Schlauer Wurm

oder: die späte Liebe des Charles Darwin

Illustration: Lena Eriksson

Der Regenwurm wurde von Pro Natura zum Tier des Jahres 2011 ge-
wählt. Lange galt er als schädlich. Ausgerechnet Charles Darwin hat
ihn rehabilitiert.

Der Wurm zappelt etwas. Das lässt mich zögern. Ausserdem klebt etwas Erde an ihm. Ich versuche sie abzuschütteln. «Mach schon», rufen meine Brüder. Nun kann ich es nicht mehr hinauszögern. Es muss sein. Mund auf, Wurm rein – und hinunter damit. Diese Mutprobe wäre bestanden. Es sollte nicht die letzte sein.
Seither sind ein paar Jahrzehnte vergangen und ich weiss nicht mehr, wie der Wurm damals geschmeckt hat. Dabei hätte ich seither als Gärtnerin genügend Gelegenheiten gehabt, mir ab und zu einen Wurm in den Mund zu schieben.

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Inzwischen bin ich etwas verständiger geworden, ernähre mich vielseitiger und überlasse die Würmer anderen. Fasziniert bin ich aber immer noch. Und ich verstehe gar nicht, wie man keinen Gefallen an Regenwürmern finden kann. Da bekam ich letzthin ein wunderschönes Bild von einem stark vergrösserten Regenwurm, das ich meiner Arbeitskollegin auf der Redaktion gezeigt habe: «Gruusig!» rief sie ehrlich entsetzt. Ihre Reaktion war mir völlig unverständlich.
Ich fühlte mich auf einmal so unverstanden wie dieser kleine, brillentragende Junge in der Fernsehwerbung der Optikergeschäfte F. Er trägt einen Regenwurm, der sich auf dem Trottoir ringelte und kurz vor seinem Tod durch Zertreten stand, ins nahe Gras. Ob das eine gute Tat war? Der Wurm war zweifellos von Parasiten befallen und todgeweiht, nur deshalb war er aus dem Boden gekrochen. Somit war die vermeintlich gute Tat eher eine Art Sterbehilfe. Der Junge kann von Glück reden, wenn sich keine Parasiten auf ihn übertragen haben.
Auch meine Mutprobe von damals hätte leicht Folgen haben können. In Form von Bandwürmern zum Beispiel.

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Lange Zeit galten Regenwürmer als Schädlinge. Sie wurden von Bauern und Gärtnern bekämpft, denn diese befürchteten Ernteausfälle und Schäden an Pflanzen. Dieses Unwissen blieb bis ins späte 19. Jahrhundert in den Köpfen haften.
Dass selbst heute die Erkenntnisse der Aufklärung an manchen Menschen spurlos vorbei gezogen sind, zeigte mir eine gehässige Diskussion in einem Internetforum. Da beschwerte sich ein Gartenbesitzer, dass sich in seinem Garten hunderte von Würmern auf der Erdoberfläche tummelten. Er habe genug davon und wolle sie ein für allemal vernichten. An und für sich schon seltsam genug, dass so viele Würmer an die Oberfläche getrieben werden. Jemand anders hätte sich wohl gefragt, ob mit dem Boden etwas nicht stimmt.
Die verrückte Idee, die Würmer zu vernichten, führte zu einer stets gehässigeren Diskussion. Ich vermute, dass sich die Diskussionsteilnehmer inzwischen gerichtlich verklagt haben.

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Mein Wissen über Regenwürmer war bis vor kurzem ebenfalls bescheiden. Ich wusste, dass sie eine wichtige Rolle spielen bei Abbauprozessen im Boden. Dass sie mit ihren Röhrensystemen die Durchlüftung und Bewässerung wesentlich verbessern und den Pflanzenwurzeln zu gutem Wachstum verhelfen. Dass sie Dünger nicht mögen, dass aber ihr Kot ein ausgezeichneter, nahrhafter Pflanzendünger ist.

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Niemand Geringeres als Charles Darwin (1809-1882) hat sich um die Erforschung der Regenwürmer bemüht und bewirkt, dass sie in der Landwirtschaft als Nützlinge und nicht mehr als Schädlinge betrachtet wurden. Seine umfangreiche Forschung «Die Bildung der Ackererde durch die Thätigkeit der Würmer» war sein Alterswerk, das im Vergleich zu anderen Arbeiten stets etwas im Hintergrund geblieben ist. Zeitgenossen machten sich über den alternden Forscher lustig und bezeichneten seine Wurmforschung als Schrulle eines alternden Wissenschafters. Damals kursierten Karikaturen, die ihn in seinem Arbeitszimmer zeigten, umgeben von Dutzenden von Einmachgläsern, die mit Würmern angefüllt waren.
In der Tat war aber Darwins Forschungsinteresse am Regenwurm schon viel früher erwacht: «Seine Antrittsvorlesung vor der ehrenwerten Royal Society als junger Wissenschafter hatte den Regenwurm zum Thema. Sehr viel später ist er dann wieder auf dieses Thema zurück gekommen», sagt Otto Daniel, Wissenschafter und Regenwurm-Kenner an der Forschungsanstalt Agroscope Changins Wädenswil (ACW).

