Ewig & Eins

Ewig: Frank Wedekind – «Frühlings Erwachen»
Eins: Arno Geiger – «Der alte König in seinem Exil»

 

 

Ewig:
Frank Wedekind
«Frühlings Erwachen»

Bald erwacht der Frühling und damit das neue Leben. – Während man heute bei Frühling an frohen Aufbruch denken mag, war Frühling, früher, ganz anders.

Wedekinds Drama Frühlings Erwachen, untertitelt mit «eine Kindertragödie», handelt von Jugendlichen auf der Schwelle zum Erwachsenenalter. Damit fügt sich Wedekind in eine künstlerische Tradition ein, man denke zum Beispiel an Robert Musils Verwirrungen des Zöglings Törless oder an die Hesse-Romane Unterm Rad oder Demian. Mir fallen aber auch die wunderbaren Éric Rohmer-Filme ein, die genaue Einblicke in späte Adoleszenzen gewähren: Suchen, fragen, sich verpassen, ohne Ende denken, reden, reden, reden, sich verlieren, aufbrechen und nicht ankommen.

Was bei Rohmer trotz aller Verwicklungen und Komplikationen leicht wie ein Sommerlüftchen ins Fenster weht, ist bei Wedekind, etwa 70 Jahre früher, ein zähes Knirschen, Würgen und Stocken. Zwar erwacht der Frühling der Jugendlichen – was auch sonst? – doch in einer Art, als sei es ihm per Grundgesetz verboten worden. Die bürgerliche Kultur ist hier scharfe Gegnerin alles Natürlichen. Vor dem zeitlichen Hintergrund des Wilhelminischen Kaiserreichs und dessen autoritärer Erziehungstheorie – man denkt ganz bildlich an das Geradeziehen – gestalten sich die Themen der jugendlichen Sexualität, der normalsten Sehnsüchte und Wünsche, der natürlichsten Selbstfindung hochproblematisch, ja fatal.

Die 14-jährige Wendla soll aufgrund ihres frühlingshaften Erwachens ein längeres Kleid tragen, so will es die ängstlich-verklemmte Mutter: «Ich würde dich ja gerne so behalten, Kind, wie du gerade bist. Wenn du nur nicht zu kalt hast!»

Melchior und Moritz sprechen über Sex – es stellt sich heraus, dass Moritz nicht aufgeklärt wurde. Aus tiefer Scham bittet er Melchior, ihm den Gang der Fortpflanzung nicht mündlich zu erklären, sondern aufzuschreiben: «Schreib es möglichst kurz und klar und steck es mir morgen während der Turnstunde zwischen die Bücher. Ich werde es nach Hause tragen, ohne zu wissen, dass ich es habe.»

Thea, Wendla und Martha unterhalten sich über das Kinderkriegen und über Erziehung. Martha berichtet davon, wie sie geschlagen wird und in einem Sack schlafen muss, wenn sie die strengen Regeln ihrer Eltern in Frage stellt: «Der Kopf bleibt frei. Unter dem Kinn wird zugebunden.» Thea und Martha wären lieber als Jungen geboren worden und träumen schon ganz stereotypisch von «lieber zwanzig Jungens als drei Mädchen», nur Wendla ist gerne Mädchen. Doch weil auch sie kein freies Verhältnis zu ihrem Körper entwickeln kann, flüchtet sie sich in masochistische Praktiken.

An einer Lehrerkonferenz wird über das Schicksal Melchiors, dem Moritz' Suizid angelastet wird, beraten. Diese Szene ist ein Höhepunkt des Dramas. Wedekind lässt hier einige Erzieherkarikaturen der Zeit in ungeheurer Le(e)(h)re daherpredigen: «Ein nachsichtiges Verfahren, das sich unserem schuldbeladenen Schüler gegenüber rechtfertigen liesse, liesse sich der zur Zeit in denkbar bedenklichster Weise gefährdeten Existenz unserer Anstalt gegenüber nicht rechtfertigen. Wir sehen uns in die Notwendigkeit versetzt, den Schuldbeladenen zu richten», so Rektor Sonnenstich.

Und so reihen sich lose Szenenfolgen aneinander, drastische, sich steigernde Episoden über Jugendliche um 1900 – Jugendliche, die eigentlich nur das Selbstverständlichste haben wollen: etwas Luft zum Atmen und etwas Raum zum Leben. Dieses Leben ist aber vermint durch Leistungsdruck, prüden Moralismus, Verrat und Lüge.

Das Bestechende an Wedekinds 1906 in Berlin (Regie: Max Reinhardt) uraufgeführtem Stück, dessen Geschichte mit Zensur, Verboten und Pornographie-Prozessen verbunden war, ist seine Fähigkeit, Beschneidungen und Grenzen sprachlich darzustellen. Auf diese Barrieren reagieren die Jugendlichen entweder mit Aggression oder tiefer Resignation. Auf die eindrückliche Pubertätsstudie Stefan Zweigs in seinem Kapitel «Eros Matutinus», enthalten in Die Welt von Gestern, sei hier hingewiesen.

