Wir Westler und die Muslim-
bruderschaft

Frauen auf dem Tahrir Platz singen Slogans gegen Mubarak. Kairo, Ägypten. 1. Februar 2011. Foto: Yuri Kozyrev / NOOR for Time

Ägyptens Muslimbruderschaft wird von westlichen Politikern und Journalisten als radikale Organisation gebrandmarkt – ein doppeltes Spiel des Westens.

Der Teufel hat wieder ein Gesicht. Fox News nennt sie schlicht «the godfather of al-Qaeda». Die Kanzlerin zu Berlin, Angela Merkel, warnt vor einem Machtvakuum, in das sie schlüpfen könnten.

Israels Premier Benjamin Netanjahu – der soeben seinen letzten ernst zu nehmenden Alliierten im Nahen Osten verloren hat – gibt sich, als Freund theatralischer Auftritte, zutiefst besorgt: «Aus Ägypten könnte ein Gottesstaat wie Iran werden.»

Im «Tagesspiegel» sieht der Historiker Michael Wolfssohn im Abgang Mubaraks «kein Grund zum Jubeln».

Die ägyptische Muslimbruderschaft. Kaum eine Bewegung wird zurzeit dermassen unverhohlen dämonisiert und zu politischen Zwecken missinterpretiert. Halbwahrheiten sind en vogue.

Scheingefechte

Worum aber geht es wirklich? Das Scheingefecht um die Bruderschaft scheint auch ein Produkt unserer Selbstbeschäftigung mit dem Islam zu sein. Westliches politisches Versagen im Sinne einer Politik der Angst statt einer konsistenten Immigrationspolitik: Unterstützung despotischer Regimes im Nahen Osten aus ökonomischen und geopolitischen Überlegungen, gepaart mit Lippenbekenntnissen in Sachen Menschenrechte und Demokratie-Bemühungen.

Wegsehen und Wegzappen rächen sich nun in einem gewissen Sinne durch die Hintertüre.

Etwa, wenn die Süddeutsche Zeitung meint, «die Brüder haben Ägyptens Neo-Islamisierung betrieben. Sie unterwandern Berufsverbände (...).» Geflissentlich blendet das liberale Blatt aus, dass die Renaissance des Islam bereits nach dem 1967er Krieg gegen Israel begann; damals, als die Bruderschaft bereits verboten war.

Etablierte Bewegung

Natürlich hat die Bruderschaft den islamischen Trend gefördert. So wie in der ganzen arabischen Welt, ist auch in Ägypten eine gesellschaftliche Bewegung hin zum Islam festzustellen, ist ein eigentlicher Ausrichtungskampf im Gange zwischen traditioneller und progressiver Interpretation des Korans. Die Muslimbruderschaft ist mit sozialen Dienstleistungen dort präsent, wo der Staat versagt: Spitäler, Unterstützung für Minderbemittelte, Schulen, Essensausgabe – und Frauenförderungsprogrammen. Die Bruderschaft hat sich ebenso wie die Gesellschaft, in der sie sich bewegt, gewandelt.

In den 1950er und 1960er Jahren hat sie tatsächlich zur Gewalt aufgerufen, wollte die Gesellschaft mit Terror verändern – im Kontakt mit der Gesellschaft ist sie jedoch von Extremismus und Gewalt abgekommen, beteiligt sich heute an demokratischen Errungenschaften wie Wahlen, setzt sich für die Einhaltung von Menschrechten ein. Und sass jüngst mit Vertretern des Regimes am Verhandlungstisch, um über den Abgang Hosni Mubaraks zu debattieren.

Die Muslimbruderschaft, eine radikale, gewaltbereite Organisation? Womöglich in einem Atmzug mit dem Terrornetzwerk al-Kaida zu nennen? Ayman al-Zawahiri, einst ein Muslimbruder und heutiger ägyptischer Vordenker des al-Kaida-Netzwerks, war im ägyptischen Gefängnis radikalisiert worden. Doch ausgerechnet der einstige Bruder al-Zawahiri attackiert die Bruderschaft regelmässig und in harschen Tönen, da sie, so der Mann an der Seite Bin Ladens, den Islam ausverkauft habe mit ihren gemässigten Positionen.

Ob man in Alexandria den ehemaligen Generalsekretär der Bewegung, Sobhi Saleh, trifft, in Kairo den Leader der Bruderschaft, Mohammed Badie – die Kader der Muslimbrüder sind durchwegs hoch gebildete Leute: Anwälte, Mediziner oder etwa Ingenieure sind eher die Regel denn die Ausnahme.

