Aktuell & Ewig

Aktuell: Michael Nyman & Motion Trio – «Accoustic Accordions»
Michael Nyman – «In Concert & Composer in Progress»

Ewig: Karen Dalton (1937-1993)

 

 

Aktuell:
MICHAEL NYMAN & MOTION TRIO
«ACCOUSTIC ACCORDIONS» (2010)

 

MICHAEL NYMAN
«IN CONCERT & COMPOSER IN PROGRESS» (2010)

 

Wer die mittleren 1970er Jahre nicht selbst erlebt hat, kann sich heute die musikalische Einöde der Zeit von 1972–78 kaum mehr vorstellen. Alternativen waren dünn gesät, der Zwang zur Kommerzialisierung drang in fast jeden Winkel. Eine der Lichtgestalten war zweifellos Brian Eno, Keyboarder bei der Glamrock-Band Roxy Music. Nach zwei Alben mit Roxy Music und Sänger Bryan Ferry hatte er dessen Eitelkeit satt und verbreitete mit vier erfrischenden Soloalben Aufbruchstimmung, speziell mit «Another Green World» (1975) und «Before And After The Science» (1977). Zwischen 1975-78 begründete er das legendäre Label Obscure Records, das Pionierleistungen der britischen Minimal Music und erste Ansätze von Ambient herausbrachte, darunter das Début von Michael Nyman. Nach seinen Konzerten in Zürich vom April 1986 (Rote Fabrik) und November 1990 (Gessnerallee), speziell nach seinem Welterfolg mit dem Soundtrack zu Jane Campions Film «The Piano» (1993), habe ich ihn weitgehend aus den Augen verloren. Erst die Neuinterpretationen des polnischen Akkordeon-Trios Motion Trio liess mein Interesse wieder erwachen. Ähnlich euphorisch wie seinerzeit der Musikfilm «Step Across The Border» (1990) mit Fred Frith hinterliess mich kürzlich ein 60-minütiges Portrait über Michael Nyman von Silvia Beck. Eine deutsche Produktion, die das Zeug hat, ebenfalls ein Klassiker des Musikfilm-Genres zu werden. Sie zeigt den 65-jährigen Komponisten als Wirbelwind in der Welt der klassischen Musik, wir folgen seinen jüdischen Wurzeln nach Polen, sein Bruder erzählt von der Kindheit, die Musiker/innen der 11-köpfigen Michael Nyman Band erzählen von geschundenen Lippen beim Posaunieren oder vom Tennisarm beim Geigenspielen. Welcher zeitgenössische Komponist kann schon auf solche Loyalität seines Ensembles zählen wie Nyman? Der Film spiegelt in Interview-Ausschnitten und Szenen aus Nymans (Arbeits-)Leben eine vielschichtige Persönlichkeit, die aus Prinzip an ihre Grenzen geht. Sehr schön auch die gemeinsame Taxifahrt mit Freund Steve Reich, das Finale bildet sein erstes Konzert in der grössten Konzerthalle von London, das Händel und Purcell gewidmet ist. Auf der zweiten DVD findet sich der 90-minütige Mitschnitt eines Konzerts der Nyman Band in Halle im Jahr 2009.

Einen Eindruck von der Klangfülle und Dynamik der Nyman Band erhält man hier im – leider abrupt endenden – Konzertmitschnitt des Titels «Dreams of a Journey»:

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Quelle: www.youtube.com/watch?v=roGfnkFyzgM
 

 

 

Ewig:
KAREN DALTON (1937–1993)
«In My Own Time» (1970)

 

«It's So Hard To Tell Who's Going To Love You The Best» (1969)

 

Willkommen im Universum des Dreiecksverhältnisses Karen Dalton, Fred Neil und Tim Buckley. Das erste bekannte Bühnenfoto von Bob Dylan stammt von einem Auftritt im Jahr 1961 mit zwei inzwischen halb vergessenen, aber wichtigen Figuren der damaligen Songwriter-Szene: Fred Neil und Karen Dalton. In den letzten Jahren sind beide Alben, die Karen Dalton aufgenommen hat, mehrfach wiederveröffentlicht worden, momentan ist die erste auf LP, die zweite auf CD lieferbar. In der Intensität der Stimme vergleichbar mit Janis Joplin, klingt die brüchige Stimme unmittelbar nach Billie Holiday. Psychedelic Folk trifft auf Country, Soul und Blues. Nick Cave und Devandra Banhart gehören zu ihren grössten Fans, aber auch Lucinda Williams und Joanna Newsom. Karen Dalton stammte aus Colorado, unter ihren Vorfahren finden sich Cherokee-Indianer und Einwanderer aus Irland. Die ganze Tragik ihres Lebens kommt auf diesen beiden Alben zur Geltung: Zwei gescheiterte Ehen, Alkohol- und Drogenprobleme haben Spuren hinterlassen. Im Frühling 1993 starb Dalton an Aids. Eng verknüpft ist ihre Biographie mit jener von Fred Neil und auch zu Tim Buckley schlägt der herzzerreisende Gesang von Karen Dalton einen Bogen. Tim Buckley hat mit grossem Erfolg Fred Neils Song «Dolphins» gecovert und sich immer wieder auf Fred Neil bezogen.

Hier eine Hörprobe von Karen Dalton: «It Hurts Me Too»

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Quelle: www.youtube.com/watch?v=y-BIKjypNsE