Ägypten ist erst am Anfang

Der «Arabische Frühling» hat die ganze Welt aufgeweckt und unser Bild des Nahen Ostens erschüttert. In Ägypten waren sich Millionen von Menschen einig, dass Mubarak gehen muss. Doch wie soll die künftige Gesellschaft am Nil aussehen? Darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Demokratie entsteht nicht an einem Tag. Ein Augenschein im nachrevolutionären Kairo.
Von Susanne Schanda Kairo (Text und Bilder)

Der Alltag ist zurück am Ort, von dem die ägyptische Revolution via TV direkt zu uns ins Wohnzimmer kam – aber ein Symbol für den gesellschaftlichen Zustand Ägyptens ist er geblieben. Der Kairoer Tahrirplatz zwischen dem Ägyptischen Museum, dem Campus der Amerikanischen Universität und dem sozialistisch anmutenden, gigantischen Verwaltungsgebäude «Mugamma» hat sich in eine Baustelle verwandelt.

Zwar rollt der Verkehr wieder stinkend und hupend um den riesigen Kreisel, aber langsamer als vor der Revolution. Alte Frauen und kleine Kinder, Jugendliche und andere Fussgänger müssen nicht mehr um ihr Leben fürchten, wenn sie den Platz überqueren. Das Gehen und Stehen hat sich hier durchgesetzt.

Der Platz ist zu einer Art Speakers Corner wie im Londoner Hyde Park geworden. Immer wieder gibt es hier spontane Demonstrationen, allerdings nicht mehr mit Millionenbeteiligung. Als eine Gruppe von Aktivisten Ende Mai zu einem «zweiten Tag des Zorns» aufruft, kommen noch einige Zehntausend.
Das Bild hat sich verändert. In Sichtweite des verkohlten Parteigebäudes der einstigen Nationaldemokratischen Partei von Ex-Präsident Hosni Mubarak breiten Souvenirhändler am Boden Fahnen, bedruckte T-Shirts, Anhänger und Sticker der Revolution vom 25. Januar aus. Beim Feilschen um den Preis überzeugt schliesslich das Argument «für die Revolution».

Der erste Schritt war der einfachste

Der Name des Platzes ist Programm geworden: Tahrir – Befreiung. Auch der Militärrat, der vorläufig Minister ernennt und Wahltermine festlegt, weiss, dass er von hier aus scharf und kritisch beobachtet wird. Erst Anfang März hat er dem Druck der Strasse nachgegeben und den verhassten alten Premierminister durch den Favoriten der Revolutionsbewegung ersetzt. «Mit dem Sturz Mubaraks haben wir einen grossen Schritt gemacht, aber es war zugleich der einfachste. Die nächsten Schritte sind schwieriger und brauchen mehr Zeit», sagt eine Kulturvermittlerin in Kairo.

Was das heisst, zeigt sich an einem Sonntagnachmittag im Estoril, einem Restaurant und Treffpunkt der säkularen Intellektuellen im Zentrum Kairos. Nur wenige Tische sind besetzt, drei Frauen mittleren Alters sprechen über Männer: «Du musst ihnen das Gefühl geben, dass sie wichtig sind und die Entscheidungen treffen, dann sind sie ganz leicht zu behandeln», sagt die eine. Die anderen lachen zustimmend. An der Bar unterhalten sich einige Stammgäste mit den Kellnern, als zwei formell gekleidete, schwergewichtige Männer eintreten. Für einen Moment wird es still an der Bar. Dann bricht ein lauter Streit aus. Ein junger Mann attackiert die Neueingetretenen: «Verschwindet, ihr habt hier nichts zu suchen. Mubarak ist weg, und euch wollen wir auch nicht mehr sehen!» Einer der Angegriffenen wehrt sich: «Ich habe nichts Unrechtes getan, nur meinen Job. Ich lasse mir nichts vorwerfen!» Die Kellner versuchen zu schlichten, doch der Wortwechsel wird immer aggressiver, bis die beiden Männer wütend das Lokal verlassen. Wie sich herausstellt, war einer der beiden der Generalsekretär des gestürzten Präsidenten. «Das ist kein Grund, ihn hier im Restaurant anzugreifen», sagt ein Kellner, «wenn ihr streiten wollt, dann tut dies bitte auf der Strasse.»

Hexenjagd und kühle Köpfe

Die kleine Episode zeigt, wie das alte System, das nur langsam abgebaut wird, und der Wunsch nach einem neuen Ägypten im Kairoer Alltag aufeinanderprallen. «Hexenjagd», kommentiert Karima Mansour (www.videoportal.sf.tv), Choreografin und Kulturaktivistin. Sie misstraut der Emotionalisierung, den Rachegefühlen und der Sehnsucht nach neuen charismatischen Führerfiguren. «In Ägypten träumen viele Leute immer noch vom einstigen Präsidenten Nasser und wünschen sich einen starken Mann als neuen Präsidenten, dabei brauchen wir jetzt kühle Köpfe, um die vielfältigen Probleme anzugehen.» Die Choreografin hat Anfang Februar ein Arbeitsprojekt in der Schweiz abgebrochen, um an der Revolution in ihrer Heimat mitzuwirken. Sie hat es nicht bereut, doch in die Aufbruchstimmung mischt sich Sorge um die Zukunft: «Alles ist noch völlig offen und unsicher. Wir müssen abwarten, hoffen, weiterarbeiten.»

