Frauenrechte sind Menschen-
rechte

neuland im März 2011

Liebe Leserinnen und Leser

Als Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss mit 20 Jahren volljährig wurde, konnte sie weder abstimmen noch war sie wählbar. Das war anfangs 1960. Knapp ein Jahr zuvor, am 1. Februar 1959, hatte sie hautnah miterlebt, wie die Männer die Einführung des Frauenstimmrechts mit einer wuchtigen Zweidrittelmehrheit ablehnten. «Es war enttäuschend und beleidigend», sagte sie an einer Podiumsveranstaltung anfangs Februar 2011 an der Universität Bern. Vor allem sei es aber eine fast unlösbare Aufgabe der Befürworterinnen gewesen, gegen die «wie Maschinengewehrsalven vorgebrachten irrationalen Gegenargumente» anzukämpfen. Es sei eine emotionale Schlacht gewesen. Von «Verlust der Weiblichkeit» sei die Rede gewesen, von der Bedrohung des Hausfriedens und der Gefährdung des Seelenheils der Frauen. Am schlimmsten sei aber der Vorwurf gewesen, Frauen würden, wenn sie denn politisch gleichberechtigt wären, die Kinder vernachlässigen.

Den Befürworterinnen ging es um Menschenrechte, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, den Gegnern darum, bei den Frauen Schuldgefühle zu schüren und sie auf diese Weise politisch ins Abseits zu stellen. Die Arroganz der Gegner des Frauenstimmrechts war gross. Als der Bundesrat 1968 ankündigte, die Europäische Menschenrechtskonvention unter Vorbehalt – das heisst ohne Frauenstimmrecht und Gleichstellung – zu unterzeichnen, war dies gleichzeitig der Anfang vom Ende. Die Frauenstimmrechtsvereine organisierten am 1. März 1969 einen Marsch nach Bern. In einer Resolution stellten die Demonstrantinnen fest: «Die Gleichstellung der Geschlechter ist eine wichtige Voraussetzung für die Verwirklichung der Menschenrechte. Sämtliche vorgeschlagenen Vorbehalte stellen die Glaubwürdigkeit unseres Landes als Rechtsstaat und Demokratie in Frage.» Einen Tag vor dem Marsch nach Bern verlangte der sozialdemokratische Nationalrat Max Arnold die menschenrechtskonforme Interpretation des Begriffs «Schweizer». Am 7. Februar 1971 sagte eine Zweidrittelmehrheit der Männer Ja zum Frauenstimm- und Wahlrecht auf eidgenössischer Ebene.

Das Cover wurde von Nele Stecher gestaltet. Sie erzählt, wie die RAF (Rote Armee Fraktion) den Porsche des Sportjournalisten Rainer Schlegelmich entführte. Dabei lernen wir, dass dort, wo der Hund begraben liegt, vielleicht auch das zu finden ist, was die Welt im Innersten zusammenhält – und das ist «neuland» für jeden Forschergeist.

Am 10. März 1993 wurde Ruth Dreifuss in einer denkwürdigen Wahl zur zweiten Bundesrätin der Schweiz gewählt. Mit ihr wurde eine Feministin und eine äusserst hartnäckige Kämpferin Innenministerin. Ihrem politischen Geschick ist es zu verdanken, dass es mit dem Gleichstellungsgesetz vorwärts ging und 2004 die Mutterschaftsversicherung eingeführt wurde. «Auf dem Papier haben wir die Gleichberechtigung erreicht, doch ist diese noch nicht überall umgesetzt», bilanzierte Ruth Dreifuss zum Schluss der Veranstaltung an der Universität Bern. Mit Frauenquoten in der Politik, aber auch in den Unternehmen, ist sie überzeugt, ginge es schneller.

Vielleicht müssen Frauen wieder streiken, um die Umsetzung der Gleichstellung in allen Bereichen voranzutreiben. Am 14. Juni 1991 haben sich über eine halbe Million Frauen in der ganzen Schweiz am nationalen Frauenstreik beteiligt. Christiane Brunner, Politikerin, Gewerkschafterin und Initiatorin des Frauenstreiks gehört wie Ruth Dreifuss zu jener Generation von Frauen, für die klar war, ohne Kampf ist nichts zu gewinnen. Hartnäckigkeit, Kreativität, Vernetzung und viel Laufarbeit gehörten zum erfolgreichen Rezept von Brunner. Nur so ging es einen Schritt weiter. Im Interview in dieser Ausgabe sagt sie: «Der Frauenstreik hat dazu beigetragen, dass es auf gesetzlicher Ebene vorwärts ging.» 1995 sagte das Parlament Ja zum neuen Gleichstellungsgesetz, das ein wichtiges Instrument zur Förderung der tatsächlichen Gleichstellung von Frau und Mann ist. Und es schützt Frauen, welche die Lohngleichheit einfordern.

Aus aktuellem Anlass, am 8. März feiern wir den internationalen Frauentag, stehen Frauen im Mittelpunkt dieser Ausgabe. Die Fotografin Karina Muench begleitet Boxerinnen mit ihrer Kamera und Denise Buser setzt sich in ihrem Essay mit der Kopftuchfrage und Kleidervorschriften auseinander. Wir gehen aber auch auf Reisen in andere Welten. So nach Genf zu Nicolas Bouvier, nach Ägypten zu den Muslimbrüdern und in die Theaterwelt von Hamburg. Und nicht zuletzt tief in die Erde hinein, zu einem Wurm, der in diesem Jahr zum Tier des Jahres erkoren wurde.

Wir wünschen Ihnen spannende Lektüre.

Für neuland #5
Judith Stofer

neuland #6 erscheint am 1. April 2011.