Das Frauen- stimmrecht wurde erdauert

Judith Stamm, Alt-Nationalrätin und ehemalige Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) über Frauenpolitik, Gleichstellung, Bundesrätinnen, politische Sternstunden, Niederlagen und das Alter.

Am 14. Juni 2011 jährte sich der Frauenstreiktag zum 20. Mal. Kommt die Gleichstellung nicht ohne solche Aktionen aus?
Judith Stamm: Durch Bildung, Pille, Politik wurde die Stellung der Frau in unserer Gesellschaft grundlegend verändert. Die Frauen wählen ihre Weltanschauung selbst, gestalten ihr Leben frei, pendeln zwischen Berufs- und Familienleben hin und her. Einem einmaligen symbolischen Akt eines wiederholten Frauenstreiks am 14. Juni würde ich den täglichen Einsatz der Frauen im politischen Leben vorziehen mit dem Ziel, die restlichen Baustellen zu eliminieren: Lohnungleichheit, die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die immer noch zu oft vorkommende häusliche Gewalt.

Das 1988 vom Bundesrat eingesetzte Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau (EBG) – unter anderem auch Ihr Verdienst – fördert die Gleichstellung der Geschlechter in allen Lebensbereichen und bekämpft jegliche Form direkter und indirekter Diskriminierung. Es gibt verschiedene Bestrebungen, das Büro abzuschaffen. Was sagen Sie dazu?
Es ist verfrüht, an Abschaffung zu denken, weil es nach wie vor viele offene Fragen gibt. Noch immer sind nebst den bereits erwähnten Baustellen nicht genügend Frauen in Behörden vertreten. Solange solche Probleme existieren, ist ein Gleichstellungsbüro notwendig, das sich mit diesen Fragen auseinandersetzt, aber auch Instrumente anbietet, mit denen Missständen beizukommen ist.

Was ist das für ein Gefühl, wenn man eine Einrichtung abschaffen möchte, die Sie einst mitgeprägt haben?
Daran bin ich seit Jahren gewöhnt. Die liberale Waadtländer Alt-Nationalrätin Suzette Sandoz, die ich persönlich sehr schätze, war ebenfalls der Ansicht, das Gleichstellungsbüro sei unnötig. Sie vertrat die Auffassung: «Wenn man tüchtig ist, setzt man sich letzten Endes auch durch».

Apropos Durchsetzungsvermögen: Der Frauenanteil in der Politik nimmt zwar stetig zu, allerdings in gemächlichem Tempo. Woran liegt das?
Einerseits an unserem System. Die interessierte Frau muss sich für eine Partei entscheiden, in deren Rahmen sie politisieren kann, muss sich dann für Aufgaben zur Verfügung stellen und für politische Ämter Wahlkämpfe bestehen. Das liegt nicht jeder Frau, auch nicht jedem Mann. Anderseits haben noch nicht alle Frauen und Männer begriffen, dass unser Bundesstaat ein sich fortlaufend entwickelndes «Projekt» ist. Stimmbürgerinnen und Stimmbürger sind berechtigt, daran zu arbeiten und mit zu entscheiden, fühlen sich aber dazu nicht verpflichtet. Das ist schade!

Heutzutage sind viele junge Politikerinnen der Meinung, sie müssten nichts mehr erzwingen, so wie dies zu Ihrer Zeit der Fall war. Wo liegen die Gründe?
Das Frauenstimmrecht hat man keineswegs erzwungen, die Frauen mussten es vielmehr «erdauern». Im Jahr 1959 wurde es abgelehnt, bevor es 1971 endlich in der Volks- oder besser gesagt Männerabstimmung angenommen wurde. Bis heute hat mir noch niemand erklären können, weshalb es in der Schweiz so lange gedauert hat, bis man den Frauen die Möglichkeit gegeben hat, durch Stimmen, Wählen und Gewählt werden am politischen Leben teilzunehmen. Es trifft sicher zu, dass meine Generation politische Ziele mit einer grossen Hartnäckigkeit verfolgt und im Bereich Gesetzgebung viel erreicht hat. Aber die frühen Frauenrechtlerinnen und eigentlichen Pionierinnen, die englischen Suffragetten, zeigten sich weitaus kämpferischer, weil die Konstellation zu jener Zeit noch härter war und einen radikalen Einsatz verlangte. Die jungen Frauen haben heutzutage zahlreiche Möglichkeiten zur Verfügung und können nun für eine Weile spazieren gehen. Wenn dann aber das erste Kind in der Wiege schreit, zieht sich die Gesellschaft langsam zurück und sagt: «Ihr habt es so gewollt. Arrangiert euch jetzt selbst». Die alten Rollenvorstellungen und Familienbilder sind in den Köpfen eben tiefer verankert, als ich früher angenommen habe.

