Verbrannte Erde

Meinrad Schade

ie Region von Semipalatinsk wurde von zwei Wellen heimgesucht. Erstens von der radioaktiven und später, als Folge davon, von der medialen in Form von unzähligen JournalistInnen. Alle waren sie da, die grossen wie die kleinen. Und dann, im August 2010, auch noch ich, Fotograf aus der Schweiz, in der unendlichen Steppe Nordostkasachstans.

usammen mit meinem Freund und Übersetzer Achmet besuche ich am Sonntag, dem 1. August, Berik und seine Mutter. Ich hatte von Berik schon etliche Bilder gesehen und Berichte über ihn gelesen, meinte, ihn dadurch beinahe zu kennen. Im letzten Film, der auf RTL über ihn ausgestrahlt wurde, ging es um seine Operation in Deutschland. Berik, der auch der Mann ohne Gesicht genannt wird, sollte operativ ein neues Gesicht bekommen. Als Berik leibhaftig vor mir steht, kann ich keinen grossen Unterschied erkennen, die Wucherungen in seinem Gesicht haben seit der Operation wieder zu wachsen begonnen.

chmet, mit dem ich seit langem zusammenarbeite, spricht mit Berik und dessen Mutter. Irgendwann fällt dann die Frage, ob ich sie beide fotografieren dürfe. Die Mutter blickt müde und fragt, wie ich Berik denn zu helfen gedenke. Helfen? Bezahlen für die Möglichkeit, Bilder zu machen? Es ist eigentlich ein ungeschriebenes Gesetz, das als Autor nicht zu tun. Ihr erklären, dass mich diese Geschichte nicht so reich macht, wie sie vielleicht denken mag? Ihr erklären, dass meine Bilder möglicherweise etwas verändern? Ihr Journalisten kommt hierher, profitiert von unserem Elend, aber für uns ändert sich rein gar nichts! Dies ist die Meinung von vielen Betroffenen. Deshalb sind ausländische JournalistInnen oft unerwünscht, mittlerweile sogar die einheimische Presse. So gross ist die Enttäuschung, so tief sind die Narben. Ich nenne Beriks Mutter eine Zahl, sie meint, das sei gut, aber das Doppelte wäre besser. Ihre Augen strahlen eine Traurigkeit aus, auch eine Güte, und ich anerkenne den Handel Geld gegen Fotos als kluge Strategie einer Mutter, deren grösste Angst es ist, einmal nicht mehr genügend Kraft für ihren Sohn zu haben. Und Berik? Der ist ganz Medienprofi, posiert da und dort, weil das meine Vorgänger auch schon interessant fanden.

wischendurch ganz unerwartet dann dieser Satz, welcher von Herzen kommt: «Ich finde es immer schön, wenn Journalisten da sind, denn mein Leben besteht sonst nur aus Schlafen, Essen, Rauchen und Musikhören. Das ist sehr langweilig.» Seine Mutter sitzt daneben, nickt und seufzt und bittet mich, zu gehen, sie sei müde. So packe ich meine Kamera ein und will mich langsam verabschieden. Da plötzlich steht Berik vor mir und herzt ein Kind auf seinem Arm. Es ist sein Neffe. Beriks Schwester ist von mir unbemerkt in die Wohnung getreten und stattet der Familie mit ihrem Sohn einen sonntäglichen Besuch ab. Bei allen Bildern, die ich bislang von Berik gemacht habe, habe ich das Gefühl gehabt, es seien nur Kopien von all jenen, die von ihm bereits gemacht worden waren. Bei diesem Bild, so wird mir klar, wird dies nicht der Fall sei. So packe ich meine Kamera nochmals aus, ignoriere die vorwurfsvollen Blicke der müden Mutter, mir einredend, dass ich schliesslich dafür bezahlt habe, und mache das Bild. Eine Woche später, wieder ein Sonntag, es ist der 8. August. Wir sind soeben im Dorf Dolon angekommen, um die achtzigjährige Ludmila Schachworostowa mit ihren beiden geistig behinderten Söhnen Anatoli und Alexander zu besuchen. Die rüstige Frau quittiert unser Anliegen mit der Bemerkung, dass wir uns hätten anmelden können, sie sei nicht vorbereitet. Überhaupt habe sie sich geschworen, nie mehr Journalisten zu empfangen. Höchstens ein Schwarzer aus Afrika wäre ihr noch genehm gewesen, sagt sie, lacht und blickt meinen Übersetzer Achmet an. Achmet ist ihr sympathisch, und so bittet sie uns ins Haus. In der Wohnung hängt ein strenger Uringeruch, wir setzen uns an den Küchentisch und essen aus Höflichkeit die aufgetischten Kekse. Aus einem Zimmer tönt ein seltsames Summen einer ganz hohen Stimme, wie von einem Kind. Das Summen kommt näher, und dann steht der 54-jährige Anatoli im Türrahmen, starrt uns an und summt weiter. Ich blicke zu Achmet, weiss, dass er im Moment nur raus will, um eine Zigarette zu rauchen.

