Bernhard Schobinger, Ring, 2010, Eisen; das Rohmaterial stammt von einem Blitzableiter aus dem 18. Jahrhundert. (Foto: Galerie SO, Solothurn/London)

Von Hans Stofer aus London

Geschmiedete Zukunft

Der britische Schriftsteller, Maler und Kunstkritiker John Berger beschreibt in seinem wunderbaren Roman «Auf dem Weg zur Hochzeit» (erschienen 1996) wie der Bahnarbeiter Jean Ferrero das Museo Archeologico von Piadena besucht mit der Absicht, einen dort ausgestellten antiken, hauchdünn geschmiedeten goldenen Buchenblätterhalsschmuck zu klauen, um diesen dann seiner an AIDS erkrankten Tochter Ninon zur Hochzeit zu schenken.

Jean Ferrero glaubt an die Magie von Objekten. Und er hofft, dass der zarte Schmuck seine Tochter vor den tragischen Folgen von Aids beschützen wird - solange sie ihn als goldenen Talisman trägt.

Mithilfe seines Taschenmessers knackt er die Vitrine und nimmt die filigrane Halskette vorsichtig in seine Hände, um ihn genauer unter die Lupe zu nehmen.

Obwohl er diese Halskette unbedingt haben will, legt er das heissbegehrte Schmuckstück schlussendlich nach langem Nachdenken wieder an seinen ursprünglichen Platz in der Vitrine zurück.

Es wird aus der Erzählung nicht klar, warum er die Halskette wieder zurücklegt. Ich vermute aber, dass Jean Ferrero realisierte, dass allein seine Absicht, etwas zu tun, und sein Entscheid, es dann doch nicht zu tun, dafür verantwortlich war, seine emotionale Welt auch ohne das heissbegehrte Objekt wieder ins Lot zu bringen.

Beim Betrachten eines nahtlos geschmiedeten Eisenrings des Schweizer Schmuckkünstlers Bernhard Schobinger in einer Ausstellung in London fiel mir diese Erzählung wieder ein. Bernhard Schobinger gilt als einer der expressivsten, kritischsten und künstlerisch inspirierenden Schmuck-Künstler der Gegenwart. Er hat die Begabung, profane Objekte mit einfachen Mitteln in magische zu verwandeln. Was er macht, erfordert grösste Aufmerksamkeit.

Was ist es, was mich an diesem einfachen Eisenring von Bernhard Schobinger fasziniert?

Als Mechaniker entwickelte ich während meiner Ausbildung eine grosse Affinität zum Eisen, zu diesem vielseitigen und bescheidenen Material. Man weiss heute, dass Eisen als Spurenelement Bestandteil von Lebewesen ist. Eisen bedeutet im Keltischen isara , was mit «kräftig» gleichgesetzt werden kann. Neben seiner Bedeutung als Werkstoff und dessen vielseitigen Eigenschaften wurde Eisen im Alltag und in der Alchemie verwendet, wo es mit dem Zeichen für Mars/Männlichkeit assoziiert wurde. Man weiss, dass vor rund 4000 Jahren vor Chr. im mittleren Osten Eisen aus Meteoriten gewonnen wurde, um Speerspitzen, Werkzeug und Schmuckstücke anzufertigen. Interessanterweise spielen die Kelten, Meteoriten und die Alchemie im Leben und im Oeuvre von Bernhard Schobinger eine zentrale Rolle.

Der Ring zählt zu den bekanntesten Schmuckformen. Man findet ihn in allen Kulturen. Die Wahl des Materials, die künstlerische Gestaltung und die Ikonographie sind ausschlaggebend für die Bedeutung und den Wert eines Rings als Schmuck. Die Tatsache, dass das Roheisen für den von Bernhard Schobinger geschmiedeten Eisenring von einem Blitzableiter aus dem 18. Jahrhundert stammt, den er sich kurz vor einem Hausabbruch unter den Nagel gerissen hat, ist ein wichtiger Hinweis, um seine Arbeit einordnen zu können und dessen Aussagekraft und symbolische Bedeutung voll zu verstehen.

Das Schmieden von Metall ist genauso wie das Formen von Lehm eng mit der Evolution der Menschheit und ihrer Geschichte verknüpft. Es sind grundlegende handwerkliche Prozesse, die wir intuitiv verstehen – eben weil sie so einfach sind und den Mensch als kreatives Wesen in den Mittelpunkt stellen.

Für mich ist Schobingers Eisenring eine Verkörperung der Bedürfnisse und der Evolution der Menschheit. Hinter ihm versteckt sich Geschichte und Magie, die Blitze ableiten lässt. Mir gefällt das Direkte und die emotionale Qualität dieses Rings, die zielsichere, kräftige, aber auch feinfühlige Ausführung der Schmiedearbeit. Der Ring verbindet uns zugleich mit der Vergangenheit und der Gegenwart. Und er ist der kreative Draht, der uns mit der Zukunft verbindet: Ein positiver Akt, wie man sich die Zukunft schmiedet.

Bernhard Schobinger bei der Demontage des Blitzableiters.