Fernsehen
in Zeiten der Finsternis

© Zentralbibliothek Zürich
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Die Schweizer Armee leistete sich bis 2004 eine eigene Journalisten­truppe, die so genannte Abteilung für Presse und Funkspruch. Materiell und personell bestens bestückt übten die meist gestandenen Medien­profis genau das, was sie im Alltag sowieso schon taten, aber sie taten es im Kampfanzug. Ein persönlicher Rückblick.

Als wir 1989 beinahe die Armee abgeschafft hätten, durfte ich noch nicht abstimmen. Es hätte auch wenig genützt, denn am Ende fehlten dann doch einige Hunderttausend Stimmen zum Überraschungserfolg. Also mutierte auch ich temporär zu einem Angehörigen der Armee, einem AdA. Weil ich dem Verein aber nicht freiwillig beigetreten war, setzte ich während meiner militärischen Laufbahn alles daran, möglichst wenig zu tun. So landete ich schliesslich bei der APF, der Abteilung für Presse und Funkspruch.

SOWJETISCHE PRÄZISION

Nach dem Zerfall der kommunistischen Regime im Osten Europas folgte im Westen die Ernüchterung: Die sowjetischen Schweizer Karten waren detaillierter als jene der Eidgenössischen Landestopographie. Die «Roten» hatten also den US-Amerikanern nicht nur den Space Shuttle (Buran 1.01) und den Franzosen und Briten die Concorde (Tupolev Tu-144) abgekuckt, sondern sie wussten auch, dass es in Payerne und in Sion Militärflugplätze gibt. Bereits in den 1960er Jahren begann der sowjetische Generalstab nämlich mit der Publikation von Karten westeuropäischer Staaten im Massstab 1:25'000 und 1:50'000. Und diese waren hervorragend recherchiert und kopiert, denn sie enthielten abgesehen von Siedlungen, Bergen, Flüssen, Strassen und Eisenbahnstrecken auch die als geheim eingestuften Flugplätze der Armee, wovon es ja einige gibt. Ob die Sowjets auch wussten, dass einige Autobahnabschnitte so konzipiert waren, dass Kampfflugzeuge darauf landen und starten konnten, wissen wir nicht.

Unersetzlich waren die Karten des sowjetischen General­stabes übrigens lange Zeit für Wüstenreisende in Nordafrika. Noch vor einigen Jahren setzten helvetische Trekkingspezialisten in Algerien, Marokko und Libyen ausschliesslich auf russische Blätter. Im Zeitalter der Onlinekarten dürfte die Nachfrage allerdings gesunken sein. Wer sich dennoch für die sowjetischen Karten interessiert, findet diese in der Abteilung Karten und Panoramen der Zentralbibliothek Zürich, wo sich die Schweiz neu entdecken lässt. Es ist allerdings von Vorteil, wenn man das kyrillische Alphabet kennt.

csw

Die APF wurde eine Woche nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs als Zensurbehörde des Bundes gegründet. Später wurde sie administrativ dem Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement EJPD angegliedert und direkt dem Bundesrat unterstellt. Der Auftrag der APF war, die Information der Bevölkerung in Krisenzeiten zu sichern. Dazu liess die Schweizer Armee nach dem Krieg nicht nur den legendären Kriegspressezug bauen und ein Netz von geheimen Sendeanlagen mit ausfahrbaren Teleskopantennen errichten, sondern sie rekrutierte auch Journalisten und Technikfachleute bei Funk und Fernsehen, die im Falle eines Atombombenangriffs, eines Volksaufstandes oder eines schweren Wirbelsturms genau das tun würden, was sie sonst auch tun: schreiben, reden, filmen.

Karrierefördernd

Der Dienst bei der APF war beliebt. Ehemalige berichten, dass es wenig zu tun gab und man stattdessen ausgiebig jassen und Beziehungen pflegen konnte, die im zivilen Leben von grossem Karrierenutzen waren. Viele Journalisten wurden zudem gratis zu sogenannten Fachoffizieren befördert. (Fachoffizier ist ein «geschenkter» Dienstgrad, man muss ihn nicht «abverdienen».) Einige von ihnen bekleiden heute noch wichtige Posten am Fernsehen, ich sehe sie manchmal in der Kantine. Doch offiziell war die APF natürlich keine Seilschaft, sondern dazu da, die Menschen in Zeiten der Finsternis angemessen zu informieren. Um dies zu üben, fanden regelmässig Wiederholungskurse statt.