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«Im Verlauf»

Video von Sus Zwick, 2007, 18 Min.

«Ich spaziere eine lange Zeit fast täglich über die Felder hinter unserem Haus am Rande von Village Neuf im Elsass. Dabei der Fotoapparat, immer an denselben Orten entsteht ein Bild. Die Jahreszeiten gehen vorbei, das Gemüse wächst, wird geerntet, Schnee fällt und alles beginnt wieder von vorne. Der Lauf der Dinge, Bewegung, Veränderung. In der Zeit entstehen Bekanntschaften, es gibt Gespräche mit den auf den Feldern arbeitenden Bauern, die ihr Gemüse in Basel zu Markte tragen.»

Sus Zwick

Film starten (Video, 155 MB)

Darwin machte sich akribisch ans Werk, setzte seine Söhne als Forschende genau so ein wie seine internationalen Beziehungen und sammelte Unmengen an Daten. In seinem Arbeitszimmer war er umgeben von Einmachgläsern, in denen er seine geliebten Würmer von nahem beobachten konnte. Sofern sie dies zuliessen, muss man anfügen. Einerseits sind sie lichtscheu, blind, taub und mögen keine Erschütterungen. Sie lieben es jedoch zu fressen. Darwin setzte ihnen ihre Leibspeisen Fleischstückchen, Meerrettich, Sellerie und Karotten vor. Kräuter mochten sie weniger und den Geruch von Essig konnten sie nicht ausstehen.
Das besondere an ihrer Art zu fressen ist, dass sie extern verdauen. Sie bestreichen alles, was sie fressen mit einer Art Verdauungssekret. Dadurch werden scheinbar unverdauliche Blätter weich und geniessbar.
Sie ziehen die Nahrung in ihre Röhren an der Erdoberfläche. Im Herbst verbauen sie die Eingänge mit Unmengen von Blättern, die ihnen im Winter auch als Nahrung dienen. Darwin beobachtete Erstaunliches: Aus der Art und Weise wie sie ihre Eingänge verstopfen, indem sie die Blätter von der bestmöglichen Seite packen und in die Röhren ziehen, schloss er - dass es sich um intelligente Wesen handelt. Dahinter standen hunderte von Beobachtungen und Versuchen mit Blättern, welche die Würmer nicht kannten. Sie mussten die Form der Blätter ertasten und dann entscheiden, wie sie die Blätter in ihre Röhren holen. Er verglich ihre Art zu handeln mit Ameisen, Bienen und Säugetieren und kam zum Schluss: «... so verdienen sie intelligent genannt zu werden. Sie handeln dann in nahezu derselben Art und Weise, wie ein Mensch unter ähnlichen Umständen handeln würde.» Darwin hat diesen Gedanken vorsichtig geäussert. Dass ein Tier, das auf der Entwicklungsstufe derart tief steht, zu derartiger Leistung fähig ist, erstaunte ihn selber.

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Die Röhrensysteme, die Regenwürmer anlegen, sind dicht und lang. Auf einen Kubikmeter können es bis zu 900 Meter sein, die leicht schräg nach unten verlaufen. Das Erdmaterial für den Aushub der Röhren wird von den Würmern gefressen, verdaut und an die Oberfläche transportiert. Die Wände werden mit Speichel, Kot und Pflanzenteilen ausgekleidet, damit sie stabiler werden. Diese Röhren bilden ein ausgezeichnetes Lüftungs- und Wassernetz im Boden. Mit Wasser haben die Würmer keine Mühe: Sie können sich tagelang darin aufhalten und sind in der Lage, über ihre Haut Sauerstoff aufzunehmen.
Warum aber bei Regen trotzdem so viele Würmer an die Oberfläche kriechen, ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig geklärt. Darwin glaubte, dass es sich bei den Würmern um kranke, parasitierte Exemplare handelte, denn ohne Not würden sie nie ans Licht kriechen. Otto Daniel glaubt hingegen, dass das Auftauchen an der Oberfläche eine Art Migration sei. Sie bauen an einer anderen Stelle ein neues Röhrensystem. Möglich, dass auch Sauerstoffknappheit in den Röhren zum Auftauchen der Würmer führt:.«Andere Mikroorganismen benötigen ebenfalls Sauerstoff. Dadurch wird das Angebot in den Röhren knapp und die Würmer kriechen an die Oberfläche.»
Im Sommer und im Winter sind die Regenwürmer kaum aktiv. Sie ziehen sich dann tief in ihre Röhren zurück – das kann bis zu zwei Meter tief im Boden sein – und ruhen sich in dieser Zeit aus, bis die Verhältnisse wieder günstiger werden.

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Die unglaubliche Zähigkeit von Würmern zeigt ein Experiment, in dem Darwin testete, wie lange es dauert, bis sich ein Wurm vollständig in die Erde eingräbt. Extreme Schwerarbeit leistete einer seiner Würmer, der in einen feuchten, festgedrückten Sandboden kriechen musste: Er mühte sich mehr als 25 Stunden ab, bis er vollständig im Boden eingegraben war.
Ein Wurm ist in der Lage, Gewichte zu stemmen, die bis zum 80fachen des eigenen Körpergewichts wiegen. Der grösste Teil der Arbeit besteht beim Eingraben jedoch darin, die Erde aufzunehmen und als Kot auszuscheiden. Pro Hektare und Jahr sind das 100 Tonnen Humus, der durch Wurmkörper hindurch zu einem optimalen Pflanzendünger wird, den man übrigens auch kaufen kann.

