Auf den Pflastersteinen, die die Welt bedeuten

Bild: Screenshot aus Video Schaufenstheater

Inmitten der Wirren einer Grossdemonstration im Hamburger Schanzen­viertel unterhalten Cosma Dujat und Andreas Jahncke mit einem Gassentheater.

«Ich habe Angst», flüstert Cosma und blickt auf die Strasse. Sie kneift sich in ihren linken Handrücken. Es bleibt eine rote Druckstelle. Die Stimmen im Nebenraum sind verstummt. Sirenengeheul erobert das Zimmer. Cosma tritt einen Schritt von der Balkontür zurück. Sie schüttelt ihren Körper und beginnt mit ihren Fäusten auf die Brust zu schlagen. Die Laute, die sie dabei ausstösst, übertönen die Geräusche von draussen. Im Nebenraum beginnt ein Mann mit tiefer Stimme zu singen.

Draussen vor dem Balkon stehen sechs vermummte Gestalten in schwarzer Kleidung vor einer grünweissen Front aus Polizisten. Aus den Seitengassen strömen immer mehr Schwarzgekleidete in die Susannenstrasse. Wie dunkles Blut, das auf einer Wunde verkrustet, vermengen sie sich auf der Strassenkreuzung vor dem Balkon.

Insgesamt marschieren rund 2000 Demonstranten durch die engen Gassen des Hamburger Schanzenviertels. In monotonen Sprechgesängen fordert die Masse: «weniger Polizei – mehr Freiheit». Die Wutparolen gelten den deutschen Innenministern, die im Hamburger Rathaus über die «innere Sicherheit» beraten.

Oben im Zimmer klatscht Cosma nun abwechslungsweise mit den Handflächen auf ihren Nacken und gurrt dabei wie eine Taube. Nebenan ahmt die Männerstimme einen Zweitaktmotor nach. «Sollen wir das wirklich durchziehen, Andreas?», fragt Cosma mit ungewöhnlich hoher Stimme. Der Motor verstummt. «Ja! Lass es uns machen!», ertönt es. Ein Mann mit nacktem Oberkörper betritt den Raum und geht mit schnellen Schritten ans Fenster. Mit einer kurzen Handbewegung streicht er sich durch sein blondes Haar. Seine hellblauen Augen sind weit geöffnet. Aufmerksam verfolgt er das Geschehen auf der Strasse. «Es wird uns schon nix passieren!», besänftigt er.

«Theater, wo es hingehört»

Eine Stunde früher ist Cosma noch ganz entspannt: Mit den Beinen eng am Körper sitzt sie auf einem weichen Sofa im hintersten Eck ihrer Lieblingsbar. Im Hintergrund ertönt mexikanische Rockmusik aus einem Lautsprecher. Ihre Augen hat sie nur einen kleinen Spalt weit geöffnet. Auf ihrer Oberlippe perlt Milchschaum. Ihr Schauspielkollege Andreas geht den bevorstehenden Auftritt Szene für Szene durch. Seine Wörter formen sich mehr und mehr zu einem kleinen Strom der Begeisterung und plätschern in einem Wasserfall auf den hölzernen Salontisch. Die sechs Jahre jüngere Cosma schweigt. Nur selten platziert sie ein Wort der Zustimmung im reissenden Fluss seiner Erzählung. Sie blickt auf den Zeigefinger ihrer linken Hand, als ob sie ihn gerade erst entdeckt hätte.

Cosma Dujat und Andreas Jahncke treten seit Mai 2010 regelmässig zusammen auf. Unter dem Motto «Theater, wo es hin gehört» treten sie in der U-Bahn, auf Strassen, auf öffentlichen Plätzen oder in Schaufenstern auf. Die Auftritte sollen «Theater mit dem Alltag aller Menschen verbinden». Heute Abend ist die Susannenstrasse im Schanzenviertel ihre Bühne. Cosma sagt von sich, dass sie es liebt unter den ungewöhnlichen Bedingungen des Gassentheaters an ihre Grenzen zu stossen. Sie lässt sich in die weichen Kissen ihrer Lieblingscouch sinken, und ahnt noch nicht, dass sie heute inmitten der Wirren einer Grossdemonstration spielen wird.

Wirrungen

Unter dem Balkon verschmilzt Sirenengeheul mit monotonen Hassparolen zu einer aggressiven Geräuschkulisse. Cosma wendet sich vom Geschehen auf der Strasse ab. Andreas trägt unterdessen ein weisses Hemd. Er nickt ihr zu und verlässt wortlos den Raum. Sie bleibt nun ganz allein im Dunkel des Zimmers zurück. Unter Blaulicht und Sirenengeheul setzt sie ihre Metamorphose fort. Ihr Atem wird ruhiger. Ihre Augen blicken starr an die mit Blumen bemusterte Tapete, die im blauen Licht der Sirene pulsiert. Cosma wird mit jedem Ton ihrer Stimmübung mehr und mehr zu Sophie.