Kein Einheitsblock

Das mag dazu beitragen, dass innerhalb der Bruderschaft hart um die Ausrichtung der Bewegung gestritten wird: Die Muslimbruderschaft ist keine homogene Organisation, die mit einer Stimme spricht, die eine gemeinsame religiös-ideologische Basis verbindet. Deshalb ist die Bewegung schwer fassbar, sind ihre tatsächlichen Ziele nicht abschliessend klar zu benennen. Ebenso wenig ist eine klare Kategorisierung möglich. Vielmehr zeichnet sich die Bewegung laut Carrie Rosefsky Wickham von der Emory Universität durch verschiedene Strömungen aus:

Und wir Westler wollen nicht zuhören. Wenn zum Beispiel Hussein Mahmoud, Generalsekretär der Bruderschaft, sagt, die Bewegung fordere eine zivile Regierung, getragen von den Werten des Islam, jedoch nicht von der Geistlichkeit im Rahmen eines Gottesstaates geführt.

Wenn Raschad al-Bajumi, die Nummer zwei der Muslimbruderschaft sagt, «wir sind keine Teufel. Wir wollen Frieden, keine Gewalt. Unsere Religion ist keine teuflische Religion. Unsere Religion respektiert die Andersgläubigen.»

Wenn Essam El-Errian als Mitglied des «Guidance council» der Muslimbrüder schreibt: «Wir zielen auf Reformen und Recht für alle, nicht bloss für die Muslimbruderschaft, nicht bloss für Muslime, sondern für alle Ägypter. Wir haben keine Absicht, eine dominante Rolle in den anstehenden politischen Veränderungen zu übernehmen.»

Waghalsige Vergleiche

Wir hören nicht zu, sondern ziehen waghalsige geschichtliche Vergleiche. Wie etwa die angebliche Parallele zur iranischen Revolution von 1978/79. Von einem möglichen «Gottesstaat» wird gewarnt, verkörpert in Ayatollah Khomeini. Ein ungehöriger Vergleich, etwa mit Blick auf die ungleichen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und religiösen Realitäten.

Mit Tusche und Feder die Revolution fest­halten

     

Ahmed Dahi bringt die aktuellen Ereignisse in seiner alten Heimat Ägypten mit seinen Karikaturen auf den Punkt. «Es geht um Demokratie und Freiheit», sagt Dahi. In den vergangenen Wochen hat Dahi dies in seinen Zeichnungen und Karikaturen festgehalten. Wir zeigen hier auf «neuland» eine Auswahl von vier Karikaturen. Der Grafiker und Karikaturist wohnt seit 2002 in der Nähe von Winterthur.

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Im erdölexportierenden Iran der 1970er Jahre konnte nur ein kleiner Teil der Oberschicht an explodierenden Rohstoffpreisen profitieren. Ägyptens wichtigste Einnahmequelle ist jedoch der Tourismus, wovon nebst der dem Regime nahe stehende Unternehmer auch breite Schichten der Händler und Dienstleistungsbranche – wenngleich bescheiden – profitieren.

Nun stelle sich einer vor, das Land der Pharaos würde eine radikale Ideologie übernehmen: Wie würden deutsche, britische oder etwa Schweizer Touristinnen und Touristen reagieren auf Kairos berühmten Kahn al-Khalili-Markt, konfrontiert mit – wie wir Westler sie gerne darstellen – bärtigen, mittelalterlich dreinschauenden Herren?

Ägyptens Einnahmequellen würden zu einem grossen Teil versiegen. Das Land dürfte gar Mühe haben, genügend Lebensmittel zu importieren, sagt der Historiker Juan Cole von der Universität Michigan.

Das sunnitisch geprägte Ägypten kennt zudem, im Unterschied zum schiitischen Iran, keine Doktrin des blinden Gehorsams ihren geistlichen Führern gegenüber. Eine ägyptische Version des Ruhollah Khomeini ist weit und breit nicht in Sicht.

Die Bruderschaft stand eher im Hintergrund der ägyptischen Revolution, sie beteiligte sich erst nach einer knappen Woche an den Protesten. Auf den Strassen Ägyptens waren vor allem säkulare Demonstranten der Mittelschicht zu sehen und zu hören. Oder dann gläubige muslimische Arbeiter, die der Arbeiter-Bewegung näher stehen denn der Muslimbruderschaft.

Warum sollte nun just eine religiöse Bewegung diese Wählerschaft anziehen?

Oder anders gesagt: Ein nicht geringer Teil der Popularität der Bruderschaft basierte bisher auf ihrer Opposition gegen das Regime Mubarak. Jetzt, da Mubarak trotz zäher westlicher Unterstützung verjagt wurde, ist schwer absehbar, weshalb die Muslimbrüder bei Parlamentswahlen – so sie denn tatsächlich wie vorgesehen stattfinden – mehr als ein Drittel der Sitze machen sollten.

«Wenn das Schreckgespenst Khomeini freudvoll-schaudernd herbeigerufen wird, sagt das mehr über diejenigen aus, die diesen Vergleich ziehen, als über die Gültigkeit der Analogie selbst», sagt Christian Meier von «zenith – der Zeitschrift für den Orient».

