Ewig & Eins

Ewig: Thomas Bernhard «Der Stimmenimitator»
Eins: Elke Heidenreich, Tom Krausz «Dylan Thomas: Waliser, Dichter, Trinker»

 

 

Ewig:
Thomas Bernhard
«Der Stimmenimitator»

Thomas Bernhards gut hundert Kürzestgeschichten unter dem Titel Der Stimmenimitator (1978 erstmals erschienen) zeigen nichts anderes als Ausschnitte von «Welt»: Die Welt aber ist – barock gedacht – eine Bühne, auf die Menschen verschiedenster Herkunft und Stände geworfen werden. Dort führen sie zielstrebig ihre Rollen aus, lachen einmal laut auf und geben dann, das Echo des absurden Gelächters noch im Ohr, ihren Abschied: Traum, Purzelbaum, aus. So einfach geht das Prinzip, das man Leben nennt – nur, dieser gewöhnliche Lauf der Dinge birgt bunte Varianten in sich.

Das Personal im Weltentheater (einmal Postbote, einmal Magd, einmal Lehrerin, einmal Präsident) wird immer wieder ausgewechselt, und so ist das Schicksal kreativ im tragisch-komischen Hervorkitzeln des Todes. Das Schöpferische entsteht bei Bernhard niemals aus Ruhe oder gar Harmonie – es entspringt vielmehr dem Gedanken des immer und allen Dingen immanenten Risses. Ein «Todesvogerl», so hat es Bernhard einmal ausgedrückt, sitzt immer auf unserer Schulter und wartet auf uns (vgl. filmedithion Suhrkamp, fes No. 4).

Die Form in Bernhards Miniaturen ist ein einfacher, prosaischer und (wenn man sich des Autors Prosodie dazu denkt – ich kann nicht anders) schneidender Rhythmus, eine sich abspulende Tatsache im unnachgiebigen, erregten Gang auf den finalen Punkt zu. Für ein Finale braucht man nur das Ende zu erzählen, keine Magie dahinter, man kann Angst davor haben oder es anerkennen. Oft wird im Stimmenimitator ein zunächst unscheinbar anklingendes Motiv im Schlussakkord noch einmal prägnant gesetzt, enggeführt oder gespiegelt, sodass man «aha» denken, Luft schlucken und dazu stumm nicken muss...

Der Stimmenimitator eignet sich gut dazu, das Bernhardsche Universum, den österreichischen Weltautor und Nestbeschmutzer sowie seine Hassliebe zur Heimat kennenzulernen. – Hier sind drei Kostproben aus dem empfohlenen Werk des Klassikers:

Hotel Waldhaus.
Wir hatten kein Wetterglück und in jeder Beziehung auch widerwärtige Gäste an unserem Tisch gehabt. Selbst Nietzsche haben sie uns verleidet. Auch als sie mit ihrem Auto tödlich verunglückt und schon in der Kirche von Sils aufgebahrt waren, haben wir sie noch immer gehasst.

Moospruggers Irrtum.
Der Professor Moosprugger sagte, er habe einen Kollegen vom Westbahnhof abgeholt, welcher ihm nur vom Korrespondieren her und nicht persönlich bekannt gewesen sei. Er habe tatsächlich einen Anderen erwartet, als den, welcher tatsächlich auf dem Westbahnhof angekommen sei. Als ich Moosprugger darauf aufmerksam gemacht hatte, dass immer ein Anderer ankommt, als der, den wir erwartet haben, stand er auf und ging allein zu dem Zwecke weg, alle Kontakte, die er in seinem Leben geknüpft hatte, abzubrechen und aufzugeben.

Ernst.
Ein Komiker, welcher jahrzehntelang allein davon gelebt hatte, komisch zu sein und der immer alle Säle, in welchen er aufgetreten war, bis auf den letzten Platz gefüllt hatte, war plötzlich für eine bayerische Ausflüglergruppe, die ihn auf dem Felsvorsprung über der sogenannten Salzburger Pferdeschwemme entdeckt hatte, die lang erwartete Sensation gewesen. Der Komiker behauptete vor der Ausflüglergruppe, er werde sich, so, wie er sei, in der Lederhose und mit dem Tirolerhut auf dem Kopf, in die Tiefe stürzen, worauf die Ausflüglergruppe in ein lautes Gelächter ausgebrochen war, wie gewohnt. Der Komiker soll aber gesagt haben, dass es ihm ernst sei und habe sich tatsächlich und augenblicklich in die Tiefe gestürzt.

Thomas Bernhard. Der Stimmenimitator. Frankfurt am Main 1987 (Suhrkamp).