«Pissoirs»

Regie: Dan Thy Nguyen

Foto: schaufenstheater.wordpress.com

Cosma Dujat

Der Ruf der Theaterwelt war laut. So laut, dass er die mahnende Stimme einer besorgten Mutter problemlos zu übertönen vermochte. Bereits mit 15 Jahren ist Cosma Dujat ihm gefolgt. Die heute 24-jährige Norddeutsche studiert an der renommierten Schauspielschule Frese in Hamburg. Die Schauspielerin liebt die Herausforderungen des Gassentheaters.

Andreas Jahncke

Der 29-jährige Hamburger ist Mitbegründer von «Schaufenstheater» – einer Organisation, die Theater mit dem Alltag von Menschen verbinden will. Vor rund drei Jahren zeichnete sich der ehemalige Grafiker Andreas Jahncke einen neuen Lebensentwurf. Er wagte den Schritt auf die Theaterbühne. Einen Schritt, den der Schauspieler wohl nie bereuen wird.

Aktionstheater :

Die beiden Gründer von «Schaufenstheater», Dan Thy Nguyen und Andreas Jahncke, bringen das Theater den Menschen näher – ganz nah. Sie spielen überall dort, wo Menschen sind. Die Theatermagier verwandeln Schaufenster in Bühnen, Passanten in Nebendarsteller und Hass in Nichts. Ein einmaliges Theaterkonzept, das wohl auch in der Schweiz Anklang fände.

schaufenstheater.wordpress.com

Sophie ist ein zynischer Mensch. Sie wirkt sehr ernst – zuweilen böse. Beim Sprechen schiebt sie ihr Kinn leicht nach vorne als signalisiere sie Bereitschaft zum Angriff. Zwischen ihren graublauen Augen bahnen sich zwei tiefe Furchen ihren Weg durch die sanfte Haut.

Unten auf der Strasse knallt es. Ein Sprengkörper. Die Polizisten formieren sich im Wutrot bengalischen Feuers zu einer kleinen Armee. Unmittelbar vor dem Balkon positioniert sich ein olivgrünes Panzerfahrzeug. Aus dem Rohr des Wasserwerfers tropft Wasser. Davor vermengen sich Menschen zu einem Brei der Gewalt. Die meisten Demonstranten sind schwarz gekleidet – die Gesichter in Tücher gehüllt. Plötzlich löst sich ein Mann aus der Masse und rennt schreiend auf den Balkon zu.

«Sophie, Sophie!», schreit er aufgeregt. Ein kleiner Handscheinwerfer geht an. Cosma tritt auf den Balkon: «Anton, was machst du hier?» Sie knallt jedes Wort dieses Satzes mit der Wucht ihrer Theaterstimme auf die Frontscheibe des Panzerfahrzeuges. Nach wenigen Wörtern bewegt sich das kolossale Gefährt im Retourgang vom Balkon weg. Cosma bekommt Rückenwind. Sie giesst Buchstabenschwalle – wie kaltes Wasser – über Demonstranten und Polizisten. Die brodelnde Masse der Gewalt kühlt langsam ab. Die Sprachchöre der Demonstranten werden leiser. Der Motor des Polizeiwagens verstummt.

Unten auf der Strasse erklärt Anton mit einer Staffelei und seiner Begeisterung bewaffnet, dass er Kunst für Pissoirs machen wolle. Er sieht das Porzellan der Urinauffangbecken als sicheres Schutzschild avantgardistischer Kunst: «In Pissoirs liegt die Zukunft! Banken brechen zusammen! Steigende Arbeitslosigkeit! Alles verpisst sich! Aber das Pissoir das bleibt!» Sophie findet die Idee «Kacke». Anton fühlt sich missverstanden. Es kommt zum Streit.

Sophie zittert vor Wut. Sie schreit. Wie ein Schwamm saugt sie den ganzen Hass der Demonstranten auf. Der angesammelte Zorn entlädt sie über Anton. Sie schleudert steinschwere Fluchworte runter in die Gasse. Ihr «Anton, fick dich!» löst bei den Demonstranten Gelächter aus. «Ja, fick dich Anton!» stimmt ihr ein Vermummter zu. Ein Polizist lacht. Die raue Magie von Sophies Worten verwandelt immer mehr Polizisten und Demonstranten zurück in Menschen.

Das grosse Finale: Sophie knallt die Balkontür zu. Das dumpfe Geräusch hallt durch die Susannenstrasse. Nach fünf Sekunden der Stille wird applaudiert. Unter dem Beifall ziehen sich Demonstranten und Polizisten zurück.

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Quelle: http://schaufenstheater.wordpress.com/bilder/videos

Im Zimmer verwandelt sich Sophie schubweise im Rhythmus der auf und ab Bewegung ihres Brustkorbes wieder zu Cosma. Als Andreas mit einem Lächeln in der Tür auftaucht, ist Sophie bereits verschwunden. Sie hat sich – zusammen mit dem Hass – in Nichts aufgelöst.