Weshalb lehnt sich die junge Frauengeneration eher zurück, obwohl Probleme wie Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern nach wie vor im Raum stehen?
Das kann ich mir auch nicht erklären, ich kann es nur akzeptieren. Die ungerechtfertigte Lohndiskrepanz zwischen Frauen und Männern könnte angefochten werden. Aber die Zeit dieser Verfahren scheint vorbei zu sein, und rechtliche Schritte zu unternehmen, ist wohl auch mit zu viel Aufwand verbunden. Grundsätzlich denke ich, dass die jungen Frauen heutzutage mit der Organisation von Familie und Beruf so stark ausgelastet sind, dass sie kaum Kraft finden, sich zusätzlich für die Veränderung der Gesellschaft einzusetzen. Zudem besteht eine grosse Scheu, sich von den Männern abzugrenzen. Die patriarchalischen Strukturen sind zumindest im Bereich des Rechts aufgebrochen und zugunsten einer Gleichstellung verändert worden.

Also befinden sich die Frauen in einer Art Konsolidierungsphase?
Man kann auch von einer Umbruchphase sprechen, und dabei dürfen wir nicht vergessen, dass sämtliche Gleichstellungsbestrebungen auch die Männer betreffen. Durch die Frauenemanzipation sind sie in ihrer Rolle verunsichert und müssen sich neu definieren. Ich muss offen gestehen, dass ich mich darum nie gekümmert habe. Und wenn ich mich gelegentlich im stillen Kämmerlein gefragt habe, wie sich das alles auf Männer und Familien auswirkt, dann ist mir immer dieselbe Antwort in den Sinn gekommen: «Mein Anliegen besteht darin, die Möglichkeiten der Frauen zu verbessern». Das brachte mir prompt das Etikett einer «Emanze» ein.

Hat Sie diese Bezeichnung gestört?
Zuerst musste ich herausfinden, was damit genau gemeint war. Mit der Zeit habe ich dieses Etikett als Auszeichnung betrachtet, weil die Menschen meinen klaren Standpunkt auch schätzen gelernt haben. In den letzten Jahren wurde beinahe jede erfolgreiche Frau gefragt, ob sie eine Feministin sei, und manche meinten dazu: «Ich bin eine Feministin, aber... » Ich selbst bezeichne mich noch heute als solche, wenn es darum geht, für die Rechte der Frauen einzustehen. Es gab aber auch eine Gruppe von radikalen Frauenrechtlerinnen, welche die Männer vehement bekämpft und diesen gegenüber Feindschaft gesät haben. Das war jedoch nie meine Absicht. Ich habe mich auch nie gefragt, ob mein konsequenter Einsatz falsch ausgelegt werden könnte. Gelegentliche hasserfüllte anonyme Briefe deuteten aber letztlich darauf hin.

Wann kam der Zeitpunkt, als Sie entschieden, sich frauenpolitischen Themen zu widmen?
Ich habe mich bereits als Grossrätin in Luzern punktuell für diese Fragen eingesetzt und mich später als Präsidentin der Eidgenössischen Frauenkommission intensiv damit befasst. Meine entsprechenden persönlichen Erfahrungen hatte ich früher fälschlicherweise nicht als frauenspezifisch betrachtet, sondern vielmehr als individuelle Vorkommnisse. Als ich seinerzeit nicht Gerichtschreiberin werden konnte, weil mir dazu die politischen Rechte fehlten, habe ich mich sogleich umorientiert. Als dann bei der Kantonspolizei Luzern die Stelle eines Kripochefs neu zu besetzen war, wurde mir klargemacht, dass meine Bewerbung trotz juristischer Voraussetzungen und Polizeipraxis ausgeschlossen sei. Die Bevölkerung würde eine weibliche Vorgesetzte nicht akzeptieren. Ich war wohl zu früh dran.