Kultur ist Politik

In ihrer riesigen pinkfarbenen Tasche führt sie selbst gemachte Revolutionssticker mit und Notizen für ein Treffen mit Kulturaktivisten, die Strategien der Kulturarbeit im neuen Ägypten entwickeln wollen. Die Kulturschaffenden in Kairo verstehen ihre Arbeit selbstverständlich als politisch. Mit Festivals in allen grösseren Städten Ägyptens wollen sie nun den Forderungen der Revolution Nachdruck verleihen.
Die Versammlung in einer leer stehenden Wohnung neben der Synagoge in der Innenstadt wird von Basma el-Husseini geleitet, einer Kulturvermittlerin und Direktorin des nicht staatlichen Kulturzentrums «Al-Mawrid-al-Thaqafy». Sie koordiniert eine Koalition von über 200 Kulturschaffenden des ganzen Landes in mehreren Arbeitsgruppen. Diese hier besteht aus Kulturvermittlern, Tänzerinnen, Schauspielern, Autorinnen, Journalisten und Künstlerinnen, die kulturpolitische Strategien diskutieren. Sie sind sich einig, dass neben Zensur und fehlenden Veranstaltungslokalen das Ungleichgewicht zwischen staatlicher und nicht staatlicher Kultur ein Hauptproblem darstellt.
«Es gab einen riesigen, bürokratischen, mit viel Geld aufgepumpten staatlichen Kultursektor, der keine gute künstlerische Arbeit hervorbrachte. Daneben hatte der nicht staatliche Sektor fast kein Geld zur Verfügung, ausser von ausländischen Institutionen», sagt Basma el-Husseini. Das soll nun korrigiert werden.

Schweizer Modell

Mit dabei in dieser Runde aus Kulturschaffenden ist auch Hebba Sherif, Direktorin des Kairoer Büros von Pro Helvetia. Sie ist heute nicht in beruflicher Funktion hier, sondern als kulturell und politisch engagierte Staatsbürgerin. Doch sie nutzt ihre Kenntnisse der Schweizer Verhältnisse und empfiehlt das Schweizer Modell der Kulturförderung zur Nachahmung. «In der Schweiz betreibt Pro Helvetia in eigener Regie Kulturförderung. Obwohl die Kulturstiftung vom Staat finanziert wird, fällt sie ihre Entscheide inhaltlich unabhängig», erklärt Hebba Sherif.
Das Vorbild Pro Helvetia stösst auf grosses Interesse. Man will diese Idee zusammen mit weiteren Forderungen und Anregungen an die Medien, die politischen Parteien und direkt an den neuen Kulturminister Emad Abu Ghazi vermitteln. Dieser ist auffallend gesprächsbereit – ein Novum für die nicht staatliche Kulturszene, die während Jahrzehnten nichts zu sagen hatte.
Auch die Choreografin Karima Mansour hat mit ihm gesprochen. Sie warnt allerdings: «Er ist zwar zugänglich und engagiert, aber ich bezweifle, dass er sofort sehr viel verändern kann. Zudem sitzt er in einer Übergangsregierung und wird vielleicht in einigen Monaten ersetzt.»

Strassensperre vor dem staatlichen Radio- und Fernsehgebäude in Kairo.

Religiöse Spannungen und ihre Drahtzieher

In die Aufbruchstimmung platzt die Nachricht von blutigen Zusammenstössen zwischen Christen und Muslimen in einem Vorort von Kairo und zeigt, wie brüchig der Weg zur Demokratie noch ist. Erinnerungen an den Terroranschlag vor einer Kirche in Alexandria in der Silvesternacht werden wach. Sind hier radikale Islamisten am Werk, oder sind die christlich-muslimischen Spannungen so gross, dass sie jederzeit explodieren können?
Der renommierte ägyptische Soziologe und Ökonom Galal Amin verneint beides: «Das Regime hat immer wieder Konflikte zwischen Christen und Muslimen geschürt, um den eigenen Repressionsapparat zu legitimieren. Es ist erwiesen, dass der Anschlag in Alexandria vom Innenministerium inszeniert wurde.» Wie zum Beweis dieser Aussage versammeln sich am nächsten Tag Tausende Christen und Muslime auf der Nil-Corniche vor dem staatlichen Radio-und-Fernseh-Gebäude und demonstrieren gemeinsam gegen die Diskriminierung von Christen in Ägypten. «Take Care Egyptians» ist auf Transparenten zu lesen, wobei das T als christliches Kreuz und das C als muslimischer Halbmond dargestellt ist.
Für die Absperrung der Strasse sorgen die Demonstranten selbst – mit einem über zwei Metallgestelle gelegten Holzstamm, behängt mit ägyptischen Flaggen. Im Improvisieren sind die Ägypter auch erstklassig. Das haben sie mangels verlässlicher staatlicher Strukturen gelernt. Während einer ganzen Woche markieren sie Einigkeit der Religionsgemeinschaften und geben damit auch ein Signal an die kritische westliche Welt: Es gibt eine aktive Gegenbewegung zur ständig thematisierten Islamisierung der Gesellschaft.

