Ewig & Eins

Ewig: Richard Ford – «Rock Springs. Short Stories.»
Eins: Stéphane Hessel – «Empört euch!»

 

 

Ewig:
Richard Ford
«Rock Springs. Short Stories.»

Richard Fords Kurzgeschichten, erschienen unter dem Titel «Rock Springs» (1987), bleiben schwer verdaulich, verharren beklemmend im Gedächtnis, noch lange nach ihrer Lektüre. Sie gehören zu den besten Short Stories der Weltliteratur.

Die Figuren der zehn Geschichten kommen von den Rändern der Gesellschaft her, sie leben irgendwo im Niemandsland der Vereinigten Staaten, in Idaho, Montana, Wyoming oder zwischen einem Autobahnkreuz, einem Diner und einem kleinen Campingplatz, weit draussen, wo sich die Dinge im Nachmittagsstaub ewig-gleichmütig, fast schon mythologisch ereignen.

Ford beleuchtet Menschen in ihren alltäglichsten Gewohnheiten, Freuden und Nöten. Oft sind es solche, die es irgendwie nicht geschafft haben, das zu sein, was sie einmal werden wollten.

Da gibt es den gestrandeten Erzähler in der Titelgeschichte «Rock Springs», der mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist und sich nun zusammen mit seiner neuen Liebe Edna – «Liebe ist schon auf schlechterem Boden gewachsen» – und seiner Tochter Cheryl samt Hund auf dem Highway befindet. Sie sind in einem gestohlenen Wagen unterwegs und geben sich der Illusion hin, dass alles in Ordnung sein könnte, dass sie eine ganz normale Familie sind. Die rote Warnlampe im Auto kündet vom drohenden Unheil und der Roadtrip endet in einer Panne, die sinnbildlich steht für alle Fordgeschichten: «Als der Wagen kaputtging, war keine Stadt und kein Haus in Sicht, nur eine niedrige Hügelkette vielleicht sechzig Kilometer vor uns oder vielleicht hundert, ein Stacheldrahtzaun in beide Richtungen, platte Prärie und ein paar Raubvögel, die sich von der Abendbrise tragen liessen und Insekten schnappten.»

Die Pannen des Lebens sind bei Ford jedoch unwesentlicher als die grundsätzliche Unentrinnbarkeit, der traumwandlerische Determinismus des Lebens. Niemand ist gewappnet gegen das Scheitern: die Trennungen und Verluste passieren trotz dem guten Willen, es auch «gut» zu machen. Das Unglück kommt, weil es vorher nicht erkannt werden konnte. Das Paradies wird verfehlt, weil man das einfache Leben missverstanden hat und irgendeine grosse Heldentat vollbringen wollte. So finden sich manche der Ford-Gestalten als verzweifelte Outlaws wieder, die jetzt nichts mehr zu sagen haben – genauso wie sie ihre Lage schon zuvor nicht berechnen konnten. Ford lässt immer das ganz andere Leben aufblitzen, als könnte man anders sein – doch dieses Andere verblasst angesichts der Schwere der persönlichen Geschichte und deren Dominanz über das erträumte Leben.

Bobby aus der Geschichte «Sweethearts» verbringt die letzten Stunden vor seiner Einweisung ins Gefängnis mit der Frau, die er nie zu lieben aufgehört hat und deren neuem Partner, der Erzählerfigur. Die Anspannung in dieser Geschichte wird bis zu Bobbys Haftantritt fast physisch spürbar, zwischen Bobby und dem Erzähler liegt ein grelles Schweigen in der Luft: «Und es gab nichts, was ich hätte sagen können, das ihn retten oder das Leben für ihn in dem Moment erträglicher machen oder die Art verändern konnte, wie er die Dinge sah. Und ich ging wieder um den Wagen herum und stieg ein, während Bobby sich bei dem Uniformierten meldete, der auf ihn wartete.»

Richard Ford, der Schöpfer der bekannten Bascombe-Trilogie («Der Sportreporter», «Unabhängigkeitstag», «Die Lage des Landes») zeigt seine Stärken als Schreiber in den Short Stories in konzentrierter Form. Das schwebende Unheil über den Menschen, ihr blinder Fluch, ihr unbedingter Wille auch, das Unheil zu überpinseln und irgendwie tapfer zu bleiben. Einige der Ford-Geschichten erinnern mich an Bruce Springsteen-Lieder, besonders des «Nebraska»-Balladenalbums von 1982. Dort heisst es im Titelsong: «They declared me unfit to live / said into that great void my soul'd be hurled. / They wanted to know why I did what I did. / Well sir I guess there's just a meanness in this world.»

