Me in front of the St Andrews Museum in Scotland in November 2010. In reality the museum is standing perfectly upright. But everytime we photographed it from whatever angle it always appeard to be leaning in the final image. Experiencing the world through the lense of the camera is obviously presenting us with a different reality than the tangible one.

Die Neurologie behauptet, dass das, was wir sehen und als Realität wahrnehmen, nichts anderes ist als die persönliche Interpretation unseres Hirns, welches sich diese Daten auf Grund von angeborenen und erlernten Assoziationen und Erfahrungen zusammen geschustert hat. Mit andern Worten: Das, was wir sehen und als Realität betrachten, ist nicht absolut identisch mit dem, was eine andere Person sieht. Darum stellt sich die Frage: Wie finden wir heraus, was wirklich wahr ist und einer allgemein erkennbaren Realität entspricht?

Wenn man in der Wissenschaft etwas beweisen will, dann forscht man systematisch nach Fakten. Im Leben liefern uns greifbare Gegenstände, Fragmente, Objekte und Alltagsgeräte Beweise unserer Existenz und eine Perspektive unserer Wahrnehmung. Diese Fakten dienen uns als Anhaltspunkte und Referenzen, um uns orientieren und verständigen zu können. Die Evolution unserer Sprache und unseres Wissens ist eng mit der Entwicklung und Herstellung von Objekten und Geräten verbunden – und weil wir diesen Dialog und dieses Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Objekt und der Sprache intuitiv verstehen, ist es möglich, von einer allgemein vereinbarten Realität zu sprechen.

Der Mensch braucht Objekte und Geräte zum Überleben. Aber auch, um sich kreativ auszudrücken und sich so als Individuum zu definieren. Wir brauchen sie aber auch, weil sie uns mit der Kultur- und Menschheitsgeschichte durch ihre physikalische Präsenz mit unserer Vergangenheit und der Gegenwart sowie der Zukunft verbinden.

In diesem Sinne verkörpern sie den endlosen roten Faden zwischen der Realität und dem Magischen.

1753 überreichte der Arzt und Wissenschaftler Sir Hans Sloane, Kakao­bohnen-Importeur und Erfinder der heissen Schoggi, seine umfangreiche und einmalige Literatur- und Kunstsammlung dem Britischen Staat. Die Britischen Behörden würdigten diese grosszügige Geste mit der Gründung des «British Museum». Weiter beschlossen sie, die Pforten des neugegründeten Museums am 15. Januar zu öffnen und seine kulturellen Schätze der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

1850 zog man in das heute weltbekannte Gebäude im Herzen von Bloomsbury, nur gerade einen Steinwurf vom Regenschirmgeschäft «James­ Smith & Son's» (siehe neuland 4) entfernt.

Dieses wunderbare Museum hat sich zu einer kulturellen Oase entwickelt, wo man anhand von Menschen geschaffenen Objekten und Geräten die komplexe Evolution der menschlichen Kulturgeschichte studieren kann.

Ain Sakhri Lovers Figurine
Steinskulptur, 9'000 vor Chr.
Fundort: Wadi Khareitoun, Judäa, in der Nähe von Bethlehem.
Sammlung British Museum

Make Love

Im British Museum marschieren die meisten Besucher schnurstracks am Salon für alte Manuskripte vorbei und verpassen somit die Gelegenheit, den ältesten Liebesakt der Welt in der kleinen Vitrine am hinteren Ende des Salons zu sehen.

Die Ain Sakhri Lovers Figurine ist fast 11'000 Jahre alt und aus einem sanften, gräulichen Stein geformt, der nicht grösser als eine kleine Menschenhand ist. Diese wunderbar sensible Kleinskulptur ist schlicht, fast abstrakt, aber äusserst treffsicher in ihrer künstlerischen Ausdruckskraft und wurde mit einfachsten Mitteln geschaffen. Die formal-abstrakte Schlichtheit und die erotische Intensität des dargestellten Liebesakts verleihen diesem Objekt etwas herausforderndes, aber auch etwas sehr menschliches. Die Umarmung der beiden Körper ist so intensiv, zeitlos und komplett, dass sie in ihrer dargestellten Form der Ekstase buchstäblich zu einem «ein-Herz-und-eine-Seele» verschmelzen.

Wenn man die kleine Figurine langsam um seine eigene Achse dreht, verwandelt sich ihre Form und entfaltet seine künstlerische Komplexität. Auf der einen Seite formt sich die Figurine zu einem Phallus, auf der anderen zu einer Vagina, und wenn man sie umdreht, erkennt man zwei schöngeformte Brüste. Und plötzlich merken wir, dass wir durch das Handhaben und animierte Betrachten dieser Skulptur am Liebesakt geistig teilnehmen – und so momentan intim und intuitiv mit unserer Vergangenheit verbunden sind. Die Rolle des Betrachters ist demnach nicht nur zu schauen, sondern sich vom Objekt geistig und emotional animieren zu lassen – mit andern Worten: Ein Objekt zu erleben und sich von der Magie der Realität belehren zu lassen.

Es ist eine Tatsache, dass unsere technischen und wissenschaftlichen Fortschritte die Geschichte und Evolution der Menschheit mit unerbittlichem Tempo vorantreibt und diese definiert. Es ist klar, dass künftige Generationen versuchen werden, sich ein Bild unserer Zeit und unserer Welt zu machen aufgrund von Objekten und Geräten, die wir hinterlassen. Sie werden versuchen, das Vorgefundene in einen geschichtlichen Kontext zu setzen. Objekte wird man weiterhin dazu nutzen, um mit der Vergangenheit das Gespräch aufzunehmen und sich von der Magie der Objekte, der Liebe und den sexuellen Trieben und Phantasien animieren und inspirieren zu lassen.

All das ist menschlich. Auch das Schnurstracks-Vorbeimarschieren am Salon für alte Manuskripte im British Museum mit der kleinen Vitrine am hinteren Ende des Salons, wo sich das Liebespaar weiterhin stillschweigend, aber leidenschaftlich liebt.

Die Figurine Ain Sakhri Lovers wurde in der Serie von Radio BBC4­, A History Of The World In 100 Objects, besprochen; unter demselben Titel ist 2010 bei Penguin Books ein Buch erschienen. Autor des Buches ist Neil MacGregor, der charismatische Direktor des British Museum.
www.bbc.co.uk/ahistoryoftheworld