Video: Monika Dillier
... und immer haben die Machthaber dieser Welt den Widerstand der DichterInnen gefürchtet, die russischen Dichter wie Ossip Mandelstam und Marina Zwetajewa, die deutschen wie Dietrich Bonhoeffer oder Wolfgang Borchert, heute sind es chinesische Lyriker wie der im Exil lebende Bei Dao, die ihre Freiheit aufs Spiel setzen oder Liu Xiaobo, Friedensnobelpreisträger 2010.
Mit Gedichten die Welt verändern? Nein, die Welt verändert sich auch ohne sie. Aber überleben tut sie, die Dichtung. Gedichte sind die Summe der Zeit, Zeugen der letzten Dinge, die uns bewegten und bewegen werden. Nicht selten wechseln Poeme ihr Kleid und erscheinen in langlebigen Pop-Songs und Balladen oder als Ohrwürmer wie in Dylans «Blowing in the wind»...
Hier können Sie Gedichte zweier Lyriker der jüngeren Generation entdecken, Marion Poschmann (*1969) und Lutz Seiler (*1963), denen trotz Gegensätzlichkeiten gemeinsam ist, die Natur zu befragen und zu spiegeln, im Acker der Sprache zu pflügen: Streifzüge durch Landschaften in den Satzbau von Gegenden, gezeichnet vom Wechsel der Zeit. Und als Hommage an Hilde Domin kommt eine der Doyennes der deutschsprachigen Lyrik zum oft salopp verwendeten Begriff der Freiheit zu Wort.
Marion Poschmann – Die Magie surrealistischer Spiegelbilder
Lutz Seiler – Reflexionen über Echoräume
Hilde Domin – Das Gedicht als Augenblick von Freiheit
Marion Poschmann – Geistersehen
Den Spiegelungen der Natur, Wahrnehmungen zwischen Realität und Wirklichkeit, Fiktion und Wahrheit, gelten die vielfarbigen Vexierbilder in Marion Poschmanns neuen Gedichten «Geistersehen». Die Lyrikerin wurde 1969 im Ruhrgebiet in Essen geboren und lebt heute in Berlin.
Geisterfahrer sind bedrohlich vom Weg auf die Gegenfahrbahn abgekommen. Geister sehen gehört zum Wesen der Esoterik, übersinnlicher Phänomene und der Mystiker. Marion Poschmann nähert sich über Sichtbares dem Unsichtbaren an, ihr lyrisches Ich begibt sich an die Ränder der Unschärfe, der Leere, der Zeit, den Gründen und Abgründen des Ichs und beobachtet, wie Wirklichkeit entsteht und sich wieder auflöst, das Verstörende im Vertrauten, das Abgründige im Naheliegenden, das Ungewisse und Unheimliche im Gemütlichen.
Es sind die «Minusmengen», die sie im Gedicht bespiegelt, «wir wanderten / auf absinkenden Jahresscheiben, / heute noch / überlebensgross / die Schatten, die uns folgten / heute noch»; im «Niveau-Gefühl» beschreibt sie: «der milchige Eindruck des Brustbilds / verstärkte sich, / unscharfe Ränder des Lächelns / wie Spähtrupps des Unterbewusstseins» oder in «vage Einsichten»: «sofern es mich hier gab, in diesem Raum voll Schäumen / war ich ein Badewahn vor weisser Kachelwand / und meinem Spiegelbild, es schien mir unbekannt, / ein heller Widerstand in unsichtbaren Träumen».
Wer sich ihren Spähtrupps des Unterbewusstseins anschliesst, über Testbilder, Störbilder und Kanäle dieser mystischen und betörend magischen Dichtung folgt, überschreitet «versenkbare Sperrpoller». Mit Glanz und Dampf, Schall und Rauch und fluider Intelligenz unterwegs, «tapferen Doppelgängern, / die uns beständig entgegenkamen, / ohne uns je zu erkennen»; // «als hätten wir das alles ausgeatmet: / ein Restaurant aus rauchig getönten / Scheiben, in denen Gesichter somnambul / Zeremonien vollführten, sacht / hin- und herrückten, Lebendschach». / Raumkrankheit: «es war das Naheliegende, an das sich / niemand erinnern konnte / Herden von Gemsen eilten über die Berge / wie etwas gänzlich Unkluges, wie Wellen // dann verharrten sie in übertriebenem / Wetterleuchten, umstrahlt von unserem / bewundernden Blick, wir umgaben sie im Geiste mit Edelweiss und Enzian, // stille Teilhaber an ihrer speziellen / Art von Bescheidenheit, die nur manchmal / erschreckt zurücksah, damit wir die Frassspuren / nicht bemerkten, den Forstverbiss».
Der Gedichtband ist in neun Zyklen gegliedert. Im Zyklus «Trugbilder: Herbarium» werden botanische Lehrstücke des verschollenen Kräuterwissens präsentiert, auf den Spuren einer Hildegard von Bingen, wie beispielsweise in «Chamaemelum mobile (Römische Kamille)»: «wir tranken Tee aus dem Erbporzellan der Äbtissin, gedachten der Vorgängerinnen, Wappen entfalteten an allen Wänden verschlungene Schwingen, bewegten sich raubvogelhaft durch den Raum».