Können Sie das näher erläutern?
Die Bemerkung «Sie sind zu früh» ist nicht einfach eine Episode in der eigenen Biografie. Vielmehr weist sie darauf hin, dass für eine bestimmte Idee die sogenannte «Akzeptanz in der Gesellschaft» noch nicht gegeben ist. Wenn ich mich richtig erinnere, hat CVP-Alt-Bundesrat Alphons Egli diesen Begriff seinerzeit als Erster im Bereich Umweltfragen eingeführt. Man muss aber auch hinzufügen, dass die Politikerinnen seit der Einführung des Frauenstimmrechts auf nationaler Ebene enorme Fortschritte erzielt haben. Heute sind die Frauen durch vier Bundesrätinnen und eine Bundeskanzlerin in Bern vertreten. Vor zehn Jahren hätte sich das noch niemand träumen lassen. Als ich mich 1986 als Bundesratskandidatin zur Verfügung stellte, wurde dies noch als ungehörig bezeichnet, heute ist eine solche Kandidatur selbstverständlich. Ein Sprichwort lautet: «Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht». Wenn man aber nicht sät und düngt, wächst es überhaupt nicht!

Wie erleben Sie die politische Arbeit der heutigen Bundesrätinnen Micheline Calmy-Rey, Doris Leuthard, Eveline Widmer-Schlumpf und Simonetta Sommaruga?
Am 28. Mai 2008 sass ich auf der Tribüne des Nationalratssaals und folgte stundenlang der Debatte zum Freizügigkeitsabkommen mit der EU. Die drei Bundesrätinnen (damals waren es erst drei: Micheline Calmy-Rey, Doris Leuthard und Eveline Widmer-Schlumpf, Simonetta Sommaruga wurde erst im Dezember 2010 gewählt) haben das Geschäft gemeinsam vor dem Parlament kompetent vertreten. Ich konnte mich kaum satt sehen an diesem Bild und wollte mich beinahe in den Arm kneifen, um mich zu versichern, dass ich nicht einer Fata Morgana zum Opfer gefallen war. Diese Frauen auf den Bundesratssesseln sind Realität!

Judith Stamm

Judith Stamm, geb. 1934, Jugend und Ausbildung in Zürich. Sie studiert Rechtswissenschaft und schliesst mit lic.iur. ab, später Promotion zum Dr. iur. Titel ihrer Dissertation: «Das sexuell geschädigte Kind im Strafverfahren» (1960). Berufliche Tätigkeit bei der Kantonspolizei Luzern bis 1980, anschliessend Jugendanwältin. 1971 - 1984 Kantonsrätin für die CVP, 1983 - 1999 Nationalrätin, 1997 Präsidentin des Nationalrates. 1998 - 2007 Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft. Aktuell: Ruhestand, Buchpräsentationen, Referate, Artikel.

Was würden Sie jungen Politikerinnen raten?
Ratschläge habe ich der neuen Generation nicht zu erteilen. Die jungen Parlamentarierinnen bewegen sich in anderen gesellschaftlichen Verhältnissen als wir damals. Aber jede Politikerin und jeder Politiker muss glaubwürdig sein, wenn es darum geht, etwas zu bewirken. Und diese Eigenschaft habe ich mir dadurch erarbeitet, dass ich mein Umfeld sowie alle Interessierten an meinem politischen Leben teilnehmen liess und meine Meinung immer offen kundtat.

Einige Parlamentarierinnen suchen gerne das Frauenzimmer im Bundeshaus auf, das Sie seinerzeit ins Leben gerufen haben. Warum gibt es kein Männerzimmer?
Die Männer haben kein Männerzimmer verlangt, und ich denke auch, dass sie nicht zu ihrem Bedürfnis nach einer Ruhepause stehen konnten. Ein Parlamentarier, der unter Rückenschmerzen litt und sich immer wieder hinlegen musste, hat schliesslich einen Antrag für ein Männerzimmer gestellt, weil ihm der Schragen im Sanitätszimmer mit der Zeit zu hart wurde. Scherzeshalber habe ich ihm geantwortet: «Wenn die Männer auch ein eigenes Zimmer wünschen, besorgen wir ihnen eines weit oben im Bundeshaus unter dem abgeschrägten Dach, und dann stellen wir ein paar Feldbetten auf – wie im Militär». Mit solch lockeren Sprüchen habe ich mir natürlich nicht nur Freunde gemacht.

