Editorial

Foto: Wolf Böwig

Von Anita Hugi

Wenn er in Schulen von seiner Arbeit erzähle, sagt der deutsche Kriegsfotograf Wolf Böwig während eines Treffens in Basel, frage er die Schülerinnen und Schüler oft: Wer von Euch kann die Landesgrenzen Afghanistans zeichnen und dessen Nachbarländer benennen? Ohne die Geographie zu kennen, glaubt Böwig, kann man auch die Konflikte in und um Afghanistan nicht verstehen.

Gezeiten, 2007
Das Cover zur achten «neuland»-Ausgabe zeigt eine Videoarbeit der Basler Künstlerin Edith Hänggi.

Wolf Böwig arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Kriegsfotograf, oft gemeinsam mit dem portugiesischen Journalisten Pedro Rosa Mendes. Sie berichten mit behutsamem Blick über Zerstörung und Gewalt, die Menschen Menschen antun.

Das Interesse beider gilt dabei nicht nur dem Schrecken, den sie in Fotografien verdichtet oder erzählerisch, mit Worten dokumentieren, dass er endlich ein Ende nehme. Es gilt ebenso den Zeichen der zerbrechlichen Hoffnung inmitten des Untergangs. Und dem Überleben in diesen von Krieg und Konflikten erschütterten Gebieten.

Für ihre Reportagen wurden die zwei Freunde unter anderem für den Pulitzer-Preis nominiert, Wolf Böwig kürzlich auch für den Marion Dönhoff-Preis für internationale Verständigung und Verständigung der deutschen Wochenzeitung Die Zeit. Mit Auszeichnungen und Stipendien finanzieren sie ihre Langzeitreportagen massgeblich, die sie auch in Zeitungen und Magazinen wie Der Spiegel, NZZ oder der New York Times publizieren.

Gemeinsam entwickeln sie zur Zeit auch eine Graphic Novel, in der renommierte Illustratoren aus den Kriegsgebieten jene Lebensgeschichten künstlerisch umsetzen, denen die zwei Reporter in den letzten Jahren begegnet sind.

Kriegsberichterstattung im Fokus

In dieser Ausgabe von Neuland geben die beiden Kriegsberichterstatter einen Einblick in ihre Arbeit. Pedro Mendes berichtet mit Worten, und von deren Versiegen angesichts der Gewalt; Wolf Böwig bringt uns mit Bildern vor Ort. Seit Ende der achtziger Jahre arbeitet und lebt er als Fotograf in Deutschland und Afghanistan, einem Land, das erst 1919 entstand. Der Deutsche spricht persisch und lebt oft wochenlang bei den Familien, deren Leben er dokumentiert.

«Close the border» gab George W. Bush 2001 als Parole aus für Afghanistan nach dem Angriff auf das World Trade Center vor genau 10 Jahren, weil die USA dort den Rückhalt der Attentäter behauptete. Doch wie sollen diese Grenzen geschlossen werden? Die politischen Trennlinien verlaufen oft durch offenes (Gebirgs-) Land und quer durch einheitliche Sprachgebiete.

Für den Anfang vom Ende des blutigen Konflikts, ist der Fotograf überzeugt, braucht es einen «runden Tisch», an dem alle angrenzenden Länder vertreten sind. «Es geht vorüber», sah Wolf Böwig eines Tages auf einer Mauer in Afghanistan geschrieben, «migozarad». Das ist der Titel der Fotoreportage, die wir im «neuland»-Dossier zum Thema Kriegsberichterstattung publizieren, gemeinsam mit einem Text von Pedro Rosa Mendes mit dem Titel «Reporting Violence», in dem er das eigene Tun als Kriegsberichterstatter reflektiert.

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Im Inhaltsverzeichnis finden Sie eine Übersicht über die weiteren Reportagen und Hintergrundartikel von Denise Buser, Moritz Rinke, Antonia Bertschinger, André Widmer, zum Film von Richard Dindo und zur kuratierten Musikstrecke von Caroline Bodin. Wir freuen uns, dass Sie das achte «neuland» mit Interesse erschliessen - und womöglich später wieder entdecken.

Ihr «neuland»-Publikationsteam, Corinne Buchser, Reto Bürkli, Lena Eriksson, Claudia Salzmann, Judith Stofer, Jan Voellmy und Anita Hugi

P.S. Die nächste Ausgabe erscheint Anfang November 2011.