahe den Grenzen zu Georgien und Armenien. 1937 hatte die Rote Armee in Saloglu eine Basis mit dem grössten Munitionsdepot im Transkaukasus errichtet. Das Gelände war militärisches Sperrgebiet, über Jahrzehnte wusste die Zivilbevölkerung kaum Bescheid darüber, was hinter den Drahtzäunen geschah. Im August 1991, als der Konflikt um die Republik Berg-Karabach zwischen Armeniern und Aserbeidschanern eskalierte und die beiden Sowjet-Republiken ihre Unabhängigkeit ausriefen, zogen die Sowjets plötzlich ab. Die Menge der im Depot gelagerten Munition war riesig. Viel zu gross, um sie wegzutransportieren. Das Material zurückzulassen hätte einen Einfluss auf den eskalierenden Karabachkonflikt gehabt, was nicht im Interesse der Russen war. So griff die Armee zu einer ebenso unkonventionellen wie verheerenden Massnahme: Sie sprengte die 138 Bunker, in der die explosive Ware lagerte, kurzerhand in die Luft. Nach den Detonationen waren in Saloglu und Umgebung schliesslich 4400 Hektaren übersät mit Projektilen unterschiedlicher Grösse, von Handgranaten über Geschosse bis zu Raketen.

«Ich dachte, es sei Aluminium»

Auf dem rechten Auge sieht Metleb Nasibov nichts mehr. Das vernarbte Augenlid bleibt geschlossen. Im Gesicht ist eine weitere längliche Narbe zu sehen. Metleb krempelt den Ärmel des Hemdes zurück, am linken Unterarm kommt eine grossflächige Einbuchtung zum Vorschein. Metleb ist eines der vielen Opfer, die die gefährliche sowjetische Hinterlassenschaft in Saloglu gefordert hat. Metleb Nasibov trägt einen einfachen Anzug, sitzt an einen Tisch, nebenan läuft der Fernseher. Es wird Tee gereicht, das Nationalgetränk in Aserbeidschan. Metleb erzählt von seinem persönlichen Schicksal, photographieren lassen will er sich nicht. Anfangs der 1990-er Jahre hatte er in der aserbeidschanischen Armee gedient. Es waren keine einfachen Zeiten. In allen ehemaligen Sowjet-Republiken gestaltete sich das Leben hart, Lebensmittel waren knapp, die politische Lage im Kaukasus schwierig. Ab 1992 weitete sich der Konflikt um die Region Berg-Karabach zum Krieg aus, 1994 wurde ein Waffenstillstand unterschrieben. In der Zwischenzeit war Metleb Vater zweier Kinder geworden. Als er 1996 aus der Armee ausschied, schlug er sich zunächst mit diversen Jobs durch. Und wurde schliesslich arbeitslos. Wie viele andere begann er, in der Region Saloglu Metall einzusammeln und weiter zu verkaufen. Es lag schliesslich offen herum auf den Feldern und sein Haus liegt nur ein paar hundert Meter entfernt.

Auch an jenem Morgen Ende Sommer 1998 machte sich Metleb Nasibov auf, Metall einzusammeln. Und er fand ein besonderes, längliches Metallstück, ein Rohr. «Ich dachte, es sei Aluminium», so Metleb. Wieder zu Hause, versuchte er es zu öffnen. um das Metall von anderem Material zu trennen. In diesem Moment explodierte es. Vom Knall aufgeschreckt, eilte die Familie hinter das Haus. Dort fanden sie ihren Vater und Ehemann schwer verwundet, verletzt im Gesicht, an beiden Beinen und einem Arm. Verwandte fuhren Metleb ins nächste Spital in die Provinzhauptstadt Agstafa. Nach einem Tag wurde er in die Hauptstadt Baku verlegt. Der Aufenthalt in der Klinik dort dauerte einen Monat. Immerhin zahlte die Armee ihrem jungen Veteranen die Hälfte des Spitalaufenthalts, obwohl sich der Unfall ausserhalb des Militärdienstes ereignete hatte.

Minenräumung für die BTC-Pipeline

Wegen seiner günstigen geografischen Lage wurde die Gegend rund um Saloglu nach dem Ende des Kalten Kriegs zum begehrten Transitkorridor. 2004 begannen die Bauarbeiten an der Ölpipeline Baku-Tiflis-Ceyhan. Diese Pipeline ermöglicht unter Umgehung Russlands den Transport von Erdöl aus Aserbeidschan und Kasachstan zum Mittelmeerhafen Ceyhan. Betrieben wird sie von den westlichen Ölgesellschaften BP, Chevron, Texaco, Statoil sowie der aserbeidschanischen Socar.