Sie haben oft Kritik geübt. Wie gut konnten Sie selber mit Kritik umgehen?
Ich habe sie einfach weggesteckt und mich dabei gefühlt wie ein Fussballer, der sich bewusst ist, dass er auf dem Platz wohl einige Blessuren abbekommen wird und dann eben wieder warten muss, bis die Verletzungen heilen. Allerdings bin ich ein sehr empfindlicher Mensch. Vor allem zu Beginn meiner Politkarriere hat mir meine Sensibilität sehr zu schaffen gemacht. Der adäquate Umgang mit Kritik war ein langer, manchmal auch schmerzhafter Lernprozess.

Ihnen wurde oft vorgeworfen, Sie seien zu links.
In den eigenen Reihen wurde ich als links eingestuft. Und die Linken betrachteten mich wiederum als Bürgerliche. Wenn ich meinen Parteikolleginnen und -kollegen jeweils auf den Zahn fühlte, welches Stimmverhalten meinerseits im Parlament denn «links» gewesen sei, erhielt ich selten eine überzeugende Antwort. Das schriftlich festgehaltene CVP-Parteiprogramm stand nämlich meist auf meiner Seite! Natürlich habe ich mich auch in jüngster Zeit gegen die Verschärfung des Asylgesetzes und für das Gesetz bezüglich registrierter Partnerschaft eingesetzt. Humanität und Gerechtigkeit waren meine Beweggründe dafür. Und diese entziehen sich meiner Meinung nach dem Schema von «rechts» und «links».

Ein weiter Kritikpunkt: Sie galten für eine CVP-Politikerin als zu wenig christlich.
Ich lehnte mich gegen das auf, was ich den «römischen» Schatten nenne. Die katholische Morallehre war nie meine Leitlinie in Bezug auf die Gesetzgebung. Unser Land setzt sich aus vielen sprachlichen, kulturellen und religiösen Minderheiten zusammen. Möglichst viele Menschen sollen sich im Rahmen der gesetzlichen Regelungen in unserem Land wohl fühlen können.

Kritik hin oder her: Wie schwer fällt es, an Standpunkten festzuhalten, wenn der äussere Druck immer stärker wird?
Politikerinnen und Politiker vertreten manchmal Meinungen, die in ihren Augen auf keinen Fall verhandelbar sind. Auch ich hielt an meinem Standpunkt in Bezug auf die Fristenregelung für den Schwangerschaftsabbruch fest, weil ich mich schon vor meiner Tätigkeit als Nationalrätin ernsthaft mit diesem Themengebiet befasst hatte. Trotz Widerständen und Anfeindungen setzte ich mich dafür ein, dass Frauen unter allen Gesichtspunkten als eigenständig zu betrachten sind. Zudem verstand ich meine politische Tätigkeit als Auftrag meiner Wählerschaft, problematische Themenpunkte zu studieren und Lösungsvorschläge vorzulegen. Dabei wollte ich nicht den Finger in die Luft halten und schauen, woher der Wind weht. Weil ich immer mit einem guten Resultat wiedergewählt wurde, fühlte ich mich in meiner Art des Politisierens durch die Bevölkerung bestätigt.

Einerseits gehörten Sie zu den sensiblen Parlamentarierinnen, andererseits haben Sie unverblümt Ihre Meinung kundgetan. Dabei gingen Sie weniger diplomatisch vor als Ihre Parteikollegin Josi J. Meier.
Josi J. Meier und ich haben oft über diese Situation gelacht und sind zum Schluss gekommen: Wenn Josi eine Meinung vertrat, stiess sie beim Volk auf Akzeptanz, aber wenn ich dieselbe Meinung vertrat, gab es ein regelrechtes Geheul. Ich war wohl einfach zu direkt und handelte quasi «ohne Rücksicht auf Verluste», während meine Parteikollegin die Kunst beherrschte, die Leute dort abzuholen, wo sie standen. Ich denke, beide Vorgehensweisen haben im politischen Umfeld und im Kampf für schwer erreichbare Ziele ihre Berechtigung. Man kann es mit Detektivromanen vergleichen, in denen ebenfalls sowohl liebenswürdige wie auch unangenehmen Kriminalbeamte eine Rolle spielen, und trotzdem kommen sie gemeinsam zu einer guten Lösung.