Zu kritisieren wäre also, wenn schon, der westliche Opportunismus, gepaart mit einer feinen Prise westlichem Zynismus.

Falsche Politik

Islamisten haben in den letzten 30 Jahren die Massen nirgends überzeugt; nach der iranischen Revolution ist nichts mehr dergleichen geschehen. Vielmehr hat der Westen mit seiner «Politik der Stabilität» geradezu in die Hände religiöser Gruppen gespielt: Zuerst mit brutaler Gewalt zu unterdrücken versucht, aus aufbegehrte gegen soziale Ungerechtigkeiten, dann mit Hilfe radikaler Gruppierungen versucht, noch radikalere Bewegungen einzudämmen – und den Radikalen damit zusätzlichen Einfluss und Autorität verschafft.

Konkret in den 1980er Jahren: In Afghanistan setzen die USA auf die Taliban, um die russische Besatzung des Landes zu torpedieren; eine tragische Fehleinschätzung, wie wir heute wissen.

1991, in Algerien: An der Urne sichern sich Islamisten die Macht – der Westen sieht zu, als die Wahlsieger brutal niedergeschossen werden.

Die Realpolitik der letzten paar Jahre hat auch die Bruderschaft gelehrt, dass die Gefahr, mit Gewalt bekämpft zu werden, umso grösser ist, je stärker ihre Bedeutung im politischen Prozess wächst.

Zum Beispiel im Gaza-Streifen: Die Hamas-Bewegung hat Wahlen – in freier und demokratischer Manier, so wie der Westen das einfordert – gewonnen. Stattdessen sahen dieselben westlichen Politiker mit dem Ausgang den Wahlen nicht ihre bisherigen Interessen garantiert. Ergo werden, wie nicht erst seit den Wikileaks-Dokumenten bekannt ist, die rund 3,5 Millionen Menschen im Gaza- Streifen einer Wirtschafts- und Politkblockade ausgesetzt. Getreu dem Motto: Und willst Du nicht wählen, wer meine Interessen vertritt ...

Wo, wenn nicht im Nahen Osten, trifft der Begriff des Neo- Kolonialismus den Nagel auf den Kopf?

Stabilität ist zum jüngsten Mantra der westlichen Politik geworden. Stabilität, übersetzt als garantierte Öl- und Gaslieferungen sowie keine Machtverschiebungen zu ungunsten des einzigen verbliebenen westlichen Alliierten in der Region – Israel.

Kalter Frieden

Insbesondere Israels Premier Benjamin Netanjahu – kein Mann sanfter Töne – hat sich in dieser Hinsicht als Warner vor dem vermeintlich Bösen hervorgetan, sekundiert von Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel und Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi.

Israels Sorge um die Zeit nach Mubarak an und für sich ist sehr wohl ernst zu nehmen. Es ist eine Tatsache, dass zwischen Israel und Ägypten ein sehr kalter Frieden besteht. Es ist ebenso eine Tatsache, dass die «ägyptische Strasse» Israel zu einem grossen Teil feindlich gegenüber steht.

Nur, das hat wenig mit Demokratie-Bewegungen im Nahen Osten und dem Islam zu tun, sehr viel jedoch mit dem Fakt, dass Israel seit 62 Jahren als Besatzungsmacht fungiert. Auch wenn die arabische Solidarität mit den «palästinensischen Brüdern» nicht überbewertet werden sollte: Die israelische Besatzung palästinensischer Gebiete, gepaart mit der konstanten Verhinderung der Errichtung eines überlebensfähigen Palästinenser-Staates, ist ein schmerzender Stachel in der Brust vieler Araber – und willkommenes Alibi sowie Feindbild- Lieferant für nahöstliche Regimes, um Ausnahmerecht und exorbitant teure Sicherheitsapparate rechtfertigen zu können.

Doch, um tatsächliche Angst im Westen vor der angeblich drohenden islamistischen Machtübernahme geht es selten. Oder, wann haben wir das letzte Mal westliche Politiker, in Berlin, Washington, Brüssel oder etwa Bern das wohl harscheste Regime im Nahen Osten kritisieren hören? Saudi-Arabien, und dessen lange Liste an konstanten Menschenrechts-Verletzungen; Saudi-Arabien, der Sponsor radikaler Bewegungen par excellence. Der grösste Erdöl-Exporteur der Welt gehört nicht zum Standard-Vokabular westlicher Politiker, wenn es um Panikmache geht.

Doppelte Standards, an die wir nach der ägyptischen Revolution noch deutlicher erinnert werden. Oder wie Abdel-Rahman Hussein von der «Daily News Egypt» sagt: «What also galls has been the reaction of Mubarak's Western allies, whose pathetic role will not be forgotten in the annals of history nor by the Egyptian people.»