uch Ludmila wird das Gesumme zu viel, barsch schickt sie ihren Sohn weg, so wie man es bei einem kleinen Kind tun würde. Wir reden und reden, und mir kommt die Aussage eines bekannten Fotografen in den Sinn, der von seinem Kollegen erzählte, der ein begnadeter Kommunikator gewesen sei, aber vor lauter Reden das Fotografieren verpasst habe. So bitte ich Achmet, mich mit den dreien alleine zu lassen. Die Aufgabe, nun Fotos zu machen, erleichtert es mir, die seltsame Situation auszuhalten, teilt mir eine Rolle zu in diesem Stück. Irgendwann gehen wir nach draussen, die Abendsonne beleuchtet die Eingangstreppe des kleinen Hauses.

nd dann stehen sie vor mir: Ludmila in der Mitte, ihre zwei Söhne haltend, die die stämmige Frau riesenhaft überragen. Und wieder mache ich es, das Bild. Anschliessend bin ich mit Ludmila alleine; sobald ich nicht mehr fotografiere, wird die Situation peinlich. Da bin ich mit dieser mir unbekannten Frau zusammen, ohne mich mit ihr unterhalten zu können. Plötzlich höre ich sie summen, genau so wie zuvor Anatoli. Kein Wunder, denke ich, wenn man das den ganzen Tag, jahraus, jahrein, hört. Dann schaut sie mich an, zuckt mit den Schultern und sagt: «Takaja nascha schisn», so ist unser Leben. Auf der Rückfahrt hallt der Satz von Ludmila in mir nach: «So ist unser Leben.» Ludmila quält die Frage, was einmal aus ihren Söhnen werden soll, wenn sie nicht mehr da ist, und das mit achtzig Jahren. Die Strasse ist streckenweise sehr schlecht, das Slalomfahren lässt mich nur noch unzusammenhängend denken. Die Überalterung in Europa. Ich bin ich nun auch einer, der hier nur verbrannte Erde hinterlässt? Ist der Staub, der ins Wageninnere gelangt, radioaktiv verseucht? Ich erinnere mich an unseren gestrigen Besuch des ehemaligen Atomtestgeländes. Gegen die Strahlung helfe gründliches Waschen der Kleider und Duschen und, ganz wichtig, 100 Gramm Wodka pro Person. Dies hat uns ein Mitarbeiter des Nationalen Nuklearzentrums geraten. Stopp!, denk ich, nur noch stopp! Stopp und ein Wodka, genau hundert Gramm. Später sitzen Achmet und ich in einer Bar und bestellen zwei Glas Wodka. Während wir warten, beginnt Achmet plötzlich zu summen, genau so wie Anatoli. Wir müssen kurz befreit lachen, um dann schweigend unseren Wodka zu trinken.