Ewig & Ewig

Vorgeschichte

Der Zürcher Konzeptkünstler und Experimentalfilmer Dieter Meier (*1945) hatte bereits in den frühen 70er Jahren in Hamburg mit dem britisch-deutschen Poptrio Slapp Happy («Casablanca Moon») Freundschaft geschlossen. Deren Keyboarder Anthony Moore (*1948) hatte eine handvoll der frühen Meier-Filme musikalisch vertont. 1977 bis 1980 markiert die «Sturm- und Drang-Phase» von Dieter Meier, der in dieser Zeit zusätzlich zu seiner Arbeit als Konzeptkünstler in die Popmusik einsteigen wollte. Mit beachtlichem Resultat, wie die Aufnahmen zweier nie veröffentlichter Alben vom Frühling 1977 zeigen, die ich Ende April 2010 in Köln zusammen mit Anthony Moore und seinen zwei Assistenten aufgespürt habe.

 

Anthony Moore hatte 1977 gerade Slapp Happy/Henry Cow verlassen. Er war ein begnadeter Songschreiber, auf dem Weg seine Stimme zu entdecken, was zu den zwei Soloalben «Flying Doesn't Help» (1979) und «World Service» (1981) führte, beide übrigens mit Beteiligung der Schweizer Brüder Hairi (Gitarre) und Röbel Vogel (Schlagzeug), die Moore im Sunrise Studio in Kirchberg/SG kennengelernt hatte. Später, zwischen 1987 und 1994 war Moore als Texter und Soundtüftler an zwei Alben von Pink Floyd beteiligt. Seit 1996 lehrt er als Musikprofessor an der «Academy Of Media Arts» in Köln. Fachleute nennen Anthony Moore im selben Atemzug mit zwei Musikern, die auf ähnliche Weise an der Schnittstelle zwischen Avantgarde, Minimal Music und innovativem Pop gearbeitet, aber auch als Produzenten anderer Bands Geschichte geschrieben haben: John Cale (Velvet Underground) und Brian Eno (Roxy Music).

Eine rare Single von Anthony Moore von 1975 (Archiv Veit Stauffer)

Was spricht für die Veröffentlichung dieser beiden «verschollenen» Alben, die idealerweise  als Doppel-CD mit ausführlichem Booklet in den Handel kämen? Dem 1977 schon 32jährigen «Amateur» Dieter Meier und seinem Produzenten Anthony Moore gelang Erstaunliches:  Die beiden Platten sind grundverschieden und kein anderes Album, weder von Moore noch von Meier, klingt ähnlich. Nur ganz wenige Eingeweihte wussten von der Existenz dieser Bänder, zudem haben beide Musiker gemeinsam, dass sie ganz selten Konzerte geben. Ich denke, mindestens 3000 pre-Yello sowie post-Slapp Happy-Fans warten auf diese Aufnahmen.

Meiers Stimme auf beiden Alben ist sehr gut gealtert und wirkt äusserst zeitgemäss. Mag sein, dass noch andere unveröffentlichte Aufnahmen von Meier aus der Zeit zwischen 1977 und 1980 im Archiv schlummern, die beiden Alben mit Anthony Moore nehmen aber bestimmt eine Sonderstellung ein. Dabei hat das zweite Album «Dieter Meier & The Wall» für die Zürcher Musikszene insofern eine spezielle Bedeutung, als es Erinnerungen an drei wichtige Bands dieser Zeit wachruft, auf deren Covers Anthony Moore namentlich erwähnt wurde: die  Alben von Tabbis Nukkerli (1977, «Hey was söll i mache») und Taxi (1977, «...es isch als gäbs mich nüme me», einer Songzeile aus dem dort erstmals veröffentlichten «Campari Soda»), sowie der ersten Single von Hertz von 1979, bei denen damals noch Thomas Wydler, heute bei Nick Cave, am Schlagzeug sass.

SLAPP HAPPY/HENRY COW:
Dagmar Krause, Anthony Moore & Peter Blegvad

Als 17-jähriger Kunstschüler an der F&F-Schule entdeckte ich auf einem Robert Wyatt-Album den Geiger Fred Frith, wenig später dann dessen Beteiligung bei Henry Cow/Slapp Happy. Im Herbst 1976 schrieb ich begeistert an das britische Virgin-Label und erhielt postwendend ein grosses Kuvert mit Material geschickt, darunter auch dieses umwerfende Bandfoto von Slapp Happy.

