Herzlich willkommen zur 6. «neuland»-
Ausgabe!

Neuland, 31. März 2011

Realität ist, was Du glaubst. Was haben sie uns nicht alles zu glauben machen versucht, in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Atomkraftwerke seien so sicher wie das Leben selbst. Ein Restrisiko bestünde nicht, nicht mehr als in allen anderen Lebenslagen. Ja, die Endlagerung, die sei noch ungelöst – doch auch das schien, so die Befürworter und die Pragmatiker, vielmehr ein intellektuelles als ein echtes, oder sogar ethisches Problem – obwohl wir wissen, dass das nukleare Problem eben gerade deshalb eines ist, weil es unseren Vorstellungs- und Zeithorizont bei weitem übersteigt.

Liebe «neuland»-Leserinnen und -Leser, liebe Mitstreiter

Die langwierigen Folgen von Atomtests hat der Schweizer Fotograf Meinrad Schade selbst gesehen und in seiner Arbeit «Verbrannte Erde» dokumentiert. Er besuchte Familien, die in einem ehemaligen Atomtestgelände im äussersten Osten der ehemaligen Sowjetunion leben. Die radioaktive Strahlung bestimmt auch heute, 50 Jahre danach, das Leben und die Gesundheit der Bevölkerung, massiv. Zum Thema der Endlagerung schrieb in «neuland» Nr. 3 der Atom-Experte Stefan Füglister.

Radioaktivität war ein neuer Feind, denn dieser Feind war unsichtbar, erinnert sich ein sowjetischer Offizier im Dokumentarfilm «The Battle of Tschernobyl». Der Unfall im ehemaligen sowjetischen Parade-Reaktor Tschernobyl – das eben kein klappriges AKW, sondern eine «unsinkbare Titanic» der Atomenergie war – jährt sich diesen April zum 25. Mal. Es hätte keinen Unfall gebraucht, um die Energiefrage ernsthaft noch einmal zu stellen.

Muss immer erst etwas passieren, bis etwas passiert? JournalistInnen hätten wohl noch lange schreiben, sprechen, informieren müssen, bis endlich eine ähnliche Aufmerksamkeit in Wirtschafts- und Politikerkreisen da gewesen wäre für die entscheidende Energiefrage.

Der Ausstieg ist möglich: Insbesondere in einem Land wie der Schweiz, dem Wasserschloss Europas, dem auch weitere erneuerbare Energien zur Verfügung stehen. Und, bevor der Atomstrom seinen Siegeszug antrat, die Wasserenergie den grössten Teil des Verbrauchs deckte. Wieso diese Abhängigkeit von Atomstrom? Wieviel Geld wurde mit alten AKW, die schon lange amortisiert sein müssten, wohl verdient?

Ein Unfall in den 40 Jahre alten AKW Mühleberg bei Bern oder Beznau I und II bzw. schon nur eine richtige Überschwemmung des flusswassergekühlten AKW Mühleberg wären ein SuperGAU für die dicht besiedelte Schweiz. Und für ganz Europa: unsere Flüsse, Rhone und Rhein, beliefern den halben Kontinent. Verseuchtes Wasser wäre eine Katastrophe für alle.

Das AKW Mühleberg, so hiess es Ende März noch in den Nachrichten, würde «von Japan lernen. Es hat einen zweiten Kühlschlauch eingebaut». Sind solche Nachrichten angewandter Zynismus? Von Japan lernen wollen würde heissen, dass Atomkraftwerke im Alter und Zustand von Mühleberg sofort vom Netz genommen würden, ebenso das elsässische AKW Fessenheim bei Basel, von dem – wie die Behörden des angrenzenden Baden-Württemberg seit Jahren kritisieren – ein tatsächliches Risiko ausgehe. Wieviel muss noch passieren?

Schweizer Errungenschaften

Zum ersten Mal hörte ich 2002 von der ominösen APF (Abteilung Presse und Funkspruch der Schweizer Armee), einer Journalistenspezialtruppe der Armee. Viele Medienschaffende waren dabei, vor allem Vorgesetzte aus höheren Chargen kennen sich von ebendort. Nebst Karriereförderung hatte die APF aber auch handfeste Aufgaben, wie Autor  Christian Walther­ beschreibt. Ein kurzweiliger und ebenso aufschlussreicher Einblick in einen Esprit Réduit und in die kartographische Spionage-Könnerschaft der Sowjetunion.

