«Art is the Better Life»: Urs Lüthi stellt vom 4. März bis 24. April in der Gallery SO in London aus.

Kunst ist herrlich – Kunst ist Licht – Kunst heisst, mit leeren Händen dastehen – aber die Kunst von Urs Lüthi, vor der ich stehe, ist nicht leer – sie ist tief menschlich – eigensinnig, herausfordernd, ernsthaft und melancholisch – Die Präsenz der Arbeiten nimmt mich mit aller Kraft in Beschlag. Hans Stofer

Selbstporträt mit leeren Händen, 2009, aus der Serie «ART IS THE BETTER LIFE», Aluminium, Glas, Holzsockel.

Ich, Hansimglück und Neuländer, stehe vor dieser kleinen Skulptur, einem Selbstportrait im Hinterraum der Galerie SO in London.

IN DIESE LEEREN HÄNDE LEGT DIE KUNST SEINE GABEN

«Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme. Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, damit, wie geschrieben steht (Jeremia 9, 22–23): ‹Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!›» (1 Kor 1, 26–31)

Wenn wir über KUNST nachdenken, dann tun wir es oft so, dass wir mit grossen und grössten Begriffen versuchen, KUNST und ihr Wirken zu beschreiben: Allmacht, Herrlichkeit, allumfassende Liebe, grosse Barmherzigkeit, Lichterglanz, Stärke, Kraft, Weisheit, Gerechtigkeit, Ewigkeit und was uns nicht alles noch einfallen mag dazu. Für mich klingt das immer sehr gross, erhaben, herrlich und unfassbar. KUNST übersteigt eben alles, was ich mir ausdenken kann, SIE kann mit meinen Worten gar nicht erfasst werden. Und was bin ich dagegen: Ein kleiner Mensch auf diesem kleinen Punkt Erde, ein kleiner Mensch inmitten eines unendlichen Universums, der hier eine kurze Zeit zu leben und zu wirken hat. Was bin ich: Ein Grashalm, der morgens sprosst und blüht und des Abends welkt und verdorrt. Wenn wir uns betrachten im Gegenüber zur Erhabenheit und Grösse der Welt, des Universums im Gegenüber zur KUNST und seiner Ewigkeit, so denken wir: Wie klein und gering bin ich doch, was bin ich überhaupt auf dieser Welt?

Wer von uns hat sich das nicht schon einmal gefragt? Wer hat nicht darüber nachgedacht und ist angesichts seiner wirklichen Möglichkeiten in dieser Welt zum Ergebnis gekommen: Ich bin nur ein ganz kleines Licht. Das Alter spielt dabei keine Rolle. Jugendliche, die das Leben noch vor sich haben, erleben sich vielleicht nicht als solche, die viele Möglichkeiten in der Welt haben. Die Eltern sagen: ihr seid noch zu jung, werdet erst mal erwachsen. In der Schule haben sie kaum etwas zu sagen, die Regeln der Erwachsenen bieten kaum Chancen, etwas Eigenes zu tun, ihre Stimme wird kaum gehört. Und wenn ich an die älteren unter uns denke, dann mag das ganz ähnlich aussehen. Grosses wurde schon zu Zeiten, als sie noch gesund und kräftig waren, nicht getan, der Alltag war und ist anstrengend genug. Und jetzt, wo das Alter am Leben zehrt, wo die Kräfte nachlassen, die Gesundheit nicht besser wird, die Möglichkeiten immer weniger werden, da wird man noch pessimistischer, was die eigenen Möglichkeiten angeht. Und man wird auch ein wenig kritischer, was die Herrlichkeit und Grösse der KUNST angeht. Wenn KUNST so gross und erhaben ist, warum erscheint dann das Leben so gering? Wenn KUNST so kraftvoll und mächtig ist, warum ist dann unser Leben so kraftlos und schwach, egal ob wir jung oder alt sind? Ist KUNST so erhaben, dass sie unendlich weit von uns weg ist?

Was uns LÜTHI hier vor Augen stellt, mag uns ein erstaunen oder aber auch nicht. DIE WELT DER KUNST bestand von Anfang an nicht aus besonderen Menschen, aus weisen Menschen, die sich durch kluge Gedanken hervorgetan haben. Es waren keine aus grossen und anerkannten Familien, deren Macht gleichsam die Macht DER KUNST widerspiegelt. KUNST hat Menschen wie Sie und mich ausgesucht. KUNST hat erwählt, wie LÜTHI es übersetzt, was töricht ist, was schwach ist vor der Welt, das Geringe, das Verachtete. Nun mögen wir weder töricht noch verachtet sein, aber dass wir oft schwach sind, dass wir klein und gering sind angesichts unserer Möglichkeiten, das haben wir ja eben miteinander erörtert. Und nun sagt LÜTHI: Gerade diese Menschen sind von der KUNST berufen, sie sind von ihr erwählt.