Zum Beispiel in Kandersteg BE, wo sich ausgangs des Dorfes der Eingang zur berühmten Festungsanlage K20 befindet. Der Standort war natürlich geheim. Ebenso die Tatsache, dass es den Bau überhaupt gab. Als ich 2001 zum ersten und letzten Wiederholungskurs einrückte, hatte eine deutsche Fernsehanstalt den Standort allerdings bereits verraten. Die Verantwortlichen dürften ähnlich konsterniert gewesen sein wie damals, als sie zum ersten Mal eine Schweizer Karte «Made in USSR» zu Gesicht bekamen. Im Gegensatz zu den Karten der Schweizerischen Landestopographie – wo die Flugplätze der Armee aus Gründen der militärischen Geheimhaltung fehlten – waren diese auf den sowjetischen Karten fein säuberlich eingezeichnet.

Payerne VD mit dem zugehörigen Militärflugplatz. Ausschnitt aus: Švejcarija 1:50'000, Topografičeskaja Karta, General'nyi Štab Moskva 1984–1988 © Zentralbibliothek Zürich
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Der Eingang zur K20 ist zwar mit künstlichen Erdwällen getarnt, aber wer einmal dort war, findet ihn auch zehn Jahre später wieder, wenn er auf dem Weg zum Gemmipass daran vorbeiwandert. Kaum vorstellbar ist hingegen, was sich hinter dem schlichten Garagentor verbirgt.

Fernsehstudio im Berg

Wer in den Bunker hinein gelangen wollte, musste seine Iris von einem Scanner abtasten lassen. In einer Art Grubenbahn wurden wir Soldaten dann mehrere Minuten lang in den Berg hinein gefahren. Danach stand man in einer riesigen Höhle, die das eigentliche Kernstück der Anlage enthielt. Der Wohntrakt bestand aus mehreren Stockwerken und sehr langen Gängen mit unzähligen Türen. Das Gerücht machte damals die Runde, der Bunker verfüge über mehrere Tausend Betten. Nachgezählt haben wir nicht, doch das Zimmer, das wir zwei Wochen lang beschliefen, befand sich in der Nähe der Kantine. So waren wir einigermassen sicher, dass wir es am Ende des Tages auch wieder finden würden.

Selbstverständlich verfügte der Bunker auch über ein Fernsehstudio. Die Kameras, der Ton, das Intérieur, alles war auf dem neusten Stand der Technik. Und damit das Studio wenigstens ein Mal pro Jahr entstaubt wurde, spielten wir Tagesschau. Ein beliebter Sportreporter moderierte die Sendung, ein sehr bekannter Wetterfrosch gab den Wetterfrosch und wir Neulinge mussten Beiträge liefern. Arbeitskleidung war selbstverständlich der Kampfanzug. Es war lustig, wenn man als Moderator im Studio sass und wusste, dass die Sendung sowieso nie jemand sehen würde ...

Funkstation SE 222 von Zellweger Uster. Im Gebrauch ab 1956.
© Militärpostkartensammlung der Bibliothek Am Guisanplatz, Bern

Etwas weniger lustig war's, wenn man im Kampfanzug hinaus aus dem Bunker ins wahre Leben geschickt wurde. Noch dazu ins Bundeshaus. An der Pforte mussten wir den Weibeln erklären, dass wir keinesfalls einen Aprilscherz vorbereiten würden, sondern ganz regulär an der Pressekonferenz zum genmodifizierten Mais teilnehmen möchten. Und ja, wir müssten leider in unserem speziellen Aufzug erscheinen, das sei Vorschrift. Unter mitleidigen Blicken wurden wir eingelassen. Im Anschluss an die Konferenz mussten wir den Chef des Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landschaft interviewen. Wir erklärten ihm, dass trotz unseres Aufzugs alles mit rechten Dingen zuginge und wir um seine Ausführung zum vorliegenden Thema bitten möchten. Diese würde dann in einen Fernsehbeitrag einfliessen, welcher jedoch selbstverständlich niemals ausgestrahlt würde. Das Interview wurde uns mit einem Grinsen auf den Stockzähnen gewährt. Zu grosser Heiterkeit kam es anschliessend im Studio des Bundeshauses, in dem wir Archivmaterial abholen wollten. Ein Mitarbeiter hatte mich trotz Tarnung identifiziert und konnte sich vor Lachen fast nicht mehr einkriegen. Wir hätten ja auch gerne gelacht, aber für uns war diese Mission leider Ernst.