Sie werden als mutige Politikerin bezeichnet. Was sagen Sie zu dieser Einschätzung?
Ich muss ehrlicherweise zugeben, dass mir diese Einschätzung gut gefällt. Da ich aber auch Realistin bin, weiss ich, dass viele Menschen meinen Mangel als Diplomatie häufig mit Mut verwechselt haben. Direktheit und Geradlinigkeit können von Mut, aber auch von Unverfrorenheit zeugen. Man kann zudem lernen, mutig zu sein. Die ehemalige deutsche Bundestagsabgeordnete Hildegard Hamm-Brücher sagte einst in einem Referat in Luzern: «Mut besteht aus vielen Mütchen». Kleine mutige Schritte bewirken immer einen Zuwachs an Selbstvertrauen. Hamm-Brücher wurde mir zum Vorbild, weil sie sich mit diesen grundlegenden Fragen beschäftigte, wie das beispielsweise in ihrem Buch «Der Politiker und sein Gewissen» nachzulesen ist. Und weil sie das, was sie sagte, auch lebte.

Können Sie sich nachträglich an eine Situation erinnern, in der Sie sich selbst mutiger gewünscht hätten?
Als vor Jahren eine Freundin aus der Grünen Partei in Luzern für einen Sitz in der städtischen Exekutive kandidierte, warteten wir mit einem eigenen CVP-Kandidaten auf. Aus Rücksicht auf meinen Kollegen und die Partei wagte ich es nicht, frei und offen für die überzeugende Kandidatin einzutreten. Stattdessen blieb ich zu Hause, bis die Wahlen vorüber waren und fühlte mich dabei so miserabel wie selten in meinem Leben. Wenn ich daran zurückdenke, schäme ich mich heute noch. Glücklicherweise hat unsere Freundschaft nicht darunter gelitten.

Welches war Ihre grösste politische Niederlage?
Das war sicherlich das Nein der Schweiz zum EWR-Beitritt, der am 6. Dezember 1992 am Ständemehr und an 50,3% Nein-Stimmen scheiterte. Ich hatte mich in diesem Abstimmungskampf sehr engagiert und bin noch heute überzeugt, dass eine Befürwortung für unser Land existenziell gewesen wäre. Die EU-Beitritts-Frage wäre damit noch nicht vom Tisch, sie hätte aber mit einem EWR-Ja ihre Dringlichkeit eingebüsst. Heute ist die nötige Akzeptanz allerdings noch nicht gegeben, und als Juristin und ehemalige Politikerin frustriert es mich immer wieder, wie sehr wir uns der EU, unter anderem aus wirtschaftlichen Gründen, anpassen müssen, in den entscheidenden Gremien jedoch nicht mitreden können. Das haben wir uns selbst eingebrockt. Diese Einsicht ist aber auch kein Trost und macht die Situation nicht erträglicher.

Und welcher politische Erfolg bleibt Ihnen in besonderer Erinnerung?
Dazu gehört sicher die Volksabstimmung über das Eherecht, das 1985 revidiert und den modernen Vorstellungen einer gleichberechtigten Partnerschaft angepasst wurde. Dagegen wurde das Referendum ergriffen. Sämtliche Politikerinnen von rechts bis links hatten sich hinter die Revision gestellt und einen entsprechenden Aufruf unterschrieben. Darauf wies ich in allen Abstimmungsveranstaltungen, an denen ich teilnahm, hin. Es war ein sehr schönes Gefühl, als wir gewonnen hatten. Wieder war ein Stück Gerechtigkeit zwischen Mann und Frau hergestellt.

Sie können sich nun etwas zurücklehnen und das aktuelle Geschehen aus der Ferne beobachten. Was bleibt nach einer Politkarriere?
Man durchlebt verschiedene Phasen. Es gab Momente, in denen ich zu mir selbst gesagt habe: «Jetzt bist du zurückgekehrt und gehörst wieder zum Volk». Aber eigentlich war das gar nicht möglich, weil mich die Menschen nicht wirklich in den Ruhestand entlassen haben. Passantinnen und Passanten sprechen mich auf der Strasse an und stellen mir immer wieder Fragen, die ich gerne beantworte. Hin und wieder werde ich auch in einem Restaurant privilegiert behandelt und denke dann: «Das sind also die Dividenden der Prominenz». Ich freue mich über gelegentliche Anfragen für ein Referat, und ab und zu schreibe ich einen Zeitungsartikel. Aber ich habe mir geschworen, mich nie mehr unter Stress zu setzen.