 

 

Eins:
Elke Heidenreich, Tom Krausz
«Dylan Thomas: Waliser, Dichter, Trinker»

Wer kennt Dylan Thomas – Waliser, Dichter (ganz besonders) und Trinker – noch nicht?
Mit der Bildbiografie von Elke Heidenreich (Text) und Tom Krausz (Fotografien) wird diese lohnenswerte Begegnung möglich.

Dylan Thomas (*1914 in Swansea), der ganz jung – als achtjähriger Schuljunge schrieb er erste Gedichte – zur Sprache und zum Dichten fand, war bis zu seinem frühen Tod (1953 in New York) ein Besessener. Für ihn bedeutete das: die Welt durch den atmosphärischen Filter seiner südwalisischen Heimat hindurch in lebendigen Klang zu übersetzen, sie zu steigern und im doppelten Sinn zu verdichten, und das in einer genuinen Wortmächtigkeit.

Thomas hat Texte geschaffen, die viele Berühmtheiten beeindruckt und beeinflusst haben: von Musikern wie Van Morrison, die Rolling Stones und die Beatles sowie Bob Dylan (der Thomas’ Vornamen übernahm) über Schauspielergrössen wie Richard Burton, Elizabeth Taylor und Anthony Hopkins bis hin zum Amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter, der anregte, in der Westminster Abbey einen Gedenkstein für den Poeten anzubringen. 1954 hat Igor Strawinsky ein Stück über Thomas’ Tod geschrieben, Heidenreich verweist auf die von Pierre Boulez dirigierte Aufnahme.

Obschon Thomas ein anerkannter Dichter war und ein Familienleben mit Frau und drei Kindern vorweisen konnte, rief der walisische unbekannte Star nicht nur Bewunderung und Freude hervor. In seiner Heimat sah man es lange Zeit nicht gern, stets mit einem trunksüchtigen Bohemien und Frauenhelden, der überhaupt nicht mit Geld umgehen konnte und der volltrunken zur militärischen Musterung erschien, in Verbindung gebracht zu werden. Heute ist Dylan Thomas zum Tourismus- und Exportartikel für das kleine Land geworden.

Swansea war für Thomas die erste Inspirationsquelle. In einem Text aus dem Jahr 1943 beschreibt er es so: Ich bin in einer grossen, walisischen Industriestadt geboren, am Anfang des grossen Krieges: eine hässliche, liebenswerte Stadt (...), die sich dehnte und weitete, in Slums, ungeplant, von Polierhäusern übersät und gemütlich vorbestadtet, an einer langen, grossartig geschwungenen Küste, wo schuleschwänzende Jungen und Sandfelderjungen und alte namenlose Männer in den Fetzen und Katzenjammern von Hunderten Mildtätigkeitsanzügen nach Strandgut suchten, faulenzten und paddelten, den Booten zusahen, die hafenwärts fuhren, für die bellenden herrenlosen Hunde Steine in die See warfen und an Sommersamstagnachmittagen der kriegerischen Musik von himmlischer Erlösung und höllischem Feuer lauschten, die von einer Seifenkiste herab gepredigt wurden. Diese Seestadt war meine Welt. Ausserhalb ging ein fremdes Wales, kohlenzergraben, gebirgig, flussdurchlaufen und meines Wissens voll von Chören und Schafen und hohen Geschichtenbuchhütten, seinen Geschäften nach, die mich nichts angingen…
Man bekommt hier (selbst im Deutschen) schon einen Eindruck von Thomas’ späterem Schreiben. Sein hervorragendes, noch gerade vor dem Tod vollendetes Werk wurde das Hörspiel Under Milk Wood. Es handelt von dem Fischerdorf Llareggub (Vorbild: Laugharne) und seinen Bewohnern, wobei dieses Dorf zum klingenden Kosmos – das ist Dylan Thomas’ Werk – wird:

[Silence]
FIRST VOICE [very softly]
To begin at the beginning:
It is Spring, moonless night in the small town, starless and bible-black, the cobblestreets silent and the hunched, courters'-and- rabbits' wood limping invisible down to the sloeblack, slow, black, crowblack, fishingboat-bobbing sea. The houses are blind as moles (though moles see fine to-night in the snouting, velvet dingles) or blind as Captain Cat there in the muffled middle by the pump and the town clock, the shops in mourning, the Welfare Hall in widows' weeds. And all the people of the lulled and dumbfound town are sleeping now…

Was Elke Heidenreich und Tom Krausz in diesem Text-und Bildband zusammenbringen, ist zwar für den Fan nichts Neues oder gar Überraschendes – dennoch ist dieses Buch selbst so etwas wie ein abgerundetes Gedicht mit wunderschönen Fotografien, die vermitteln, wie prägend Thomas’ Umgebung für sein Schreiben war.

Elke Heidenreich / Thomas Krausz. Dylan Thomas: Waliser, Dichter, Trinker. München 2011 (Knesebeck).