Das Cover von «neuland» Nummer 6 wurde von Martina Gmür gestaltet. Wieder und wieder scheint in ihrer Animation der Morgen anzubrechen – eine Gelegenheit, sich dem ständigen Beginnen hinzugeben, oder aber per Mausklick zu schauen, was für Neuland sich hinter diesen Anfängen verbirgt.

1951, vor genau 60 Jahren, gelang Europa eine Errungenschaft: die Genfer Flüchtlingskonvention wurde unterzeichnet. Die neue Konvention sollte Schutzsuchenden Aufnahme gewähren, anstatt sie an den Grenzen zurück- und in den Tod zu schicken. Die Genfer Flüchtlingskonvention bedeutet: nicht einfach nur Goodwill, sondern ein Recht auf Schutz für Flüchtlinge. Der Autor Tillmann Löhr erinnert daran in seinem Diskussionsbeitrag. Der Fotograf Mischa Christen zeigt die Realität junger illegaler Flüchtlinge in Europa, die es trotz  Frontex und der Unmöglichkeit von Einreisevisa bis hierhin geschafft haben – an sich schon ein Wunder, und eine in den meisten Fällen lebensgefährliche Reise.

Langfristig wichtige Fragen greifen die beiden freien Autoren Simona Pfister und  Henri Leuzinger auf: wie will sich der Denkplatz Schweiz entwickeln trotz und innerhalb von der Bildungsreform namens Bologna, wie wollen die Schweizer künftig Lebens- und Arbeitsräume gestalten? Die Fotografin Bianca Dugaro spiegelt den an den Rändern der Städte und Dörfern ufernde Traum vom Eigenheim.

«neuland» aber hält nicht nur den Finger auf dringliche Fragen, sondern geht auch lustvoll zur Sache. Den Soundtrack liefern diesen Monat «The Mighty Joanies», und in Videotableaus schauen wir nach der Herstellung der Milch. Die Fundstücke bieten wieder Trouvaillen, Kulturtipps, und Links zu Filmen.

«neuland»: Blick zurück und nach vorn

Im Monat Mai wird «neuland» eine Publikationspause machen. Wir haben unser erstes Zwischenziel, die ersten 6 Ausgaben, erreicht. «neuland» schaut zurück und in die Zukunft und wird danach mit neuen Kräften starten. An dieser Stelle möchten wir uns von vier «neuland»-MacherInnen verabschieden: Klaus Affolter, Nicole Aeby, Daniel Hitzig und Elvira Wiegers. Sie haben in den vergangenen sechs Monaten mitgeholfen, «neuland» in Bewegung zu setzen. Für ihre hervorragende Arbeit danken wir ihnen ganz herzlich.

«neuland» materiell

«neuland» verlost 2 x das Buch  «Empört Euch!» von Stéphane Hessel und 2 x das legendäre Ein-Mann-Stück  «Der Flug nach Milano» von Franz Hohlersowie den Dokumentarfilm «AMOK!» auf DVD. E-Mail mit dem Gewünschten bis 15. April an:
neuland(x)neuland-mag.net.
Gut Glück!

Im «neuland»-Team bleiben Anita Hugi,  Lena Eriksson und Judith Stofer. Sie werden für die nächsten 6 Ausgaben durch neue Köpfe verstärkt und werden dafür sorgen, dass «neuland» auf Kurs bleibt. In der nächsten Ausgabe von «neuland» gehen die Buch-, Kunst- und Kochkolumne in eine zweite Runde und neu haben wir einen Fortsetzungsroman an Bord.

Für das Interesse und Vertrauen, die finanzielle Unterstützung und die vielen positiven  Rückmeldungen möchten wir uns bei Ihnen, liebe Abonnentinnen und Abonnenten, liebe Leserinnen und Leser ganz herzlich bedanken. Und Ihnen nun eine spannende Lektüre, eine nachhaltige Beschäftigung mit den in «neuland» Nr. 6 zur Diskussion gestellten Themen und Fragen wünschen.

Für neuland #6
Anita Hugi