Pulitzer-Preisträger Ford verschafft bewegende Einblicke in die Irrläufe und den Schmerz des Lebens, ohne jemals den Stab über seine Figuren zu brechen. Er zeigt grossen Respekt für menschliches Glück und Unglück. Ford ist in seinem Erzählen immer Schöpfer, nie Richter.

Interview mit Richard Ford der freien Journalistin Sacha Verna

Richard Ford. Rock Springs. Short Stories. Aus dem Amerikanischen von Harald Goland. Berliner Taschenbuch Verlag, 1987.

 

 

Eins:
Stéphane Hessel
«Empört euch!»

Wenn die Geburtsstunde der Philosophie das menschliche Staunen war, so könnte man die Empörung für den ersten Anlass des Politischen nennen – zumindest war das einst der Fall, bevor sich Politik offen zum blossen Spieltrieb und Entertainment bekannt hat.

Stéphane Hessel ist über 93 Jahre alt und wirbt in weltweiter Übersetzung seines Büchleins «Indignez-vous!»: für Einhalt, für Widerstand, für Empörung.

Das ist sehr bemerkenswert. Denn erstens kommt uns diese Forderung zunächst etwas naiv vor. «Ach so, ich sollte mich ja empören, stimmt, wie konnte ich das nur vergessen!?» Zweitens ist Hessel ein alter Mann, von dem man vielleicht eher vermutet hätte, dass er die verbleibenden Jahre lieber in Ruhe, zumindest fern von medialer Aufregung, verbringen würde.

Aber Hessel ist nicht irgendwer. Stéphanes Vater war der bekannte Schriftsteller Franz Hessel, der dem in Preussen assimilierten jüdischen Bürgertum angehörte. Seine Mutter war Helen Grund, die aus einer protestantischen Familie stammte. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde der 1917 in Berlin geborene und von den Nazis verfolgte Stéphane französischer Staatsbürger, 1941 schloss er sich der Résistance an, 1944 wurde er von der Gestapo aufgegriffen und in das KZ Buchenwald deportiert. Das KZ überlebte Hessel unter anderem durch die enge Freundschaft mit dem Schriftsteller Eugen Kogon, der Hessel zu einer falschen Identität verhalf. Kogons Sohn, Michael Kogon, hat «Indignez-vous!» übrigens ins Deutsche übertragen.

«Das Grundmotiv der Résistance», so Hessel, «war die Empörung». Und an dieses tief erlebte Gefühl knüpft er heute an, sein «zweites Leben» als enormes Geschenk empfindend. Der Aufruf an die Jungen der Welt ist echt und begründet. Es ist ein von dem philosophischen Feuer der Existenzialisten, besonders Jean Paul Sartres, inspirierter Aufruf, Verantwortung zu übernehmen: «Sartre lehrte uns, dass wir selbst, allein und absolut, für die Welt verantwortlich sind – eine fast schon anarchistische Botschaft. Ich wünsche allen, jedem Einzelnen von euch einen Grund zur Empörung. Das ist kostbar. Wenn man sich über etwas empört, wie mich der Naziwahn empört hat, wird man aktiv, stark und engagiert. Man verbindet sich mit dem Strom der Geschichte.»

Wofür aber setzt sich Hessel genauer ein?

Dies sind Hessels Grundanliegen der Empörung. Noch grundlegender wichtig ist ihm aber die Fähigkeit zur Empörung und zur historischen Verantwortung an sich: «Neues schaffen heisst Widerstand leisten. Widerstand leisten heisst Neues schaffen.» So lautet das Motto des Protests.

Gerade angesichts des völlig entfesselten freien Marktes, den man immer wieder ganz entpersönlicht wie etwa das Newtonsche Gravitationsgesetz behandelt («Der Markt will es so!»), aber auch hinsichtlich einer immer noch lässig-unverantwortlichen globalen Umweltpolitik – wünscht man sich, dass viele Menschen Hessels zorniges Büchlein lesen.

Stéphane Hessel. Empört euch! Aus dem Französischen von Michael Kogon. Ullstein Verlag 2011.