Ewig & Eins

Ewig: Thomas Mann – «Mario und der Zauberer»
Eins: Erika Burkart – «Nachtschicht»

 

 

Ewig:
Thomas Mann
«Mario und der Zauberer»

Mario und der Zauberer, untertitelt mit:«ein tragisches Reiseerlebnis», ist eine hoch raffiniert gemachte Erzählung Thomas Manns. Im Jahr 1930 verfasst, ist sie auch Parabel auf die deutschen und italienischen Zustände, auf Infiltration und zunehmend gewalthafte Durchdringung des Lebens durch den Faschismus.

Eine ganz gewöhnliche, vierköpfige Familie aus dem Norden verbringt ihre Sommerfrische in Italien, in einem von Badegästen wimmelnden Ort am Tyrrhenischen Meer. Der Urlaub gestaltet sich von Beginn weg ärgerlich, angespannt, gereizt. Überall, wo Erholung, Sonne, Luft und Licht erwartet werden, stört etwas beinahe Unmerkliches die Atmosphäre.
Zunächst stellt der Erzähler, Vater der Familie, fest, dass sich der Friede des Ortes verzogen und einem «zeternden, zankenden und jauchzenden Badevolk» Platz gemacht hat, dem die «toll herabbrennende Sonne die Haut vom Nacken schält». Weiter erzeugt der Rest eines Hustens des Jüngsten der Familie den völlig übertriebenen Protest einer im gleichen Hotel weilenden Fürstin, die sich an die Leitung des Hauses wendet und den sofortigen Umzug der Familie in ein Nebengebäude bewirkt. Eine solch peinliche Verdrängung, die aus purem Machtinstinkt heraus motiviert ist, lässt sich aber die Familie nicht bieten und wechselt die Unterkunft nun ganz. Die Ferien scheinen trotz des noch eine Weile nachwirkenden Ärgers in der neuen, freundlichen Pension endlich beginnen und gelingen zu können.

Doch damit wird nichts. Der Friede der Familie ist endgültig dahin, als sie sich vor der Polizei dafür zu verantworten hat, dass sich die Kleine, das achtjährige Mädchen der Familie, beim Umziehen am Strand kurz nackt gezeigt hat. Die aufgeblasene Anzeige stammt von einem «Herrn im städtischen Schniepel», der die Grösse, Ehre und Gastfreundschaft einer ganzen Nation – Italiens – beschmutzt sieht.

«Hätten wir nicht abreisen sollen?» fragt sich der Erzähler... – Der Autor lässt die geplagte Familie bleiben. Er vermag die schwelende Dissonanz der Unbehaglichkeit, die sich unter der klebrig-penetranten Sonne langsam und gefährlich zuspitzt, subtil und sehr gekonnt heraufzubeschwören.

Für die Familie ist der Grund für den Verbleib am Ferienort, trotz aller Unbehaglichkeit, ja, gerade die merkwürdig-fesselnde Faszination für dieses Missgefühl – vorgeschoben wird allerdings der Beginn der alles mildernden Nachsaison: «es gab grosse Abreise, der Strand entnationalisierte sich, das Leben in Torre, in den Cafés, auf den Wegen der Pineta wurde sowohl intimer wie europäischer...» – Gleichzeitig schlägt aber auch die Sommerhitze in eine gewittrige Sciroccoschwüle um, auf dem «schlaffen, entfärbten Meer» treiben Quallen dahin...

In diese kurzfristig beruhigte Lage hinein kündigt sich das finale Unheil an. Die Kinder drängen ihre Eltern in die Zaubervorstellung eines gewissen «Cipolla» (dt.: Zwiebel), eines «Virtuosen», eines «Forzatores», «Illusionistas» und «Prestidigitatores», der scheinbar aus dem Nichts im Ort aufgetaucht ist. Cipolla, der Magier, ist Anziehungspunkt der Massen, die allesamt zu ihm strömen, beglückt wie Pilger im festlichen Gewand. Auf die grosse Vorstellung wartet das Volk, Vertreter aus allen Schichten, unter ihnen auch Mario, der nette Kellnerbursche (und die erste Titelfigur), mit dem die Familie Bekanntschaft gemacht hat. In der Verzögerung des Vorstellungbeginns liegt noch einmal eine atmosphärische Steigerung der Handlung ins Gereizte, Nervöse.

Als, mit dem Schlag eines Gongs, die Zaubershow endlich beginnt, geht ein Raunen durch die gefüllten Ränge. Cipolla – geschliffener Redner, grosskotziger Blender und unheimlicher Scharlatan – übernimmt die Führung. Seine Macht nährt sich aus der zunehmenden Ohnmacht der Masse und wird begleitet durch das grelle Knallen seiner Peitsche. Fast alle gehorchen ihr...

Thomas Mann: Mario und der Zauberer. S Fischer Verlag.