Frauen stossen auf Widerstand

Gleichzeitig versucht sich eine Frauendemonstration am Tahrirplatz zu behaupten. Zum Internationalen Tag der Frau war ein Millionenmarsch angekündigt. Doch man merkt die Zersplitterung der Kräfte. Nur einige Hundert kommen, um gleiche Rechte und mehr Mitsprache auf der politischen Bühne einzufordern. Neben vielen Sympathisantinnen und Sympathisanten macht sich immer lautstarker ein Pöbel bemerkbar, aus dem frauenfeindliche Attacken ertönen: «Was wollt ihr überhaupt? Wollt ihr keine Kinder mehr gebären?» Ein anderer Mann ereifert sich: «Ihr glaubt doch wohl nicht, dass sich ein Volk von 80 Millionen von einem Weib regieren lässt!»
An der Revolution vom 25. Januar waren Frauen aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen auffallend stark vertreten. Heute arbeiten Frauen selbstverständlich am Aufbau der neuen Gesellschaft mit. Es sind Frauen, die das Zentrum für die Rehabilitierung von Folteropfern leiten, und eine Frau vernetzt als Koordinatorin von Transparency International zahlreiche Organisationen, die Korruption bekämpfen. Aber wenn Frauen explizit ihre Rechte einfordern, stossen sie schnell an Grenzen. Das ägyptische Zentrum für Frauenrechte kritisiert, dass das Expertenkomitee, das die Verfassungsänderungen ausarbeitete, keine einzige Frau beigezogen hat.

Krise bei den Muslimbr├╝dern

Die Verfassungsänderungen, die künftig die Amtszeit des Präsidenten beschränken und das Gründen von politischen Parteien erleichtern, sind inzwischen von einer Mehrheit der ägyptischen Bevölkerung angenommen. Die erste freie Abstimmung seit Jahrzehnten hat Millionen von Ägyptern und Ägypterinnen das Gefühl gegeben, dass sie von jetzt an mitreden können. Alle, auch die besonders im Westen gefürchteten Muslimbrüder.
Sie haben ihre Popularität bisher aus der Opposition gegen das Mubarak-Regime bezogen. Die konservative Führung der Bewegung will ihre Anliegen auf politischer Ebene in Zukunft durch die «Freiheits- und Gerechtigkeitspartei» vertreten. Gleichzeitig werden die seit Jahren wachsenden ideologischen Spannungen innerhalb der Bewegung eklatant. Kürzlich haben rund 300 Mitglieder der Muslimbruderschaft an einer Konferenz der Jugendsektion interne Reformen diskutiert und erklärt, dass sie die Stellung der Frau in der Gruppierung aufwerten wollen. «Während Jahrzehnten wurden die Frauen als Zweitklassmitglieder betrachtet. Dies ist nicht länger akzeptabel», sagt der Sprecher der jungen Muslimbrüder. Auch sie wollen eine eigene Partei gründen, die «Renaissance-Partei», und fordern Freiheit in der Parteiwahl für alle Muslimbrüder, eine Haltung, die von den Hardlinern strikt abgelehnt wird.

Jobs fehlen weiterhin

Am Tahrirplatz und quer durch die Stadt sind die einst omnipräsenten Mubarak-Porträts aus den Büros und Geschäften verschwunden und durch Symbole der Revolution ersetzt worden. An den Heckscheiben der Autos kleben Sticker mit dem historischen Datum 25. Januar. In einem ruhigen Viertel am Nil sind die Baumstämme in den ägyptischen Nationalfarben Rot, Weiss, Schwarz angemalt, und die Mobiltelefongesellschaft Etisalat wirbt auf Strassenplakaten mit der ägyptischen Flagge und dem Satz: «Gott erhalte dich, Ägypten». Die nationale Fluggesellschaft Egypt Air fliegt mit «Flügeln der Freiheit».
Trotz all den guten Wünschen, dem Enthusiasmus und dem erwachten Selbstbewusstsein der Bevölkerung ist die wirtschaftliche Misere nicht behoben. Die dringend benötigten neuen Jobs für die jungen Leute fehlen weiterhin, und der Kampf gegen die Korruption hat gerade erst angefangen. Zahlreiche Gefahren lauern auf dem Weg zur Demokratie: die Kräfte des alten Regimes, radikale Islamisten und die globale Machtpolitik, die Ägypten auch in Zukunft einspannen will.
«Demokratie ist ein historischer Prozess. Sie führt man nicht einfach ein, und dann ist sie da», sagte der verstorbene Schweizer Schriftsteller Hugo Loetscher bei einem Auftritt in Kairo vor fünf Jahren.
Ägypten steht vor schwierigen Zeiten.