Ein Tag im Leben der Schweiz

Schlangen vor dem Stimmlokal im Bahnhof, ein Polit-Botellon vor dem Parlamentsgebäude, Traditionsrestaurants voll mit Politikern und ein Deutscher auf der Suche nach der grossen Wahlparty. Die Journalistin Claudia Salzmann war am Wahlsonntag mit Notizblock und Kamera in Bern unterwegs.

Aufstehen. Bundesbern präsentiert sich grau in grau an diesem Sonntagmorgen. Der Nebel hängt tief, die Temperaturen laden nicht einmal zu einem kurzen Spaziergang ein. Wer nicht muss, geht nicht raus. An solchen Sonntagen ist die Stadt menschenleer. Doch nicht so heute, am Wahltag. Von überall her kommen Menschen und steuern den Bahnhof an, in ihren Händen halten sie einen dünnen Briefumschlag. Sie gehen zur Urne, die in einem improvisierten Wahllokal im Bahnhof untergebracht ist.

Stimmen. Im Hauptbahnhof ist nicht etwa der Sozialismus eingeführt worden, die meterlangen Warteschlangen bilden sich vor dem Stimmlokal, und die Leute warten geduldig. Die Helfer bestätigen, dass die Beteiligung an den diesjährigen Wahlen zumindest in Bern deutlich höher sei als üblich. In der Schlange steht auch eine ältere Frau, die für zwei junge Männer die Stimmunterlagen hält, damit diese bequem ihren Kaffee aus dem Pappbecher trinken können. «Ich gehe seit Jahren immer an die Urne», sagt die Bernerin. Für sie sei der Austausch mit anderen WählerInnen spannend. «Für mich ist es der erste Urnengang», sagt der jüngere der beiden Männer stolz und nimmt einen Schluck Kaffee. Das letzte Mal habe er elektronisch abgestimmt. Es ist kurz vor 12 Uhr, das Stimmlokal wird bald geschlossen. Wer bis jetzt noch nicht angestanden ist, der hat die Wahlen verpasst und wird von der privaten Sicherheitspolizei weggeschickt.

Sich sonnen. Am Wahlsonntag sitzt ein Teil der SchweizerInnen vor dem Fernseher und verfolgt die stündlichen Hochrechnungen des nationalen Fernsehsenders. Der Himmel über Bern hat sich aufgehellt und auf dem Bundesplatz (www.bundesplatz.ch ) vor dem Parlamentsgebäude sitzen einige Parteimitglieder der Alternativen Linken, ein Küken in der schweizerischen Parteienlandschaft, landesweit gibt es sie erst seit Anfang Jahr. Sie luden zum Polit-Botellon, gekommen sind die Sonne und eine Handvoll Sympathisanten. Die Live-Übertragung einer Wahlberichterstattung auf dem Bundesplatz läuft noch nicht. Der Strom fehlt. Wenigstens bleibt bei diesen Temperaturen die Kiste Bier kühl.

Warten auf die Hochrechnungen auf dem Bundesplatz.

Hoffen. Für die anderen Parteien ist es draussen zu kalt, sie haben sich in Lokalen in der Innenstadt eingefunden. Die Sozialdemokratische Partei (SP) trifft sich im alternativen, heute rot-schwarz dekorierten Zentrum für Kulturproduktion «Progr» (www.progr.ch) in einem vollen Saal, während sich die Schweizerische Volkspartei (SVP), die Christlichdemokratische Volkspartei (CVP) und die Freisinnig-Demokratische Partei (FDP. Die Liberalen) für Traditionsrestaurants entschieden haben. Hier ist die Stimmung verhalten, Gründe fürs Anstossen gibt es heute kaum. Aufgeschnappte Aussagen hallen mir im Kopf nach: «Manche Wähler sind einfach zu dumm», «Der Rotwein ist aus», «Eine Pleite». Gefeiert wird anderswo: Die Grünliberale Partei (GLP) wird zusammen mit der Bürgerlich-Demokratischen Partei (BDP), einer Abspaltung der SVP, von den Medien als Wahlsieger bezeichnet und als die «neue Mitte» angepriesen. Hier gönnt man sich ein Glas Wein oder ein Bier und grinst.

Die Sozialdemokraten legten schweizweit drei Sitze zu.