 

 

Eins:
Erika Burkart
«Nachtschicht»

Vor eineinhalb Jahren, am 14. April 2010, ist die Schweizer Dichterin Erika Burkart (*1922 in Aarau) in Muri (AG) gestorben. Erschienen sind nun ihre letzten 58 Texte, zusammen mit 42 Gedichten ihres Ehemanns, Lebenspartners und Schreibgefährten Hans Halter.

Wie in einer «Nachtschicht» verfasst oder aus einer «Schattenzone» heraus ranken sich Stimmen – feine, dünne, spinnwebige, erdige, lichte – in den Tag hinaus. Daraus erwächst ein Zwiegespräch, welches sich, stets eingedenk des Strudels des Todes, nochmals dem Leben widmet. – Was ist aber das Leben in der Dichtung? Es ist immer gesteigerte, veredelte, konzentrierte Wirklichkeit.

Bei Erika Burkart besteht die Schöpfung aus Blumen, Wäldern, Mooren und den Jahreszeiten, die beseelt sind von ihren Elementarkräften, von Elfen, Kobolden, Vogelfrauen, Wurzelwesen und Faunen. In den zwittrigen Dämmerstunden kommen diese Naturwesen zum Vorschein. Der Kosmos wird dann vom Kleinsten aus in das Weltall gespannt: In einem weissen Mantel aus Rauhreif zeigt sich die Schneekönigin, der Winter, Enziansterne liebäugeln mit dem Sternenzelt am Himmel, ein zerzaustes Federbüschel im Garten zeugt vom Schicksal eines nah gewesenen Engels, und etwas Mauseknöchelzartes wird zum Skelett des Universums. Die Dinge entledigen sich in Burkarts Dichtung ihrer Stofflichkeit und können zu kosmischen Signaturen werden. Über das Zeichenhafte wiederum zeigt sich gesteigerte Wirklichkeit. Mikrokosmos und Makrokosmos fallen darin zu einer Raumbildzeit zusammen. – Burkart zeigt aber auch bissigen Humor, wenn sie etwa gegen keuchende Jogger und Biker andichtet, die, «den Starrblick über dem Lenker dicht an der Stoppuhr», blind durchs Unterholz krachen und in solcher Verfassung natürlich nichts sehen, weder Mohrenfalter noch Moosglöcklein.

Ich betrachte Erika Burkart als eine Art Raumfahrerin durch Naturwelten. Das Transzendente fand sie in einer Feder oder in einer Blüte oder in einer Sternschnuppe. Manchmal denkt man beim Lesen an Adalbert Stifters sanftes Gesetz, manchmal an Eichendorffs Wünschelrute, oft auch an Prousts Vermögen, Kindheitsräume und Paradiesträume durch die Zeit hinaufzubeschwören. Aber es war ja und bleibt Erika Burkart, die hier, von Alter und Krankheit gezeichnet, das Bord am Weg des Lebens noch einmal mit Sprache säumt:

Alles aus. Wie Kreide
Von einer Schülertafel gewischt.
Fahlgrauer Schiefer, ein Stein in Scherben,
doch unverloren
Sprache und Schrift;
Noch übe ich mich in Zeichen und Kerben,
höre Echo hauchen,
möchte Vogelsilben verstehn,
möchte nicht in die bessere Welt gehen,
bitte den Schmerz
um das Wort, das trifft.

(Erika Burkart, aus: Das Atmen der Horen)

Ob es einen Gott gebe im Kosmos, der «ein Ohr hat für menschliches Stammeln», fragt sich Burkart in einem anderen Gedicht. Dazu passt der Respons von Ernst Halter. Der letzte Trost liegt bei diesem Gedicht im «Du», darin gibt es vielleicht eine menschliche Bleibe.

Nun liegst du eingekrümmt
In der letzten Nacht.
Unsere Hinfälligkeit – du,
unsre Liebe – du,
unsre Schönheit und Trauer – du.
Ich bin belehrt, was das heisst:
Mensch:
Ein grenzenloser Punkt,
wenn er hindurchtritt.

(Ernst Halter, aus: Ich hüte deinen Atem)

Ihre Kindheit verbrachte Burkart in Althäusern (Freiamt, AG) im sagenumwobenen alten «Haus Kapf», der ehemaligen Sommerresidenz der Äbte von Muri. Ihr Vater hatte dort eine Gastwirtschaft geführt. Nach ihrer Ausbildung arbeitete Burkart während gut 10 Jahren als Primarlehrerin. Ab 1955 war sie freie Schriftstellerin. Nach längeren Auslandaufenthalten in Italien, Spanien, Frankreich und Irland lebten Erika Burkart und Ernst Halter wieder im «Haus Kapf». Burkart gilt heute als bekannteste Lyrikerin der Schweiz. Ihr Werk, darunter mehr als zwanzig Gedichtbände, wurde mit zahlreichen Preisen, u.a. dem Grossen Schillerpreis (2005), ausgezeichnet.

Erika Burkart: «Nachtschicht», Weissbooks Verlag, Frankfurt am Main 2011