In ihren «Bildnissen» zeichnet Poschmann skurrile Porträts:
Selbstporträt als Innozenz (nach Bacon) «als Propfreis pflege ich mich auf die Sessel zu pflanzen; / Veredelungsriten im Rohstoff der Merkmale, meiner selbst / ungewiss vor dem Gestänge geschwächter Säle; herrisches / Pudeldunkel umgibt mich, Räume so selbstlöschend, / grenzenlos nachsichtig, immer erst im Entstehen / begriffen, mir unähnlich, aber doch ähnlich mit ihren / kleinen herausgefilterten Plätzen; wie mein Gesicht, / gecrushtes Eis hinter den Gitterstäben eines Kinderbetts».
Auch im abschliessenden Kapitel «Lehrpfad der Abwesenheit» erschliesst sich die Wahrnehmungskunst Marion Poschmanns: «der Wiedehopf auf Truppenübungsplätzen // verscharrte Munition, verwehte Panzerwege / aus Sand und nochmals Sand, / die eisen-harte Noth, die Altlasten, die Weite, // das Ungeregelte und seine Wetterseite».
Die Gedichte funkeln wie lichtvolle Sprenkel in einem Kristall: «Geistersehen» als Metapher des träumenden Bewusstseins.
Hinweise zur Erderwärmung
störrisch im Gegenlicht stehen
die Wintertiere mit Goldrand
sie kauen ein Amt, eine Bürde
wir wollten uns wärmer fühlen
noch haben wir alle Sonne für uns
der leichte Rauchgeruch aus ihren Hufen
liegt tiefer als sonst, wie kneifen
die Augen zusammen, behelligt, geblendet,
und später ergibt es sich, und wir
stopfen die Ritzen zwischen ihnen zu
so entsteht ein Gefühl von unverhoffter Freude
wie sehr stark durchgeführte Flüsse
die Winterhitze, noch ist sie rosa
etwas Zänkisches treibt säuberlich abgepackt
in dieser Polarnacht aus Zellophan
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MARION POSCHMANN. GEISTERSEHENSuhrkamp, Berlin 2010, 126 S., CHF 30.90.ISBN 978-3-518-42129-1 |
Marion Poschmann, 1969 in Essen geboren, studierte Germanistik, Philosophie und Slawistik und lebt heute in Berlin. Sie wurde mit mehreren Preisen, u.a. mit dem Villa Massimo-Stipendium und dem Literaturpreis Ruhrgebiet ausgezeichnet.
Lutz Seiler – Im Felderlatein
In sieben Kapiteln lässt Lutz Seiler, 1963 in der Ex-DDR im thüringischen Gera geboren, vergangene Kindheitslandschaften lebendig werden. Landschaften werden als Seelenlandschaften erkundet und als poetische Transformationen in akustische Szenarien verwandelt, die in leisen Geräuschen, beim Gehen, Flüstern und Schweigen entstehen. Expeditionen ins Grenzland rund um Berlin, das von den Wechseln der Gezeiten gezeichnet ist.
Nicht von ungefähr erinnert die letzte Passage des Gedichts «felderlatein» an Bertolt Brechts «Botschaft an die Nachgeborenen»: «Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschliesst!»
im felderlatein
im nervenbündel dreier birken:
umrisse der existenz & alte formen
von geäst wie
schwarzer mann & stummer
stromabnehmer. all
die falschen scheitel, sauber
nachgezogen im archiv
der glatten überlieferung, gern
sagst du, es ist die kälte, welche
dinge hart im auge hält, wenn
grosse flächen schlaf wie
winkelschleifer schleifen in
den zweigen, so
sagt man auch: es ist ein baum
& wo ein baum so frei steht
muss er sprechen
Auf verschlungenen Pfaden und Wegen in die Wälder, über die Felder und Chausseen in der Mark Brandenburg, entwickeln die Gedichte einen eigenen sogartigen musikalischen Sound. Die Landschaften werden zu Echoräumen, die auf mystische Weise reflektiert werden:
«ich sah, was kiefern schrieben mit / ihrem von schnee schwer abgehangenen / gebein; jeder satz / war in den schlaf gespannt, die späte / tonspur für transporte, feines / nadelrauschen richtung norden. ich // las die kalten frachtpapiere, träume / über wölfe & verlangen, träume / von dodona oder swedenborg / wo ich nie gewesen bin.// wie ruft man in den wald? / das echo geht rückwärts über die augen ihr / seid doch nur schritte, chronisch / im dunstkreis, höfe der bäume so / schallt es heraus».
In den Titeln finden sich Hinweise zu geographischen Orten und Geschehnissen gleich morphologischen Feldern: «siehst du den backsteinmond / über den eiffeltürmen? darunter / das quaken, magnetische sprachen & die / in den schenkeln der frösche summende zeit? » /
«was wir sehen // das fragt sich; ein wenig / verstörn die finger den schnee, einen kalten / gedanken entlang – was // wir sehen, das fragt sich / weitab in den bäumen, es ist / ihr eigenes gespräch, das ab & zu // hinrollt über die augen mit einem zärtlich federnden fahrgestell, vollkommen / vertraut & unverständlich».