Ich kopierte es zwanzigmal und schickte es meinen besten Freunden. An der Wand einer Künstler-WG im Zürcher Industriequartier entdeckte Etienne Conod das Bild. Er kannte  Anthony Moore und erkundigte sich, wie dieses Band-Foto hierher komme.  Eine Stunde später war ich im Auto von Etienne unterwegs Richtung Wil/SG, von dort nach Kirchberg im unteren Toggenburg, wo Anthony Moore im Sunrise Studio gerade die Arbeit an einem Konzeptalbum für Dieter Meier fertiggestellt hatte. 33 Jahre später beschloss ich, diesen unveröffentlichten Aufnahmen nachzugehen, die Erinnerung daran hatte mir keine Ruhe gelassen. Und es hat sich gelohnt: das Wiederhören drei Dekaden später hat all meine Erwartungen übertroffen.

DIETER MEIER & ANTHONY MOORE: ON THE CORNER

Die erste dieser beiden unveröffentlichten Alben ist ein Meisterwerk an der Schnittstelle von Prog Rock, Glam und Punk/New Wave, ein vierteiliges Konzeptalbum über 33'25". Die ersten fünf Minuten des Albums sind beschädigt, vermutlich verklebt, das Band schlägt Kapriolen. Hoffen wir, dass sich das noch retten lässt. Wenn dieses rätselhaft verschlungene Meisterwerk der europäischen Rockmusik der 1970er Jahre denn überhaupt je auf CD veröffentlicht werden sollte. Der Entscheid dazu liegt bei Dieter Meier bzw. dessen Management.

Track 1 8'55":  Das Stück dauert fast neun Minuten und in dieser Zeitspanne lassen sich einige überraschende Geistesblitze einbauen! Zu Beginn ist eine hübsche Miniatur mit hypnotischem Sprechgesang erkennbar, ein perfektes Intro, inkl. eines Intermezzos im Stile von Terry Riley. Ab 5'30" wird die Aufnahme klar, gerade rechtzeitig, als die Musik eine verblüffende Wendung nimmt. Meiers Stimme wirkt zu Beginn leicht erkältet, was der Ambiance einen neckischen Touch gibt. Es ist eine hervorragende musikalische Produktion, Moore entwickelt eine unglaubliche, das ganze Album durchziehende Dramaturgie zwischen introvertierten Passagen und  aufbrausendem Rock, dabei ist die Stimme satt eingebettet in ein höchst differenziertes Soundgebilde.

Track 2 7'28": Das Intro ist verträumt und gekonnt inszeniert, mit akustischen Gitarren und Mellotron. Anklänge an Mike Oldfield oder Pink Floyd sind herauszuhören, dabei ist dieses Setting atemberaubend wie ein Krimi inszeniert. Ab 2'40" Min verändert sich das Szenario, die elektrische Gitarre gibt zusammen mit  Bass und Klavier das Thema an. Dann ab 3'10" flüstert Meier gespenstisch suggestiv «one, two, three, four», die Band rockt sich in einen futuristischen Mix aus Cockney Rebel und Public Image Limited, absolute Weltklasse! Plötzlich erscheint eine köstliche Kirmes-Orgel im treibenden Sound, mehrmals wird das Tempo zurückgenommen, psychedelisch ausufernde Effekte mit Mellotron und gedämpftem – vermutlich präpariertem – Klavier, auch vokalistisch sehr zärtlichen Passagen, um dann noch zweimal (ab 4'22" sowie 6'15") enorm loszurocken. Im Ohr bleibt die Zeile «Flowers in your Head» hängen, auch der Schluss des Stücks ist eine Delikatesse. Mehr von dieser Power hören wir dann im zweiten Album.

Track 3 10'12": Ein ähnlicher Start wie beim zweiten Track, ein wiederkehrendes Thema als Motiv mit akustischer Gitarre, die einsetzende Stimme flüstert fast leidend, erinnert hier an «Not Available» (1974) der Residents. Ein zehnsekündiger Übergang bereitet den zweiten Part ab 5'06" vor. Hier wirkt Meier zu unserem Amüsement wie ein schmierig-hinterhältiger Hausierer, der uns Produkte verkaufen möchte, die sich nach wenigen Tagen als unbrauchbar entpuppen – oder will er uns wie Alice Cooper in eine grausliche Falle locken? Die Musik bekommt nach Einbezug von E-Piano und Kirmes-Orgel einen ausgelassenen Country-Touch und wird dann nach zehn Minuten ausgefadet. Vielleicht die einzige Schwachstelle des Albums.  

Track 4 6'48": «Madman», die ausgekoppelte B-Seite der Single «Jim For Tango». Ein federnder Bass, rückwärts laufende Bandmaschine, vibrierende Messer auf der Tischkante. Dieser Song war ein guter Kontrast zum kraftvollen «Jim For Tango», das durch Meiers ungewohnt hohe Sprechstimme geprägt ist, er kann das breite Spektrum des Konzeptalbums aber höchstens vermuten lassen. Die ersten 100 Sekunden wurden für die Single-Auskoppelung herausgeschnitten, ein sehr schönes Minimal Pattern, das eine Adaption von «Secret Of The Blue Bag» durchschimmern lässt, ein frühes Meisterwerk von Anthony Moore, das Polydor Deutschland 1972 in Kleinauflage veröffentlicht und meiner Meinung nach eine Neueinspielung durch das Kronos Quartet verdient hätte. Ab 4'55" folgt für zwanzig Sekunden ein weiterer Übergang, wo die Single-Version  ausgeblendet wurde. Die Album-Version hingegen mündet erneut in das Motiv mit depressiver Stimme und langsam ausklingenden Instrumentalparts.