Informieren. Auch im Berner Rathaus wird die Wahlsendung des Schweizer Fernsehens live übertragen. Es wimmelt von Medienschaffenden und nervösen Kandidierenden. Draussen steht sich eine Handvoll Polizisten die Beine in den Bauch. Sporadisch tauchen neugierige BürgerInnen auf: Manche sind komplett geblendet ob all der Fernsehkameras und Blitzlichter der Fotografen, andere wiederum machen auf ihrer Joggingrunde einen Abstecher ins Rathaus, um sich über die neuesten Resultate zu informieren.

Warten. Das Wahlergebnis passt zu den Schweizern. Lieber in der goldenen Mitte nicht auffallen, als sich zu exponieren. Eine Schweizer Tugend? «Ihr Schweizer seid immer so ruhig. Leidenschaft findet man selten», sagt Eberhard Jost. Gemeinsam mit Wolfgang, seiner Berner Begleitung, steht der gebürtige Deutsche am Sonntagabend diskutierend in der Reitschule, dem autonomen Kulturzentrum in Bern (www.reitschule.ch). Wolfgang hat seine Bürgerrechte wahrgenommen: «Ich habe Links gewählt und bin eigentlich mit dem Resultat zufrieden.»

Der Deutsche Eberhard Jost würde wählen, wenn er dürfte.

Feiern. Zuvor haben sie die Wahlfeier der Grünliberalen besucht. «Da war es total langweilig», sagt Jost. So landeten die beiden Freunde in der Reitschule. Eine ausgelassene Party findet auch hier nicht statt, was Jost nicht versteht. «Ihr habt euer Parlament gewählt, das müsste doch gefeiert werden, aber nichts, keine Stimmung, gar nichts», sagt Jost und wedelt ungeduldig mit den Armen. Andere Barbesucher laben sich an einer grossen Flasche Bier, sprechen über Fussball. Auch die Wahlen sind ein Thema, schadenfreudige Sprüche über nicht gewählte politisch anders Denkende dringen durch das Stimmengewirr.

Mitbestimmen. Generell ist auch der 42-jährige Jost mit den Wahlen zufrieden. «Zum Glück geht es von der SVP weg, der Trend der letzten Jahre war beängstigend, und die Schweizer Ausländerpolitik ist naiv und primitiv.» Jost wohnt seit Jahren in der Schweiz. Er darf hier jedoch weder wählen noch abstimmen, was ihn stört. Nun lässt er sich einbürgern, damit er auch den «Schweizer Bundestag» wählen darf. Seit Monaten habe er den Papierkram bei sich zu Hause auf dem Tisch, bereits unterschrieben. Es fehlen lediglich die Bestätigungen der Gemeinden. Das ist die Schweizer Bürokratie.

Nicht alle wollen in der Politik mitbestimmen.

Einsehen. Im Frühjahr feierten die Grünen in Deutschland grosse Erfolge, ihre Schweizer KollegInnen haben in diesem Wahlherbst eine Schlappe eingefahren. Ob Fukushima schon aus den Köpfen ist? Wohl nicht, doch wurde die Katastrophe von anderen Themen verdrängt, meint die wiedergewählte Berner Nationalrätin der Grünen Franziska Teuscher. Als weiteren Grund für den Sitzverlust von rund einem Viertel fügt sie an: «Das Stimmvolk hat den Unterschied zwischen uns, quasi dem Original, und der Grünliberalen Partei nicht ganz begriffen.» Ein Berner Jungunternehmer meint dazu: «Ich habe die Grünliberalen gewählt. Für mein Geschäft sind die wirtschaftlichen Aspekte wichtig, und die werden von dieser Partei vertreten.»

Das Stimmvolk hat entschieden, welche Parlamentarier unter der Bundeshauskuppel politisieren sollen.

Wissen. Kurz vor 23 Uhr sind die Wählerstimmen ausgezählt, die Meinungen gemacht, einige Tränen geweint, die Sieger umarmt und die Sitze vergeben. Medial dürfte sich der Themenmix nicht stark ändern. In der direkten Demokratie lässt die nächste Abstimmung nicht lange auf sich warten und Ende November steht bereits die zweite Runde der Ständeratswahlen an.

Links:
Das Schweizer Parlament
Parlamentswahlen 2011