IN LONDON REGNET ES KEIN GELD

All men are equal – That is to say, who possess UMBRELLAS.

( E.M. Forster, English Novellist and Essayist, 1879-1970)

Die Geschichte von Sonnen- und Regenschirm sind wie Geschwister eng miteinander verknüpft. Eine der Hauptfunktionen des Schirms ist das Beschützen – entweder vor der prallen Sonne oder dem strömenden Regen.

Es scheint, dass sich der Regen vor langer Zeit permanent in London einquartiert hat. Regen in London ist so alltäglich wie das Geld. In London regnet es viel, leider aber kein Geld. Hingegen macht man mit Regen viel Geld!

James Smith & Sons, Herstellung, Verkauf und Reparaturen von Regenschirmen, an der 53 New Oxford Street, in London WC1A 1BL, ist einer der wenigen Orte Englands, wo man den Regen lächelnd begrüsst, den Sonnenschein hingegen als unwillkommenen Gast betrachtet. Denn: Wenn es regnet, brauchen die Leute Schirme und beim Schirmverkaufen macht man Geld!

Die 130 Jahre alte viktorianische Ladenfassade macht schon von Ferne auf sich aufmerksam. Dieser an die Zeit Dickens' erinnernde Regenschirm- und Spazierstockladen hat sich seit der Gründung praktisch nicht verändert. Das gediegene Auftreten des Ladens spiegelt die bewährte Qualität des Produkts. James Smith und sein Team von Schirmspezialisten haben ihre treuen Kunden und Kundinnen mit ihren klassisch-eleganten Schirmen in den vergangenen 170 Jahren vor dem Regen geschützt und trocken gehalten. Die eigenen klassischen Regenschirme werden immer noch wie früher im Untergeschoss von Hand angefertigt und repariert. Zwar repariert man nur noch die Modelle aus dem eigenen Sortiment, doch allein diese Tatsache ist in einer Wegwerfkultur eine erfreuliche Rarität.

James Smith war der erste in England, der das neue stahlverstrebte, leicht auf- und zu klappbare Fox-Gestell benutzte, um seine Qualitätsregenschirme herzustellen. Der klassisch schwarze englische Regenschirm hat sich interessanterweise seit der Erfindung von Samuel Fox kaum mehr verändert – ausser, dass die Schirme heute mit Wasser abstossendem, eingefärbtem Nylon, und nicht wie ursprünglich mit imprägnierter Seide, bespannt sind.

Ein von James Smith & Son angefertigter Regenschirm ist keine billige Angelegenheit, kostet er doch zwischen 60 und 200 Pfund. Deshalb findet man heute in ihrem Sortiment auch eingekaufte, billigere Regenschirme.

Der klassisch schwarze Regenschirm gehört heute ebenso zu den Wahrzeichen Londons und symbolisiert «Britishness» wie Big Ben, Tower Bridge, die Roten Doppeldeckerbusse oder die schwarzen Taxis. Am 3. Januar 1882 schrieb ein namenloser Journalist in der New York Times einen Artikel über den Einfluss des Regenschirms auf die Engländer (The Influence Of The Umbrella). Der Regenschirm, schreibt er in leicht ironischem Ton, habe als ständiger Begleiter den Charakter und die Manieren des gepflegten Engländers stark beeinflusst und tief geprägt. Unser namenloser Journalist geht sogar soweit zu behaupten, der Engländer würde «ohne seinen Regenschirm fahrlässig, abenteuerlich und im schlimmsten Fall ein Vagabund».

Das war nicht immer so.

Der Regenschirm brauchte einige Zeit, um sich im Londoner Alltag als ein unentbehrliches Accessoire des gediegenen «City Gents» voll zu etablieren. Jonas Hanway, der Gründer des Magdalen Hospitals, war der erste Londoner, der 1750 den Mut hatte, sein Haus während mehr als 30 Jahren nie ohne seinen handgefertigten, schwarzen Regenschirm zu verlassen. In seiner Zeit war der Regenschirm vor allem ein Utensil für Frauen aus gepflegten Kreisen. Die Männer trugen regenfeste Mäntel und Hüte. Ein Mann mit einem Schirm war damals geradezu revolutionär! Den Spott und das Gelächter der Bevölkerung, das Jonas Hanway entgegenschwappte, perlte an ihm ab wie das Wasser auf dem Rücken der Ente. Es war ihm schlicht egal, denn er glaubte an die Nützlichkeit des Regenschirms und war überzeugt, dass sich dieser früher oder später durchsetzen würde.

1852 entwickelte der Engländer Samuel Fox den raffinierten stahlverstrebten, mit markanter schwarzer, wasserfester Seide bespannten englischen Regenschirm. Dieses neue Modell liess sich mit seinen Standardteilen einfach und ihn grossen Mengen produzieren. Dieser Regenschirm war mit seinem handgefertigten eleganten Holzgriff handlicher, leichter und problemloser zu bedienen und garantierte, die edlen Kleider der gehobenen Herrschaften auch im heftigsten Regen trocken zu halten. Der spazierstockartige, traditionelle schwarze Regenschirm entwickelte sich mit der Zeit zum perfekten Statussymbol der Mittel- und der Oberschicht Englands.

In seiner Vielfalt ist der herkömmliche Regenschirm heute eine alltägliche Angelegenheit. Das bekannteste Modell ist der teleskopierbare, platzsparende Regenschirm: der Knirps. 1928 erfunden, liess ihn Hans Haupt aus Solingen (D) am 23 November 1934 patentieren. Auch der «Knirps», als Original oder als vielkopiertes Modell, fand seinen Weg nach London. Er hat sich durch seine praktischen Fähigkeiten, sich klein zu machen und den Besitzer im Regen trocken zu halten, als bevorzugtes Objekt von Millionen Stadteinwohnern, Hinzugezogenen und Touristen etabliert.

Nicht nur der Regen, auch der Regenschirm hat sich unentbehrlich gemacht und permanent in den Londoner Alltag eingeschlichen. Und doch leben wir in einer turbulenten Welt voll Ungewissheit und Umbruch. Alles ist möglich – oder auch nicht.

Eines hingegen ist klar: Egal, ob die Sonne scheint oder der Regen auf uns herunter prasselt, der Regenschirm bleibt. Solange mindestens, bis der letzte Träger den Schirm zugemacht hat!