Das Wedekind-Stück ist «dem vermummten Herrn», einer Allegorie des unbekannten, freien Lebens, gewidmet. Der Vermummte, an der Uraufführung von Frank Wedekind mit schwarzer Halbmaske und Zylinder selbst gespielt, steht für die Verführung zu dem Leben, das man nicht kennenlernen kann, ohne sich ihm ganz anzuvertrauen: «Ich führe dich unter Menschen» sagt der geheimnisvolle Herr zum lebensmüden Melchior, «ich mache dich ausnahmslos mit allem bekannt, was die Welt Interessantes bietet.» – Sich dem Frühling des Lebens anvertrauen zu können, dafür plädiert Wedekind mit seinem mutigen und sprachlich brillanten Werk.

Frank Wedekind: Frühlings Erwachen. Reclam-Ausgabe, Stuttgart 2000.

 

 

Eins:
Arno Geiger
«Der alte König in seinem Exil»

Der alte König in seinem Exil: das ist die Geschichte von Arno Geigers Vater, August Geiger, im Reich des Vergessens – und der überraschenden Begegnungen. Seine Krankheit ist bekannt, sie heisst Alzheimer.

Der Sohn schreibt: «Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm. Dort drüben, innerhalb der Grenzen seiner geistigen Verfassung, jenseits unserer auf Sachlichkeit und Zielstrebigkeit ausgelegten Gesellschaft, ist er noch immer ein beachtlicher Mensch, und wenn auch nach allgemeinen Massstäben nicht immer ganz vernünftig, so doch irgendwie brillant.»

Die Vater-Beziehung, genauer: das Bild, das diese Beziehung ausmacht, wandelt sich in der Beschreibung langsam, schrittweise und leise – so, wie die Krankheit zunächst fast unmerklich voranschreitet. Es ist ein gedehnter Abschied, der hier beschrieben wird, doch dabei wird auch eine neue, heraufdämmernde Bühne der Begegnung frei.

Jahrelang war dem Autor der Gedanke an Alzheimer nicht möglich gewesen: «So absurd es klingt, aber ich hatte es ihm einfach nicht zugetraut!» Nachdem aber der verwirrende Anfang der Krankheit, «ein vollkommener Fehlschlag und die Zeit grosser Verluste» überwunden ist, beginnt die Familie, sich auf die Krankheit in ihrer «frappierenden Privatlogik, voll spontaner Eleganz» einzulassen. Sie erkennt in ihr ein eigenes System, an dem sie selbst durchaus nicht nur zu verzweifeln hat, sondern das auch Möglichkeiten des Wachsens, ja sogar der Orientierung bietet.

Geiger beginnt, Alzheimer neu zu lesen: Die Krankheit wird etwa zum Symbol der Heimatlosigkeit, der tiefen traumatischen Entwurzelung des Vaters im Krieg. Sie wird aber auch zum gesellschaftlichen Sinnbild: «Von Alzheimer reden heisst, von der Krankheit des Jahrhunderts reden. Durch Zufall ist das Leben des Vaters symptomatisch für diese Entwicklung. Sein Leben begann in einer Zeit, in der es feste Pfeiler gab (Familie, Religion, Machtstrukturen, Ideologien, Geschlechterrollen, Vaterland), und mündete in die Krankheit, als sich die westliche Gesellschaft bereits in einem Trümmerfeld solcher Stützen befand. Angesichts dieser mir während der Jahre heraufdämmernden Erkenntnis lag es nahe, dass ich mich mit dem Vater mehr und mehr solidarisch fühlte.»

Über eine schiefe Brücke führt ein Weg ins labyrinthische Land des Vaters. Der lebt dort wie ein weiser Narr, ein präziser Seher, ein Robinson ohne Freitag – oftmals ist er verzweifelt und ängstlich, dann wieder wie ein stolzer und sehr milder König. Auf seiner Zimmertüre steht nun sein Name geschrieben. Das Zuhause, das er nicht mehr erkennt, wird ihm in geduldigen Gesprächen immer wieder zurückgegeben: «Anschliessend kam er nochmals zu mir an den Tisch, sein Gesichtsausdruck liess erkennen, dass ihm die Situation ein wenig peinlich war, er zögerte, rückte schliesslich aber doch mit dem Problem heraus. Hast du mir eine Adresse? Oder eine andere Anweisung? Ich meine, du müsstest mir nur sagen, geh die obere Strasse entlang, bis du das Haus siehst. Die Art und Weise, wie er um Unterstützung bat, ging mir zu Herzen, ich sagte: Ich habe es mir überlegt, ich komme mit. Wenn du noch eine halbe Stunde wartest, bis ich mit Tippen fertig bin, gehen wir gemeinsam. – Wohin?, fragte er. Heim, sagte ich. Mich zieht es auch heim.»

Der alte König in seinem Exil ist ein Vater-Sohn-Buch, hierbei auch die Geschichte einer Liebe jenseits der konventionellen Zeichen. Es ist weiter Alzheimer-Bericht und Auseinandersetzung mit dem menschlichem Gedächtnis überhaupt. In jeder Hinsicht ist es sehr gelungen.

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil. Carl Hanser Verlag, München 2011.