1600 Medienfachleute rekrutiert

Unbestreitbar ein Vorteil hingegen war die Tatsache, dass Angehörige der APF das ungeliebte Sturmgewehr abgeben konnten. (Angehörige der Armee mit Sturmgewehr müssen einmal pro Jahr in einem Schiessstand auf Scheiben schiessen gehen und dabei eine bestimmte Punktezahl erreichen. Wer diesem Befehl nicht nachkommt oder die Punktzahl nicht erreicht, wird bestraft.) Weniger toll war, dass man stattdessen eine Pistole bekam. Man beschied uns zwar, dass wir nie damit schiessen müssten, einen Übungstag mussten wir aber trotzdem absolvieren.

«Dienstbüchlein»

Rom 1965. Max Frisch schaut einem Feuerspucker zu.
Foto Pia Zanetti.

«Ich bin ungern Soldat gewesen. Immerhin sind Erfahrungen nicht abzugeben mit der Uniform, Erfahrungen mit unserem Land, mit sich selbst.» Anfang April jährt sich der Todestag des Schweizer Schriftstellers Max Frisch zum 20. Mal, am 15. Mai vor 100 Jahren wurde er geboren. Er hat nicht nur über Biographien nachgedacht, etwa die eigene in seinem legendären Fragebogen, sondern auch über die Schweiz. Nebst seinen berühmten Publikationen ist das kleine «Dienstbüchlein» von 1974 eines jener Bücher, in denen man innert kürzester Zeit sehr viel über die Hinter- und Abgründe dieses Landes kennen lernt. Was für eine Rolle spielt das Militär im Land? Der Dienstgrad war für Karrieren von Männer immer schon wichtig, aber nicht nur der Dienstgrad: die Kameradschaft im Militär, die Querverbindungen, der Filz. Mit dem «Dienstbüchlein» hatte Max Frisch die offizielle Schweiz gegen sich aufgebracht.

Anita Hugi

Die angehende TV-Prominenz versammelte sich also in der Nähe von Thun zum Umschulungskurs. Und es sollte sich einmal mehr zeigen, dass die in der Armee ansonsten rigoros durchgesetzten Tenue-Vorschriften für die APF offenbar keine Gültigkeit hatten. Einige Kameraden erschienen in einer eigenwilligen Kombination von Ausgangs- und Kampfanzug, zwei kamen in Turnschuhen, einer im Trainingsanzug, die meisten ohne Kopfbedeckung oder gar mit Baseballcaps. Es war herrlich anzusehen, wie wir Umzuschulende uns in Reih und Glied aufstellen mussten. Dann bekam jeder eine Pistole, ein Magazin und einige Patronen. Nachdem wir einige Zeit am neuen Schiessgerät herumgefummelt hatten, durften wir schliesslich im Schiessstand auf Scheiben schiessen.

Obwohl diese bloss 30 Meter entfernt waren, habe ich keine einzige getroffen. Schliesslich kam uns die «déformation professionnelle» eines Kameraden zu Hilfe. Als jener nämlich die geladene Pistole mit einem Mikrofon verwechselte und damit auf einen Instruktor zeigte, weil er ihn etwas fragen wollte, flippte der Instruktor aus; wir durften unsere Ausbildung an der Pistole früher als vorgesehen beenden.

Auch mit der APF war dann bald Schluss. 15 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges wurde die ehemalige Propagandatruppe der Schweizer Armee 2004 aufgelöst. Kein anderer westlicher Staat hatte sich einen derartigen Verband geleistet, dem bis an sein Ende 1600 Medien- und Kommunikationsfachleute angehörten. Die Schweizer Armee hat nun einen Vertrag mit der SRG SSR (dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk) und der Schweizerischen Depeschenagentur SDA, die ihr im Krisenfall ein paar Journalisten ausleihen würden.

Und die Festungsanlage K20? Die gibt es natürlich noch. Und zumindest in Kandersteg weiss auch jeder, wo sie sich befindet. Doch was tief im Berg drin vor sich geht, das ist nach wie vor geheim.