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Würmer bewegen sich auch des Nachts kaum je aus ihren Röhren heraus. Sie halten sich mit den Borsten ihres hinteren Körperteils an den Wänden der Röhren fest. Dadurch sind sie etwas geschützt vor ihren zahlreichen Fressfeinden, die sie herausziehen möchten. Sie können sich ausserdem mit dem Abschnüren einzelner Körpersegmente unter Umständen vor dem vollständigen Frass retten. Es ist jedoch ein Irrtum zu glauben, dass aus einem zerteilten Wurm zwei neue Würmer werden. Der Wurm kann sich nur regenerieren, wenn ihm am hinteren Ende einige Segmente weggerissen werden. Ist hingegen der Kopf weg, so ist kein Weiterleben möglich.

Illustration: Lena Eriksson

Regenwürmer sind Zwitter, sie brauchen in der Regel einen Partner für die Paarung, können sich aber notfalls auch allein vermehren. Erstaunlich ist, dass ein Regenwurm trotz vieler Fressfeinde zwischen drei und acht Jahre alt werden kann.

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Jean-Denis Godet ist nebenberuflicher Züchter von Kompostwürmern im Emmental. Hauptberuflich gibt er im Eigenverlag konkurrenzlos gute Bestimmungsbücher über Gehölze und andere Pflanzen heraus, die jeder Gartenprofi in ganz Europa kennt. Nein, Regenwürmer züchtet er nicht. Das sei gar nicht so einfach. Er beschränke sich auf Kompostwürmer. Die kann man bei ihm bestellen und sie werden dann per Post zugestellt. «Leider verwechseln viele Kunden Kompostwürmer mit Regenwürmern und setzen diese in den Garten aus. Das ertragen aber die Kompostwürmer nicht und sie gehen ein», bedauert Jean-Denis Godet. Sie benötigen das feuchtwarme Klima eines Komposts, sind dünn und rötlich und leben in einem wuselnden Haufen.
War mir das Umschichten des Komposts früher oft eine lästige Pflicht, so liebe ich diese Arbeit inzwischen. Es ist absolut faszinierend, den Haufen umzuschichten und das reichhaltige Leben darin zu beobachten: Würmer, Käferlarven, Springschwänze, Hundertfüssler und tausende kleiner Organismen, die kaum sichtbar sind: Die Populationsdichte ist hier auf einem Quadratmeter um ein mehrfaches höher als in der ganzen Stadt Zürich. Wenn keine Kompostwürmer mehr vorhanden sind und bereits dicke, fette Regenwürmer darin herum kriechen, heisst das, dass der Abbauprozess schon ziemlich abgeschlossen ist. Die Düngewirkung des Komposts ist nur noch gering und ich kann den Haufen wie sonst eine Gartenerde verwenden.

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Die wenigsten Regenwürmer schaffen es in die Schlagzeilen der Weltpresse. Doch im Oktober 2010 war es soweit. Entdeckt wurde der inzwischen weltberühmte Wurm auf einem Salatblatt im Teller des deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff anlässlich eines Festbanketts im Kreml. Der Salatteller von Wulff war nicht sauber aufgegessen. Der Wurm fühlte sich offensichtlich wohl auf dem Salatblatt. Wulff scheint die kindlichen Mutproben des Wurmverzehrs nicht gekannt zu haben. Der Wurm hat überlebt, ebenso Wulff und der Chefkoch, der zu jener Zeit gerade in den Ferien weilte und von Ferne tobte. Was aus dem ersten Salatwäscher des Kremls inzwischen geworden ist, wissen wir leider nicht.

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Unsere umfangreiche Reise über den Wurm führt uns letztendlich zur Kunst und da ist es wohl unvermeidlich, dass wir auf den Künstler Wurm, Erwin (geb. 1954) stossen. Nicht so sehr der Name des international bekannten österreichischen Künstlers erinnerte mich an einen Regenwurm, sondern eine seiner berühmten «One-minute-sculptures». Diese ganz besondere Skulptur ist in der Umgebung des Hotels Castell in Zuoz entstanden. Dass sich ein Wurm Kopf voran in den Schnee bohrt, ist vielleicht nicht gerade typisch. Aber Wurm bleibt Wurm und das Verhalten ist und bleibt irgendwie arttypisch.

Wurm, Regenwurm, Tauwurm – in diesem Text ist immer «Lumbricus terrestris» gemeint, die grösste der rund 40 Wurmarten, die hierzulande vorkommen.

Charles Darwin: Die Bildung der Ackererde durch die Thätigkeit der Würmer. Als Buch nur antiquarisch erhältlich. Ganze Ausgabe online:
www.regenwurm.de/pdf/bildung-der-ackererde.pdf (PDF)