Ewig & Eins

Ewig: Mario Vargas Llosa: «Die jungen Hunde»
Eins: Undine Gruenter: «Der Autor als Souffleur»

 

 

Ewig:
Mario Vargas Llosa
«Die jungen Hunde»

Die jungen Hunde des peruanischen Weltautors Mario Vargas Llosa (geboren 1936) ist eine Novelle und ein literarisches Juwel aus dem Jahr 1967. Ohne Atem zu holen, liest man das 60 Seiten starke Büchlein.

Die unerhörte Begebenheit ist die Verstümmelung des tragischen Helden, des jungen und kraftstrotzenden Cuéllar, dem nach einem Fussballspiel in der Umkleidekabine von einem rasenden Hund das Geschlecht zerfetzt wird: Jaulen, Kreischen, Bäche von Blut überall – den anderen Jungs gelingt es in letzter Sekunde, sich aus dem Staub zu machen. Ein Kastrierter bleibt liegen.

«Schwanz Cuéllar», so wird er fortan genannt, überlebt den Unfall, und eine Form von Gnade scheint den Sieg davonzutragen. Doch das ist erst der Anfang der Leidensgeschichte eines adoleszenten Mannes, der zum Symbol einer Gesellschaft wird, die selbst mit ihrer schwänzchenhaften Ohnmacht, mit ihrer Impotenz – in Anbetracht ihrer eigenen hohen machistischen Erwartungen und Werte – nicht umgehen kann. Der unglückselige Cuéllar durchläuft verschiedene Phasen, auch solche von Mut und Hoffnung, doch in der Summe beschreibt er die Kurve der allmählichen Vernichtung.  

Zunächst erfährt «Schwänzchen» eine Phase von zweifelhafter Berühmtheit und Aufmerksamkeit, er erhält seinen Spitznamen und wird wie ein rohes Ei behandelt: «Alle Augenblicke erhöhten sie ihm das Taschengeld und kaufen mir, was ich will, sagte er zu uns, hatte sie an der Kandare meine Papis, lassen mir in allem meinen Willen, tanzten nach seiner Pfeife, rissen sich ein Bein für mich aus. Er war der erste der Fünf mit Schlittschuhen, Fahrrad, Motorrad...»

Nach dieser Periode enormer Erniedrigung durch übergrosse Fürsorglichkeit (was könnte schlimmer sein?) verstummt «Schwänzchen» zunehmend und zieht sich aus der Clique zurück. Denn «Schwänzchen» kann trotz seiner muskulösen Tarzan-Statur und seiner Beliebtheit kein Mann sein. Er getraut sich nicht, die Sozialisation eines jungen Hundes oder südamerikanischen Hemingway einzuschlagen, das hiesse nämlich: flanieren, lauern, posieren, tanzen, schwätzen... Und besonders: Die erblühenden Mädchen zum Kichern zu bringen.

«Schwänzchens» kastrierte Entwicklung nimmt eine bedrohliche Wendung. Er beginnt, grosse Risiken einzugehen, um Eindruck zu schinden: «Cuéllar fing an, Unsinn zu treiben, um aufzufallen. Sie feierten ihn und wir machten mit, wetten, dass ich mir das Auto vom Alten klau (...), und er kam mit dem Chevrolet seines Papas.» Die kleindelinquenten Geschmacklosigkeiten und Streiche eines jungen Mannes machen ihn unbeliebt, es folgen verschwendete Jugendtage, Rückzug, Traurigkeit. Auf dem Abiturball ist er der einzige Abwesende, doch die alten Freunde lassen nicht locker: «Schön Schwänzchen, wie er wünschte, sollte es bleiben lassen, schwimmst gegen den Strom, sollte uns um zwei im El Chasqui erwarten, wir würden die Mädchen nach Haus bringen, ihn dort abholen und ein paar Schnäpse trinken gehen, uns ein wenig rumtreiben, und er tief betrübt ja.»

Noch ein letztes Mal bäumt sich Cuéllars Mut auf, denn er ist verliebt und eigentlich fast  sicher, dass er Teresita eines Tages ansprechen könnte... Aber vergeblich. Bald ist auch diese Chance der Liebe und der Wiederaufnahme in das «Rudel der Normalen» vorbei und vertan. – «Schwänzchen» muss fallen, so verlangt es sein Hundeleben.

Das Beeindruckende an Vargas Llosas Stil ist die ungeheure Sogkraft, die durch den Fatalismus der Handlung, die Unmöglichkeit für Cuéllar, Mann zu werden, noch einmal potenziert wird. Der Autor lässt durch das Mittel häufiger Perspektivenwechsel, oft innerhalb eines Satzes, Realität zugleich als subjektiv erlitten wie auch objektiv nachvollziehbar erscheinen. Die Stimmen der Novelle sind gleichberechtigt, polyphonisch angeordnet, und es gibt keine Grenze zwischen dem Erleben und dem Begreifen.

Wer mehr Lust auf Mario Vargas Llosa bekommt, sei auf den soeben erschienenen neuen Roman des Nobelpreisträgers hingewiesen: Der Traum des Kelten. Er handelt von den europäischen Verbrechen in der Kolonialzeit.