Wie war Ihr Verhältnis zu den Medien?
Auch das war ein Lernprozess. Meiner Meinung nach befinden sich Journalistinnen und Journalisten in einer ähnlichen Situation wie Kriminalbeamte: Sie müssen ihren Gesprächspartnern hinterher rennen, um Termine kämpfen und hoffen, wahrheitsgetreue Antworten zu erhalten. Deshalb lag mir viel daran, den Medienschaffenden gegenüber fair und korrekt zu sein. Im Laufe meiner politischen Karriere habe ich unzählige Interviewtechniken erlebt. Während einige Journalisten mich mit interessanten Fragen herausforderten und eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen konnten, wussten andere wiederum über das Interviewthema nur wenig Bescheid. Mit der Zeit habe ich meine Rechte kennen gelernt, und heute betrachte ich Kontakte mit der Presse wie eine Art Geschäft, bei dem beide Seiten ihre Bedingungen bekannt geben.

Also kam es nie zu Zerwürfnissen mit den Medien?
Natürlich habe ich mich auch über bestimmte Artikel geärgert, vor allem im Zusammenhang mit den Bundesfeiern auf dem Rütli. So zum Beispiel, als Bundespräsident Schmid 2005 von Rechtsextremen niedergeschrien wurde. 2006 wurde gegen Redner Markus Rauh eine Kampagne losgetreten, und 2007 entstand ein grosser Rummel um die beiden Rednerinnen Micheline Calmy-Rey und Christine Egerszegi. Meine Situation war alles andere als komfortabel, und ich fühlte mich wie ein Sündenbock, auf den alle einhacken. Die Situation wurde etwas erträglicher, als die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) für die Bundesfeier 2007 einen Mediensprecher einsetzte, der mich entlastete.

Das SGG-Präsidium haben Sie mittlerweile abgegeben. Wie sehen Sie Ihrer Zukunft entgegen?
Im Augenblick werde ich diese nicht mit Visionen zupflastern, sondern schauen, was sie mir bringt. Selbstverständlich gibt es Träume, aber die lasse ich wie bunte Heissluftballons über mein Leben schweben. Sie kommen und gehen und verändern sich immer wieder. Ich bin dankbar für jeden Tag, an dem mir meine Gesundheit erhalten bleibt.

Sie haben keine Familie gegründet. Fühlen Sie sich manchmal einsam?
Die Einsamkeit gehört zum Alter. Als Politikerin auf Bundesebene war ich früher oft sehr froh, abends meine Wohnungstüre zu schliessen und niemandem mehr Rechenschaft ablegen zu müssen. Ich genoss die Einsamkeit und Ruhe. Heute ist es umgekehrt. Mittlerweile vermisse ich ebenso oft einen Menschen, dem ich von meinem Tagesablauf erzählen und mit dem ich mich austauschen könnte. Das ist nun einmal der Preis für den früheren Komfort. Aber – und das ist neu – ich erlebe das Alleinsein und die Einsamkeit auch als Chance, mich selbst besser kennen zu lernen. Früher hatte ich kaum Zeit dazu, und jetzt befinde ich mich auf einer seelischen Entdeckungsreise – ein spannender Prozess!

Das Interview ist ein Auszug aus dem Buch von Nathalie Zeindler:
Beherzt und unerschrocken – Wie Judith Stamm den Frauen den Weg ebnete
Xanthippe Verlag, Zürich 2008
119 Seiten

Macht Ihnen das Alter Angst?
Ich spreche oft mit Bekannten darüber, wie es sein wird, wenn wir einmal hilfsbedürftig und abhängig werden sollten. Da kann ich nur immer wieder ein Stossgebet zum Himmel schicken mit der Bitte, dass mir dann die nötige Gelassenheit geschenkt werde. Unter keinen Umständen möchte ich eine störrische, ständig nörgelnde alte Frau werden. Derzeit fühle ich mich, was Gemüt und Vitalität betrifft, weitaus jünger, als mein Jahrgang vermuten liesse, und das bringt wiederum einige Schwierigkeiten mit sich: Es fällt mir schwer, geduldig zu bleiben, wenn Menschen meiner Generation sagen: «In meinem Alter beginne ich nichts Neues mehr». Positiv in der heutigen Gesellschaft ist doch, dass Grenzen überschritten werden können, die früher unverrückbar waren. Das ist anspruchsvoll und beglückend zugleich.