Lutz Seiler erfindet wunderbare Assoziationen, die die Welt wie eine Offenbarung in neuem Licht erscheinen lassen:
«zum himmel // mit den ersten flocken fällt / das staunen zurück / in die offenen münder, das / unbegreifliche: es schmeckt // nach nichts, aber etwas / tönt in der brust & vergeht / auf der zunge leise / rieselt der schnee. & also // erwachen all die ungeköpften / träume & den schädel weit / im nacken zieht mich reine / weiss geflockte dunkelheit & eine // schmelze süsser gier am gaumen / steig ich auf in diesen raum».
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LUTZ SEILER. IM FELDERLATEINSuhrkamp, Berlin 2010, 99 S., CHF 23.50ISBN 978-3-518-42169-7 |
Lutz Seiler wurde 1963 in Gera geboren, heute lebt er in Wilhelmshorst bei Berlin. Nach einer Lehre als Baufacharbeiter arbeitete er als Zimmermann und Maurer. Studium der Germanistik, seit 1997 leitet er das Literaturprogramm im Peter-Huchel-Haus, Berlin. Mehrere Auszeichnungen, u.a. der Kranichsteiner Literaturpreis, Bremer Literaturpreis, Ingeborg-Bachmann-Preis 2007 und Fontane-Preis für Literatur 2010.
Auszüge aus den Gedichten mit Genehmigung des Verlags.
Quelle: www.youtube.com/watch?v=kft41x9uMvA
Hilde Domin wurde 1909 als Hilde Löwenstein in Köln geboren. Ab 1954 nannte sie sich Domin, als sie nach Deutschland zurückkehrte und zu schreiben begann, nach ihrem Exil in der Dominikanischen Republik Domin, wohin sie 1940 mit ihrem Mann Erwin Walter Palm vor den Nazis geflüchtet war. Erst 1959 mit 50 Jahren erschien ihr erster Gedichtband «Nur eine Rose als Stütze». In einem Interview wurde sie einmal gefragt, wie viel Mut ein Schriftsteller benötige: «Ein Schriftsteller braucht drei Arten von Mut. Den, er selber zu sein. Den Mut, nichts umzulügen, die Dinge beim Namen zu nennen. Und drittens den, an die Anrufbarkeit der anderen zu glauben.» Sie lebte von 1961 an in Heidelberg, wo sie am 22. Februar 2006 verstarb. Hilde Domin hat die Frage der Relevanz von Lyrik bearbeitet, in dem nach wie vor gültigen und 2005 in dritter Auflage erschienenen Referenzwerk «Wozu Lyrik heute. Dichtung und Leser in der gesteuerten Gesellschaft.», erschienen 1968 im S. Fischer Verlag. Dieser Artikel soll schliessen mit einem Gedicht von Domin über das hehre Wort der Freiheit, deshalb ausgewählt, weil es aktuell nicht selten von jenen in Anspruch genommen wird, die ihre eigene Freiheit, aber nicht auch die Freiheit der anderen meinen.
Ich will dich
Freiheit
ich will dich
aufrauen mit Schmirgelpapier
du geleckte
die ich meine
meine
unsere
Freiheit von und zu
Modefratz
Du wirst geleckt
mit Zungenspitzen
bis du ganz rund bist
Kugel
auf allen Tüchern
Freiheit Wort
das ich aufrauen will
ich will dich mit Glassplittern spicken
dass man dich schwer auf die Zunge nimmt
und du niemandes Ball bist
Dich
und andere
Worte möchte ich mit Glassplittern spicken
wie es Konfuzius befiehlt
der alte Chinese
Die Eckenschale sagt er
muss
Ecken haben
sagt er
Oder der Staat geht zugrunde
Nichts weiter sagt er
ist vonnöten
Nennt
das Runde rund
und das Eckige eckig
(aus: Hilde Domin, Die Gesammelten Gedichte, S. Fischer, Frankfurt 1987)
Das Gedicht als Augenblick von Freiheit. Frankfurter Poetik-Vorlesungen 1987/1988. Fischer Taschenbuch, 4. Auflage 2005, 112 S., ISBN 978-3-596-12205-9. Gesammelte autobiographische Schriften. Fast ein Lebenslauf. Fischer, 2005, ISBN 3-596 14071-4. Sämtliche Gedichte. Hrsg. von Nikola Herweg und Melanie Reinhold, S. Fischer, 2009, 352 S., ISBN 978-3-10-015341-8.
«Ich will dich – Begegnungen mit Hilde Domin.» Dokumentarfilm, Deutschland, 2005–2007, 95 Min., Buch, Regie, Kamera und Schnitt: Anna Ditges, Produktion: Punktfilm, u.a. in Zusammenarbeit mit Schweizer Fernsehen/Sternstunde Kunst.