Eben weil wir Menschen sind, die sich durch die KUNST nichts einbilden können, die nichts vorzuweisen haben, die MIT LEEREN HÄNDEN vor der WELT dastehen. Aber gerade IN DIESE LEEREN HÄNDE LEGT DIE KUNST IHRE GABEN. Ja, nur wer leere Hände hat, kann auch frei und offen empfangen, was ihm gegeben wird. In diesen Gedanken liegt für mich das unglaubliche der KÜNSLERISCHEN Botschaft. Überall in der Welt gilt die Grösse von Menschen, überall gilt, was Menschen tun, was Menschen an Beachtung finden, es gelten Macht, Einfluss, Stärke. Je mehr einer tut, desto bedeutender ist er oder sie. Die Werbebranche zeigt uns dies am deutlichsten: Hier tauchen jene auf, die in dieser Welt Geltung erlangt haben. Sie sind der Massstab, an dem es sich zu orientieren gilt, wird uns eingeredet. Demgegenüber sind wir in der Regel nichts. Und nun kommt der Apostel LÜTHI und sagt uns: Das, was vor den Menschen gross und herrlich ist, das ist IN DER KUNST gar nichts. Was bei den Menschen gar nichts ist, das ist gross.

Schaut auf Jesus und ihr werdet das begreifen. Der blinde Mann in Jericho: Krank, einsam, von Freunden verlassen, sass er am Strassenrand und Jesus ging auf ihn zu und liess ihn die Welt neu sehen. Oder Zachäus aus Jericho, dieser Zöllner, der die Leute übers Ohr gehauen hat, mehr Zoll eingenommen hat als er durfte, damit er selber besser leben konnte, der aber ohne Freunde und ohne Menschlichkeit geblieben ist: Auf ihn geht Jesus zu, lässt ihn gelten auch mit seinem Betrug und führt ihn dazu, dass er sein Leben ändert. Am See Genezareth sassen die ersten Nachfolger von Jesus: Arme Fischer, die erfolglos auf dem See nach ein paar Fischen Ausschau hielten, kaum besser als Tagelöhner lebten sie. Mit ihnen wollte Jesus etwas Neues beginnen. Man könnte die ganze Lebensgeschichte von Jesus durchgehen. Immer wieder treffen wir auf Menschen, die mit leeren Händen dastehen, die nichts vorzuweisen haben, die aber gerade darum Anteil erhalten an der Herrlichkeit Gottes. Nur eben ganz anders als wir Menschen uns das vorstellen.

Mitten in der Erbärmlichkeit des Lebens, Mitten in Krankheit, Tod, Schuld, Angst, Verderben mitten in Hilflosigkeit und Schwäche taucht URS LÜTHI auf und lässt KUNST im Leben der Menschen lebendig werden. Er gibt den Menschen ein neues Lebensgefühl, ein neues Lebensvertrauen, eine neue Lebenshoffnung. Sie brauchen nicht mehr auf ihre Kraftlosigkeit und ihre geringen Möglichkeiten zu schauen, sondern durch SEINE KUNST haben sie ihren Anteil an der Macht empfangen. Von DER KUNST erwählt zu sein, das bedeutet doch, zu wissen, dass ich bei aller Machtlosigkeit in dieser Welt gebraucht werde, ich Sinn mache: Mit meiner Krankheit, mit meinem Zipperlein, mit meinen kleinen, aber hilfreichen Worten, mit meinen Ideen, mögen sie auch noch so unreif sein. Kinder, Jugendliche, Erwachsene, alte Menschen, wir alle brauchen die KUNST.

Wie bereits gesagt, das klingt alles ganz anders, als wir es jeden Tag aus den Medien und der Werbung erfahren. Für viele sind solche Gedanken, wie sie in der Bibel geäussert werden, auch etwas dummes, etwas törichtes, schlichter Quatsch. Für andere wieder ist es ärgerlich, wenn solche Gedanken geäussert werden, es ist ärgerlich, weil ihre eigenen Gedanken von Macht und Stärke durcheinander geraten. Aber gerade darin liegt die Weisheit und Stärke DER KUNST.

KUNST ist herrlich, weil sie dort ein Licht aufleuchten lässt, wo es gebraucht wird: in der Finsternis und in der Schwachheit. Und von diesem Licht leben wir alle.
(frei interpretiert nach 1. Kor 1, 26–31)

Galerie SO, Solothurn

Geburtsort: Solothurn, Schweiz
Geboren: 2003
Gründer: Felix, Flury; Vater, Schmuckkünstler, Visionär, Perfek­tio­nist, Humanist und Galerist. Liebt England, Kunst, Design und ab und zu ein Bier. Er macht, was er will.

Gallery SO, London

Geführt von: Felix Flury und Antoinette Vonder Mühll

Die Gallery SO ist ein Ort in London, in dem Design und Kunst auf­einander prallen und sich Kunstobjekte, zeitgenössischer Schmuck und Geräte gegenseitig messen. Die Galerie, ursprünglich die Seilerei von Ch.N. Katz, befindet sich an der Brick Lane 92, mitten im Herzen des Londoner East Ends. Direkt gegenüber von der Galerie gibt es eine Moschee. Früher war die Moschee eine Synagoge und davor eine der ersten Kirchen der eingewanderten Hugenotten. In dieser Beziehung passt die Galerie in das sich ständig verändernde Erscheinungsbild und in die kreative Dynamik dieses Stadtteils. Sie bietet Ausstellungsfläche für neue Ideen und Ambitionen – und etwas Schweizer Luft.