«Jetz warte si eifach wieder»

Der Atomausstieg kommt nicht über Nacht:
Zelten gegen AKW vor dem BKW-Hauptsitz in Bern.
Fotos: Tanja Buchser, www.tanjabuchser.ch

Die Atomlobby spiele nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima auf Zeit und hoffe, dass die, die sich gegen die AKW wehren, irgendeinmal müde werden. Dies sagte der Schriftsteller Pedro Lenz in seiner Rede bei einem Protestpicknick vor dem Hauptsitz des Energiekonzerns BKW in Bern im Mai. Lenz ruft die Bevölkerung auf, weiter zu kämpfen und hartnäckig zu bleiben, bis sich tatsächlich etwas verändert hat.

Liebi Aawäsendi,
liebi Camperinnen und Camper,
liebi Lüt,

grad ei Tag
hetmer eine z Oute gseit,
«Los mou Lenz, dir chöit schnore,
gägen AKW und gäge d Stromlobby,
schnoren isch gratis,
aber he, dänk doch mou,
das si grossi Stürzahler,
mir bruche die scho nume drum
aus Stürzahler.»

Das stimmt möglecherwiis,
aber uf deren Äbeni,
diskutiere mer nume hütt und hie,
hani zu däm gseit,
uf deren Äbeni
diskutiere mir beide,
nume no drum,
wöu mer zuefäuig no chöi,
wöu mer zuefäuig no läbe,
wöu mer zuefäuig amnen Ort läbe,
wos bis hüt zuefäuig,
no ke Reakter verjaggt het,
aber am Tag,
wos hie sone Reakter verjagt,
diskutiere mer nümm über Stürzahler,
wöu a däm Tag,
wos hie sone Reakter verjaggt,
aui Stüre nüt meh dran ändere,
das mir und üsi Wäut
für immer verstrahlet
und kabutt si,
und di radioaktive Strahle,
hanim gseit,
di Strahlen ungerscheide de nid,
zwüsche gueten
und schlächte Stürzahler
zwüsche Linggen und Rächte,
zwüschen Auten und Junge,
zwüschen Armen und Riiche,
di Strahle si neutrau,
di si totau neutrau,
di si neutraler aus di ganzi
Schwizer Neutralitätspolitik,
di nähmen aues,
di vergiften aues,
di töden aues
ohni Ungerscheidig,
vo gueten und schlächte Stüürzahler.

Drum isch der Kampf gäge AKW
jo ou nid e Kampf
wo men eifach einzu cha füehre,
me cha sech nid privat usklinken
und nächär dänke,
wenn jede für sich luegi,
de sig de zletscht für aui gluegt.

Nei, im Kampf gäge AKW
isch erscht denn für aui gluegt,
wenn der letscht Reakter
abegfahren isch worde,
wenn ds letschte Fass
mit radioaktivem Abfau,
entsorget isch worde,
ou wenn bis hütt niemer weiss,
wi men öppis söu entsorge,
wo men eigetlech
gar nid cha entsorge,
aber dasch es angers Thema.

Was i wott säge,
dä Kampf gäge ne Technik,
wo d Wäut iren Art bedroht,
wo mir üs mit üsne Mönschechöpf
gar nid im ganzen Usmass
chöi vorschtöue,
dä Kampf,
das isch e Kampf wo aui aageit,
es isch e gsöuschaftleche Kampf.

Mir aui si Teil vor e Gsöuschaft
und es geit ire Gsöuschaft,
weme würklech e Gsöuschaft wott si
und nid eifach numen
e Gruppe vo Gsundbätter,
oder e Huufe vo Egoischte,
vo Abzocker, vo Individualischte,
Säubschtverwürklecher und Säubschtsüchtige,
sondern i e richtigi Gsöuschaft,
wemen auso e richtigi Gsöuschaft wott si,
de geits ou um Aawäseheit,
ums Use-go, usen uf d Stross,
usen uf d Plätz,
usen i d Öffentlechkeit,
use zu den angere Mönsche,
use go luege,
was i däm Quartier,
was i deren Ortschaft,
was uf dere Wäut los isch.

I wott wüsse,
was i mire Stross geit,
was i mim Quartier geit,
was i mire Stadt oder i mim Dorf geit,
was i mim Land und was i mire Wäut geit.