Mit offenem Mund bleiben wir zurück, doch spätestens als wir erkennen, dass das Album genau so ausklingt wie es begonnen hat (berühmtes Beispiel dafür ist Genesis' «Selling England By The Pound» von 1973), drücken wir die Repeat-Taste und hören das Ganze nochmals durch. Und dann gleich noch einmal...

DIETER MEIER & THE WALL: TILT

Dieses zweite im Punk-Gestus gehaltene Album enthält zehn Tracks und dauert rund 34'45". Eine Mail nach Italien zu Gitarrist Hairi Vogel ergibt folgende Besetzung: Dieter Meier (voice), Anthony Moore (rhythm guitar), Hairi Vogel (lead guitar), Martin Walder (bass), Röbel Vogel (drums). Nach dem nahrhaften Konzeptalbum wirken diese übermütigen und gewitzten Songs wie ein kühlendes Dessert. Bei meinem Besuch in Köln hat Anthony Moore inzwischen Jacke und Schuhe ausgezogen und trinkt ein Bier. Das Abhören dieser Bänder nach 33 Jahren macht ihm sichtlich Spass. Zwischendurch steht er auf und singt mit. Er hatte damals die Texte mitgeschrieben und Dieter Meier einen Crash-Kurs in Gesang gegeben. Auch die Leadgitarre von Hairi Vogel gefällt ihm. Moore erzählt, wie Vogel damals unter grossem Einfluss von The Who stand.

Track 1: «Fat Fly» 4'02". Ein köstlicher Rocker mit Who-Touch, sehr originell arrangiert, mit viel Platz für die verspielte Solo-Gitarre von Vogel, Meier wechselt zuweilen souverän in die Kopfstimme und erinnert dabei an Kevin Coyne. Das Stück klingt wie «Son Of Jim For Tango» und hat auch einen schönen Schluss.

Track 2: «Do You Mean It?» 5'02". Hier könnte das bekannte «Vicious»-Riff von Lou Reed Pate gestanden haben. Ein cooles Rockstück, welches umso kecker wirkt als die ganze Band zwischendurch das Tempo drosselt.

Track 3: «What Does Love Mean» 3'42". Midtempo-Nummer mit deutlichem Rolling Stones-Touch und gedehnten Gitarrensolos.

Track 4: «Brandy» 2'20". Weiterer Rocker mit leichtem Country-Touch und heiserer Stimme.

Track 5: «Get Out Of My Way» 3'25". Ein sehr witziges Uptempo-Stück, das wie eine startende Lokomotive beginnt, alles im roten Bereich.

Track 6: «Crazy» 3'28". Das Intro als geflüsterte Ballade, welche dann mit  melodischer Leadguitar weitergeht.

Track 7: «Hotel Belair» 3'34". Fast punkmässiges Tempo mit sehr viel Text, das Arrangement ist eng auf den Gesang zugeschnitten. Erinnert mich einerseits an die Zürcher Bucks, andererseits an die 80er Ausgabe von Atomic Rooster.

Track 8: «Jim For Tango» 2'28". Absolutes Paradestück des Albums, die Auskopplung zur Single war richtig gewählt, sozusagen der «Überflieger» mit schrillen, lauten Gitarren.

Quelle: www.videoportal.sf.tv/video?id=621b8bcf-9b3e-43b4-a124-4381ef691022

Track 9: «Mister Grey» 3'25". Der Beginn wie ein Preacher, klingt wie John Lydon von Public Image Limited, aber der Zeit voraus. Die Band erfindungsreich, kreiert immer neue Wege rhythmisch und melodisch abzurocken.

Track 10: «She's Beautiful» 2'58". Schöner Ausklang des Albums, an dieser Stelle muss endlich auch jene Band genannt werden, die damals in vielen Köpfen als Haupteinfluss herumgeisterte: Iggy Pop & The Stooges.

Epilog

Auslöser meiner Reise nach Köln war auch das überzeugende Filmportrait (2005) über Yello von Anka Schmid (*1961), mit der ich seit 1980 befreundet bin. Im Zuge meiner Recherchen wurde mir klar, dass die Entstehung und Gründung von Rec Rec Zürich eng mit drei Personen verknüpft ist, denen ich an dieser Stelle meinen herzlichen Dank aussprechen möchte: