Der vergessene Konflikt

Blick auf die Berge, fotografiert aus einem der vielen Schützengräben an der Front. Das Foto wurde aus einem der Schlitze im Schützengraben gemacht, darum der schwarze Rand oben.

In den 1990er-Jahren flohen Hunderttausende Aserbaidschaner aus den armenisch besetzten Gebieten in und um Bergkarabach. Eine Lösung lässt noch immer auf sich warten.
Von André Widmer (Text und Bilder)

Es scheint, als hätte sich die aserbaidschanische Armee hier für die Ewigkeit eingerichtet. Am Ende des Schützengrabens steht eine kleine Truppenunterkunft. Ein stabiler Betonbau mit einem spärlich eingerichteten Bettenzimmer. Irgendwo im Bezirk Fizuli im Westen Aserbaidschans trennen die Soldaten nur etwa 200 Meter von den Linien der gegnerischen armenischen Separatisten. Dazwischen liegt die Waffenstillstandslinie, die 1994 nach dem Krieg um Bergkarabach zwischen Armenien und Aserbaidschan festgelegt wurde.

Festen Schritts gehen die jungen Soldaten durch den etwa zwei Meter tiefen Graben. Durch einen kleinen Schlitz in einem Schützenstand sieht man das besetzte Land gegenüber. Weit hinten unter dem stahlblauen Himmel sind die schneebedeckten, fast 3000 Meter hohen Berge Karabachs erkennbar. Davor flacht das Gelände ab. In guter Sichtweite, ganz nahe an der Frontlinie und bei einer armenischen Stellung, stehen Häuserruinen. In diesen Gebäuden lebt schon lange niemand mehr. Die einst in diesen nun zerstörten und verlassenen Dörfern ansässigen Aserbaidschaner leben jetzt in Flüchtlingssiedlungen, ihre Heimat ist armenisch besetzt.

«Wir können nicht vergessen, was sie uns angetan haben. Wie könnten wir je wieder mit Leuten zusammen leben, die unsere Verwandten getötet haben? Ich will das nicht», sagt Samir Aliev. Der 23-Jährige gehört zu dem kleinen Trupp, der in diesem vordersten Schützengraben, einer entlegenen Stellung an der Front, Dienst tut. Zwei Wochen am Stück dauert der Einsatz hier. Samir Aliev unterscheidet sich von seinen Kameraden: Er ist ursprünglich ein Flüchtling aus den jetzt armenisch besetzten Gebieten. Mit fünf Jahren musste er mit der Familie aus Lachin flüchten.

Lachin ist eine hügelige Region mit grünen Talböden und klarem Wasser in den Bächen und Flüsschen. Lachin ist anders als die vielen anderen trockenen, wüstenartigen Landstriche Aserbaidschans, wo jetzt die Flüchtlinge in gleichförmigen Siedlungen oder ärmlichen Dörfern ihr Dasein fristen.

Auf Lachin, von den Armeniern nach dem Krieg in Berdzor umgetauft, um der Region eine neue Identität zu verleihen, ist die Sehnsucht der Menschen gerichtet, die dort weg mussten. In der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1992 fiel die Region in die Hände der Armenier. «Ich erinnere mich nicht mehr an die Flucht, aber an unser Haus neben der Moschee und an die Natur in Lachin. Ich erinnere mich an die Kinder, an die Menschen.» In Alievs Familie redet man noch oft über das frühere Leben in der verlorenen Heimat. «Wenn man seine Gefühle in sich drinnen lässt, explodieren sie irgendwann einmal», sagt der junge Aserbaidschaner.

Immer wieder kommen an der 120 Kilometer langen Frontlinie zwischen Aserbaidschan und den besetzten Gebieten bei Schusswechseln durch Scharfschützen Soldaten ums Leben. Alleine 2010 starben rund 30 Männer. Doch Samir Aliev fürchtet sich nicht, für ihn ist der Dienst im vordersten Schützengraben Ehrensache. Er verzieht keine Miene während des Gesprächs. Er blickt seinem Gegenüber auch nicht in die Augen. Seine Stimme, zu Beginn noch leicht stotternd, ist jetzt fest. «Ich würde mein Leben geben für die Befreiung des Landes», sagt er.

Der Konflikt um Bergkarabach

1921: Bergkarabach gehört innerhalb der Sowjetunion als autonomes Gebiet zur aserbaidschanischen SSR. Mehrheitlich von armenischstämmigen Einwohnern und Einwohnerinnen besiedelt, bildet das Gebiet eine Art ethnische Enklave.

1991 erklärt Karabach seine Unabhängigkeit, nennt sich seither Bergkarabach, ist aber international nicht anerkannt. Aserbaidschan versucht die Abspaltung mit Waffengewalt zu verhindern, das Nachbarland Armenien reagiert ebenfalls mit Gewalt. Während den gewalttätigen Auseinandersetzungen sterben schätzungsweise 17500 Armenier und 25500 Aserbaidschaner.

Ehe 1994 ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet wird, besetzen armenische Paramilitärs nicht nur Karabach, sondern auch umliegende Distrikte. Etwa 600000 Aserbaidschaner und Aserbaidschanerinnen müssen fliehen. Aus Aserbaidschan wiederum fliehen mehr als 300000 Armenier und Armenierinnen, die sich in Armenien und den besetzten Gebieten niederlassen.

Vermittlungsversuche der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und Russlands haben bisher zu keinen konkreten Schritten für ein Friedensabkommen geführt. Die Regierung in Bergkarabach kritisiert, dass sie bei den Verhandlungen offiziell nicht vertreten ist. «Das derzeitige Verhandlungsformat ist ineffektiv. Karabach muss direkt daran teilnehmen können», sagt Robert Avetisyan, Karabachs offizieller Repräsentant in Washington. Eine Rückkehr zu Aserbaidschan schließt Avetisyan aus, obwohl die Regierung in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku inzwischen den höchstmöglichen Autonomiestatus angeboten hat.

Die Stadt und Region Lachin spielt in dem Konflikt eine entscheidende Rolle. Durch Lachin führt nach wie vor die wichtigste Hauptverkehrsachse nach Bergkarabach. Am 18. Mai 1992 nahmen die Armenier den Distrikt ein. Sie bildeten auf diese Weise den sogenannten Lachin-Korridor. So konnte auch der Nachschub mit Waffen gesichert werden. Beim Gespräch mit dem stellvertretenden Außenminister Aserbaidschans, Araz Azimov, wird klar, dass der Korridor ein entscheidender Punkt bei den Verhandlungen ist. «Die Armenier verlangen, dass der Korridor in einer möglichst großen Breite unter ihrer alleinigen Kontrolle verbleibt», erklärt Azimov.

Die Offerte Aserbaidschans beinhaltet die höchstmögliche Autonomie für Karabach innerhalb der aserbaidschanischen Republik. Der Rückzug der armenischen Paramilitärs könnte zuerst aus den ersten fünf Distrikten erfolgen und nach fünf Jahren schließlich aus Lachin und Kelbajar. Internationale Friedenstruppen sollen danach die Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimat überwachen und ein friedliches Zusammenleben sichern. Dann erst würde der künftige Status Karabachs festgelegt. (aw)

Der Karabach-Krieg konfrontierte die junge Republik Aserbaidschan, deren ökonomische Verhältnisse und politische Strukturen in den Wirren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion noch nicht so gefestigt waren wie heute, mit einer riesigen Flüchtlingswelle. In Zeltcamps, ausrangierten Zugwaggons und Notunterkünften wurden die Entwurzelten während langer Zeit untergebracht. In den letzten Jahren, in denen Aserbaidschan dank der Erdöl- und Gasvorkommen seine Staatseinnahmen enorm steigern konnte, wurden viele neue Flüchtlingsdörfer aus dem Boden gestampft. In sich geschlossen verfügen diese über Schulen, eigene Spitäler und Verwaltungen. Die aserbaidschanischen Regionen nahe den Waffenstillstandslinien sind übersät mit diesen Siedlungen, die die Namen der alten Heimat der Flüchtlinge erhielten. Die neuen Dörfer sind zwar relativ modern, doch viele liegen in wenig fruchtbaren Gegenden.

In der Region Aghjabedi aber beispielsweise leben längst noch nicht alle in neuen Häusern. Die Provinz hat rund 120000 Einwohner, davon sind 30000 Flüchtlinge aus den besetzten Regionen. Schon wächst eine neue Generation im Exil auf ohne die Heimat der Eltern je gesehen zu haben.

Eine staubige Piste etwas außerhalb der neuen Flüchtlingssiedlung Lachin führt vorbei an einem im Bau befindlichen Wohngebiet. In Sichtweite der Baustelle leben jedoch nach wie vor viele Familien unter menschenunwürdigen Bedingungen. Ihre Behausungen sind notdürftig aus Abdeckplatten, Lehm und Holz zusammengezimmert. Einige Dächer sind mit Humus belegt. Immerhin gibt es Strom in dem ärmlichen Wohngebiet.

Hoffnung auf Besserung

Hier wohnt auch Asgar Bagitov mit seiner Familie. Er führt die Besucher in den Wohnraum, der unter der Erde liegt. Die Wände sind mit Tüchern ausstaffiert, der Boden ist mit Teppichen bedeckt. Die Decke wird mit einem verkleideten Baumstamm gestützt. Seit 1992 leben Bagitovs nun schon hier. «Unsere Lebensumstände in der Heimat waren viel besser. Wir hatten Wasser vor dem Haus, jetzt muss ich bis zu vier Kilometer gehen, um an ein Wasserloch zu kommen», erzählt er.

Auch die medizinische Versorgung sei nicht ausreichend. Wenn seine Frau krank sei, komme nur manchmal ein Arzt vorbei. «Die Medikamente muss ich aber selber kaufen», fügt er hinzu. Es gebe zwar eine Schule, aber keinen Kindergarten. Bagitov geht die Treppe hoch, tritt vor die Hütte, wuchtet Wasserkanister von einem Eselskarren. Asgar Bagitiv ist der Regierung zwar für die kleine Unterstützung dankbar, hofft aber, dass sich die Situation, in der sich seine Familie befindet, bald bessert.

In ein paar Monaten sollen die Bagitovs endlich ein neues Haus bekommen – jetzt erst, fast 20 Jahre nach der Flucht. «Doch eigentlich brauchen wir kein neues Haus, sondern wollen unser altes Land zurück», sagt Asgar Bagitov. Ähnlich wie ihm ergeht es zwei Frauen, die uns jetzt auf der Straße entgegenkommen und von ihrem Schicksal berichten.

Eine von ihnen ist krank. Sie bekomme zwar Medizin, aber nur, wenn sie selber im Spital vorbeigehe und das sei sehr beschwerlich. Die Frauen leben von dem, was sie auf einem kleinen Stück Land selbst anbauen. Ihr Monatseinkommen beträgt umgerechnet rund 20 Schweizer Franken. Die Unterstützung durch eine internationale Hilfsorganisation sei längst ausgelaufen. «Wir wissen nicht, warum», erzählen die Frauen. Nächstes Jahr sollen auch sie ein neues Haus bekommen, doch auch die Frauen wollen lieber zurückkehren in ihr Heimatdorf Vagazin, 50 Kilometer nördlich der Stadt Lachin gelegen.

Die Erinnerungen an die Flucht 1992 sind bitter: «Vater und Bruder wurden als Geiseln genommen und folgten uns erst nach zwei Jahren», erzählen die Frauen. Gleich zu Beginn der Flucht hätten ihnen marodierende Armenier Schafe, Kleider und Schuhe gestohlen. Zuerst seien die Flüchtlinge südwärts gelaufen und einer Eisenbahnstrecke gefolgt. Nach drei Wochen hätten sie dann Aghjabedi erreicht.

Gräueltaten armenischer Besatzer

Das Heimweh der Flüchtlinge ist groß, auch wenn ihre Dörfer heute zum allergrößten Teil in Trümmern liegen. Einigen ist inzwischen der Geduldsfaden gerissen. Beispielsweise den Mitgliedern der Organization of Karabakh Liberation (OKL). Ihr Sitz in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku ist nur über einen schäbigen Hinterhof zu erreichen. In einem kleinen Büro sitzen der Vorsitzende Akif Nagi und einige seiner Mitstreiter. Die meisten stammen aus der zerstörten Stadt Agdam, eine ehemalige Krankenschwester kommt aus dem Distrikt Terter. Ihre Gesichter sind gezeichnet von Hoffnungslosigkeit. Sie alle erzählen vom Kriegsausbruch und der Flucht.

Gultagin Guliev, die Krankenschwester, erinnert sich an Gräueltaten armenischer Besatzer, die sie bei der Arbeit in den Kriegstagen mitbekommen haben will. Guliev erzählt von sexuellen Übergriffen und Entführungen der Besatzer. «Einmal wurden zehn Frauen bei lebendigem Leibe begraben, andere Leute zerstückelt in Säcken ihren Verwandten übergeben», sagt sie. Gultagin Guliev wurde auch Zeugin von Verletzungen durch heimtückische Streubomben. Eine Narbe an ihrem Hals zeugt von einer Kopfverletzung, die ihr heute noch Schmerzen bereite.

Da die seit dem Waffenstillstand von 1994 geführten Verhandlungen zwischen Armenien und Aserbaidschan zu keinen konkreten Ergebnissen für die Flüchtlinge geführt haben, fordert Akif Nagi, der Vorsitzende der OKL jetzt konkrete Schritte. Nagi reicht die drohende Rhetorik des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev gegenüber Armenien nicht.

«Der einzige Weg ist die militärische Lösung», sagt Nagi. Das Ziel seiner 5000 Mitglieder umfassenden Organisation sei es, die Bevölkerung dazu zu bringen, auf die Regierung Druck auszuüben, damit diese zu den Waffen greift.

Nagi kennt jedoch auch die geopolitische Großwetterlage und weiß, dass die internationale Gemeinschaft einen neuen Krieg verhindern will. «Wenn die Regierung aber genügend starkem Druck ausgesetzt und das Militär bereit ist, kann es losgehen.» Und für Gultagin Guliev ist klar: «Ich als Mutter möchte zwar einerseits keinen Krieg, aber ohne Krieg scheint es nicht zu gehen. Die Armenier haben sich zu viel erlaubt.»

Chingis Huseynov und seine Familie stammen aus dem Dorf Alchanli im besetzten Teil Fizulis.

In einem Schützengraben im Bezirk Fizuli.

Asgar Bagitov: Er möchte keine neue Unterkunft im Exil, sondern nach Hause ins jetzt armenisch besetzte Lachin.

Die Soldaten Zaur Valiev, Samir Aliev, Shaig Maliyev (von links) tun Dienst an der Front. Samir Aliev stammt aus dem besetzten Lachin.