Deheimen am Fernseh passiert nüt,
nüt wo mi aus Mönsch betrifft,
deheimen am Fernseh,
entscheide nid mir,
was mit üs passiert,
deheimen am Fernseh,
wärde mer für dumm verchouft,
wärde mer iiglullet,
wärde mer stüu ghaute,
wärde mer aus Mönsche nid ärnscht gnoh,
aber dusse, dussen ir Öffetlechkeit,
dusse simer e Gsöuschaft,
deheime simer numen Einzumaske,
wo statistisch usgwärtet wärde,
wo sech über d Fernsehwärbig
für dumm löh lo verchoufe.

Und wemer d Wäut
nume no vom Fernseh kenne,
nume vo de Gratiszytige kenne,
nume vom Internet kenne,
numen indiräkt kenne,
de meinemer uf ds Mou säuber no,
mir gsähche nid guet gnueg us,
für di Wäut,
mir heige z vüu Fauten im Gsicht,
mir heige z weni grossi Brüscht
und z weni blondi Hoor
und z weni Musklen am Buuch,
und wäge däm wird de zum Bischpüuu
d Hochzyt vo zwöi steipünturiiche,
schöne, junge, berüehmte Mönsche,
wo mir gar nid persönlech kenne,
wo mir no nie gseh hei
wo mir nie wärde kenne lehre
und ou nid möchte kenne lehre
wird auso so ne Hochzyzt z Ängland
wichtiger,
aus sägemer einisch,
d Grippe vo mim Nochber
oder der Chräbs
vo mire Arbetskollegin,
oder an Atomkatatrophe z Japan.

Wöu mer nümme gschpüre,
wär mir si
und was üses Läbesumfäud isch,
meinemer plötzlech säuber no,
so nes dekadänts Grossereignis,
wi ne Hochzyt irgendwo z Ängland
wo aui Medie wuchelang bsetzt,
sig wichtiger und bedüttender
aus üses eigete Läbe,
aus üsi eigeti Zuekunft.

Und mir nähme di Nachrichte,
di People-Party-Porno-Nachrichte
jede Tag gedankelos uf,
wi usichtbars Gift wo ir Luft ligt,
mir läsen und lose,
wär Mister so und so isch worde,
wär Miss so und so isch worde,
wär weles Chleidli treit,
wär weles Handtäschli treit,
wär weli Frisur
und wär weli Liebi wächslet
bis mer nis dra gwöhnt hei,
bis mers fasch normau finge,
bis mer säuber meine,
mir müesi üsi Chöpf bruche,
zum über Söttigs nochedänke.

Und irgendeinisch meine mer,
das sig normau,
es sig normau,
dasme nüt gäge d BKW sött säge,
wöu das gueti Stüürzahler si,
bis mer meine,
das sig normau,
es sig normau
dass d Wäut äbe nid gerächt isch
und nie gerächt isch gsi
und das töu haut vilecht Glück hei
und angeri hei ender Päch
und zur Not,
chame jo Lotto spiele
oder «Wer wird Millionär»,
und witer hoffe.

Das mitem lo Ablänke
Vo de Ablänkigsmedie,
das isch e chli ähnlech,
wi bir Atomdiskussion,
wo d Atomlobby
immer chli uf Zyt spüuut,
immer chli hoffet,
dass die, wo sech wehre,
dass die,
wo für nen angeri Wäut kämpfe,
irgendeinisch müed wärde
und irgendeinisch muetlos wärde,
und irgendeinisch nümm möge
und irgendeinisch stüu wärde,
irgendeinisch resigniere
und nümme witer stürme.

Eine kleine Trutzburg gegen die Atomlobby:
Die Anti-AKW-Camper lassen sich durch Verzögerungstaktiken nicht beirren.
Fotos: Tanja Buchser, www.tanjabuchser.ch

Vor ziemlech genau 25 Johr
hets z Tschernobyl
sone Reakter verjaggt,
das Gebiet strahlet no gäng,
strahlet no länger, aus mir üs
überhoupt chöi vorschtöue.

Di wo dört ufgrumet hei,
di wo dört ir Nöchi gläbt hei,
di hei Leukämie,
und Schüuddrüesechräbs
und Missbüudige und Chopfweh,
das Gebiet,
das isch für immer unbewohnbar
und ou lang, lang
bevor das Unglück passiert isch
hets Lüt gha,
wo sech gwehrt hei,
wo gseit und gschribe hei,
so ne gfährlechi Energie,
en Energie, wo so gfährlech isch,
wo vom Abbou,
bis zur Ändlagerig
so ne grosse Huufen
unglösti, unlösbari Problem macht,
so ne Energie wöu me nümme.