Im Zusammenhang mit Alter und Krankheit stösst man immer wieder auf das Thema Sterbehilfe. Wie denken Sie darüber?
Suizid sollte für alte Menschen eine Option sein und nicht nur als Gefährdung betrachtet werden. Das hat der katholische Theologe Hans Küng schon vor Jahren in seinem Buch «Menschenwürdig sterben» ausgeführt. Er meinte, dem Menschen sei die Verantwortung übertragen, Leben zu zeugen. Also könne ihm auch die Verantwortung überlassen werden, seinem eigenen Leben ein Ende zu setzen. Heute beginnen die Menschen, Suizid im Angesicht unerträglicher Schmerzen und unheilbarer Krankheiten zu akzeptieren. Ein alter Mensch kann aber auch andere Gründe für seine Todessehnsucht haben, zum Beispiel der Verlust eines geliebten Menschen. Wir müssen mit diesem Thema sorgfältig und ernsthaft umgehen. Ich muss diese Fragen erst für mich selbst enttabuisieren, bevor ich ganz persönlich Stellung nehmen kann.

Bringt die dritte Lebensphase auch Vorteile mit sich?
Davon bin ich überzeugt. Das Alter ist die Zeit der Versöhnung mit dem eigenen Leben, mit seinen Startbedingungen, die nicht zu ändern waren, den Mitspielerinnen und Mitspielern, die nicht immer gewählt werden konnten und den Ereignissen, die zu Prüfsteinen wurden. Und nicht zuletzt gehört auch dazu, sich mit der eigenen Kränkungsgeschichte zu versöhnen und sie vielleicht sogar mit einem gewissen Humor zu betrachten.

Haben Sie sich auch mit dem optischen Altersprozess versöhnt?
Die Falten gehören nun einmal dazu. Ich stelle jedoch auch erfreut fest, dass ältere Menschen heutzutage beinahe alle Kleiderstile tragen und ihre Jugendlichkeit so ein Stück weit bewahren können. Ich bin selbst immer wieder auf der Suche nach dem richtigen Kleidungsstück, das sich für eine ältere Dame mit jungem Gemüt eignet. Meine Mutter war seinerzeit sehr geschmacksicher und nähte für mich in meiner Jugendzeit Kleider, die mir meist auch gefielen. So kam ich aber kaum dazu, meinen eigenen Modestil zu entwickeln. Als ich 1971 für den Grossen Rat kandidierte, konnte ich mich nicht zwischen einem dunkelblauen Hosenanzug und einem Kleid entscheiden. Ein Journalist riet mir zum Kleid, und sein Rat stellte sich letztlich als vorteilhaft heraus. Und so stand ich auch später oft unsicher vor dem Kleiderschrank. Lange Zeit galt ich als klassisch, aber auch brav und bieder angezogene Frau.

In einer Kolumne haben Sie einmal geschrieben, der Mensch sollte gleichzeitig immer drei Dinge tun: an etwas arbeiten, etwas planen, von etwas träumen. Über die Arbeit haben wir bereits gesprochen. Aber wie sieht es bei Judith Stamm mit dem Träumen aus?
Ich rolle derzeit die Stationen meines Lebens immer wieder auf, betrachte sie und frage mich: Wo liegen die tieferen Botschaften? Diese Fragestellung begleitet mich fast wie ein Traum – auch im täglichen Leben. Und ich stelle fest, dass sich einzelne Begebenheiten, die ich früher unter «Kränkungsgeschichte» abgehandelt hatte, rückblickend als Teil meiner «Glücksgeschichte» erweisen. Ich habe beispielsweise immer wieder vergeblich Exekutivämter angestrebt. Vielleicht hat mich da mein Schicksal vor dem «Peter-Prinzip», vor dem Aufstieg zur Stufe meiner Unfähigkeit, bewahrt. Ich hatte unendlich viel Glück in meinem Leben. Der deutsche Schriftsteller Theodor Fontane beschreibt dieses Grundgefühl in seinem Buch «Meine Kinderjahre». Als kleiner Junge setzte er sich immer auf eine baufällige, rostige Schaukel. Sie quietschte fürchterlich, und es schien, als würde sie im nächsten Moment zusammenbrechen. Das war für ihn das höchste der Gefühle: «Dich trägt Dein Glück».