Die Fotografin Rena Effendi aus Baku, Aser­beidschan, hat die Auswirkungen der Erdöl­industrie auf ihr Volk dokumentiert. Sie folgte der 1700 Kilometer langen Öl-Pipeline durch Georgien und die Türkei, die Geschichten dieser Reise hat sie in ihrem ersten Buch veröffentlicht: «Pipe Dreams – Eine Chronik des Lebens entlang der Pipeline», Verlag Benteli, Bern.
Fotostrecke auf www.refendi.com

Die Bauarbeiten brachten die staatliche Minenräumungsgesellschaft Anama in die Region Agstafa. Ihr oblag es, auf einer Länge von 32 Kilometern einen rund 50 Meter breiten Streifen bis in eine Tiefe von 3 Metern von Blindgängern zu säubern. Die Rohre sollten einen Meter unter dem Boden verlegt werden, um Anschläge auf die Pipeline zu verhindern. An einer Stelle grenzt die vorgesehene Pipelineroute bis auf wenige Meter an das Gelände des früheren sowjetischen Munitionslagers. Rund 120 Projektile, nur ein Bruchteil, wurden im geplanten Pipelinebereich geborgen. Für Anama blieb noch viel zu tun. Im Dezember 2005 begann die Minenräumungsgesellschaft unter der Aufsicht von Uno und Nato mit der Blindgängerräumung der gesamten Gegend rund um die Basis. Die Bedrohung, die das sowjetische Erbe für die Mensch und Natur darstellte, war erkannt worden. Zwischenzeitlich hatte die alte Munition, die vielen Blindgänger, zu rosten begonnen. Einige enthalten weissen Phosphor. Ein perfides Material, das hochgiftig ist und eine tödliche Wirkung entfalten kann.

Anama hat eine Basis errichtet und beschäftigt rund 70 Angestellte, die meisten von ihnen als Minenräumer im Feld. Der Rest arbeitet in der Administration, in der Küche oder im Unterhalt. Die Anama-Gebäude in Saloglu liegen in Sichtweite des ehemaligen sowjetischen Munitionsdepots, von dem noch verlassene Wachtürme und einsturzgefährdete Dächer zu sehen sind. Der Drahtzaun ums ehemalige Armeegelände rostet vor sich hin, die Betonpfosten stehen schief. Das Betreten der Anlage ist verboten. Unmittelbar neben den Gebäuden liegen die Felder, wo das gefährliche Vermächtnis der Sowjets liegt.

Die bisher von Anama geleistete Entsorgungsarbeit ist gewaltig. Auf 44 Quadratkilometern wurden fast 550 000 Blindgänger weggeräumt, davon 7082 mit weissem Phosphor. 250 verschiedene Munitionsarten sind identifiziert worden.

Kontrollierte Explosion

Supervisor Mahdat Mammudov und seine Männer fahren heute in den etwas weiter entfernten Sektor 17. Sie sind daran, den Boden bis in eine Tiefe von 30 Zentimetern zu entminen. Streifenweise. Kaum ist etwas Humus abgetragen, kommen verrostete Blindgänger zum Vorschein. Es ist, als ob man Haut aufkratzte und darunter bösartige Wucherungen entdeckt. In diesem Sektor wurden einst 23 Bunker gezählt, fünf davon sind heute noch gefüllt. Enthalten die Blindgänger noch Zünder, werden sie vor Ort gesprengt. Der Rest wird eingesammelt und zum Sprengungsgelände gebracht.

Mit dem Jeep geht es weiter, vorbei am Drahtzaun der ehemaligen Sowjetbasis, mit Kurs auf eine Anhöhe hinter der Basis. Dann erreichen wir das Sprenggelände. «Yandirma Arizisi» und «Burning Area» steht auf einem verbeulten Schild. Ein paar Meter weiter ist das Gelände übersät mit Kratern früherer Detonationen. Es ist eine wüstenähnliche Gegend, in der die 15 Männer umfassende Sprengtruppe arbeitet. In einem drei Meter tiefen Loch liegt die sorgfältig präparierte, alte Munition. Rund 10'000 Projektile, insgesamt 1,8 Tonnen sollen diese Woche zur Explosion gebracht werden. Ganz unten in der Grube liegen die kleinkalibrigen Projektile, darauf sind die grösseren Geschosse deponiert. Zwei Schichten, wie bei einer Torte. Für die Sprengungen wird TNT benutzt. Die letzten Vorbereitungen im Sprengungsgelände sind im Gange. Das Gelände wird geräumt, der Mannschaftswagen zieht ab. Ein Mann observiert vom Dach des Übersichtsbunkers aus die Umgebung. Vor kurzem hätten noch ein paar Ingenieure in der näheren Umgebung gearbeitet. Jetzt ist das Areal menschenleer. Alle ziehen sich in den Bunker zurück, die Augen auf das einen Kilometer entfernte, frisch zugeschüttete Loch gerichtet. Dann ein gewaltiger Knall, kurz darauf die Druckwelle. Die Detonation hat vorzüglich geklappt. Das Gelände wird die kommenden 24 Stunden überwacht und darf nicht betreten werden, mit Nachfolgeexplosionen ist zu rechnen.

Abends, zurück auf der Basis. Am Eingangstor steigen die Minenräumer aus den Fahrzeugen, es ist Arbeitsschluss. Am Tor steht auch Metleb Nasibov, das Blindgängeropfer. Er hat wieder einen Job, er sorgt jetzt für den Unterhalt auf der Anama-Basis.