Aber die wo dran verdiene,
die wo schnäu und guet verdiene,
die hei eifach ghüeschtlet
und hei eifach gwartet,
eifach uf Zyt gschpüut,
gwartet,
gwartet bis mer müed wärde,
bis mer säuber z Gfüeu überchöme,
mir heige jetz lang gnueg gliiret
und lang gnueg dergäge gkämpft,
eifach warte tüesi, warte, warte,
bis das wo isch,
das Abnormale,
eim normau vorchunnt,
bis aui die Risike
und aui di Abfäu,
wo ewig strahle,
eim normau vorchöme,
und das wo müesst si,
das wo nach Vernunft und Logik,
normau müesst si,
der Atomuusstig
abbnormau, utopisch, wäutfrömd.

Und gägewärtig,
wos grad wieder
so ne Reakter het verjagt,
oder ender es paar Reakter,
mir wüsse nid emou genau,
wi mänge Reakter,
dases verjagt het, z Japan,
wo übrigens jetzt scho fasch nümme
im Fernseh chunnt,
wöu en Atomunfau,
isch vo den Iiischautquote här,
i Gottsname nid so atraktiv,
wi ne chöniglechi Hochzyt,
en Atomunfau isch haut
vom Glamourfaktor här,
weniger sexy aus «Wetten dass»
aber item,
jetz, wos einisch meh,
e Riesekatastrophe het gä,
jetz warte si eifach wieder,
warte si,
bis mers vergässe hei,
bismer müed si vom stürme,
bis d Akzeptanz wider stigt,
bis mer wieder
a d Sicherheit gloube
a di Sprüch, vom Räschtrisiko,
vor Stromlücke,
vom Wouhstang,
und de chame wieder aafoh,
wieder afoh,
wi wenn nüt wär gsi,
eifach nüt dergliche tue und säge,
ir Schwiz sig aus angers,
ir Schwiz sig aus sicherer.

Und vilecht gloubemers zletscht säuber,
wöu mer jo scho ir Schueu hei glehrt,
dass d Schwiz immer chli bessser,
dass d Schwiz immer chli präziser,
dass d Schwiz immer chli flissiger,
dass d Schwiz immer chli süberer,
dass d Schwiz immer chli schlöier,
dass d Schwiz immer chli neutraler,
dass d Schwiz immer chli zueverlässiger,
dass d Schwiz immer chli korräkter,
dass d Schwiz immer chli demokratischer,
dass d Schwiz immer chli tapferer,
immer chli, immer chli, immer chli,
immer d Schwiz,
immer besser, immer schöner,
immer d Schwiz, immer d Schwiz
und mir heis so mängisch ghört,
bis es zinnerscht inen isch,
bis mers gloubt hei
und zum Töu, hütt no gloube.

Aber ar Radioaktive Strahlig,
isch das so öppis vo füdle gliich,
ob si ir Schwiz strahlet
oder ob si z Japan strahet
oder ob si ir Ukraine strahlet
oder süsch irgendnöime,
d Atomstrahlig kennt
z Schengen-Ussegränze nid.


Mir wei nis nid dra gwöhne,
nid a Reakterunfäu,
wo Führwehrlüt oder Soudate
oder Chrankeschwoschten
für die müessen ufruume,
wos aagrichtet hei
wo nume gierig si gsi
und gseit hei,
si heigen aus im Griff.

Warten isch nid immer dumm,
warte cha ou guet si,
aber weme nume wartet,
bis die wo öppis wei verändere,
i dere Gsöuschaft,
nümme möge,
de isches a üs,
d Geduud nid z verlüre,
d Hartnäckigkeit nid z verlüre,
witer z kämpfe,
witer z stürme,
witer uf Misstäng ufmerksam z mache,
und zwar nid nume so lang
wi der erscht Schwung häre het,
oder di erschti Betroffeheit,
sondern so lang,
bis öppis würklech veränderet isch,
mir bruche Hartnäckigkeit,
mir bruche Durchhautewüue,
mir bruche Geduud.

Liebe Aawäsendi,
i danke härzlech fürs Zuelose,
i danke, für d Geduud,
Merci.