Mario Vargas Llosa. Die jungen Hunde. Empfohlene deutsche Ausgabe in der Übersetzung von Wolfgang Alexander Luchting. Frankfurt am Main 1991 bei Suhrkamp. (Ausgabe 2011 erschien in neuer, anderer Übersetzung)

 

 

Eins:
Undine Gruenter
«Der Autor als Souffleur»

Undine Gruenter bleibt ein Geheimtipp der deutschen Literatur. Auf dem Buchrücken des hier vorgestellten Gedanken-Journals mit dem Titel Der Autor als Souffleur (1995) steht: «Man kann das Projekt der Liebe nicht aufgeben, ohne zugrunde zu gehen. Man kann nicht aufhören, diesen Ort, diesen ganz anderen Ort zu suchen, diesen Ort des Extremen, eines extremen Verlangens.»

Das Journal, welches dieses grosse Verlangen dokumentiert, begleitete Gruenters Erzählungen und Romane (z.B. Ein Bild der Unruhe; Das gläserne Café) während der Jahre 1986 bis 1992. Es gibt Auskunft über das poetische Verständnis einer viel zu wenig gekannten Schriftstellerin, die 50-jährig an einer seltenen Nervenkrankheit in ihrer Wahlstadt – Paris – starb.

Gruenters Poetik setzt sich aus philosophischen Gedanken, Fragmenten und Aphorismen zusammen, ein durchgehender Inhalt lässt sich somit nicht festmachen, wohl aber ein Sternbild aus leuchtenden Kristallisationspunkten, die das Firmament ihres künstlerischen Lebens bilden, wobei dieses eigentliche Metawerk ein Werk für sich selbst darstellt.

Foto: © Suhrkamp Verlag

Ob im tief gründenden Gedanken oder in der lakonischen Setzung: Undine Gruenter umschreibt und umspannt nichts Geringeres als die Frage des Daseins beziehungsweise dessen Fixierungen in flüchtigen Augenblicken von Identität. Ihr Schreiben fragt radikal nach Sinn und Transzendenz, wie das obige Zitat zeigt. Der zu suchende Ort der Melancholikerin ist aber das Utopische: der Ort, den es noch nicht (wieder) gibt; das verlorene Paradies; dasjenige, was uns immer anzieht, damit wir es suchen: eine Heimat für das Selbst.

Das Journal als grosser Steinbruch: Undine Gruenter erweist sich als enorme Kennerin abendländischer Literaturen und Kunst, nicht zuletzt auch verschiedener Gesellschaftstheorien. Ihr geistiger Horizont streift etwa Gedanken von Ravel, Pina Bausch, Luhmann, Ionesco, Duras, Pavese, Benjamin, Hofmannsthal, Leiris, Breton, Bataille, Sartre, Zwetajewa, Shakespeare und Ovid (in ganz beliebiger und unvollständiger Nennung.)

Ich zitiere mit dieser Buchempfehlung vier Passagen aus Der Autor als Souffleur. Das Buch ist mit etwas Finderglück – leider nur als Restposten und über Antiquariate – noch erhältlich:

Januar 1986
Zeit-Geist. Nichts wichtiger, als sich von ihm fernzuhalten. Aus dem Zeitgeist ist noch nie ein bedeutender Gedanke entstanden. Deshalb die Lärm verbreitende Atemlosigkeit derjenigen, die einer gegenwärtigen Strömung hinterherhecheln und triumphal auf das Gewonnene blicken, als wären sie den anderen um eine Gedankentiefe voraus. In Wirklichkeit ists nur eine Nasenlänge in die Richtung, aus der der Wind weht.

Juli 1988
Suche nach Identität im sozialen Alltag. Leben im Paradox: nichts so sehr wünschen wie Identitätsfindung im Alltag (das Leben, Freunde, Kinder, die Liebe, der Erfolg oder die Anerkennung), zugleich aber, durch das Scheitern dieser Suche, alle Identität in der Darstellung des inneren Lebens, im Schreiben suchen. Suchbewegung, die hin- und herschlägt, von einem zum andern, und niemals Ruhe findet.

Oktober 1990
Niemand heisst im Französischen personne. Fast dasselbe Wort wie im Deutschen Person. Besser kann man das Problem nicht ausdrücken, das Konsolidierende und Sich-Verflüchtigende des Individuums.

Juli 1991
Unendlichkeit ist also nicht ein religiöses oder absolutes Element, sondern Gegenwart als offener Horizont. Oder: Zukunft als offengehaltene Gegenwart. Zugleich berührt sich dieser Unendlichkeits-Begriff mit dem romantischen Sehnsuchtstopos, mit dem ennui-Topos der décadence und mit den Handlungshemmungen der Melancholiker (eben dies Gefühl der Unbefriedigtheit). Unbefriedigt, unzufrieden mit dem, was ist, d.h. Musils Möglichkeitssinn gegen den Wirklichkeitssinn, das Utopische gegen das Pragmatische und das Gegen-Denken gegen das Für-Denken.

Undine Gruenter. Der Autor als Souffleur. Journal. Berlin 1995 (Suhrkamp).